PsychologieWarum Macht Führungskräfte verblendet

Nicht zuletzt die Affäre um den Bundespräsidenten zeigt: Umgeben von Ja-Sagern und getäuscht vom Selbstbild eigener Wichtigkeit, verlieren Entscheider den Realitätsblick.

Seit 1971 kürt die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort des Jahres, der letzte Sieger hieß "Stresstest". 2012 ist noch jung, doch ein Wort könnte bei der diesjährigen Wahl gute Chancen haben: Salamitaktik. Mit eben dieser Strategie verärgert Bundespräsident Christian Wulff seit Beginn seiner Kredit- und Medienaffäre viele Bürger. Statt Fehler zuzugeben und alle Fakten offenzulegen, informiert er die Öffentlichkeit nur scheibchenweise. Was hat den höchsten Mann im Staat dazu getrieben?

An mangelnder Erfahrung kann es nicht liegen, der 52-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren in der Politik. Trotzdem geriet er ins Zentrum einer Affäre, die bislang kein Bundespräsident durchleben musste. Trotzdem? Oder gerade deswegen? Die Causa Wulff hat nicht nur eine Diskussion entfacht über die Zukunft des höchsten politischen Amtes. Deutlich wurde vor allem: Wer die Möglichkeit hat, weitreichende Entscheidungen zu treffen, Einfluss zu nehmen auf die Geschicke eines Landes oder eines Unternehmens, sprich: Macht auszuüben über andere, gerät nicht nur immer wieder in Affären und Skandale. Umgeben von Ja-Sagern und duckmäuserischen Einflüsterern, geblendet von den eigenen Einflussmöglichkeiten, läuft er Gefahr, den Blick für die Wirklichkeit zu verlieren. Kurz: Er wird blind vor Macht.

Anzeige

Immer wieder erliegen Personen in herausragenden Positionen dem süßen Gift der Macht. Sie verlieren das Gespür für die Realität, stolpern über ihre Gier, Dummheit oder Hybris. Sie verkennen, was juristisch vielleicht noch legal, aber moralisch schon längst nicht mehr legitim ist. Manchen passiert es früher, manchen später. "Gib einem Menschen Macht", sagte der frühere US-Präsident Abraham Lincoln, "und du erkennst seinen wahren Charakter." Zum Vorschein kommen, vereinfacht gesagt, zwei Charaktertypen: Die einen können sich nicht mehr selbst hinterfragen, ignorieren im Glauben an die eigene Unverwundbarkeit und Unfehlbarkeit jeden guten Ratschlag. Von ihren Mitarbeitern fordern sie Engagement, bügeln aber jeglichen Widerspruch ab. Jede Konferenz wird zur Audienz.

Süßes Gift der Macht

Die anderen schaffen es nicht mehr, gesunde Distanz zu wahren gegenüber dem üblichen Apparat an Assistenten, Beratern und Fachleuten. Natürlich können Vorstandsvorsitzende oder Ministerpräsidenten weder ihre Termine selbst koordinieren noch jeden Vorgang im Detail kennen. Sie brauchen Leibwächter für ihre Sicherheit, Referenten für Fraktionssitzungen, Sekretärinnen für die Termine. Sie werden im Dienstwagen zu Terminen chauffiert, Assistenten bereiten Reden vor. Doch wer sich völlig nach außen abschirmen lässt, der verliert schnell den Blick für die Realität. Er wird unfähig, sich gegen einen Apparat durchzusetzen, der eigene Vorhaben so lange durchkaut, bis auch die kühnsten Ideen zu kleingeistigen Reförmchen geschrumpft sind.

Die Geschichte ist reich an Personen, die Opfer ihrer Machtfülle wurden – egal, ob Manager, die in die eigene Tasche wirtschafteten, oder Politiker, die sich in privaten Affären verstrickten. "Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut", sagte einst der Historiker Lord Acton. Anders gesagt: Macht macht mies. Sie schüchtert Mitmenschen ein, verändert die Selbstwahrnehmung, verleitet zum Lügen und Betrügen.

Aber warum passiert es selbst denen, die es besser wissen sollten? Warum fälschte der damalige Hewlett-Packard-Chef Mark Hurd ein Dutzend Spesenquittungen im Wert von knapp 20.000 US-Dollar, bei einem Gehalt von 82.000 Dollar – pro Tag? Warum glaubte der frühere Deutsche-Post-Chef Klaus Zumwinkel, ungestraft Steuern hinterziehen zu können? Warum rechnete Eliot Spitzer, einstiger Generalstaatsanwalt von New York, damit, dass sein Kontakt mit Prostituierten – in vielen US-Bundesstaaten illegal – unentdeckt bleiben würde?

Eine Antwortet lautet: Weil die Veranlagung dazu, Grenzen zu ignorieren, bereits in der Persönlichkeit vieler Führungskräfte angelegt ist. Wer es an die Spitze eines Konzerns, einer Partei oder eines Landes schaffen will, ist tendenziell extrovertiert – graue Mäuse fallen zu wenig auf, um sich in Gremien, bei Vorgesetzten, Headhuntern oder Aufsichtsräten für Spitzenjobs zu empfehlen. Wer sich zutraut, Dutzenden, Hunderten oder Tausenden von Mitarbeitern vorzustehen und über millionen- oder gar milliardenschwere Etats zu verfügen, ist in der Regel optimistisch und selbstbewusst.

