FachkräftemangelExperten sehen keinen Mangel an Ingenieuren

Der Fachkräftemangel bei Ingenieuren ein Rechenfehler? Das DIW hat ermittelt, dass in Deutschland keine fehlen. Die Forscher warnen sogar vor einem künftigen Überangebot. von 

Mitten in der Debatte um den Fachkräftemangel überrascht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung ( DIW ) mit einer Studie . Die Forscher des Instituts äußern darin erhebliche Zweifel am Ingenieursmangel. Rein rechnerisch sei ein Mangel an Ingenieuren nicht nachvollziehbar, sagt Karl Brenke, einer der Arbeitsmarktexperten des Instituts. Weder seien Ingenieure in Deutschland älter als andere Berufsgruppen, ein Generationswechsel stehe nicht bevor. Noch sei die Nachfrage nach den Fachleuten so groß, dass sie nicht durch die Absolventen der ingenieurswissenschaftlichen Studiengänge gedeckt werden könnte. Im Gegenteil: In den vergangenen Jahren habe es einen regelrechten Ansturm auf die Ingenieurswissenschaften gegeben. Die Forscher warnen deshalb sogar davor, dass es statt eines Mangels bald ein Fachkräfteüberangebot geben könnte.

Die These vom Fachkräftemangel unter Ingenieuren stützte sich bislang auf zwei Quellen. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) liefert Daten über offene Stellen und arbeitslose Ingenieure. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) errechnet aus den Daten der Bundesagentur zusammen mit dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die Zahl der offenen Stellen und die Fachkräftelücke. Im Ingenieursmonitor für den Februar 2012 stellte der VDI rund 105.700 offene Ingenieursstellen fest. Zugleich fehlten rund 87.000 Ingenieure auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Das sei ein Rekordwert, behauptet der Verband.

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Tina Groll
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Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Doch wie kommt der VDI auf seine Zahl? Der Verein stützt sich bei seiner Berechnung auf eine Umfrage aus dem Jahr 2009. Demnach wird lediglich jede siebte Ingenieursstelle bei der Bundesagentur gemeldet. Deshalb multipliziert der Verein diese Zahl mit dem Faktor Sieben. Dieser Zahl wird dann die Anzahl der arbeitslos gemeldeten Ingenieure gegenübergestellt – derzeit sind das 18.882 Personen. So kommt der VDI auf die Lücke von 87.000 Fachkräften.

Kritik an der VDI-Berechnung

Der DIW-Forscher Karl Brenke hält diese Berechnung für nicht seriös. Er hat sich die Daten genauer angesehen und schätzt den jährlichen Bedarf an Ingenieuren auf 30.000. Da jährlich mehr als 50.000 Ingenieursstudenten ihren Abschluss machen, dürfte der Bedarf leicht gedeckt werden – auch wenn nicht alle Hochschulabsolventen tatsächlich auch sofort als Ingenieure auf dem Arbeitsmarkt tätig sind.

Wie hat Brenke gerechnet? Der Arbeitsmarktforscher hat für seine Untersuchung die Zahl der bei der BA erfassten sozialversicherungsbeschäftigten Ingenieure herangezogen sowie den Mikrozensus von 2008, weil dieser auch selbständige Ingenieure erfasst. Außerdem hat er die Altersstruktur des Berufsstands genauer untersucht, um herauszufinden, wie hoch der jährliche Bedarf wirklich ist.

Wie viele Ingenieure fehlen, weil ältere Arbeitnehmer in Rente gehen? Dafür hat sich Brenke das Durchschnittsalter der Beschäftigten angeschaut und wie es sich entwickelt: Im Jahr 2000 lag es unter Festangestellten bei 42,2 Jahren. Acht Jahre später betrug es 43,3 Jahre – es war also etwas gestiegen. Heute, weitere fünf Jahre später, dürfte es nicht wesentlich höher liegen, zumindest dürften nicht mehr als die Hälfte der Ingenieure über 50 Jahre alt sein. Lediglich 110.000 Ingenieure sind älter als 55 Jahre. Nimmt man nun an, dass viele von ihnen früher in Rente gehen, ist ein Bedarf von etwa 20.000 Ingenieuren pro Jahr wahrscheinlich, rechnet Brenke vor.

Leserkommentare
  1. Heyho,

    vielleicht wird auch nur behauptet, es gebe so viele offene Stellen, um mehr Ingenieure in die Hochschulen oder aus dem Ausland zu locken und später die Gehälter drücken zu können. Gute Fachkräfte sind schließlich nicht umsonst zu haben ...

    20 Leserempfehlungen
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    ...dass der Mangel so nicht stimmt ist ja ein alter Hut, aber jede Wette: schon nächste Woche lesen wir wieder die gewohnten Artikel, die den ganz großen Fachräfte-Gau als gegeben annehmen und mehr Anwerbung im Ausland fordern.

  2. ...da haben sich die VDI und die Regierung eine supertolle Möglichkeit zum Lohndumping ausgedacht und jetzt kommt das DIW mit ihrer Studie und behaupet glatt das Gegenteil.
    So geht das nicht meine Damen und Herren.
    Es herrscht Facharbeitermangel und niemand hat das in Frage zu stellen.
    Das wäre ja noch schöner, wenn Tatsachen die Theorie verwässern...

