KampfmittelräumerJeder Fehler kann der letzte sein

Kampfmittelräumer entschärfen und beseitigen Blindgänger-Bomben aus den Weltkriegen. Arbeit haben die Sicherheitsexperten noch für Jahrzehnte, zeigt der Beruf der Woche.

Der Fall war auch für die Spezialisten nicht alltäglich: Über 45.000 Einwohner der Stadt Koblenz mussten Anfang Dezember 2011 für die Entschärfung einer 1,8 Tonnen schweren britischen Luftmine , die im Rhein gefunden wurde, evakuiert werden. Insgesamt acht Experten des Kampfmittelräumdienstes mussten die Bombe entschärfen.

Und diese Bombe war lange nicht die letzte. Schätzungsweise 100.000 nicht explodierte Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg liegen in Deutschland noch unentdeckt im Boden. Dazu kommen Granaten, Minen und Patronen – längst vergessene Munition, die zufällig entdeckt wird.

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Der Arbeitsplatz für Kampfmittelräumer wie Thomas Müller ist damit noch auf Jahre gesichert. Müller arbeitet als Taucher im Kampfmittelräumdienst. "Wir kommen aber nicht immer erst, wenn schon eine Bombe gefunden wurde. Wir arbeiten auch präventiv", sagt er. Wird irgendwo ein Blindgänger vermutet, rückt das Team aus und nimmt eine Probebohrung vor. Mit einer Sonde messen die Kampfmittelräumer, ob es tatsächlich eine unentdeckte Bombe ist. Früher mussten die Teams sogar ganze Flächen räumen – beispielsweise, weil diese einst Munitions- oder Übungsplätze waren. Solche Einsätze seien in den vergangenen Jahren aber seltener geworden, erzählt Müller.

Immer mit dabei haben die Spezialisten alte Luftbildaufnahmen der Alliierten. Anhand der Bilder kann oft die Lage eines Blindgängers ermittelt werden. Dann legen die Kampfmittelräumer die Bombe vorsichtig frei. Erst jetzt zeigt sich, um was für einen Blindgänger es sich genau handelt, also aus welchem Land die Bombe kommt, wie alt sie ist und was für ein Zünder an ihr angebracht ist. Auf ihn kommt es an. Der Zünder muss herausgedreht werden. Erst wenn der Detonator – das ist der mit Sprengstoff gefüllte Bombenkörper – vom Zünder getrennt ist, kann die Bombe nicht mehr explodieren.

Entschärfen oder sprengen

Die Arbeit ist gefährlich. Entscheidend ist der Zustand des Zünders. Manche Bomben haben außerdem Sicherungseinrichtungen, die das Entschärfen zusätzlich riskant machen. Besonders tückisch, so Müller, seien Langzeitzünderbomben, weil sie lange nach dem Auftreffen hochgehen können – oft sogar Jahrzehnte später. Andere Bomben wiederum sind so gebaut, dass sie erst beim Entfernen des Zünders detonieren. Sie können nicht entschärft werden, sondern müssen gesprengt werden .

Zum Joballtag der Kampfmittelräumer gehören intensive Schulungen. Die Experten müssen die unterschiedlichen Bomben- und Zündertypen in- und auswendig kennen, sie müssen wissen, wie sie wirken. Trotzdem ist das Risiko vor Ort oft nur schwer zu kalkulieren. "Man kann ja in eine Bombe nicht hineinsehen und nach all den Jahrzehnten weiß man oft nicht, in welchem Zustand sich der Zünder befindet. Oft entscheiden wir erst vor Ort, wie wir vorgehen – ob wir entschärfen oder besser sprengen", sagt Müller. 

Eine klassische Ausbildung für diesen Beruf gibt es nicht. Zumeist erfolgt der Einstieg bei einem auf die Kampfmittelräumung spezialisierten Unternehmen als Hilfsarbeiter. Mindestens zwei Jahre Erfahrung sind notwendig, um an einer Sprengschule eine achtwöchige Fortbildung machen zu können und den Befähigungsschein zur Kampfmittelbeseitigung zu erhalten. Eine weitere Einstiegsmöglichkeit bietet die Bundeswehr, die Feuerwerker ausbildet. Auch sie sind zur Beseitigung von Munition berechtigt.

