TrauerDer letzte Abschied vom Kollegen

Nach dem Tod eines Mitarbeiters können Arbeitgeber viel falsch machen – von der Traueranzeige bis zur Neubesetzung der Stelle. Wir erklären, was Chefs beachten sollten. von 

Die Nachricht kam unerwartet. Noch auf der Weihnachtsfeier hatten die Mitarbeiter eines mittelständischen Unternehmens in Norddeutschland mit ihrer 32-jährigen Kollegin gefeiert. Wenige Tage später kam die Frau durch einen Autounfall ums Leben. Die Nachricht von ihrem Tod verbreitete der Chef per Rundmail. An die engeren Kollegen sandte er die Bitte, die persönlichen Gegenstände der Verstorbenen doch einzusammeln, damit der Arbeitsplatz im Januar von einem Hospitanten genutzt werden könne. Dann fuhr er in den Urlaub, ohne das Team über die Trauerfeier zu informieren, eine Anzeige zu schalten oder der Familie der Verstorbenen zu kondolieren. "Das war absolut geschmacklos", erinnert sich ein Kollege, der lieber anonym bleiben möchte, an den Vorfall vor zwei Jahren. "Ich habe mich gefragt, ob der Mensch für meinen Arbeitgeber gar nicht zählt."

Wenn Mitarbeiter sterben, verliert ein Unternehmen mehr als nur eine Arbeitskraft. "Maschinen lassen sich abschreiben, Menschen aber nicht", sagt der Bestatter und Trauerbegleiter Fritz Roth. An seiner Trauerakademie in Köln bietet er Unternehmen Seminare zum richtigen Umgang mit Trauernden an. "Trauer ist eine große Energiequelle, man muss ihr aber Platz geben – und zwar dort, wo das Leben stattgefunden hat. Also auch im Büro", sagt Roth. Er rät Arbeitgebern dazu, den Tod eines Kollegen in einem würdevollen Rahmen und möglichst persönlich mitzuteilen. Besonders die engsten Kollegen bräuchten nach einer überraschenden Todesnachricht Zeit, den Verlust zu begreifen und zu verarbeiten. "Man kann beispielsweise eine Kerze für den Verstorbenen auf dessen Schreibtisch anzünden, die nächste Teambesprechung dem Toten widmen und sich gemeinsam an ihn erinnern", sagt Roth. Eine gute Idee könne es auch sein, gemeinsam mit den Mitarbeitern eine persönliche Todesanzeige zu gestalten.

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Solche Anzeigen sammelt Christian Sprang . Besonders gelungene aber auch misslungene Beispiele hat der Sammler in seinen Büchern Aus die Maus und Wir sind unfassbar veröffentlicht. Da ist die liebevolle Erinnerung der Kollegen an einen Reproduktionsmediziner zu finden, in der sie dem Toten versichern, dass er in ihren Werken weiterleben werde. Ein Büroeinrichtungszentrum gedenkt dem "Abteilungsleiter Schrankwände" und ein Familienunternehmen verabschiedet seinen Patriarchen mit einem Gruß an die Kunden: "Halten Sie uns weiterhin die Treue."

Sprang findet es "geschmacklos", die Traueranzeige für Werbung zu nutzen. "Ich habe einige Anzeigen in meiner Sammlung, wo der Name der Firma größer geschrieben ist als der Name des Toten. In manchen sind sogar Werbesprüche mit abgedruckt, die auf einen Sonderverkauf oder neue Öffnungszeiten hinweisen. Und manchmal erscheint gleich neben der Todesanzeige die Stellenanzeige", sagt Sprang. Noch schlimmer sind Fehler. "Fehler in Todesanzeigen sind nie wiedergutzumachen", sagt Sprang. Ein Stück aus seiner Sammlung zeigt die Annonce für einen Mitarbeiter, der versehentlich zum Verwaltungsdirektor gemacht wurde. Auf die Traueranzeige folgte eine Richtigstellung, dass es sich doch nur um einen ganz gewöhnlichen Mitarbeiter gehandelt habe.

