ZEIT ONLINE: Frau Flaßpöhler, Sie fordern in Ihrem Buch Wir Genussarbeiter , dass Arbeit wieder Spaß machen soll. Hat die Leistungsgesellschaft überdreht ?

Svenja Flaßpöhler: Ja. Wir beobachten, dass Menschen Arbeit so sehr genießen, dass sie ihre eigenen Grenzen nicht mehr erkennen und an Burn-out erkranken. Mich interessiert das Umkippen vom ekstatischen zum exzessiven Arbeiten bis zur Selbstzerstörung.

ZEIT ONLINE: Warum kippt die Leidenschaft?

Flaßpöhler: Menschen, die für ihre Arbeit brennen, sind sehr ehrgeizig. Aber Ehrgeiz ist ambivalent. Im positiven Sinn sublimiert der Ehrgeizige durch seine Arbeit einen subjektiv empfundenen Mangel und schöpft daraus Selbstwertgefühl. Je mehr das im Beruf gelingt, desto anerkannter fühlt er sich. Aber der Ehrgeiz – das Wort verrät es bereits – hat auch eine Kehrseite: Man kann regelrecht süchtig nach Anerkennung werden. Der Ehrgeizige muss immer besser sein als andere. Dieser Druck lässt den Ehrgeiz ins Zwanghafte umschlagen .

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ZEIT ONLINE: Warum ist der Druck so groß?

Flaßpöhler: Das hat mit den Mechanismen der Leistungsgesellschaft zu tun, in der ein Mensch nur einen Wert hat, wenn er im Konkurrenzkampf besteht. Gesellschaftlich gefördert und gefordert wird daher eher die negative Seite des Ehrgeizes: Die Gier nach Ehre ist im Kapitalismus ein Überlebensprinzip.

ZEIT ONLINE: Bislang waren Pflichtbewusstsein und Ehrgeiz die deutschen Tugenden schlechthin.

Flaßpöhler: Früher stand nicht der Ehrgeiz im Vordergrund, sondern eher Arbeitsmoral und Pflichtbewusstsein. Der Soziologe Max Weber hat Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben, wie der Geist des Kapitalismus aus der protestantischen Ethik entstand: Man tat etwas für Gott, war strebsam, sparsam, fleißig. Das gab den Halt fürs Leben. An diese Stelle ist heute der unmäßige Ehrgeiz getreten, ein übertriebener Kampf um Anerkennung.

Aber allein für Gott oder den Broterwerb zu arbeiten ist nicht sehr glücksversprechend. Es ist durchaus positiv, dass wir heute lustvoll arbeiten. Die Frage ist: Was für eine Lust treibt mich an? Eine leidenschaftliche, die sich auf den Inhalt meiner Arbeit richtet? Oder eine zwanghafte, die eher aus einer diffusen Angst resultiert?

ZEIT ONLINE: Wie kommen wir aus der Burn-out-Falle heraus?

Flaßpöhler: Schlimm ist, dass wir die Schuld immer bei uns selbst suchen , wenn wir zusammenbrechen. Es liegt am Konkurrenzdruck, am Erfolgsdruck, an der Wachstumslogik. Was fehlt, ist politischer Widerstand.

ZEIT ONLINE: Wie soll der aussehen?

Flaßpöhler: Vor 30 Jahren gab es noch eine Arbeiterbewegung. Es existierte ein kollektives Unrechtsbewusstsein. Heute gibt es das kaum noch, weil alle für sich selbst kämpfen.