Diebstahl : Darf der Chef die Taschen seiner Mitarbeiter kontrollieren?

Im Unternehmen kommt es immer wieder zu Diebstahl. Die Chefin möchte deshalb eine Taschenkontrolle einführen. Ulf Weigelt erklärt, ob Arbeitgeber so etwas dürfen.

Ich möchte gern bei meinen Mitarbeitern Taschenkontrollen einführen. Ich vermute nämlich, dass meine Angestellten das ein oder andere Produkt einstecken. Darf ich das?, fragt Gisela Zahn.

Sehr geehrte Frau Zahn,

durch eine solche Kontrolle greifen Sie massiv in das Persönlichkeitsrecht Ihrer Angestellten ein. Hier gilt es, die im Grundgesetz verankerten Grundrechte zu beachten.

Da ein kriminelles Verhalten von Mitarbeitern in der Praxis nicht selten vorkommt, ist ein Überwachungswunsch von Arbeitgebern nicht ungewöhnlich. Der Gesetzgeber gibt Unternehmen daher einen gewissen Handlungsspielraum, allerdings müssen hier gewisse Spielregeln eingehalten werden.

Nicht jede Maßnahme ist ad hoc zulässig. Taschenkontrollen können tarifvertraglich, durch Betriebsvereinbarungen oder Einzelarbeitsvertrag eingeführt werden. Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats, sofern vorhanden, sind nach § 87 Abs. 1 Nr. 1 (ggf. auch nach Nr. 6) BetrVG zu beachten.

Ratsam ist es daher, dass Sie diese Kontrollen durch eine Betriebsvereinbarung hinreichend regeln. So gehen Sie sicher, dass auch wirklich alle Ihre Mitarbeiter rechtzeitig über die zukünftigen Kontrollen informiert werden.

Ulf Weigelt

Ulf Weigelt ist Anwalt für Arbeitsrecht in Berlin. Auf ZEIT ONLINE beantwortet er jeden Mittwoch in der Serie "Da staunt der Chef" Leserfragen zum Arbeitsrecht. Die Serie ist auch als E-Book erschienen. Weigelt hat mit Sabine Hockling auch den Ratgeber Arbeitsrecht geschrieben.

Gehen Sie bei den Taschenkontrollen aber auch sensibel vor und wahren Sie die Intimsphäre Ihrer Mitarbeiter. So ist der Check von Taschen in gewissen Zeitabständen oder bei einem dringenden Verdacht in Ordnung. Kein Mitarbeiter darf ohne Grund besonders betroffen sein. Entweder müssen alle Arbeitnehmer kontrolliert werden oder es wird nach dem Stichprobenprinzip/Zufallsprinzip verfahren. Die Kontrolle eines bestimmten Arbeitnehmers ist erst zulässig, wenn gerade gegen ihn gravierende Verdachtsmomente bestehen.

Bevor Sie also eine solche Überwachung angehen, überlegen Sie, ob nicht auch eine andere Möglichkeit der Kontrolle möglich ist. Bedenken Sie, dass Sie das Vertrauen Ihrer Mitarbeiter verlieren können – und das wird in den meisten Fällen Demotivation und Resignation zur Folge haben.

Ihr Ulf Weigelt

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Wir vom Betriebsrat sind gegen jede Taschenkontrolle

Die würde ja im Erfolgsfall redliche und fleissige Mitarbeiter kriminalisieren, die sich nichts zuschulden kommen liessen als sich ihren gerechten Anteil am Betriebsvermögen selbst zu nehmen. Darum: wenn schon Taschenkontrollen, dann müssen diese rechtzeitig angekündigt sein!!

Einverstanden

Da Ironie in Forumsdiskussionen eh nicht funktioniert (da, wie Sie ja schreiben, kein Standpunkt so abseitig ist, dass ihn niemand hier reinschreiben würde), sollte man sie nicht nur nicht verwenden, sondern auch niemandem unterstellen. Ich gebe Ihnen daher recht, #1 verherrlicht Straftaten, und ich lehne ihn daher ab. Ist es justiziabel, Straftaten zu verherrlichen, die nicht mit Gewalt verbunden sind? Vermutlich nicht. Aber uncool.

Und wer kontrolliert den Chef?

wenn dieser sich seinen Anteil am Betriebsvermögen "beiseite" schafft? Gesetzt den Fall einer Insolvens verlieren die Arbetnehmer ihren Job und der Chef hat vorgesorgt.