Unverzeihliche Fehler

Häufig kommen auch Standardanzeigen vor, bei denen der Arbeitgeber nur den Namen und das Geburts- und Todesdatum austauscht. Oft sind es große Arbeitgeber in einer Region, die solche Anzeigen für Mitarbeiter schalten, die längst im Ruhestand sind – eigentlich in der guten Absicht, dass alle Mitarbeiter gleich behandelt werden sollen. "Aber wenn gleich mehrere solcher Anzeigen für verschiedene tote Mitarbeiter in der gleichen Ausgabe abgedruckt werden, sieht es sehr lieblos aus", sagt Sprang.

Wie es besser geht, weiß Carolin Lüdemann. Sie ist Mitglied im Deutschen Kniggerat und schult Arbeitgeber auch darin, sich angemessen im Todesfall von Mitarbeitern zu verhalten. "Weil der Tod keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft hat, kennen viele auch nicht mehr die richtigen Umgangsformen bei einem Todesfall", sagt die Knigge-Expertin.

Einige Arbeitgeber versenden etwa schwarz umrandete Kondolenzbriefe. "Das ist ein Fehler. Das Papier mit schwarzer Umrandung ist der Familie vorbehalten", sagt Lüdemann.

Ebenso wie bei der Traueranzeige sollten Unternehmen keine vorgefertigten Standardschreiben versenden. "Ein Kondolenzbrief muss sofort nach Erhalt der Todesnachricht versendet werden. Wer zu lange wartet, riskiert die Trauer bei den Angehörigen wieder aufzureißen. Darum sollten Arbeitgeber Kondolenzschreiben auf keinen Fall aufschieben", sagt Lüdemann. Verboten ist ein maschinengeschriebener Text. "Ein Kondolenzbrief muss immer handschriftlich und persönlich vom Arbeitgeber verfasst sein. Versendet wird er in einem geschlossenen Umschlag ohne Fenster. Es dürfen auch keine Adressaufkleber und schon gar nicht die Frankiermaschine benutzt werden." Das Firmenbriefpapier darf nur verwendet werden, wenn es keine bunten Schriftzüge enthält.

Leserkommentare
  1. Als ich diesen Artikel las, kamen mir zwei Gedanken:
    1) Er ist ein Werbeartikel für den Kniggerat und die "Unternehmen", die Unternehmen im Umgang mit verstorbenen Mitarbeitern beraten.

    2) Dieser Artikel ist ein Grund, warum der Tod keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft hat. Weil es Menschen gibt, die der Meinung sind, zu wissen, was man tun muss, wenn ein Mensch gestorben ist. Dabei entspricht das überhaupt nicht der Wirklichkeit. Wenn ein Arbeitgeber eine schlampig verfasste Todesanzeige veröffentlicht, dann insbesondere aus zwei Gründen: Dem Arbeitgeber war der konkrete Mitarbeiter nicht so viel Aufmerksamkeit wert oder der Arbeitgeber hat sich durch den Kniggerat bzw. die normativen Erwartungen seiner MitarbeiterInnen und der Gesellschaft dazu "veranlasst" zu sehen, obwohl er tatsächlich gar kein Bedürfnis dazu hatte, sich zum Tod enes Mitarbeiters zu äußern.

    Für mich ist der Tod eine persönliche Angelegenheit, die ich zwischen mir und dem Toten lebe. Wer, wann, welche Anzeige, welchen Kondolenzbrief verschickt und welche Worte wählt, ist des Absenders Sache - und sollte es auch bleiben.

    2 Leserempfehlungen
  2. Im Artikel wird immer wieder lieblosigkeit oder sich-nicht-gedanken-machen sehr negativ bewertet. Gut, dem kann ich zustimmen. Aber wie persönlich, liebevoll, wie gedankenvoll ist denn ein Kondonlenzschreiben, dass ich mit Berater und Wörterbuch geschrieben habe?

