Burn-out "Wir müssen mit Genuss arbeiten"

Warum wird aus Spaß an der Arbeit Zwang? Die Philosophin Svenja Flaßpöhler analysiert diese Frage in ihrem Buch. Im Interview spricht sie über Wege aus dem Burn-out.

ZEIT ONLINE: Frau Flaßpöhler, Sie fordern in Ihrem Buch Wir Genussarbeiter, dass Arbeit wieder Spaß machen soll. Hat die Leistungsgesellschaft überdreht?

Svenja Flaßpöhler: Ja. Wir beobachten, dass Menschen Arbeit so sehr genießen, dass sie ihre eigenen Grenzen nicht mehr erkennen und an Burn-out erkranken. Mich interessiert das Umkippen vom ekstatischen zum exzessiven Arbeiten bis zur Selbstzerstörung.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Warum kippt die Leidenschaft?

Flaßpöhler: Menschen, die für ihre Arbeit brennen, sind sehr ehrgeizig. Aber Ehrgeiz ist ambivalent. Im positiven Sinn sublimiert der Ehrgeizige durch seine Arbeit einen subjektiv empfundenen Mangel und schöpft daraus Selbstwertgefühl. Je mehr das im Beruf gelingt, desto anerkannter fühlt er sich. Aber der Ehrgeiz – das Wort verrät es bereits – hat auch eine Kehrseite: Man kann regelrecht süchtig nach Anerkennung werden. Der Ehrgeizige muss immer besser sein als andere. Dieser Druck lässt den Ehrgeiz ins Zwanghafte umschlagen.

ZEIT ONLINE: Warum ist der Druck so groß?

Flaßpöhler: Das hat mit den Mechanismen der Leistungsgesellschaft zu tun, in der ein Mensch nur einen Wert hat, wenn er im Konkurrenzkampf besteht. Gesellschaftlich gefördert und gefordert wird daher eher die negative Seite des Ehrgeizes: Die Gier nach Ehre ist im Kapitalismus ein Überlebensprinzip.

Svenja Flaßpöhler
 Svenja Flaßpöhler

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler ist Autorin des Buches Wir Genussarbeiter: Über Freiheit und Zwang in der Leistungsgesellschaft

ZEIT ONLINE: Bislang waren Pflichtbewusstsein und Ehrgeiz die deutschen Tugenden schlechthin.

Flaßpöhler: Früher stand nicht der Ehrgeiz im Vordergrund, sondern eher Arbeitsmoral und Pflichtbewusstsein. Der Soziologe Max Weber hat Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben, wie der Geist des Kapitalismus aus der protestantischen Ethik entstand: Man tat etwas für Gott, war strebsam, sparsam, fleißig. Das gab den Halt fürs Leben. An diese Stelle ist heute der unmäßige Ehrgeiz getreten, ein übertriebener Kampf um Anerkennung.

Aber allein für Gott oder den Broterwerb zu arbeiten ist nicht sehr glücksversprechend. Es ist durchaus positiv, dass wir heute lustvoll arbeiten. Die Frage ist: Was für eine Lust treibt mich an? Eine leidenschaftliche, die sich auf den Inhalt meiner Arbeit richtet? Oder eine zwanghafte, die eher aus einer diffusen Angst resultiert?

ZEIT ONLINE: Wie kommen wir aus der Burn-out-Falle heraus?

Flaßpöhler: Schlimm ist, dass wir die Schuld immer bei uns selbst suchen, wenn wir zusammenbrechen. Es liegt am Konkurrenzdruck, am Erfolgsdruck, an der Wachstumslogik. Was fehlt, ist politischer Widerstand.

ZEIT ONLINE: Wie soll der aussehen?

Flaßpöhler: Vor 30 Jahren gab es noch eine Arbeiterbewegung. Es existierte ein kollektives Unrechtsbewusstsein. Heute gibt es das kaum noch, weil alle für sich selbst kämpfen.

Leser-Kommentare
  1. "Ja. Wir beobachten, dass Menschen Arbeit so sehr genießen, dass sie ihre eigenen Grenzen nicht mehr erkennen und an Burn-out erkranken."

    Also ich kenne niemanden in meinem näheren Umfeld der seine Arbeit genießen würde und darum so viele Überstunden leistet.
    Ich kenne nur Menschen die panische Angst um ihren Arbeitsplatz haben weil sie ja sonst in Hartz IV landen würden und deshalb jede neue Schweinerei die sich die Arbeitgeber ausdenken (dürfen) mitmachen.

