Chronische LangweileKostenfaktor Bore-out

Nicht nur Burn-out, auch Unterforderung macht Mitarbeiter krank. Dabei können Führungskräfte viel dagegen tun, schreiben Joachim Sauer und Jens Spahn im Gastbeitrag. von Joachim Sauer und Jens Spahn

Burn-out wurde unlängst zur "Volkskrankheit" erklärt. Dabei führt nicht nur Überlastung zu psychischen Erkrankungen, auch permanente Unterforderung kann krank machen. Bore-out nennt sich das Phänomen, wenn Langeweile krank macht.

Eine aktuelle Studie der Deutschen Universität für Weiterbildung (DUW) zeigt, dass elf Prozent der Erwerbstätigen sich beruflich unterfordert fühlen. Diese Zahl wird durch eine Umfrage des Personaldienstleisters Kelly Services bestätigt, in der immerhin zehn Prozent der Befragten angaben, sich bei der Arbeit zu langweilen. Die Zahlen erstaunen – denn chronische Langeweile ist anders als Burn-out sozial nicht erwünscht. Wer gibt schon gerne zu, dass er im Job unterfordert ist?

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Die meisten Befragten fühlten sich schlicht inhaltlich unterfordert. Zu wenig anspruchsvolle Aufgaben, zu wenig Verantwortung, zu wenig Abwechslung. Besonders betroffen sind den Studien nach junge Akademiker im Alter zwischen 25 und 34 Jahren. So heißt es auch in einem Bericht der Bundesregierung: "Rund 60 Prozent der jungen Arbeitnehmer bis 29 Jahre haben das Gefühl, mehr leisten zu können, als im Job verlangt wird. Umgekehrt geben nur 6,1 Prozent an, dass ihre Tätigkeit zu schwierig sei."

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Der Bericht empfiehlt, in der Arbeitsorganisation und im betrieblichen Gesundheitsmanagement den Fokus  nicht nur auf Überforderung und Burn-Out zu richten, sondern auch auf die Auswirkungen der Langeweile. "Langanhaltende Unterforderung kann Stress erzeugen."

Jens Spahn
Jens Spahn

Jens Spahn ist gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Deutschen Bundestag.

Vor dem Hintergrund der andauernden Fachkräftemangel-Diskussion erscheinen diese Untersuchungsergebnisse paradox. Auf der einen Seite droht uns diversen Studien zufolge in naher Zukunft ein Engpass an hochqualifizierten Kräften, auf der anderen Seite scheint es, dass Unternehmen die zur Verfügung stehenden Fachkräfte nicht richtig nutzen, sie stattdessen ausbrennen oder auslangweilen lassen.

Selbstverständlich kann im Hinblick auf die Forsa-Umfrage nicht pauschal gesagt werden, dass rund ein Zehntel der Arbeitnehmer an Bore-out leiden, wohl aber, dass sie gefährdet sind.

Drei Symptome sind für Bore-out charakteristisch: Unterforderung, Langeweile und Desinteresse. Ist dies ein Dauerzustand, entsteht Stress, der zu den für Stress typischen Krankheitssymptomen führt – Schlafstörungen, Depressionen, psychosomatische Erkrankungen, Gereiztheit, Müdigkeit und Lustlosigkeit. Unterforderte Mitarbeiter leisten weniger und fallen häufiger aus.

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Damit stellt Bore-out ebenso wie Burn-out einen Kostenfaktor dar, dem Unternehmen frühzeitig entgegensteuern sollten.

Joachim Sauer
Joachim Sauer

Joachim Sauer ist Präsident des Bundesverband der Personalmanager (BPM).

Um sinnvolle Maßnahmen definieren zu können, müssen Arbeitgeber analysieren, warum Mitarbeiter am Arbeiten gehindert werden. Dazu müssen drei Ebenen näher beleuchtet werden: die Organisation, die Führung und die Kommunikation.

Ursachen in der Organisation liegen vor allem in der Diskrepanz von Stellenanforderung und Qualifikation und Profil des Stelleninhabers. Oftmals brechen im Laufe der Zeit Aufgaben weg, ohne dass dies in der Stellenbeschreibung je aktualisiert wird oder dass das Zeitmodell entsprechend angepasst wird. Auch führen Umstrukturierungen dazu, dass sich der Aufgabenfokus verschiebt, und somit womöglich gar nicht mehr zum Profil des Stelleninhabers passt.

