IG Metall: Die Schattenseiten der Leiharbeit
Die IG Metall legt ihr "Schwarzbuch Leiharbeit" vor: Zeitarbeiter verdienen halb so viel wie Stammarbeiter, nur wenige schaffen den Sprung in eine Festanstellung.
Die Zahl der Leiharbeiter hat im Juli 2011 Rekordniveau erreicht: 910.000 Beschäftigte arbeiten in diesem atypischen Beschäftigungsverhältnis. 17.400 Betriebe verleihen Mitarbeiter – vor allem an Großunternehmen. Diese bezahlen die Leiharbeiter meist schlecht. Während der Durchschnittslohn der Stammarbeiter 2.702 Euro beträgt, bekommen die Leiharbeiter im Mittel 1.419 Euro – und zwar brutto. Elf Prozent dieser Beschäftigten beziehen aufstockend Sozialleistungen, um sich und ihre Familien ernähren zu können.
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Die Zahlen stammen aus dem "Schwarzbuch Leiharbeit", das die Gewerkschaft IG Metall an diesem Donnerstag veröffentlicht. Es stellt Zahlen und Fakten zur Leiharbeit in Deutschland zusammen und lässt Leiharbeiter zu Wort kommen. Einer von Ihnen wird wie folgt zitiert: "Die Unternehmen planen mit Billigarbeitern, um den Gewinn zu maximieren. Wir brauchen wieder die zeitliche Begrenzung. Das würde vieles vereinfachen. Ich bin seit zehn Jahren Leiharbeiter."
Wie andere hat dieser Leiharbeiter an einer Umfrage der IG Metall im November 2011 teilgenommen. Sie war Teil der IG-Metall-Initiative Gleiche Arbeit, Gleiches Geld, aus der auch das Schwarzbuch entstanden ist. In dem Band kritisiert die Gewerkschaft die Rahmenbedingungen der Leiharbeit. Diese würden die Unternehmen geradezu zum Missbrauch einladen.
Viele Unternehmen nutzen Leiharbeit mittlerweile als Personalstrategie, mit dem Ziel, die Lohnkosten zu senken, kritisieren die Autoren des Schwarzbuches. So greife jeder zweite Betrieb mit über 250 Beschäftigten dauerhaft auf Leiharbeit zurück – fast die Hälfte dieser Unternehmen hat einen Leiharbeiteranteil von mehr als 20 Prozent.
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Immer wieder sei zu beobachten, dass die Zahl der Leiharbeiter mit jedem Konjunkturzyklus ansteige. In Krisenzeiten würden sowohl Leiharbeiter als auch Stammarbeiter entlassen – hinterher würden aber vor allem Leiharbeiter wieder eingestellt. Oft sind dies die ehemaligen Stammarbeiter, die nun zu schlechteren Bedingungen wieder ihrem alten Job nachgingen.
Leiharbeit führt selten in feste Jobs
Am Montag hatte auch die Bertelsmann-Stiftung eine Studie über Leiharbeit veröffentlicht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass nur ein gleicher Lohn für Leiharbeiter und Stammbeschäftigte den Missbrauch verhindern könne. Die Bertelsmann-Studie sieht allerdings keine Verdrängung von Stammbelegschaften durch Leiharbeiter: Ein gleichzeitiger Aufbau von Leiharbeitern bei gleichzeitigem Abbau der Stammbelegschaft sei nur selten zu beobachten. Vielmehr habe sich gezeigt, dass in der Wirtschaftskrise Leiharbeiter entlassen wurden – die Betriebe nach der Krise aber Stammarbeiter eingestellt hätten, schreiben die Autoren der Studie.
Welcher Seite man auch glauben mag: Sicher ist, dass Leiharbeit als Instrument, das Langzeitarbeitslose wieder in feste Jobs führt, kaum taugt. Nur sieben Prozent der zuvor arbeitslosen Leiharbeiter schaffen durch Leiharbeit den Sprung in die Festanstellung. Und nur jeder zehnte der neu eingestellten Leiharbeiter war vorher langzeitarbeitslos.
Stattdessen zeigt sich, dass Leiharbeit wie eine Endlosschleife prekärer, befristeter Arbeitsverhältnisse wirkt. Die allermeisten hangeln sich von Entleihung zu Entleihung und tragen dabei ein hohes Risiko, wieder arbeitslos zu werden. In Krisenzeiten werden Leiharbeiter meist als erstes entlassen. Und durch den geringen Lohn sind ihre Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung gering, privat vorsorgen können nur wenige. Es ist zu befürchten, dass viele Leiharbeiter im Alter auf Sozialleistungen angewiesen sein werden.






Solange der Leiharbeiter einem Unternehmen billiger kommt als ein festangestellter Mitarbeiter, wird, ja muss das Unternehmen versuchen, den Anteil der Leiharbeiter zu erhöhen und den der festen Mitarbeiter zu verringern. Da hilft nichts: dieser Mechanik kann man nur entgehen, wenn der Leiharbeiter dem Unternehmer mindestens dasselbe kostet. Alle anderen Maßnahmen sind Augenwischerei. Dass die Gewerkschaften sich dieses Themas annehmen, ist löblich. Allerdings muss man auch sehen, dass die Gewerkschaften sich nach wie vor zu sehr als Interessenvertreter der unbefristet eingestellten Arbeitnehmer verstehen. Es sind ja nicht nur die Leiharbeiter, sondern vor allem die Arbeitslosen, für die die Gewerkschaften zu wenig tun. Jedesmal, wenn sie für ihre Klientel der festangestellten Arbeitnehmer etwas mehr herausholen und deren Standard verbessern, wachsen aus Sicht der Unternehmen die Kosten und damit deren Versuche, die Zahl der festangestellten irgendwie zu verringern. Da sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt: Leiharbeiter, Aushilfen, Praktikanten, Schein-Selbstständige, Ketten-Arbeitsverträge, Outsourcing usw. Man sieht an der Aufspaltung des Arbeitsmarktes, dass der Trend ungebrochen ist, die Zahl der Vollzeitbeschäftigten mit guten Konditionen permanent zu verringern. Die Gewerkschaften müssten daher alle Arbeitenden oder Arbeitssuchenden im Blick behalten, was dann allerdings die Folge haben kann, dass das Stammklientel sich unter Umständen finanzielle verschlechtert. Über dieses Tabu kommen die Gewerkschaften bis jetzt nicht hinweg.
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