    Sie sehen, je mehr ich aus den "richtigen" Gründen auf professionelle Hilfe setze, desto mehr entferne ich mich von diesen Gründen....

    Es stimmt schon, es gibt angemessenen Umgang mit Krankheit und Tod, aber der sollte eigentlich selbstverständlich sein, zumindest im professionellen Bereich. Gewisse Regeln des Anstands hielt ich eigentlich für allgemeingültig.

    Der Tod innerhalb der Familie oder des Freundeskreises ist etwas ganz anderes....

    Sachlich widersprechen muss ich allerdings zum Rat, eine lange Vakanz zuzulassen. Ich denke, aber da lass ich mich gerne belehren, dass nach einem solchen Ereignis Normalität ganz wichtig ist. Und nach einer angemssenen Zeit fällt eben eine leere Stelle sehr auf.

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  3. Da stimmt was nicht im Lande, wenn Mitglieder des "Deutschen Kniggerats" das Verhalten im Todesfall reglementieren wollen/müssen.

    Respekt und Einfühlungsvermögen sind erforderlich, und wem das nichts sagt, dem hilft auch kein Knigge weiter.

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  4. denn er regt möglicherweise dazu an, - sich etwas mehr Gedanken über den Umgang mit Verstorbenen und/oder deren Angehörigen zu machen.

    Jedoch vermute ich, dass der Artikel nur wirklich die ansprechen wird, - die selber schon mal mit einem unmittelbaren Verlust zu tun hatten.

    Wer noch nie einen Todesfall von jmd. Nahestehenden erlebt hat, für den ist das Thema naturgemäß vermutlich doch eher abstrakt.

    Ich kann hier nur von mir selber reden. Als eine Schulfreundin vor mehr als 2 Jahrzehnten damals ihre Mutter verlor, habe ich zwar am Grab mit ihr geweint, - Sie danach aber nie wieder auf den Tod ihrer Mutter angesprochen, bzw. nachgefragt, wie es ihr geht. Ich tat es, aus Angst, ihr damit zu nahe zu treten. Also wollte ich eigentlich höflich sein.

    Nun, da ich selber einen geliebten Menschen "verloren" habe, in dem Fall meinen Vater, erfahre ich, dass es genau umgekehrt ist:

    Es tut gut, von anderen angesprochen zu werden und sei es auch nur der Minimalsatz: "Herzliches Beileid", oder eine kurze Frage "Wie geht es dir denn jetzt"?

    Und es hat irgendwo etwas recht Verletzendes, wenn Menschen aus der alltäglichen Umgebung, z.B. Arbeitskollegen, einem nach dem Verlust begegnen, als würde die Welt gerade so weiterticken wie vorher und absolut nichts wäre geschehen.
    Man kann nur mutmaßen, dass es entweder ihre Hilflosigkeit ist (= Tod aus irgendeinem Grunde ein Tabuthema (wie ich es damals ja selber auch empfand), oder wirkliche echte Uneinfühlsamkeit.

    2 Leserempfehlungen
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    Sehe ich anders. Ich habe auch vor langer Zeit meinen Vater verloren und es macht mich wütend gefragt zu werden, wie es mir geht. Ja hallo?! Wie soll es mir bitte gehen? Besch** natürlich! Respekt- und taktlos, solche Fragen!

    • anonym_
    • 06. Februar 2012 16:46 Uhr

    ...dass das jetzt etwas damit zu tun hat, ob man bereits jemanden verloren hat oder nicht, schließlich passiert das jedem früher oder später. so zu tun, als hätte man bloß keine ahnung wenn man diesen artikel nicht mag, finde ich wiederum unangebracht. sie sehen, es ist etwas sehr persönliches, mit dem jeder anders umgeht.

