Auch der Vorwurf, die Neugründer würden so lange Arbeitslosengeld beziehen, wie es nur geht und dann noch die Förderungen in Anspruch nehmen, sei haltlos. Bisher haben Gründer ihren zwölfmonatigen Anspruch auf Arbeitslosenhilfe qua Zuschuss um sechs Monate verlängern können: Neun Monate lang gab es das Arbeitslosengeld plus die Pauschale, danach den Zuschuss für weitere neun Monate. Jetzt muss der Gründer 150 Tage Restanspruch auf Arbeitslosengeld I abtreten – die Leistung vom Staat gibt es insgesamt also höchstens 13 Monate lang. Hier stellen sich die Forscher die Frage, "inwieweit eine "erzwungene" Vorverlegung des Gründungszeitpunktes möglicherweise die Vorbereitung eines Start-ups beeinträchtigt."

Auch Berater sehen die Gefahr, dass Neugründer sich zu schnell ins Unternehmertum stürzen und dabei wichtige Faktoren nicht bedenken oder die Planung allgemein zu kurz kommt. Eine solche Hauruck-Aktion kann schnell schief gehen . Allgemein bemängeln die Experten, dass es keine langfristigen Erkenntnisse über den Gründungszuschuss gibt, aber trotzdem schon daran herumreformiert werde. "Obwohl zu den bisherigen Wirkungen des Gründungszuschuss noch keinerlei systematische Befunde vorliegen, wurde Ende 2011 eine Novellierung des Programms vorgenommen", heißt es. "Erst mal abwarten", wäre die Devise gewesen. Deshalb warnen die Forscher davor, die Kürzungen zu strikt umzusetzen. "Eine restriktive Fördervergabe könnte die bislang positive Zwischenbilanz deutlich verändern."

Bisher lässt sich zusammenfassen: Mit dem reformierten Zuschuss bekommen diejenigen, die unter normalen Umständen keinen Job mehr finden, eine Unterstützung, um sich in die Selbstständigkeit zu stürzen. Dabei war der alte"Gründungszuschuss, wie er 2006 eingefuhrt wurde, erfolgreich: Rund 180.000 Menschen beantragten pro Jahr die Förderung. 19 Monate nach der Gründung sind immer noch 75 bis 84 Prozent der vormaligen Geförderten selbstständig, errechneten die Experten. Und die Selbstständigen können von ihrer Arbeit leben. Nur zwei Prozent müssen mit Arbeitslosengeld II aufstocken. Von der Leyen hatte dagegen behauptet, die Förderung begünstige Existenzen, die den Lebensunterhalt nicht garantieren.

Ein erfolgreiches Modell

Falsch, sagt das IAB: "In ihrer Selbstständigkeit erreichen die Gründer sogar noch höhere Überlebensraten als die früheren Gründer. Auch erzielt der Großteil von ihnen mittlerweile ein existenzsicherndes Einkommen." In Zahlen ausgedrückt: 79,6 Prozent der männlichen und 74,8 Prozent der weiblichen Jungunternehmer können von ihrer Selbstständigkeit leben, im Osten sind es sogar mehr: Dort leben 84,1 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen erfolgreich von ihrer eigner Hände Arbeit.Die monatlichen Einkommen der Gründer liegen durchschnittlich zwischen 1.613 Euro (ostdeutsche Frauen) und 2.612 Euro (westdeutsche Männer). Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Angestellter im Dienstleistungssektor verdient brutto zwischen 2.486 Euro (Frauen) und 2.817 Euro (Männer). Zieht man davon 29 Prozent Steuern ab, kommt der Angestellte auf 1.760 beziehungsweise 1.994 Euro. Die Gründer verdienen im Schnitt also sogar mehr. Bei der allgemeinen Armutsgrenze von 925 Euro Verdienst pro Monat kann von einer kümmerlichen Existenz nicht die Rede sein. Auch bei denjenigen, die die Selbstständigkeit wieder aufgaben, sieht es nicht nur schlecht aus: Um die 12 Prozent der Neugründer in Westdeutschland haben durch ihre Selbstständigkeit den Weg zurück in eine Festanstellung gefunden. Auch sie sind so raus aus der Arbeitslosenstatistik und zurück im Pool der Beitragszahler. Die alte Förderung hat sich darüber hinaus auch längerfristig rentiert: Fünf Jahre nach der Gründung sind immer noch bis zu 70 Prozent selbständig, 20 Prozent sind wieder in einem Betrieb angestellt.

Des Weiteren waren über 70 Prozent derjenigen, die den Gründungszuschuss bekamen, nach spätestens drei Monaten wieder berufstätig, sei es nun als eigener Chef oder in einem Angestelltenverhältnis. Verglichen mit den Förderprogrammen Überbrückungsgeld und Ich-AG ist das beeindruckend. Denn in dieser kurzen Zeit schafften es mit den alten Modellen nur rund 36 Prozent aus der Arbeitslosigkeit. Kein Wunder, dass die Arbeitsmarktexperten sagen, der Zuschuss sei "ein bedeutsames Instrument der aktiven Arbeitsmarktpolitik, das auch im allgemeinen Gründungsgeschehen in Deutschland eine wichtige Rolle spielt."

Eigentlich schade, dass sich das nun ändern wird. So schätzen beispielsweise die Fachleute vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung ( DIW ), dass jährlich nur noch 50.000 Arbeitslose mit Hilfe der Förderung ein eigenes Unternehmen gründen werden. Im Jahr 2010 waren es noch knapp 100.00 mehr. Diese neuen Betriebe schaffen außer der Existenzsicherung des Chefs auch noch weitere Arbeitsplätze: 19 Monate nach der Gründung beschäftigt mehr als jeder Dritte der Männer mindestens einen Mitarbeiter, bei den Frauen ist gut jede Vierte Arbeitgeberin. Nach fünf Jahren wird also ein Förderprogramm zusammengestrichen, das Arbeitslose äußerst erfolgreich zurück in den Job bringt und dabei weitere Arbeitsplätze schafft. Das Ganze für eine Einsparung von einer Milliarde Euro. Kein Wunder, dass Gründerverbände die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. So fürchtet beispielsweise der Verband deutscher Gründungsinitiativen (VDG) nicht nur um die Gründer an sich. Er sieht die Gefahr, dass "Kleinstanbieter aus dem Markt gedrängt werden". Damit gehe auch die Angebotsvielfalt verloren.

Erschienen in der WirtschaftsWoche