Jedes Unternehmen möchte die besten Nachwuchskräfte haben. Meist unterscheiden sie bei dieser Mitarbeitergruppe zwischen Talenten und Top-Talenten. Während sie von ihren Talenten das Potenzial für die nächste Hierarchiestufe erwarten, fordern sie von ihren Top-Talenten ein überdurchschnittliches Potenzial. Dieser Kreis von Nachwuchskräften gilt als Pool für die Top-Positionen in Vorständen und Aufsichtsräten. Darum kommen in diesen Pool nur die Besten der Besten, die bei ihrer Entwicklung und Leistung ein überdurchschnittlich hohes Umsetzungstempo an den Tag legen.

Aber nach welchen Kriterien suchen Unternehmen diese Allerbesten aus? Und können Mitarbeiter selbst etwas unternehmen, um von ihren Arbeitgebern als Toptalent eingestuft zu werden?

Mit diesen Fragen hat sich eine High-Potential-Studie der Harvard Business School und des auf Talente-Management spezialisierten US-Forschungszentrums International Consortium for Executive Development Research beschäftigt. Die Forscher fanden heraus, dass Mitarbeiter, die als High-Potential identifiziert werden möchten, neben Spitzenleistungen auch glaubwürdig sein müssen. Diese Nachwuchskräfte ziehen vom ersten Tag in einem Unternehmen mit. Und sie sind in der Lage, anderen Mitarbeitern und selbst ihren Vorgesetzten Vertrauen und Sicherheit zu vermitteln. Nur so sind sie später in herausragenden Positionen fähig, alte Strukturen aufzubrechen und einen Wandel durchzuführen.

Keine ignoranten Alpha-Tiere

Die Forscher fanden auch heraus, dass High-Potentials über eine hohe emotionale wie soziale Kompetenz und herausragende psychische Fähigkeiten verfügen – und sich beherrschen können. Sie verhalten sich auch in angespannten Arbeitssituationen stets korrekt, weil sie instinktiv um ihre Vorbildfunktion wissen, ohne dies nach außen demonstrativ herauszukehren. 

Angetrieben werden diese Mitarbeiter durch einen außerordentlichen Willen zum Erfolg. Dafür geben sie auch ihr Privatleben nahezu völlig auf. Die Forscher fanden zudem heraus, dass dieser Mitarbeitertypus auch eine sogenannte "katalytische Lernfähigkeit" mitbringe. High-Potentials haben demnach mehr Unternehmergeist als andere Mitarbeiter. Sie entwickeln neue Ideen und legen alles daran, sie auch erfolgreich umzusetzen. Müssen neue Wege gegangen werden, sind sie es, die nach produktiven Möglichkeiten suchen. Vom Erfolgswillen angetrieben, fehlt ihnen jedoch jede Versagensangst. Obwohl innovative Wege mit einem großen Risiko verbunden sind – schließlich droht bei Versagen der Karriereknick – scheuen sie keine Herausforderungen.

Das passiert jedoch in den seltensten Fällen. Denn der amerikanischen High-Potential-Studie zufolge verfügen Top-Talente über sogenannte "dynamische Sensoren": Ähnlich wie Hochbegabte erfassen überdurchschnittlich talentierte Mitarbeiter Situationen schneller und wissen, wann der richtige Augenblick zum Handeln gekommen ist. Daher sind sie zur richtigen Zeit am richtigen Platz. Sie wissen um ihr Gespür, das ihnen auch bei der Einschätzung eines beruflichen Wechsels oder gar bei Anfeindungen hilft.

Von High-Potentials lernen

Die US-Forscher fanden in Interviews heraus, dass Top-Nachwuchskräfte negative Stimmungen nicht ignorieren, sondern sie aufgreifen und lösen. Auch zeigt die Studie, dass High-Potentials ihre Fähigkeiten intuitiv einsetzen. Einfach zu lernen, sich wie ein Top-Talent zu verhalten, lässt sich leider nicht. 

Trotzdem kann jeder seine Chancen steigern, von seinem Arbeitgeber in den Kreis der High-Potentials aufgenommen zu werden. Dazu sollte man sich zunächst seiner Defizite bewusst werden. Wichtig ist eine realistische Selbsteinschätzung. Hören Sie genau zu, beobachten Sie besonders kompetente Kollegen, bauen Sie Ihr Wissensnetzwerk aus.

Glück gehört dazu

High-Potentials sind schließlich nicht nur über die neueste Technologie und innovative Geschäftsfelder informiert, sie haben auch einen Kreis von Gleichgesinnten, um über Umsetzungen zu diskutieren. Es lohnt sich daher, in Netzwerke und die eigene Selbstwahrnehmung zu investieren.

Allerdings, zeigt die High-Potential-Studie, ist der Titel "Bester der Besten" oft auch nicht von langer Dauer. Für die Karriere ist auch immer ein Quäntchen Glück verantwortlich. Selbst, wer überdurchschnittlich kompetent ist und intuitiv eine Vielzahl von richtigen Karriereentscheidungen trifft, kann rasch wieder fallen. Selbst die Besten machen Fehler – und bei einem Versagen verschwinden viele wieder von der High-Potential-Liste.