Wie ein Chefwechsel geräusch- und reibungslos läuft, hat über Silvester IBM vorgemacht. Anfang des Monats löste Virginia Rometty ihren Vorgänger Sam Palmisano ab, der seit 2002 an der Spitze des amerikanischen IT-Riesen stand: kein Aufhebens bei der Ankündigung im vergangenen Oktober, kein Tamtam beim Vollzug des Wechsels im neuen Jahr. Alles geht seinen gewohnten Gang in der IBM-Zentrale in Armonk im US-Bundesstaat New York. Kein Wunder, die neue Chefin arbeitet ja schon seit 30 Jahren bei Big Blue und zählt wie ihr Kollege Palmisano zum IBM-Urgestein.

Wie ein Chefwechsel brachial und maximal laut funktioniert, hat dagegen Erzrivale Hewlett-Packard (HP) rund ein Vierteljahr vorher bewiesen. Erst verschliss der weltgrößte IT-Konzern seinen langjährigen Chef Mark Hurd wegen einer undurchsichtigen Spesenaffäre. Dann, keine zwölf Monate später, musste wegen eines zu radikalen Kursschwenks dessen Nachfolger, der im Februar 2010 geschasste Chef des deutschen Softwareriesen SAP, Léo Apotheker , gehen. Größer hätten Presserummel und Vorschusskritik für die Neue an der HP-Spitze im kalifornischen Palo Alto kaum sein können: Meg Whitman , die frühere Chefin der Internet-Handelsplattform Ebay .

Zum ersten Mal führen nun also zwei Frauen die beiden größten High-Tech-Konzerne der USA . Das ist trotz aller Bemühungen um Gleichberechtigung in den USA bemerkenswert. Denn IBM und HP sind mehr als nur Unternehmen. Die beiden Giganten gelten in ihrer Heimat als Institutionen, tief verwurzelt in der amerikanischen Geschichte und Psyche, ein Sinnbild für die einstige technologische Überlegenheit der Supermacht. Beide legten den Grundstein für die Computer- und Softwareindustrie weltweit: IBM vom Osten der USA, HP vom Westen aus.

Umso größer ist jetzt die Aufmerksamkeit, die Whitman und vor allem Rometty genießen, jetzt, wo sie als Chefinnen ganz im Rampenlicht der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Zwar gab es in den USA auch bisher Frauen in Spitzenjobs, zum Beispiel Indra Nooyi , die Chefin des Getränkekonzerns PepsiCo.

In der männerdominierten High-Tech-Welt blieben Rock- oder Kostümträgerinnen bis heute aber die Ausnahme oder durften sich allenfalls als Krisenbewältigerinnen versuchen: Carly Fiorina von 1999 bis 2005 bei HP, Anne Mulcahy von 2001 bis 2009 beim Kopiererhersteller Xerox und Patricia Russo von 2002 bis 2008 beim Telekommunikationskonzern Lucent. Aus dieser Zeit stammt die Bezeichnung der IT-Trümmerfrauen: Fiorina , Mulcahy und Russo mussten Aufräumarbeiten durchpeitschen, die den meisten ihrer männlichen Vorgängern zu heiß waren.

Weibliche Normalität in der US IT-Branche

Nun bricht mit den beiden Managerinnen erstmals so etwas wie weibliche Normalität in der US-IT-Branche an. Gleichwohl sind die Antrittsbedingungen von Rometty und Whitman sehr verschieden.

Vorgänger Palmisano hat Rometty ein bestelltes Feld hinterlassen, IBM gilt als eines der am besten geführten Unternehmen der Welt sowie technologisch und finanziell in guter Verfassung. Rivale Hewlett-Packard dagegen ist zwar kein Sanierungsfall, aber das Unternehmen gilt nach dem neuerlichen und überraschenden Chefwechsel als tief verunsichert. Zudem muss Whitman den Konzern einem radikalen Umbau weg von Hardware hin zu mehr Software und Service unterziehen.

Genau diesen Kurswechsel hat der Ostküsten-Wettbewerber IBM über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinter sich gebracht – vor allem dank Rometty und Vorgänger Palmisano. Heute erinnert sich kaum jemand mehr daran, dass der Konzern Anfang der Neunzigerjahre in der Krise steckte und fast zerschlagen worden wäre. Die Rettung gelang durch die Verwandlung von einem margenschwachen Computerhersteller in einen profitablen Dienstleistungsspezialisten. Neu-Chefin Rometty, Spitzname Ginni, muss nun vor allem beweisen, dass sie den erfolgreichen Kurs ihres Vorgängers Palmisano fortsetzen kann. Jedes ihrer Manöver, das nicht greift, wird ihr als Schwäche ausgelegt werden. Doch die heute 54-jährige Informatikerin und Ingenieurin, die 1981 bei IBM anheuerte, ist dafür bekannt, Risiken einzugehen.