30 Stunden Wochenarbeitszeit für alle – das fordert eine Gruppe von alternativen Ökonomen, Vertretern von Gewerkschaften und Frauenverbänden sowie Aktivisten von Attac . Sie haben sich zur "Initiative Arbeitszeitverkürzung" zusammengeschlossen und wollen eine kürzere Normalarbeitszeit – bei vollem Lohn- und Personalausgleich.

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Zwar waren noch nie so viele Menschen in Deutschland erwerbstätig wie derzeit. Dennoch gibt es fast drei Millionen Arbeitslose – viele von ihnen sind langzeitarbeitslos. "Faktisch liegt die Arbeitslosigkeit sogar bei etwa sechs Millionen", sagt die Bremer Soziologin Margareta Steinrücke. Ein-Euro-Jobber, jugendliche und ältere Arbeitslose, Minijobber und jene, die sich auch ohne Job nicht arbeitslos melden, müssten dazu gerechnet werden. Und während die einen keine Arbeit finden, arbeiten sich andere krankenhausreif: Die Zahl der Burn-out-Erkrankungen ist so hoch wie nie .

Eine generelle Arbeitszeitverkürzung sei das wirksame Mittel gegen Arbeitslosigkeit und würde die moderne Arbeitsgesellschaft menschenfreundlicher machen, sagt Steinrücke, die Mitglied der Initiative ist. Eine kürzere Normalarbeitszeit ohne Gehaltseinbußen komme zudem vielen Beschäftigten entgegen. Besonders junge Mütter und Väter würden davon profitieren, weil sich Familie und Beruf leichter miteinander vereinbaren ließen . Auch Berufstätigen, die sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern , kommt dieses Modell entgegen. Ältere Arbeitnehmer könnten auf diese Weise länger und gesünder im Beruf bleiben. Zugleich hätten Berufstätige mehr Zeit für Ehrenamt und politisches Engagement.

Allerdings muss das Vorhaben finanziert werden – und es darf nicht zu einer weiteren Arbeitsverdichtung führen. Deshalb fordert die Initiative, dass die Unternehmensgewinne massiv umverteilt und gleichzeitig mehr Arbeitnehmer eingestellt werden. "In den letzten Jahren ist die Lohnquote gesunken, aber die Gewinne sind gestiegen. Rein rechnerisch ist ein voller Lohnausgleich realisierbar", sagt Steinrücke. Zudem könne bei einer kürzeren Normalarbeitszeit von 30 Stunden in der Woche mit einer Leistungssteigerung gerechnet werden, weil Mitarbeiter ausgeruhter und leistungsbereiter seien.

Ökonomisch sinnvoll und machbar

Nach Berechnungen der Initiative lässt sich die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich innerhalb von fünf Jahren erreichen. Ökonomisch sei die Arbeitszeitverkürzung für alle Einkommensgruppen machbar, wenn dazu zwei Prozent Produktivitätsfortschritt und drei Prozent Gewinnumverteilung herangezogen würden, sagt der Attac nahestehende Polit-Ökonom Mohssen Massarrat.

Aber warum ausgerechnet 30 Stunden in der Woche? Es habe sich gezeigt, dass eine Reduzierung auf durchschnittlich 30 Stunden in der Woche ökonomisch sinnvoll sei und von vielen Berufstätigen gewünscht werde, sagt Steinrücke. "Natürlich gibt es Lebens- und Arbeitsphasen, in denen Menschen mehr arbeiten wollen – allerdings sollte der Zeitausgleich dafür verbindlich geregelt werden." In der zurückliegenden Finanz- und Wirtschaftskrise hätten die meisten Unternehmen mit Kurzarbeit die Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden reduziert und damit positive Erfahrungen gemacht, sagt die Soziologin. Einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zufolge gaben die meisten Beschäftigten sowohl in Vollzeit als auch in Teilzeit diese Stundenzahl als Wunscharbeitszeit an.

Die Ökonomen der Initiative sind sich einig, dass sich eine Verkürzung insgesamt lohnen könnte. Zwar werde es immer eine geringe Sockelarbeitslosigkeit geben, jedoch sei der Zuwachs an Beschäftigung nicht zu unterschätzen. Auf diese Weise könnten die Kosten für die Arbeitslosigkeit gesenkt werden. Sie betragen derzeit nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) jährlich etwa 58 Milliarden Euro.