Maria Böhmer"645 Euro Rente für Frauen sind nicht gerecht"

Der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen setzt sich bei den Renten fort, sagt die CDU-Politikerin Maria Böhmer. Im Interview fordert sie mehr Gerechtigkeit. von 

ZEIT ONLINE: Frau Böhmer , freuen Sie sich auf die Rente?

Maria Böhmer:(lacht) Ich denke noch lange nicht daran.

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ZEIT ONLINE: Anders als viele Frauen in Deutschland müssen sie sich zumindest keine Sorgen um ihre finanzielle Situation im Alter machen.

Böhmer: Stimmt. Die durchschnittliche eigene Rente einer heutigen Rentnerin beträgt 645 Euro. Das reicht nicht zum Leben. Die durchschnittliche eigene Rente der Männer beträgt hingegen 1.595 Euro – das sind 950 Euro Unterschied! Am heutigen Equal Pay Day fordern Frauen die Beseitigung des Lohnunterschieds zwischen den Geschlechtern . Neben dieser Entgeltlücke gibt es aber noch die Rentenlücke – sie beträgt hierzulande 59,6 Prozent.

Gender Pay Gap

Als Gender Pay Gap wird die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen bezeichnet. Einer OECD-Studie aus dem März 2012 zufolge verdienen Vollzeit beschäftigte Frauen in Deutschland durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Das belegen auch die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamt. Die Statistiker stellen eine unbereinigte Lohnlücke von 22 Prozentfest.

ImGlobal-Gender-Gap-Report des Weltwirtschaftsforums  2012 kam Deutschland auf Platz 13, 2006 war die Bundesrepublik noch auf Platz fünf gewesen.

Frauen arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Berufen und wenig in Führungspositionen. Das erklärt zwei Drittel des Lohnunterschieds. Es bleiben jedoch sieben bis acht Prozent Differenz aufgrund des Geschlechts. Dieser Unterschied wird als bereinigte Lohnlücke bezeichnet.

Gender Pension Gap

Als Gender Pension Gap wird die Rentenlücke zwischen Männern und Frauen bezeichnet. Einer Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Februar 2012 zufolge beträgt sie 59,6 Prozent. Dabei fällt der Gender Pension Gap im Osten mit 36,7 Prozent niedriger aus als im Westen mit 63,4 Prozent.

Maßgeblich für die Rentenlücke sind die weiblichen Erwerbsbiographien: Frauen, die sich für Ehe und Familie entschieden haben, bekommen sogar 69,6 Prozent weniger Rente. Sie haben für die Kindererziehung ihre Erwerbstätigkeit oft lange unterbrochen und in Teilzeit gearbeitet. Dadurch haben die Frauen nur geringe Rentenansprüche erworben.

Die heutige durchschnittliche gesetzliche Rente von Frauen beträgt 645 Euro im Monat, für Männer hingegen 1.595 Euro.

ZEIT ONLINE: Die meisten älteren Frauen – zumindest in Westdeutschland – haben ihre Erwerbstätigkeit für die Kindererziehung unterbrochen. Viele waren oft Jahrzehnte lang Hausfrau und Mutter oder haben nur in Teilzeit gearbeitet und damit nur geringe Rentenansprüche erworben.

Böhmer:  Richtig. Wobei die Teilzeitarbeit gar nicht so entscheidend für den Rentenunterschied ist. Viel gravierender wirkt sich die Unterbrechung der Erwerbstätigkeit insgesamt aus. Davon sind vor allem westdeutsche Frauen betroffen, die sich für Ehe und Familie entschieden haben. Die Gründe liegen in den weiblichen Rentenbiographien.