    10 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Ich kenne nur Menschen die panische Angst um ihren Arbeitsplatz haben weil sie ja sonst in Hartz IV landen würden und deshalb jede neue Schweinerei die sich die Arbeitgeber ausdenken (dürfen) mitmachen."

    Hier ist ein weiterer.
    Mein AG (im Windenergiegeschäft) meinte kürzlich, dass ja niemand von uns gezwungen ist, bei Ihm zu arbeiten.
    Jeder tut dies schließlich "freiwillig", meinte er.
    Ich nicht.
    Ich habe kaum weitere Alternativen, als dort zu arbeiten.
    In Berlin/ Brandenburg, wo ich wohne, gibt es keine/ sehr schlecht bezahlte Jobs für meine Branche.
    Und ich bin gelernter Elektroniker...

    dass es sich in dem Buch insbesondere um Jobs die Spaß machen dreht. Kreative und wissenschaftliche arbeit (sic!). Damit kann also ein jeder für sich selbst entscheiden, ob es auf Ihn zutrifft.

    cheers, S

    "Ich kenne nur Menschen die panische Angst um ihren Arbeitsplatz haben weil sie ja sonst in Hartz IV landen würden und deshalb jede neue Schweinerei die sich die Arbeitgeber ausdenken (dürfen) mitmachen."

    Hier ist ein weiterer.
    Mein AG (im Windenergiegeschäft) meinte kürzlich, dass ja niemand von uns gezwungen ist, bei Ihm zu arbeiten.
    Jeder tut dies schließlich "freiwillig", meinte er.
    Ich nicht.
    Ich habe kaum weitere Alternativen, als dort zu arbeiten.
    In Berlin/ Brandenburg, wo ich wohne, gibt es keine/ sehr schlecht bezahlte Jobs für meine Branche.
    Und ich bin gelernter Elektroniker...

    dass es sich in dem Buch insbesondere um Jobs die Spaß machen dreht. Kreative und wissenschaftliche arbeit (sic!). Damit kann also ein jeder für sich selbst entscheiden, ob es auf Ihn zutrifft.

    cheers, S

  2. Der Kapitalismus in seiner Krise dient aber den Mächtigen leider nicht dazu unser gesamtes Modell zu hinterfragen,sondern lediglich um die Daumenschrauben fester anzuziehen.
    Die Entsolidarisierung der Bürger,Arbeitnehmerschaft wird dabei übrigens bereitwillig von vielen Medien durch Fehal-und desinformation befeuert.
    Hier könnte man ansetzen,anstatt wieder irgendwelchen nebulösen Massen die Schuld einzutrichtern.

  3. Sucht nach Anerkennung löst doch keinen Burn Out aus, vielmehr Leistungsdruck und Überlastung. Heute müssen Sie im Arbeitsleben funktionieren, Leistung bringen, haben keine Atempause. Chefs, die nach oben buckeln und nach unten treten, die lösen Burn Out aus.

    "Es ist durchaus positiv, dass wir heute lustvoll arbeiten. Die Frage ist: Was für eine Lust treibt mich an?" Ähm ja, es gibt auch Menschen, die einfach Geld verdienen müssen. Die Autorin sollte mal eine Umfrage starten: Welche Lust treibt sie an?

    In meinem Team haben wir seit Jahresbeginn schon 2 Fälle von Burnout, beide haben nichts mit Sucht nach Anerkennung zu tun.

  4. Stress sowie Burn Out sind zunächst mal sebstgewählte Leidensformen aus denen Betroffene sekundäre Erkrankungsnutzen zu erielen suchen; Punkt und Basta !

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich hatte Burn-Out und es ist gut zu wissen, dass Sie mich/ jeden anderen daran Erkrankten aus der Ferne in einem Satz analysieren können.

    Meinungen, die ihren absoluten Wahrheitsanspruch durch "Punkt. Basta" zu begründen suchen, sind ebenso argumentativ ernst zu nehmen, wie religoese Aussagen darüber, was vorgeblich wahr und unwahr sei. Vielleicht traegt es zu Beruhigung derjenigen bei, die solche Aussagen hervorbringen, teilt man doch so die Welt in klare, binaere Kategorien ein, wodurch das Leben weniger komplex erscheint. Schuld ist klar verteilt, und man waehnt sich Klarheit und Erleuchtung, und natuerlich auch in Sicherheit. Weiterhin ist der Hang, den Opfern Hauptschuld an ihrem Schicksal zuzuweisen, eine weit verbreitete Praxis, die im Rahmen von Sexismus- und Rassimus-Studien soziologisch und psychologisch untersucht wurde. Oft korrelieren jene Einstellungen mit einer Opfer-Beschuldingungs-Mentalitaet. Natuerlich hat dies auch religioese Anbindung, da solche, die sich gottgefaellig gebaerden, von Uebel verschont bleiben. Letztlich dienen diese Argument dazu, den status quo irrational zu zementieren.
    Vielleicht sollte man diejenigen, welche derartige Aesserungen hervorbringen, eher bedauern, als sie zu konfrontieren.

