Es klingt wie lange überholt, was linke Ökonomen jetzt fordern: Die Initiative Arbeitszeitverkürzung will durch die Einführung der 30-Stunden-Woche die Arbeitslosigkeit aus der Welt schaffen – bei vollem Lohnausgleich. Es gebe genug Arbeit für alle, sagen sie. Man müsse sie nur auf mehr Schultern verteilen, dann habe auch jeder einen Job. Finanziert werden könne das Ganze durch eine Umverteilung der Unternehmensgewinne.

Aber ist es wirklich so simpel? Zwar kämpfen die Gewerkschaften seit Jahrzehnten für kürzere Arbeitszeiten, zum Teil auch erfolgreich: 1984 streikte die IG Metall in Baden-Württemberg für die 35-Stunden-Woche; 1995 wurde das neue Arbeitszeitmodell in der westdeutschen Metallindustrie eingeführt. Doch trotz des Erfolgs hat sich gezeigt: Die Arbeitslosigkeit lässt sich nicht einfach durch bloßes Umverteilen der existierenden Aufgaben besiegen.

Nicht alle Arbeitsstellen lassen sich auf 30-Wochenstunden-Jobs reduzieren. In manchen Arbeitsphasen muss am Stück mehr gearbeitet werden, etwa weil Aufträge und Projekte abzuschließen sind. Nicht immer können Führungskräfte ihre Stelle mit anderen teilen. Manche wollen mehr arbeiten – weil sie auf zusätzliches Geld angewiesen sind oder ihre Tätigkeit als erfüllend empfinden.

Umverteilung löst die Probleme  nicht

Viel schwerer wiegt aber: Der Arbeitsmarkt ist viel komplexer, als es der Umverteilungsvorschlag suggeriert. Zwischen den Regionen gibt es große Unterschiede. Möglicherweise werden Fachkräfte, die in Mecklenburg-Vorpommern arbeitslos sind, in Bayern gesucht – doch nicht jeder kann ohne weiteres umziehen.

Fast ein Drittel der drei Millionen Arbeitslosen in Deutschland ist langzeitarbeitslos . Viele davon sind schwer vermittelbar. Anderen fehlt einfach nur die passende Ausbildung, um eine freie Stelle zu einzunehmen. Sollen sie die Plätze von Ingenieuren, Informatikern oder Naturwissenschaftlern einnehmen, wenn diese künftig weniger arbeiten? Schon heute sind in vielen Branchen Fachkräfte rar. Eine Arbeitszeitverkürzung würde den Mangel noch vergrößern.

Arbeitsmarktforscher sind sich einig: Eine Sockelarbeitslosigkeit wird es immer geben. Vollbeschäftigung bleibt eine Illusion. 

Zudem leuchtet nicht ein, wie die Ökonomen ihren Vorschlag finanzieren wollen. Die Wochenarbeitszeitverkürzung sei für alle Einkommensgruppen machbar, schreiben sie, wenn dazu zwei Prozent Produktivitätsfortschritt und drei Prozent Gewinnumverteilung herangezogen würden. Doch bislang ist unbewiesen, dass eine kürzere Arbeitszeit in jedem Fall zu höherer Produktivität führt. Und die Umverteilung der Unternehmensgewinne dürfte politisch nur schwer durchsetzbar sein. Warum sollten sich die Dax-Konzerne dazu zwingen lassen, wenn sie bisher sogar in der Lage sind, die Frauenquote für eine überschaubare Anzahl Stellen in Vorständen und Aufsichtsräten zu vermeiden?