Entscheider müssen den Aufgabenumfang und -inhalt ihrer Mitarbeiter im Auge behalten und an neue Gegebenheiten anpassen – und jene Mitarbeiter identifizieren, die ihr Potenzial nicht voll einbringen können. Für sie müssen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Dazu ist es oft gar nicht nötig, diese Mitarbeiter zu versetzen. Manchmal reicht es schon, wenn das Führungsverhalten verändert wird.

Leserkommentare
  1. Schon mal darüber nachgedacht was so ein Wachsoldat auf einem Wachturm macht? Wie schafft er es sich nicht zu langweilen? Geht das denn auch als Hochbegabter / Hochqualifizierter / Hochgebildeter?

    Natürlich - Das geht!

    Wie? Selber nachdenken! Einfach alle Denkschranken fallen lassen.

    2 Leserempfehlungen
  2. Ihren Kommentar habe ich zwar als empfehlenswert geklickt, aber wir werden lernen müssen, dass Geld nicht alles ist.
    Für mich ist es besser weniger auf dem Konto zu haben, mich aber dafür wohler zu FÜHLEN - denn mit dem Gefühl kann ich besser leben als mit viel Geld und Herzrasen, Schlaflosigkeit oder Niedergeschlagenheit.

    Antwort auf "Bore-out vs. Burn-Out"
  3. Welche Maßnahmen muss ein Mensch ergreifen, damit er nicht in Isolationshaft durch Debrivation allmählich seine eigene starke Persönlichkeit verliert?

    • Ulli2
    • 17. Januar 2012 11:47 Uhr

    Das sind mal wieder die schönen Probleme unserer Middle-Class. Bei Geringverdienern, Leiharbeitern oder Arbeitslosen in Maßnahmen fragt kein Mensch nach dem Befinden - die müssen einfach spuren, sonst gibt es kein Geld mehr.
    Warum analysieren Sie unsere Gesellschaft immer nur aus der Perspektive der Wohlhabenden?

    2 Leserempfehlungen
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    Antwort auf ihre Frage:

    "Warum analysieren Sie unsere Gesellschaft immer nur aus der Perspektive der Wohlhabenden?"

  4. ...ist im Vorteil! Aber der Artikel ist Beleg genug, da hat die Zeit-Redaktion schon recht. Vielen Dank die Maßregelung!

  5. Antwort auf ihre Frage:

    "Warum analysieren Sie unsere Gesellschaft immer nur aus der Perspektive der Wohlhabenden?"

  6. 39. Nein!

    "Burn-Out-Betroffene hingegen sind jene Menschen, die ebenfalls in einem Arbeitsverhältnis stecken, das ihnen eigentlich zuwider ist, sie lassen sich jedoch vom allgemein herrschenden Leistungsdruck zu Anstrengungen verleiten, denen sie nicht gewachsen sind."
    So pauschal einfach ist das nicht. Burn-Out-Betroffene identifizieren sich sehr häufig in einem zu hohen Maß mit ihren Aufgaben. Der Leistungsdruck kommt dabei nicht von außen sondern von innen. Das Arbeitsverhältnis ist ihnen dabei mitnichten zuwider, sondern im Gegenteil: die Passion für den Job verdrängt dabei Privates und Ausgleichendes. Zusätzlich verhindert Perfektionismus das notwendige Priorisieren und Delegieren von Aufgaben. Stattdessen werden immer mehr Verantwortlichkeiten an sich gerissen. Der Betroffene hat dann schon längst die Fähigkeit zur Selbstreflektion verloren, dem Arzt bleibt dann irgendwann nur noch die Diagnose „Dekompensation“.

    Antwort auf "Bore-out vs. Burn-Out"
  7. Depression stellt sich für mich als eine klare medizinische Krankheit dar, die, wie schon in früheren Artikeln der Zeit beschrieben, völlig anders zu beurteilen ist, als Über- bzw. Unterforderung. Depression kommt aus dem Menschen und sucht sich einen Weg im (Berufs-)Leben der Betroffenen. Da kann mehr Arbeit Abhilfe schaffen. Krankheit bleibt. Medikamentöse Behandlung kann Sinn machen. Entscheidet Arzt.

    Über-Unterforderung ist ein gesellschaftliches Problem, dass in der Arbeitswelt z. B. durch pers. Durchsetzungsvermögen, Personalräte, Arbeitsgerichte etc. entschieden wird. Hier geht es dann i. d. R. auch gleich um´s Geld. Ärzte mischen sich hier nur ungern ein. Passt auch nicht wirklich.

    Also geht es hier um zwei Paar Schuhe. Ich finde, das muss unbedingt differenziert betrachtet werden, wenn es helfen soll.

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