Ein Kreis voller Stühle, in der Mitte stehen Blumen – und jeder darf nach Herzenslust berichten, was ihm auf den Nägeln brennt: Die quasselnde Runde erinnert an Gruppentherapie. Doch es geht nicht um Alkoholsucht, Trennungsschmerz oder andere Leiden. Die Teilnehmer reden sich berufliche Angelegenheiten von der Seele. Ob dieses und jenes Projekt optimiert werden kann und mit welchen Innovationen das Unternehmen demnächst glänzen könnte. Die Atmosphäre ist locker, mal wird auch hitzig debattiert – Langeweile kommt nicht auf.

Open Space nennt sich die alternative Unternehmenskultur, die auf steife Konferenzen und ermüdende Referate am Flipchart verzichtet.

Stattdessen kann sich jeder Mitarbeiter einbringen, wann und wie er möchte. Auch Vorgesetzte gibt es bei der sogenannten betrieblichen Selbstorganisation nicht. Die Mitarbeiter verwalten sich quasi selbst. Die Idee wird derzeit heftig diskutiert. Schließlich bedeutet betriebliche Selbstorganisation mehr Eigenverantwortung und mehr Mitbestimmung. Sie ist damit ein Gegenentwurf zum Turbokapitalismus mit seinen strengen Hierarchien. Kein Wunder, dass diese alternative Management-Idee derzeit angesagt ist. Unter dem Titel Weg mit den Managern! berichtete im Januar das Magazin Harvard  Business Manager , wie Mitarbeiter ohne Führungsleute in Selbstorganisation und mit Eigenverantwortung erfolgreich wirtschaften können.

Manager braucht es nicht

Vordenker von Open Space ist der amerikanische Ökonom Gary Hamel. Er rief das Projekt Management Innovation eXchange (MIX) ins Leben, das die konventionellen Unternehmensstrukturen ändern will. "Die heutigen Management-Praktiken setzen vor allem auf Disziplin und Effizienz – und das ist ein Problem", mahnen Hamel und seine Strategen auf ihrer Projekthomepage. MIX richte sich an alle "inspirierten Denker und radikalen Macher", die noch an Alternativen zu den bürokratischen und entmachtenden Management-Praktiken glaubten. Davon seien die meisten modernen Unternehmen geprägt. Für Gegner des stark in Verruf geratenen Raubtierkapitalismus sind solche Sätze Balsam.

Dabei muss einem Unternehmen die Effizienz nicht verloren gehen, wenn es seine Manager-Kaste auflöst und betriebliche Selbstorganisation einführt. Ein Beispiel ist das US-Unternehmen Morning Star, das Theoretiker Gary Hamel beeindruckte.

Die Firma aus dem kalifornischen Woodland ist einer der größten Tomatenverarbeiter der Welt – Umsätze und Gewinne sollen im zweistelligen Bereich liegen. Vorgesetzte gibt es bei Morning Star nicht. Die Firma setzt auf Selbstmanagement: Jeder Mitarbeiter handelt eigenverantwortlich, ob im Umgang mit Kunden, Lieferanten oder  Kollegen. Die führungslose Selbstorganisation wirkt – der Betrieb wirtschaftet erfolgreich.

Eigentlich ist kollektive Selbstorganisation nicht neu. Schon im Mittelalter schlossen sich Dorfbewohner zu Genossenschaften zusammen, um  mit vereinten Kräften beispielsweise Deiche zu bauen. Im Ruhrgebiet erinnern sich Ältere an die Knappschaften, die Interessenvertretungen der Bergleute . Heute fallen den meisten nur noch die Volksbanken ein, die nach dem Genossenschaftsprinzip wirtschaften. Oder die tageszeitung (taz) , die in den siebziger Jahren als linkes, selbstverwaltetes Zeitungsprojekt gegründet wurde. Sogar Redaktionskonferenzen sind bei der Verlagsgenossenschaft öffentlich.