Arbeitszeiten"Frühaufsteher anders als Langschläfer einsetzen"

Unternehmen könnten produktiver sein, wenn die Mitarbeiter nach ihrem Zeitrhythmus eingesetzt würden. Wie das funktioniert, erklärt der Zeitforscher Karlheinz Geißler. von Liane Borghardt

Frage: Herr Professor Geißler, der VW-Betriebsrat hat für einen Teil seiner Mitarbeiter jüngst einen E-Mail-Stopp nach Feierabend durchgesetzt. Ist das nicht naiv in Zeiten globaler Ökonomie und weltweiter digitaler Vernetzung?

Karlheinz Geißler: Das Ziel ist dasselbe wie vor über hundert Jahren, als die Gewerkschaften den Achtstunden-Tag forderten: Nämlich den Erhalt der Arbeitskraft zu sichern. Die nicht-tariflichen Mitarbeiter bei VW sind ja von dieser Regelung ausgenommen. Das würde mit den Ansprüchen eines globalisierten Unternehmens kollidieren.

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Frage: Eben – es wäre doch weltfremd zu glauben, dass sich einer der größten Automobilkonzerne der Welt dem Einsatz neuer Technologien entziehen könnte, die uns Aufgaben von überall und schneller erledigen lassen denn je.

Geißler: Rein ökonomisch betrachtet hat mobiles Arbeiten fast nur Vorteile. Wachstum ist nur durch Beschleunigung zu erzielen. Wer auf dem globalen Markt aktiv ist, muss Zeitzonen überschreiten. Also lautet die Logik der Ökonomie: Schneller ist besser. Die Ökonomie kennt kein Genug. Die Frage ist jedoch, wie weit die Menschen sich mit ihrer Zeitnatur diesem Prinzip anpassen können. Denn Menschen kennen ein Genug. Sie werden müde, erschöpft und erleiden, ignorieren sie das "Genug," einen Burn-out .

Frage:Wie können Manager dem vorbeugen

Karlheinz Geißler
Karlheinz Geißler

Karlheinz Geißler ist emeritierter Professor für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher.

Geißler: Führungskräfte kennen die ihnen von ihrer Zeitnatur gesetzten Grenzen oft nicht. Sie müssen das Pausenmachen, das Abwarten, den Rhythmus als Qualitätsmerkmal neu entdecken. Insbesondere Führungskräften mangelt es an einer Rhythmisierung ihres Arbeitsalltags. Das belastet sie, macht sie auf Dauer krank und mindert die Arbeitsmotivation.

Frage: Von Führungskräften wird aber völlige Flexibilität erwartet ...

Geißler: Aber der Mensch ist nur in Grenzen flexibel. Er wird täglich etwa zur selben Zeit müde. Man muss seine eigene Zeitnatur kennen, muss wissen, wann man Leistungshöhepunkte, wann Leistungstiefs hat und diese dann mit den Anforderungen des Arbeitgebers und der Familie/Kinder abstimmen. Das heißt begrenzte, aber keine totale Flexibilität.

Leserkommentare
  1. wird sich aber in der Realität nicht überall durchsetzen können. Wir müssen letztendlich fast alle im Gleichschritt funktionieren...außer, wir sind selbstständig/unser eigener Herr. Oder jemand man hat das Glück, und arbeitet in Gleitzeit.

  2. wenn man zwei oder drei Schichten fahren oder kurzfristige Lieferzeiten einhalten muss. Kunden haben leider wenig Verständnis für die Gewohnheiten von Mitarbeitern auf Lieferantenseite. Sorry, Frau X, ihre Liefertermine sind künftig abhängig von den Schlafgewohnheiten und flexiblen Pausenzeiten meines Teams; unserer Organisation ??

    Zum Qualitätsmerkmal einer Führungskraft gehört eben nicht der gleichmäßige Rhytmus; sondern die situativ richtigen Entscheidungen zu treffen. Diese Situationen oder Ereignisse treten nicht rhytmisch auf, sondern meist unverhofft. Auch während Führungskraft Pause macht oder kurz vor Feierabend.

    Ich werde übrigens nicht jeden Tag zur gleichen Zeit müde. Manchmal bin ichs bereits um 14 Uhr, manchmal um 23 Uhr noch immer nicht. Auch bei Mitarbeitern verschieben sich die Leistungshöhepunkte zeitlich, aber auch durch unterschiedlichen Aufgabenstellung..

    Alles in allem eine stark differenzierungswürdige Geschichte.

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    • M.v.L.
    • 23. März 2012 15:41 Uhr

    Soweit ich das überblicke, hat der Artikel gar nicht den Anspruch das Thema erschöpfend und ausreichend ausdifferenziert zu erörtern - was er auch gar nicht könnte und in einer (Online)Zeitung auch gar nicht angebracht wäre.

    Die Einstellung, dass ein Arbeiter (Sei es nun eine Führungskraft oder ein "einfacher" Angestellter) feste Pausen- und Schlusszeiten hat, ist sehr zu beführworten. In der Mittagspause sollte man sich gar nicht erst darauf einlassen, noch schnell dies oder jenes zu machen. Dieses Dogma der Wirtschaft, man müsste jederzeit zur Verfügung stehen, sollte der Mensch schnellstmöglich durchbrechen. Den letztendlich sollte der Markt dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Wir sollten anfangen uns auch so zuverhalten.

    • M.v.L.
    • 23. März 2012 15:41 Uhr

    Soweit ich das überblicke, hat der Artikel gar nicht den Anspruch das Thema erschöpfend und ausreichend ausdifferenziert zu erörtern - was er auch gar nicht könnte und in einer (Online)Zeitung auch gar nicht angebracht wäre.

    Die Einstellung, dass ein Arbeiter (Sei es nun eine Führungskraft oder ein "einfacher" Angestellter) feste Pausen- und Schlusszeiten hat, ist sehr zu beführworten. In der Mittagspause sollte man sich gar nicht erst darauf einlassen, noch schnell dies oder jenes zu machen. Dieses Dogma der Wirtschaft, man müsste jederzeit zur Verfügung stehen, sollte der Mensch schnellstmöglich durchbrechen. Den letztendlich sollte der Markt dem Menschen dienen und nicht umgekehrt. Wir sollten anfangen uns auch so zuverhalten.

    Antwort auf "Geht natürlich nicht"

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  • Schlagworte Arbeitgeber | Führungskraft | Globalisierung | Logik | Technologie | Ökonomie
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