    Ich hatte Burn-Out und es ist gut zu wissen, dass Sie mich/ jeden anderen daran Erkrankten aus der Ferne in einem Satz analysieren können.

    Meinungen, die ihren absoluten Wahrheitsanspruch durch "Punkt. Basta" zu begründen suchen, sind ebenso argumentativ ernst zu nehmen, wie religoese Aussagen darüber, was vorgeblich wahr und unwahr sei. Vielleicht traegt es zu Beruhigung derjenigen bei, die solche Aussagen hervorbringen, teilt man doch so die Welt in klare, binaere Kategorien ein, wodurch das Leben weniger komplex erscheint. Schuld ist klar verteilt, und man waehnt sich Klarheit und Erleuchtung, und natuerlich auch in Sicherheit. Weiterhin ist der Hang, den Opfern Hauptschuld an ihrem Schicksal zuzuweisen, eine weit verbreitete Praxis, die im Rahmen von Sexismus- und Rassimus-Studien soziologisch und psychologisch untersucht wurde. Oft korrelieren jene Einstellungen mit einer Opfer-Beschuldingungs-Mentalitaet. Natuerlich hat dies auch religioese Anbindung, da solche, die sich gottgefaellig gebaerden, von Uebel verschont bleiben. Letztlich dienen diese Argument dazu, den status quo irrational zu zementieren.
    Vielleicht sollte man diejenigen, welche derartige Aesserungen hervorbringen, eher bedauern, als sie zu konfrontieren.

  5. "Ich kenne nur Menschen die panische Angst um ihren Arbeitsplatz haben weil sie ja sonst in Hartz IV landen würden und deshalb jede neue Schweinerei die sich die Arbeitgeber ausdenken (dürfen) mitmachen."

    Hier ist ein weiterer.
    Mein AG (im Windenergiegeschäft) meinte kürzlich, dass ja niemand von uns gezwungen ist, bei Ihm zu arbeiten.
    Jeder tut dies schließlich "freiwillig", meinte er.
    Ich nicht.
    Ich habe kaum weitere Alternativen, als dort zu arbeiten.
    In Berlin/ Brandenburg, wo ich wohne, gibt es keine/ sehr schlecht bezahlte Jobs für meine Branche.
    Und ich bin gelernter Elektroniker...

    Antwort auf "Wie bitte?"
  6. Ich hatte Burn-Out und es ist gut zu wissen, dass Sie mich/ jeden anderen daran Erkrankten aus der Ferne in einem Satz analysieren können.

    Antwort auf "selbstgewählt"
  7. Mir scheint es so, dass Frau Flaßpöhler eher im höheren Management recherchiert hat.

    Dort sehe ich auch einen starken Hang nach Anerkennung und Karrieresucht/Arbeitssucht dessen Nichterfüllung zu Burnout-Symtomen führen kann.

    Der Burnout in den unteren Rängen der Arbeitswelt ist dagegen ein gänzlich anderer und wird meist erzeugt durch Rationalisierung, Termindruck und Mobbing.

    Wärend der Burnout im Management tatsächlich aus einer Lebenseinstellung des Einzelnen herraus entsteht, sind für die "normalen" Arbeiter eher äußerliche Einflüsse verantwortlich.

    (meine Beobachtung)

  8. Zustimmung, liegt im Allgemeinen mehr am (Arbeit,Privaten))Umfeld als an der Person selbst die ja dann reagiert versucht sich dann dem Umfeld anpassen,daraus kann dann so ein richtiger Tornado entstehen.
    Das erste und Einfachste ist die Entschleunigung am Arbeitsplatz,da sind wir in Deutschland gefühlt an letzter Stelle wie man arbeitet ohne den Menschen das Gefühl zu geben nur als maschinenartiges Wesen habe man noch Chancen sich am Leben zu halten,wobei dann das nächste wäre, was zu hinterfragen wäre was reicht dann um zu Leben ohne körperlich gesundheitlich Schaden zu nehmen nur, weil wir zurzeit in einer nicht wirklich gesunden Arbeitswelt leben,wo eher Leistungsdruck und Abstiegsangst im Hinterkopf rotieren als mit Freude und Sicherheit zu arbeiten,schwache Gewerkschaften sind dann auch nur e ein Glied in der Kette ,wo weggeschaut wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service