  5. Mitgefühl ist jedoch genau das, was einem am allerbesten tut. Weil es ausdrückt, dass der andere Mitmensch realisiert, dass für einen die Welt für eine ganze Weile nie mehr so sein wird, wie vorher. Und dass die Lücke natürlich schmerzt. Man fühlt sich einfach wahr genommen. Mehr braucht es in der Regel auch gar nicht.

    Als ich von seiner Beerdigung wieder an meine Arbeitsstelle zurückkam, ich werde es nie vergessen, wurde im Singkreis mit den Kindern (= Arbeitsplatz Kinderkrippe) von der Leitung das Lied "Wenn Du glücklich bist, dann klatsche in die Händ" angestimmt, ... für die Kinder ...

    Für mich war es, als ob mir jmd. eine große Faust in den Magen rammt. Tränen habe ich in diesem Moment nicht gezeigt. Ich habe es einfach über mich ergehen lassen und dachte so für mich:

    Offensichtlich bin ich hier auf dem falschen Planten. Einfach schön die Zähne zusammen beißen.

    Die Kündigungen, die ich für meinen Vater schrieb, z.B. Kündigung von Mitgliedschaften in Fördervereinen etc. waren auch interessante Erfahrungen für mich. Ich fand es jedesmal schön, wenn da ein kurzer Brief zurückkam mit einem Satz wie "wir werden immer gerne an die langjährige Mitgliedschaft ihres Vaters zurückdenken" oder ähnliches.

  6. Nach diesen meinen eigenen Erfahrungen hat sich meine Einstellung zum Thema Tod und dem Umgang mit Angehörigen von Verstorbenen sehr verändert.

    Und für mich ziehe ich das Fazit, dass es einfach darum gehen sollte, Menschlichkeit und Anteilnahme inmitten unserer manchmal ach so unbedachten Gesellschaft zu zeigen.

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  7. "Weil der Tod keinen Platz mehr in unserer Gesellschaft hat, kennen viele auch nicht mehr die richtigen Umgangsformen bei einem Todesfall", sagt die Knigge-Expertin.

    Einige Arbeitgeber versenden etwa schwarz umrandete Kondolenzbriefe. "Das ist ein Fehler. Das Papier mit schwarzer Umrandung ist der Familie vorbehalten", sagt Lüdemann.

    usw. und so fort - halte ich jedoch für schlicht an der Sache vorbei: Nämlich dass Arbeitgeber um dem Vorzubeugen ab nun dringlichst Knigge-Kurse für Kondolenz besuchen sollten.

    Hinweis auf Mitmenschlichkeit, Einfühlungsvermögen und die Psychologie der Natur der Sache an sich, wären da weit hilfreicher.

    Denn es dürfte wohl keinen Angehörigen verletzen, wenn ein Brief 2 oder 3 Tage später eintrifft, noch, wenn der Umschlag aus Versehen schwarz umrandet ist, WEIL man das ja eigentlich heute nicht mehr so macht.

    Wenn ich aber den Brief öffne und das Gefühl bekomme, vom Standard-Schreiben eines Knigge-Kondolenzschreiben-Kursteilnehmers "beglückt" worden zu sein,

    dann UND nur DANN - hätte ich persönlich rein gar nichts davon.

    Alles Weitere hat ja Kommentator Nr. 3 - benutzer 09 - bereits treffend auf den Punkt gebracht.

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  8. Wenn ich in der Zeit bei meiner Firma versterben sollte würde es mich wenig herzlich wenig interessieren, ob mein AG "schwarz umrandete Kondolenzbriefe" verschickt oder weiße.

    Der Gute Wille muss einfach erkennbar sein; dafür reicht auch das ehrliche Wort des Vorgesetzten auf "lieblosem" weißen Papier, mit Arial 11, in schwarz.

    Hört mir auf mit Knigge bei einem Todesfall....

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Anzeige | Arbeitgeber | Autounfall | Familie | Stellenanzeige | Tod
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