Allerdings hatten diese Frauen kaum eine andere Wahl, als ihre Erwerbstätigkeit für die Kindererziehung zu unterbrechen. Als ihre Kinder klein waren, gab es keinen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz – den gibt es erst seit 1996. Es gab kein Elterngeld, keine dreijährige Erziehungszeit mit Rückkehrgarantie in den Beruf, keine Hortbetreuung und keine Ganztagsschulen. Es gab auch keine flexiblen Arbeitszeitmodelle und viel weniger Teilzeitstellen. Trotzdem haben diese Frauen eine Lebensleistung erbracht. Das bedeutet ja nicht nur Erwerbsarbeit, sondern auch die Erziehung von Kindern. Diese Kinder sind die heutigen Beitragszahler ins Rentensystem. Gerade künftige Rentnerinnen sind zudem von der Absenkung des Rentenniveaus und den Änderungen bei der Witwenrente betroffen.

Maria Böhmer
Maria Böhmer

Die CDU-Politikerin Maria Böhmer ist Integrationsbeauftragte Beauftragte der Bundesregierung sowie Bundesvorsitzende der Frauen Union.

ZEIT ONLINE: Müssen wir also das Rentensystem ändern?

Böhmer:  Wir müssen es gerechter machen. Unsere Rentenversicherung beruht auf einem Generationenvertrag. Wer Kinder erzieht, trägt seinen Anteil an diesem Generationenvertrag. Durch die Kindererziehungszeiten erkennen wir diesen wertvollen Beitrag für das System an. Es geht um die Lebensleistung ganzer Frauengenerationen.

ZEIT ONLINE: Aber Kindererziehungszeiten werden doch auf die Rente angerechnet.

Böhmer:  Aber es geht nicht gerecht zu. Mütter, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, bekommen nur ein Jahr Kindererziehungszeit anerkannt. Für Kinder, die ab 1992 auf die Welt kamen, werden drei Jahre angerechnet. Ältere Frauen haben abermals das Nachsehen.

Die Erziehungszeiten werden wie die Pflichtbeitragszeiten eines Durchschnittsverdieners bewertet. Die Schere zwischen den Frauengenerationen hat sich sogar noch aufgetan: Mütter, deren Kinder nach 1992 geboren wurden und die bis zu deren 10. Lebensjahr nur Teilzeit gearbeitet haben, bekommen insgesamt 5,3 Jahre angerechnet. Ich sehe hier erheblichen Handlungsbedarf, vor allem für die künftigen Rentnerinnen. Würde das geschehen, bekämen sie je Kind etwa 55 Euro mehr Rente im Monat.

Leserkommentare
    • ludna
    • 23. März 2012 7:55 Uhr

    Frau Böhmer zielt mit ihrem Vorschlag sicher auf die gutbürgerlichen Wähler. Mann verdient fette Kohle, Frau bleibt zu Hause.
    Für diese Schicht soll es noch mehr Geld geben.

    Wie grenzt man aber diese von Hartz IV Beziehern ab ? Auch dort haben sich die Frauen für die Familie entschieden. Sie sind jedoch sogar in der Rentenkasse versichert.

    • xypher
    • 23. März 2012 7:57 Uhr

    Frau Böhmer redet von Gerechtigkeit und erarbeitet mit den klerikalfaschisten von der DITIB einen "Aktionsplan gegen Rechtsextremismus".
    Was ist mit den Ausländergruppen, die nicht dem Islam angehören?

    Gerechtigkeit? Ich nennen das "Neues aus Schilda".

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    • Deify
    • 23. März 2012 11:16 Uhr

    Ich verstehe Ihren Kommentar weder inhaltlich, noch, was er mit der Rente zu tun hat. Bin ich uninformiert?

  1. Mittelschicht, zwei bis drei Kinder und immer noch verheiratet, dann sehe ich Frauen, die sich ihre Rentenanwartschaften beim ersten Kind auszahlen ließen und "immer zuverdienten" selbst wenn die Kinder bei den Großeltern gut versorgt den Nachmittag verbrachten und vormittags im Kindergarten oder später der Schule untergebracht waren.

    Viele haben weder die Idee gehabt noch die Umsetzung versucht, eine eigene Rente zu erarbeiten. Die es taten, wie eine gute Bekannte meiner Mutter mit drei Söhnen zwischen 1944 und 1952 geboren, haben auch heute Renten wie ein Mann, der erwerbstätig war.