Leserkommentare
  1. Hass wiederum ist nicht naturgegeben, sondern eine Reaktion und entsteht dort, wo Menschen nicht entfalten dürfen, was eigentlich in ihnen angelegt ist. Wenn Menschen daran gehindert werden, so zu sein, wie sie sind und sich statt dessen verbiegen müssen, wächst ein aus Ohnmacht geborener Hass.

    Es ist allerdings geradezu ein Markenzeichen von "Mächtigen", dass sie Prozesse freier Entfaltung und Entwicklung gewaltsam unterdrücken.

    Diese Mächtigen erzeugen nun einerseits Bewunderung, weil sie sich trauen, was andere sich nicht trauen, andererseits Hass, weil sie ihre mögliche eigene Entwicklung zu Lasten ihrer Mitmenschen vorantreiben. Durch seine Bewunderung für den Mächtigen gerät derjenige, der sich selber nicht traut, also in einen Teufelskreis. Er nährt durch seine Bewunderung solche Kräfte, die negativ auf ihn zurückwirken, seine Freiheit einschränken und ihm Schaden zufügen.
    Es ist wohl schwer, solche Muster zu durchbrechen.

    Wenn sowohl Hass wie auch Bewunderung, wenn sie von einem Mangel an Mut motiviert ist, wegfallen, dann würden die Mächtigen nach dem Peter-Prinzip zu "freischwebenden Gipfeln" und könnten so weniger Unheil anrichten. Das wäre schon mal ein Anfang.

    Antwort auf "Hallo Bulldogge,"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Genau das ist das Dilemma von " 'demokratischem' Stimmvieh" und dies Dilemma wurde und wird von den mächtigen Politikern durchaus klarsichtig zum eigenen Macht-Vorteil genutzt.

    Wie kann man das aufbrechen? Indem man es sich ganz bewusst macht und seine Bürgerrechte, ggf. einschliesslich des zivilen Ungehorsams, immer wieder je nach Temperament und Lebenslage aber grundsätzlich aktiv vertritt bzw. verteidigt: Keine passive Bestechlichkeit durch Wahlversprechen, kein Vergessen von wirklich gravierenden sachbezogenen Fehlern beim nächsten Wahltermin, sich nicht von Attitüden der Macht sondern von der sachlichen Qualität der Argumente beeindrucken lassen, notfalls eigene Parteien oder Bürgerinitiativen gründen, langsam aber stetig den Rahmen für direkte Demokratie ausweiten, immer im Einklang mit dem Wachstum von bewusster Verantwortung, welche in der breiten Bevölkerung die jetzt verbreiteten Gefühle von Hilflosigkeit und Resignation sukzessive ersetzt...und das Allerwichtigste : jemanden, der bedeutende Charaktermängel gezeigt hat: einfach nicht wählen!!! ...usw. .... wach sein als Bürger in einem Staat bewusster Bürger eben. So würden wir nicht nur uns Wählern helfen, sondern auch den Mächtigen. Ihr "Lerndruck" würde nämlich kräftig wachsen und die Bewunderung einerseits und die psychische Machtfülle andererseits würden "automatisch" auf ein gesundes Maß gestutzt.

    Genau das ist das Dilemma von " 'demokratischem' Stimmvieh" und dies Dilemma wurde und wird von den mächtigen Politikern durchaus klarsichtig zum eigenen Macht-Vorteil genutzt.

    Wie kann man das aufbrechen? Indem man es sich ganz bewusst macht und seine Bürgerrechte, ggf. einschliesslich des zivilen Ungehorsams, immer wieder je nach Temperament und Lebenslage aber grundsätzlich aktiv vertritt bzw. verteidigt: Keine passive Bestechlichkeit durch Wahlversprechen, kein Vergessen von wirklich gravierenden sachbezogenen Fehlern beim nächsten Wahltermin, sich nicht von Attitüden der Macht sondern von der sachlichen Qualität der Argumente beeindrucken lassen, notfalls eigene Parteien oder Bürgerinitiativen gründen, langsam aber stetig den Rahmen für direkte Demokratie ausweiten, immer im Einklang mit dem Wachstum von bewusster Verantwortung, welche in der breiten Bevölkerung die jetzt verbreiteten Gefühle von Hilflosigkeit und Resignation sukzessive ersetzt...und das Allerwichtigste : jemanden, der bedeutende Charaktermängel gezeigt hat: einfach nicht wählen!!! ...usw. .... wach sein als Bürger in einem Staat bewusster Bürger eben. So würden wir nicht nur uns Wählern helfen, sondern auch den Mächtigen. Ihr "Lerndruck" würde nämlich kräftig wachsen und die Bewunderung einerseits und die psychische Machtfülle andererseits würden "automatisch" auf ein gesundes Maß gestutzt.

