Maria Böhmer : "645 Euro Rente für Frauen sind nicht gerecht"

Der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen setzt sich bei den Renten fort, sagt die CDU-Politikerin Maria Böhmer. Im Interview fordert sie mehr Gerechtigkeit.

ZEIT ONLINE: Frau Böhmer , freuen Sie sich auf die Rente?

Maria Böhmer:(lacht) Ich denke noch lange nicht daran.

ZEIT ONLINE: Anders als viele Frauen in Deutschland müssen sie sich zumindest keine Sorgen um ihre finanzielle Situation im Alter machen.

Böhmer: Stimmt. Die durchschnittliche eigene Rente einer heutigen Rentnerin beträgt 645 Euro. Das reicht nicht zum Leben. Die durchschnittliche eigene Rente der Männer beträgt hingegen 1.595 Euro – das sind 950 Euro Unterschied! Am heutigen Equal Pay Day fordern Frauen die Beseitigung des Lohnunterschieds zwischen den Geschlechtern . Neben dieser Entgeltlücke gibt es aber noch die Rentenlücke – sie beträgt hierzulande 59,6 Prozent.

ZEIT ONLINE: Die meisten älteren Frauen – zumindest in Westdeutschland – haben ihre Erwerbstätigkeit für die Kindererziehung unterbrochen. Viele waren oft Jahrzehnte lang Hausfrau und Mutter oder haben nur in Teilzeit gearbeitet und damit nur geringe Rentenansprüche erworben.

Böhmer:  Richtig. Wobei die Teilzeitarbeit gar nicht so entscheidend für den Rentenunterschied ist. Viel gravierender wirkt sich die Unterbrechung der Erwerbstätigkeit insgesamt aus. Davon sind vor allem westdeutsche Frauen betroffen, die sich für Ehe und Familie entschieden haben. Die Gründe liegen in den weiblichen Rentenbiographien.

Allerdings hatten diese Frauen kaum eine andere Wahl, als ihre Erwerbstätigkeit für die Kindererziehung zu unterbrechen. Als ihre Kinder klein waren, gab es keinen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz – den gibt es erst seit 1996. Es gab kein Elterngeld, keine dreijährige Erziehungszeit mit Rückkehrgarantie in den Beruf, keine Hortbetreuung und keine Ganztagsschulen. Es gab auch keine flexiblen Arbeitszeitmodelle und viel weniger Teilzeitstellen. Trotzdem haben diese Frauen eine Lebensleistung erbracht. Das bedeutet ja nicht nur Erwerbsarbeit, sondern auch die Erziehung von Kindern. Diese Kinder sind die heutigen Beitragszahler ins Rentensystem. Gerade künftige Rentnerinnen sind zudem von der Absenkung des Rentenniveaus und den Änderungen bei der Witwenrente betroffen.

Maria Böhmer

Die CDU-Politikerin Maria Böhmer ist Integrationsbeauftragte Beauftragte der Bundesregierung sowie Bundesvorsitzende der Frauen Union.

ZEIT ONLINE: Müssen wir also das Rentensystem ändern?

Böhmer:  Wir müssen es gerechter machen. Unsere Rentenversicherung beruht auf einem Generationenvertrag. Wer Kinder erzieht, trägt seinen Anteil an diesem Generationenvertrag. Durch die Kindererziehungszeiten erkennen wir diesen wertvollen Beitrag für das System an. Es geht um die Lebensleistung ganzer Frauengenerationen.

ZEIT ONLINE: Aber Kindererziehungszeiten werden doch auf die Rente angerechnet.

Böhmer:  Aber es geht nicht gerecht zu. Mütter, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, bekommen nur ein Jahr Kindererziehungszeit anerkannt. Für Kinder, die ab 1992 auf die Welt kamen, werden drei Jahre angerechnet. Ältere Frauen haben abermals das Nachsehen.

Die Erziehungszeiten werden wie die Pflichtbeitragszeiten eines Durchschnittsverdieners bewertet. Die Schere zwischen den Frauengenerationen hat sich sogar noch aufgetan: Mütter, deren Kinder nach 1992 geboren wurden und die bis zu deren 10. Lebensjahr nur Teilzeit gearbeitet haben, bekommen insgesamt 5,3 Jahre angerechnet. Ich sehe hier erheblichen Handlungsbedarf, vor allem für die künftigen Rentnerinnen. Würde das geschehen, bekämen sie je Kind etwa 55 Euro mehr Rente im Monat.