Leser-Kommentare
  1. es HIER eigentlich mit einem der Lieblingsthemen der ZEIT aus, der möglichst gleichmäßigen Geschlechterverteilung? Wer nicht will, dass Gefahrenzulage zur benachteiligenden Maßnahme wird, muss ENTWEDER dafür eintreten, dass am girls day auch für diesen Job geworben wird ODER für Abschaffung gefahrenbedingter Höherbezahlung (aber ob das 1. gerecht und 2,. sinnvoll wäre?) ODER Rechenschaft darüber ablegen, warum er / sie weder 1. noch 2. will.

    3 Leser-Empfehlungen
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    Eine Forderung die gesellschaftlichen Sprengstoff birgt...

    Ansonsten : Hut ab vor diesen Kerlen

    Eine Forderung die gesellschaftlichen Sprengstoff birgt...

    Ansonsten : Hut ab vor diesen Kerlen

    • Formel
    • 27.12.2011 um 20:14 Uhr

    Das war auch mein erster Gedanke.
    Bitte so schnell wie möglich eine Frauenquote in diesem Berufsfeld einführen. 50%? 70%? Wie viel hätten Sie denn gerne?
    Diskriminierung Und einmal ganz ohne Ironie:
    Gibt es offizielle Zahlen zur Geschlechterverteilung unter Kampfmittelräumern? Ich bin mir jedenfalls sicher, darin einen Fall von Diskriminierung gegen Männer lesen zu können. Wenn es für besonders schöne Aufsichtsrats-Pöstchen Quoten geben soll, dann bitte auch für Bombenentschärferinnen, Müllfrauen und andere Lemminge.

    4 Leser-Empfehlungen
    • Formel
    • 27.12.2011 um 20:16 Uhr

    Das war auch mein erster Gedanke.
    Bitte so schnell wie möglich eine Frauenquote in diesem Berufsfeld einführen. Wie viel Prozent hätten Sie denn gerne?

    Und einmal ohne Ironie:
    Gibt es offizielle Zahlen zur Geschlechterverteilung unter Kampfmittelräumern? Ich bin mir jedenfalls sicher, darin einen Fall von Diskriminierung gegen Männer lesen zu können. Wenn es für besonders schöne Aufsichtsrats-Pöstchen Quoten geben soll, dann bitte auch für Müllfrauen Bombenentschärferinnen und andere Lemminge.

  2. Bitte - man kann es nicht mehr lesen:
    Nicht die Einwohner werden evakuiert, sondern die Stadt ( bei Bedarf auch Gebäude o.ä. ).
    Deutsch kann doch nicht so schwer sein, oder?

    7 Leser-Empfehlungen
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    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/mo.

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/mo.

  3. Eine Forderung die gesellschaftlichen Sprengstoff birgt...

    Ansonsten : Hut ab vor diesen Kerlen

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Wie sieht"
  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/mo.

    Antwort auf "Evakuieren"
  5. Die Kampfmittelräumer sollten sich gelegentlich an die erinnern, die die ersten Erfahrungen mit britischen Flächenbombardements auf Zivilisten machten:
    Zuhause als "Picknick am Euphrat" wahrgenommen, versuchten die Briten ab 1915 durch Eroberung Bagdads die Kontrolle über die georteten Reichtümer zu bekommen.
    Dabei wurden bei Widerstand Dörfer im Zuge von Terrorangriffen disziplinarisch durch Flächenbombardements ausgelöscht.
    Als die arabischen Dörfler gelernt hatten, bei Annähern von Flugzeuggeräuschen aus den Behausungen zu flüchten, kamen die Erfinder des fair play auf den Trichter mit den Verzögerungszündern.
    Die sollten explodieren, wenn die Hilfskräfte Brände löschten oder Verwundete versorgten.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Zack34
    • 28.12.2011 um 10:15 Uhr

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