  2. Genau das ist das Dilemma von " 'demokratischem' Stimmvieh" und dies Dilemma wurde und wird von den mächtigen Politikern durchaus klarsichtig zum eigenen Macht-Vorteil genutzt.

    Wie kann man das aufbrechen? Indem man es sich ganz bewusst macht und seine Bürgerrechte, ggf. einschliesslich des zivilen Ungehorsams, immer wieder je nach Temperament und Lebenslage aber grundsätzlich aktiv vertritt bzw. verteidigt: Keine passive Bestechlichkeit durch Wahlversprechen, kein Vergessen von wirklich gravierenden sachbezogenen Fehlern beim nächsten Wahltermin, sich nicht von Attitüden der Macht sondern von der sachlichen Qualität der Argumente beeindrucken lassen, notfalls eigene Parteien oder Bürgerinitiativen gründen, langsam aber stetig den Rahmen für direkte Demokratie ausweiten, immer im Einklang mit dem Wachstum von bewusster Verantwortung, welche in der breiten Bevölkerung die jetzt verbreiteten Gefühle von Hilflosigkeit und Resignation sukzessive ersetzt...und das Allerwichtigste : jemanden, der bedeutende Charaktermängel gezeigt hat: einfach nicht wählen!!! ...usw. .... wach sein als Bürger in einem Staat bewusster Bürger eben. So würden wir nicht nur uns Wählern helfen, sondern auch den Mächtigen. Ihr "Lerndruck" würde nämlich kräftig wachsen und die Bewunderung einerseits und die psychische Machtfülle andererseits würden "automatisch" auf ein gesundes Maß gestutzt.

  3. Und es gibt m.E. noch einen wichtigen Aspekt: sehr viele Menschen und vielleicht vor allem Politiker (?), möchten sich aus der Menge herausheben. etwas Wichtiges, etwas Besonderes sein.

    Aber in dem Wort "besonders" steckt auch das Wort "sondern" (=absondern) und tatsächlich sind dann die "Besonderen" stets in der Gefahr sich selbst abzusondern. Das versuchen einige Politiker durch das berühmte "Bad in der Menge", durch Teilnahme an politischen Stammtischen in Heimatwahlkreis, durch Auftritte in Fernsehen und Rundfunk usw. aufzufangen. Aber dies "Gefahrenmanagement" funktioniert nur, wenn sie verstanden haben, dass das Problem nicht im äußeren Verhalten, sondern in der inneren Haltung gründet.

    Es ist eine Frage des Selbstverständnisses: Wer sich als Herrscher - und sei es über einen begrenzten Wirkungskreis - versteht, gibt damit sein Selbstverständnis als Bürger auf. Die beiden Haltungen schliessen sich nämlich - soweit ich das bisher beobachtet habe - gegenseitig aus.

    Eine wahrhafte Demokratie braucht regierende, richtende und Gesetze schaffende/überprüfende Bürger mit einem gerüttelten Maß an Courage, aber keine Herrscher!

    Da wird dann auch gleich sichtbar, dass wir oft genug Macht mit Mut verwechselt haben und nicht selten in der Gefahr sind, diesen Irrtum fortzusetzen.

  4. und möchte folgendes ergänzen:

    Politiker hinterfragen sich in der Regel nicht selbst, sonst wären sie nicht da wo sie hingekommen sind.

    In der Spracherwerbstheorie heisst das "Selbsthinterfragen" Monitoring. Das heisst ich achte nicht nur auf den Inhalt sondern auch auf meine Fehler und "schäme" mich wenn ich solche begehe.

    Schaut man sich an was unsere Spitzenpolitiker für ein Quatsch-Englisch daherreden - nicht alle, aber einige - deutet das auf "Monitor-under-use" hin also zuwenig selbstüberprüfung, generell Selbstreflexion, -hinterfragung.

    Dass ein Politiker diese feste Überzeugung von sich braucht ist klar, sonst würde er von eben dem der noch "selbstbewussterer" ist überholt. Dass Fehler gemacht und nicht eingestanden werden ist oft eine Folge genau davon. Deswegen finde ich die Idee mit den grauen Mäusen, also Menschen die ein hohes Maß an Selbstreflexion aufweisen nach Vorne zu holen, richtig gut!

    Antwort auf "Die Botschaft lautet:"
  5. Herzlichen Dank für diesen hervorragenden Artikel !

    Robert Hare ist ein gutes Stichwort, seine Bücher sprechen Bände. Es ist längst an der Zeit, für Führungspositionen Screenings durchzuführen.

    In Wirtschaftswissenschaften das Fach "Moral und Ehtik" als 4-semestriges Pflichtfach einzuführen, etc, pp.

    Vielleicht wird man das in 100 Jahren tatsächlich als Gründlage für Posten und Ämter einführen. Allerdings ist meine Hoffnung nicht sehr groß, denn das müsste ja von den Betroffenen selbst etaliert werden. Wer gibt ihnen dann noch ein Amt ?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service