Gut, ich denke ein wenig in "schwarz-weiß" Kategorien, aber wenn der Chef seinen Mitarbeitern Taschenkontrollen zumuten will, darf dieses erlaubt sein. Ausser, wie im Artikel erwähnt, es bestehen gravierende Verdachtsmomente. Ich finde den möglichen Vertrauens- und Motivationsverlust der Belegschaft schwerwiegender, als der durch den Diebstahl des Betriebsvermögens entstandene wirtschaftliche Schaden. Besteht ein hoher "Schwund" müsste zudem die Arbeinehmervertretung zwingend eingeschaltet werden. Sie soll die AN vertreten, wie in guten, wie in schlechten Zeiten.

Kommt darauf an

"Ich finde den möglichen Vertrauens- und Motivationsverlust der Belegschaft schwerwiegender, als der durch den Diebstahl des Betriebsvermögens entstandene wirtschaftliche Schaden."

Wenn da Büromaterial geklaut wird haben sie Recht. Wenn jedoch Technologien, Kostenkalkulationen, Vertragskopien usw. geklaut werden, sieht das ganz schnell anders aus. Da kann durchaus das wirtschaftliche Überleben der Firma dran hängen.

Also es kam bestimmt schon mehr als einmal vor

das ein Buchhalter von einem Chef geradezu genötigt wurde ein bisschen zu "tricksen", was dann Diebstahl an Dritten wäre.

Oder das Chefs mal das ein oder andere private Problem mit firmeneigenen Mitteln aus der Welt geschaffen und anderen in die Schuhe geschoben haben.

Auch so würde ich da für Gleichberechtigung sein, denn wie der Herre, so...

Und was ist mit dem schlimmsten Diebstahl? Dem klauen von unbezahlter Arbeitsleistung?
Praktikanten, Probearbeiter, versprochene Prämien und Gehälter die nicht gezahlt werden?

DAS wäre mal ein Thema Wert.

Ansonsten ist es Albern!
Wenn ich die Taschen meiner Mitarbeiter kontrolliere, ist das Vertrauensverhältnis gleich Null und dann kann ich auch nicht davon ausgehen das meine Mitarbeiter ein ernsthaftes Interesse haben mein Unternehmen zum Erfolg zu führen.

Und bei Kontrolle bei einem nicht begründeten Verdacht, würde die Arbeitsmoral so oder so in den Keller gehen.

Was kommt dann als nächstes?
Durchsuchungen nach Waffen?

Integritätstests

Eine längerfristige Lösung mag sein, Integritätstests in den Personalauswahlprozess zu integrieren. Derartige Skalen sind in den USA gang und gäbe und schränken die Grundrechte deutlich weniger ein als Taschendurchsuchungen.

(Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Integritätstests sind Fragebögen die verdeckt Integrität abfragen. Es handelt sich nicht um spezifische Nachforschungen in der Vergangenheit der Mitarbeiter oder Ähnliches)

Integritätstests helfen nichts

Abgesehen davon, dass viele angeblich (tiefen-)psychologische Einstellungstests ihr Geld nicht wert sind und keinerlei valide Aussagen über den jeweiligen Bewerber liefern: Selbst, wenn man zur Einstellung ermitteln konnte, dass der Bewerber "integer" ist, dann heißt das noch lange nicht, dass er es bleibt. Denn gerade besonders integere Menschen haben meist auch ein sehr stark ausgeprägtest (Un)rechtsempfinden: Wenn der faule Kollege die Beförderung kriegt, oder der Chef mit einem schweren Ding durchkommt, oder, oder, oder ..., dann ist es nicht weit zur Selbstjustiz via Griff in die Firmenkasse. Selbst dann, wenn das Unrecht gar nicht mal objektiv, sondern nur gefühlt passiert ist.

Jag

Validität

Ich weiß nicht woher sie diese Daten haben, aber Integritätstests weisen durchaus eine akzeptable Kriteriumsvalidität auf.

Das Einflussgrößen in der Tätigkeit, wie wahrgenommene Ungerechtigkeit, zur Erhöhung kontraproduktivem Verhaltens führen können versteht sich von selbst. Jedoch wird nicht jede Form von betriebsschädigendem Verhalten durch Aspekte der Tätigkeit oder der Organisation ausgelöst. Folglich ist es vorteilhaft Personen mit erhöhter Neigung zu entsprechendem Verhalten möglichst nicht einzustellen.

Taschenkontrollen zulässig?

Ich bin etwas überrascht, dass der Chef überhaupt in die Tasche gucken darf, wenn der Mitarbeiter das nicht möchte. Ich kenne aus dem Einzelhandel (großes Unternehmen) das Prinzip, dass die Mitarbeiter abends _freiwillig_ ihre Taschen vorzeigen und der Chef mal eben so reinlunzt, denn mehr darf er eigentlich nicht. Bei jedem popeligen Ladendieb darf auch erst die Polizei die Taschen durchsuchen, es sei denn, der Dieb zeigt sie freiwillig her.