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185 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

Hartz IV

Frau Böhmer zielt mit ihrem Vorschlag sicher auf die gutbürgerlichen Wähler. Mann verdient fette Kohle, Frau bleibt zu Hause.
Für diese Schicht soll es noch mehr Geld geben.

Wie grenzt man aber diese von Hartz IV Beziehern ab ? Auch dort haben sich die Frauen für die Familie entschieden. Sie sind jedoch sogar in der Rentenkasse versichert.

Wenn ich diese Frauen sehe, die jetzt in Rente sind oder gehen..

Mittelschicht, zwei bis drei Kinder und immer noch verheiratet, dann sehe ich Frauen, die sich ihre Rentenanwartschaften beim ersten Kind auszahlen ließen und "immer zuverdienten" selbst wenn die Kinder bei den Großeltern gut versorgt den Nachmittag verbrachten und vormittags im Kindergarten oder später der Schule untergebracht waren.

Viele haben weder die Idee gehabt noch die Umsetzung versucht, eine eigene Rente zu erarbeiten. Die es taten, wie eine gute Bekannte meiner Mutter mit drei Söhnen zwischen 1944 und 1952 geboren, haben auch heute Renten wie ein Mann, der erwerbstätig war.

Bei Frau.tv war vor kurzem eine Frau, die seit den frühen 80ern geschieden war, Kinder hatte, als Altenpflegerin immer erwerbstätig war, seit den 80ern und jetzt sehr wenig Rente zu erwarten hat. Wieso wurde zunächst nicht erwähnt, bis man dann raus rückte: sie hat teilzeit gearbeitet, alle Überstunden sozialabgabenfrei kassiert und damit sehr wenig in die Rentenkasse eingezahlt.

Die Moderatorin sagte, dass bisher nicht klar war, dass wenig eingezahlt würde bei Teilzeit und man die Überstunden ohne Rentenkassenzahlung kassieren könne. Da sei das Problem, man habe es den Frauen ermöglicht und jetzt solle man das begradigen...

Dass es der Frau klar war, würde ich schon annehmen und vor der Rentensache hat sie das auch gern so kassiert.

Und dann wurde geklagt, dass die Geschiedenen deshalb wenig gearbeitet hätten, weil sie den Mann als Versorger ansähen auch nach Scheidung - komisch!

Gruppen-Interessen-Gerechtigkeit?

Gruppen und Grüppchen die eine Lobby-Stimme erhalten, können damit rechnen gefördert zu werden. Die durch das Raster fallen schauen in die Röhre.
Es sollte endlich wieder stärker ein Ansatz Geltung erhalten der allen ein menschenwürdiges Leben sichert. Dass ständig irgendjemand in Politik oder Verbänden Urteile über die moralischen und gesellschaftlichen "Verdienste" von Menschen abgibt und danach die Zuteilung von Wohltaten verfügt, ist Quatsch. Dabei spielt es keine Rolle ob das negative Leistungen wie Abgaben- und Steuersenkungen oder positive wie Zahlungen sind. Dem liegt ein Menschenbild zugrunde das von gleich 2 falschen Voraussetzungen ausgeht. Dass man anderen, vor allem Ärmeren, mit Misstrauen begegnen muss, und dass die Entscheider in der Regel zu gerechten Urteilen kommen. Es wurden in den letzten 20 Jahren ungeheure Geldmengen in privater Hand gesammelt, aufgrund solcher Weichenstellungen, wo sie weder den Besitzern einen Zugewinn an Glück verschaffen noch der Volkswirtschaft und Gesellschaft nutzen. Das ist eine Folge des verlogenen Leistungs-Träger -Mythos der von deren Lobby gepredigt wird. Wenn endlich eine vernünftige, ausgeglichenere Verteilung des Gesamtvermögens gäbe bräuchte man nicht so um diese Partikularinteressen kämpfen.

Ihr Kommentar sagt es schon sehr

Deutlich. Wir haben ein Verteilungsproblem!

Eine Ursache ist das jetzige Geldsystem.

Nachzulesen in Kommentar 110:

http://blog.zeit.de/herde...

Warte noch auf das Gesetz, das alle Menschen Verplichtet in eine Privatrente einzuzahlen. Fragt sich nur, wer für die Rendite dieser Versicherungen aufkommen soll?

Vollgeld als Bürgergeld, und Zuschuss, Einzuzahlen in die Sozialversicherungen. Dann kann die Rentenversicherung auch wieder Anständige Renten bezahlen!