Eu-Kommissarin Viviane Reding, Archivbild aus dem Jahr 2011 © Attila Kisbendendek/AFP/Getty Images

Seit zehn Jahren existiert die freiwillige Selbstverpflichtung der deutschen Wirtschaft, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Gebracht hat das Papier wenig: Der Frauenanteil stagniert in Aufsichtsräten bei zwölf Prozent, in Vorständen liegt die Quote sogar nur bei drei Prozent. Im Oktober verpflichteten sich die Dax-Konzerne zwar, den Frauenanteil bis 2020 spürbar zu erhöhen – allerdings war hier nur von den unteren und mittleren Führungsebenen die Rede. Eine konkrete Zielvorgabe gibt es dabei nicht, die Unternehmen können selbst entschieden, wie stark der Anteil steigen soll.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen – die wohl bekannteste Befürworterin der Frauenquote – ist das nicht genug. Sie ist damit nicht allein. Frauenverbände und Politikerinnen aus allen Parteien machen Druck und fordern die Quote.

Unterstützung kommt aus Brüssel : EU-Kommissarin Viviane Reding hat das Thema bereits vor einem Jahr zu ihrer Chefinnensache erklärt – und zwar europaweit. Denn Deutschland liegt mit seinem Frauenanteil in Führungspositionen im guten Mittelfeld. Ungarn , Zypern und Luxemburg unterbieten den Wert mit gerade einmal fünf Prozent Frauen in Aufsichtsräten. Für Reding ein nicht haltbarer Zustand. Sie führte Gespräche mit den Vorstandsvorsitzenden der börsennotierten Unternehmen und gab den Konzernen bis März Zeit, den Frauenanteil deutlich zu erhöhen.

Bei einer Veranstaltung der Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP) in Berlin am Freitag hat sie nun die Berliner Erklärung unterzeichnet, eine überparteiliche Forderung von Politikerinnen und Politikern nach einer Frauenquote von 30 Prozent in den Aufsichtsräten der börsennotierten Unternehmen. "Wir müssen uns europaweit verbünden. Diese Erklärung wird kein Papier bleiben", sagt Reding.

Am 8. März – dem 101. Weltfrauentag – will die EU-Kommissarin die Ergebnisse aus den Unternehmen vorstellen. Bereits am Freitag hat sie angedeutet, dass die Zahlen ihre Erwartungen nicht erfüllen werden. Wenn nicht deutlich mehr Frauen in den Aufsichtsräten und Vorständen sitzen, will Reding eine gesetzliche Quote bis 2020 für ganz Europa auf den Weg bringen. Dabei argumentiert sie mit dem Wettbewerb auf dem europäischen Binnenmarkt: Weil Länder wie Norwegen und Frankreich eine gesetzliche Quote bereits haben, herrschen in den europäischen Ländern ungleiche Bedingungen. Das führe zu Wettbewerbsverzerrungen, sagt Reding.

Gleichberechtigung - Ursula von der Leyen im Gespräch Die Bundesministerin für Soziales und Arbeit, Ursula von der Leyen, im Interview über die Frauenquote, Kinderbetreuung und Lohngleichheit bei Männern und Frauen.

Unternehmen mit Frauen an der Spitze erzielen höhere Renditen, machen 12 bis 18 Prozent mehr Gewinn als Unternehmen, in denen nur Männer in den Kontrollgremien sitzen, und auch der Aktienkurs entwickelt sich besser. Das bestätigen Studien der Unternehmensberatungen McKinsey und Ernst&Young . "Das sind keine Zufallsergebnisse", sagt Reding. Auch zeigen die Beispiele aus den Ländern, die bereits eine Quote haben, dass die Unternehmen eher besser dastehen als vorher.

In Zeiten des Fachkräftemangels könne Europa nicht mehr auf die gut ausgebildeten Frauen verzichten, argumentiert die EU-Kommissarin. 60 Prozent der Universitätsabsolventen in der EU sind Frauen. Sie haben bessere MBA-Abschlüsse als Männer. Das Argument, es gebe keine qualifizierten Frauen für Führungspositionen, könne man nicht mehr länger gelten lassen. Natürlich sei eine EU-weite Frauenquote ein Eingriff in die unternehmerische Freiheit. "Mir wäre lieber, wir müssten es nicht tun – aber im Interesse des Wettbewerbs auf dem Binnenmarkt muss Politik hier eingreifen", sagt Reding.

Doch warum sind die Aufsichtsräte eigentlich so wichtig – und warum ist auf einmal solche Eile geboten? "Wir haben lange genug gewartet. 2013 werden in vielen Unternehmen die Aufsichtsräte neu bestimmt. Und in den Aufsichtsräten fallen die Entscheidungen für die Vorstände", sagt Maria Böhmer , Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Vorsitzende der Frauenunion der CDU . Auch sie hat die Berliner Erklärung unterzeichnet und sieht keine Alternative zur Frauenquote. "Wenn wir bis 2013 keine gesetzliche Vorgabe haben, wird sich wieder fast nichts tun – und die Frauen müssen erneut Jahre warten."