    Bei Frau.tv war vor kurzem eine Frau, die seit den frühen 80ern geschieden war, Kinder hatte, als Altenpflegerin immer erwerbstätig war, seit den 80ern und jetzt sehr wenig Rente zu erwarten hat. Wieso wurde zunächst nicht erwähnt, bis man dann raus rückte: sie hat teilzeit gearbeitet, alle Überstunden sozialabgabenfrei kassiert und damit sehr wenig in die Rentenkasse eingezahlt.

    Die Moderatorin sagte, dass bisher nicht klar war, dass wenig eingezahlt würde bei Teilzeit und man die Überstunden ohne Rentenkassenzahlung kassieren könne. Da sei das Problem, man habe es den Frauen ermöglicht und jetzt solle man das begradigen...

    Dass es der Frau klar war, würde ich schon annehmen und vor der Rentensache hat sie das auch gern so kassiert.

    Und dann wurde geklagt, dass die Geschiedenen deshalb wenig gearbeitet hätten, weil sie den Mann als Versorger ansähen auch nach Scheidung - komisch!

    • thbode
    • 23. März 2012 8:15 Uhr

    Gruppen und Grüppchen die eine Lobby-Stimme erhalten, können damit rechnen gefördert zu werden. Die durch das Raster fallen schauen in die Röhre.
    Es sollte endlich wieder stärker ein Ansatz Geltung erhalten der allen ein menschenwürdiges Leben sichert. Dass ständig irgendjemand in Politik oder Verbänden Urteile über die moralischen und gesellschaftlichen "Verdienste" von Menschen abgibt und danach die Zuteilung von Wohltaten verfügt, ist Quatsch. Dabei spielt es keine Rolle ob das negative Leistungen wie Abgaben- und Steuersenkungen oder positive wie Zahlungen sind. Dem liegt ein Menschenbild zugrunde das von gleich 2 falschen Voraussetzungen ausgeht. Dass man anderen, vor allem Ärmeren, mit Misstrauen begegnen muss, und dass die Entscheider in der Regel zu gerechten Urteilen kommen. Es wurden in den letzten 20 Jahren ungeheure Geldmengen in privater Hand gesammelt, aufgrund solcher Weichenstellungen, wo sie weder den Besitzern einen Zugewinn an Glück verschaffen noch der Volkswirtschaft und Gesellschaft nutzen. Das ist eine Folge des verlogenen Leistungs-Träger -Mythos der von deren Lobby gepredigt wird. Wenn endlich eine vernünftige, ausgeglichenere Verteilung des Gesamtvermögens gäbe bräuchte man nicht so um diese Partikularinteressen kämpfen.

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    Deutlich. Wir haben ein Verteilungsproblem!

    Eine Ursache ist das jetzige Geldsystem.

    Nachzulesen in Kommentar 110:

    http://blog.zeit.de/herde...

    Warte noch auf das Gesetz, das alle Menschen Verplichtet in eine Privatrente einzuzahlen. Fragt sich nur, wer für die Rendite dieser Versicherungen aufkommen soll?

    Vollgeld als Bürgergeld, und Zuschuss, Einzuzahlen in die Sozialversicherungen. Dann kann die Rentenversicherung auch wieder Anständige Renten bezahlen!

  2. ansonsten ist der beginnende Wahlk(r)ampf daran zu erkennen, dass die CDU wieder unfinanzierbare Wohltaten für ihr Hauptclientel verschenken will.

    • masera
    • 23. März 2012 8:33 Uhr

    An der Forderungshaltung der Frauen kann man ablesen welche Verwöhnung sie gewohnt waren und sind - und welche Schicht sich da beklagt.

    Hat es je Mitleid erregt, wenn Männer als Obdachlose verkommen, und hat dabei von Ungerechtigkeit geredet?

    Da heißt es dann, selbst schuld, so ist das Leben. Sicherlich gibt es auch dafür ->caritativ-soziale<- Gegenmassnahmen. Da weiß man dann gleich, dass die Rolle des Bedürf5igen unangefochten bleibt und prinzipiell gar nicht zur Debatte steht.

