ZEIT ONLINE: Frau Lüdemann, sollten Chefs auf der Weihnachtsfeier ausgelassen feiern? Oder untergraben sie damit ihre eigene Autorität?

Carolin Lüdemann: Natürlich sollen Führungskräfte ausgelassen sein. Es ist sogar ihre Aufgabe mitzufeiern. Die Weihnachtsfeier ist eine gute Chance, sich den Mitarbeitern gegenüber nahbar zu zeigen. Studien haben ergeben, dass Arbeitnehmer in Deutschland im Durchschnitt weniger als zwei Stunden im Jahr mit ihrem Arbeitgeber sprechen. Das ist zu wenig. Mitarbeiterführung gelingt dann, wenn ein Vertrauensverhältnis herrscht. Für Vertrauen braucht es aber einen guten Kontakt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Betriebsfeste wie Weihnachtsfeiern sind eine gute Chance, sich ungezwungen kennenzulernen. 

ZEIT ONLINE: Welche Aufgaben haben Führungskräfte bei der Weihnachtsfeier?

Lüdemann: Sie sind die Gastgeber und moderieren den offiziellen Teil. Das heißt: Sie begrüßen die Mitarbeiter, halten eine Ansprache, eröffnen das Buffet und schließen auch den offiziellen Teil. Um diese Aufgabe gut zu erfüllen, sollten Chefs die Bedeutung von Firmenfeiern verstehen. Betriebsfeiern stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Identifikation mit dem Arbeitgeber. Darum gehört es sich nicht, erst später dazu zu kommen. Führungskräfte haben bei diesem Anlass pünktlich zu sein. Mit einer gelungenen Weihnachtsfeier am Ende des Jahres drücken Sie als Arbeitgeber auch Ihre Wertschätzung für die geleistete Arbeit aus. Sie bringen Ihr Team auf den gleichen Informationsstand, indem Sie auf das Jahr zurückblicken, Erfolge mitteilen und diese gemeinsam feiern. Und sie schwören ihre Belegschaft vielleicht schon auf neue Projekte im kommenden Jahr ein.

ZEIT ONLINE: Viele Mitarbeiter scheuen den Smalltalk mit dem Chef.

Lüdemann: Ja, der Chef ist für sie ein unbekanntes Wesen. Mitarbeiter suchen meist aus Unsicherheit nicht von sich aus das Gespräch mit dem Vorgesetzten. Und leider halten sich auch die Entscheider häufig zurück. Oft sieht man Führungskräfte auf Betriebsfeiern allein oder in Grüppchen unter sich. Doch das ist das falsche Signal. Die Mitarbeiter nehmen die Führungskräfte so als kleinen, geschlossenen Kreis wahr. Das kann bestehende Unsicherheiten vergrößern und sogar Misstrauen schaffen. Besser ist es, als Chef aktiv den Smalltalk mit möglichst vielen Mitarbeitern zu suchen. Verteilen Sie Ihre Zeit und Aufmerksamkeit bei Firmenfeiern gerecht. Der Hausmeister, die Putzfrau und das Kantinenpersonal haben ebenso ein paar nette Worte verdient wie der Leiter des Controllings. Für Geschäftsführer und Vorstandssitzende von großen Unternehmen gilt: Natürlich können Sie nicht mit allen Mitarbeitern sprechen, aber sorgen Sie dafür, dass Sie und Ihre Stellvertreter zumindest mit einem Mitglied aus jeder Abteilung gesprochen haben.

ZEIT ONLINE: Wie gelingt die Ansprache, ohne dass es erzwungen wirkt?

Lüdemann: Durch Authentizität und Freundlichkeit. Der Veranstaltungsort, das Essen, die Musik und gelungene Projekte bieten unzählige Ansätze für einen Smalltalk . Sprechen Sie Ihre Mitarbeiter gezielt an. Sie müssen sich aber darüber bewusst sein, dass Ihre Mitarbeiter die Aufforderung, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen, auch ernst nehmen. Meistens plätschert das Gespräch an der Oberfläche vor sich hin. Es geht also nicht darum, Interna mitzuteilen oder ganze Lebensgeschichten. Als Führungskraft wissen Sie das.

Es kann aber vorkommen, dass Mitarbeiter das nicht wissen und zu viel ausplaudern, sich vielleicht auch über Missstände beschweren. Wenn das der Fall ist, müssen Sie Ihr Angebot zum Gespräch einhalten. Nicht auf der Weihnachtsfeier, aber in den Tagen danach. Der Smalltalk mit den Mitarbeitern ist für Sie auch Gelegenheit zu sehen, wie sich Ihre Leute in solchen Situationen schlagen . Falls jemand sich ungeschickt anstellt, sollten Sie ihn nicht dafür kritisieren. Viele sind unsicher im Gespräch mit dem Vorgesetzten. Und wenn sie sich dann schon mal trauen, sollten Sie das anerkennen.