    Die vertikalen Lohnunterschiede zwischen Männern sind ja um ein vielfaches 'ungetechter' as die horizontalen zwischen Frauen und Männern. Da heißt es dann: Selbst verantwortlich, hätte Mann sich mehr durchsetzen, leisten, rbeiten härter arbeiten müssen. Da haben wir noch nicht einmal einen Mindestlohn.
    Den Kommunismus, die Planwirtschaft etc. Haben wir verworfen, und die Unigerechtigkeiten in Kauf genommen.Und man frägt sich, ob Frauen dies als dumme Männerkämpfe und als fremde Angelegenheiten abgespeichert haben, als würde das, um was da gestritten wurde, sie nichts angehen, und als wären diese Ungerechtigkeiten, jetzt da sie selbst betroffen sind, ganz andere.

    Da wird mit einer Naivität von Ungerechtigkeit gesprochen, mit einem Selbstmittleid, so prinzipiell - und als das Männer betraf, war das alles egal?

    Es widert mich immer mehr an, wie Frauen die Gesellschaft als den Versorger betrachten, und implizit davon ausgehen, dass die Männer für die Gesellschaft da zu sein haben.

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    es geht nicht darum, dass es als selbstverständlich angesehen wurde (unbd zumt eil noch immer angeshen wird), dass frauen für kinder ihre erbwerbstätigkeit unterbrechen; von der selbstverständlichkeit, dass frau ihr leben lang von einem mann ausgehalten wird. kinderbetreuung gabs damals quasi nicht.

    das hat nichts, aber auch absolut nichts mit verwöhnung durch den staat zu tun, noch mit zu wenig harter arbeit. und ihr männer habt schlussendlich auch von einem solchen system profitiert.

    das man sich aufregt. Allerdings sind das ja nicht "die Frauen", die alles mögliche fordern. Das Interview illustriert geradezu exemplarisch die schlechten Seiten des politischen Geschäfts: Fr. Böhmer stellt sich einfach mal mit Forderungen hin, das Argument ist wie immer Gerechtigkeit. Es geht dabei wenig um die Sache, sondern hauptsächlich darum, sich ins Gespräch zu bringen oder dort zu halten. Im besten Fall ist das Thema für Fr. Böhmer nach kurzer Zeit erledigt. Es bringt dann nämlich keine Schlagzeilen mehr.

    Sehr geehrte_r "masera",

    Ihnen ist in Ihrer Polemik offensichtlich der ein oder andere historische Fakt entgangen. Bei Heirat verlor die Frau bis in die 70ger Jahre hinein noch das Recht, Ihre eigenen Finanzen zu verwalten, bzw. über diese zu entscheiden. Sämtliches Vermögen ging per Eheschließung automatisch an den Ehemann über. Bis in die 60ger Jahre war es in einigen westdeutschen Bundesland den Frauen nicht möglich, ihren Beruf nach Heirat weiter auszuführen, entweder per Gesetz ("Lehrerinnenzölibat", abgeschafft m.E. in Bayern erst 1957) oder lediglich nur mit Einverständnis ihres Ehemannes.
    Ich kann diese Liste derjenigen Einschränkungen, denen die Frau in Deutschland noch lange Jahre unterworfen war gern fortführen...

    Vielleicht lässt sich daraus für Sie die schlechte Lage einiger Rentnerinnen erschließen und Sie beginnen, die Problemlage etwas differenzierter zu sehen.

    Ihre Polemik ist die ewig gleiche Männerpolemik... Das klassische bourdieu'sche Phänomen der in den Körper eingeschriebenen Kultur: Das Problem möchte oder will sogar von Ihnen nicht erkannt werden, da Sie gefangen sind in androzentrischen, i.e. männlichen Normen-Weltbild.

    Und noch ein weiterer Aspekt - ich weiß nicht, wie alt Sie sind - aber was denken Sie, wer hat diejenigen Kinder geboren, groß gezogen und erzogen, die nun fleißig in die Rentenkassen einzahlen, damit Sie Ihre Rente erhalten (jetzt oder irgendwann einmal)? Und wie viel Zeit mag dieser Aufwand wohl in Anspruch nehmen? Bezahlbar?

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