    :-)

    28 Leserempfehlungen
    • Uwe650
    • 14. März 2012 14:52 Uhr

    Ich glaube die ständige Wiederholung der Industrie das Fachkräfte fehlen und die Einwanderung dagegen wünschenswert ist, ist nichts anderes als der Versuch die Kosten im Ingeneurswesen und auch in anderen Fachbereichen zu drücken.
    BEkanntlich sind ausländische Arbeitnehmer vielfach billiger zu bekommen und teilweise auch schneller zu entlassen als deutsche. Da das Wachstum aber langsam an seine Grenzen stößt, müssen die Prozesse verschlankt und möglichst verbilligt werden. Also müssen billigere Arbeitskräfte her. Um das zu erreichen schürt man Ängste um die Zustimmung zu Erleichterungen in der Zuwanderung zu erreichen.

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    Redaktion

    Hallo Uwe650,

    die Zuwanderung spielt in beiden Berechnungen - sowohl vom VDI als auch vom DIW - erst einmal keine Rolle.

    Die Zahlen sind auch marginal. Schauen Sie sich mal an, wie wenige Blue Cards bisher vergeben wurden, wie wenige ausländische Ingenieursabschlüsse überhaupt anerkannt wurden. Was allerdings durchaus ein Punkt ist: Die Absolventen der deutschen Universitäten landen nicht unbedingt auf dem deutschen Arbeitsmarkt, weil sie im Ausland Beschäftigungsmöglichkeiten finden.

    Trotzdem dürfte an der Berechnung des DIW einiges dran sein: Wenn jährlich 50.000 Ingenieure die Unis verlassen, dürfte der Fachkräftemangel nicht ganz so riesig ausfallen.

    beste Grüße,

    Tina Groll

    Gäbe es einen spürbaren Ingenieurmangel, so würde er nunmehr durch arbeitslose Ingenieure aus Spanien, Portugal und Griechenland reichlich gedeckt.

    Es gab allerdings vor einigen Jahren schon einen Mangel an Fachkräften, z.B. an Elektrotechnik-Ingenieuren mit Schwerpunkt Energiesystemtechnik, erweiterten BWL-Kenntnissen, mindestens 3 Fremdsprachen und mehrjähriger Berufserfahrung, die partout nicht als Praktikanten arbeiten wollen... (so ähnlich stand es vor ein paar Jahren tatsächlich mal in einer Stellenanzeige).

  3. Oh, dann müssen dann alle Orientierungsblätter, wie z.B. NEON, ZEIT-CAMPUS etc., aber schnell wieder umsteuern und den armen Abiturienten wieder ein neues "goldenes" Studium in die Köpfe prügeln...

    Vielleicht sollte man an dieser Stelle einfach mal das studieren, was man mag, dann wird man gut darin sein und wohl auch sein Plätzchen finden...

    Das nicht gegen die Erkenntnisse, sondern in Richtung der Hatz nach dem idealen Berufsbild...

    8 Leserempfehlungen
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    Zitat aus dem Artikel: "Der DIW-Forscher Karl Brenke hält diese Berechnung für nicht seriös."
    .
    Was hier fehlt, sind wohl nicht Ingenieure, sondern Statistiker!

  4. Kann mir gut vorstellen, dass bald die schönen Powerpoint-Folien der entsprechenden Agentur leaken, die den Fachkräftemangel schön unterschwellig angezettelt hat. Man erinnere sich nur mal an die Pro-Atomkraft-Kampagne von vor ein paar Jahren.

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  5. Klar, die dummen, nervigen Leser-Kommentatoren, die schon immer unter die Artikel geklemmt haben, was jetzt unter akademischem Trara publiziert wird: dass es sich beim "MINT-Fachkräftemangel" um eine clevere, strategische Initiative der Industrie handelt, um die Löhne der Zukunft gering zu halten.

    Wenn die in ihren jeweiligen Geschäftszwecken so vorausschauend, Kooperativ und Effektiv wären, wie im Fall des "Fachkräftemangels", wäre Deutschland schon lange der Innovationsweltmeister in allen Bereichen.

    9 Leserempfehlungen
  6. Da können wir Deutsche nur lernen ...

    Von den Fachkräften aus Südeuropa, Asien und Afrika können wir Deutsche nur lernen. Da kommt eine ganz neue Generation von Streik- und Protesterfahrung auf Deutschland zu.

    Zu weniger Arbeitslosen wird es nicht führen. Halt, ich vergaß fast zu erwähnen: Wir gehen ja fast alle nur noch aus Sinnbefriedigung zur Arbeit und nicht um unseren monatlichen Lebensunterhalt zu verdienen. Für das letztere gibt es ja jetzt Hartz4.

    Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht.

    3 Leserempfehlungen
    • clubby
    • 14. März 2012 15:30 Uhr

    Die Wahl des passenden Studiums und das Anpassen an den Markt um später Frau und Kind ernähren zu können ist das Gegenstück zu http://www.zeit.de/2012/1...

    Die wenigsten Männer stehen zu sich selbst und studieren , was ihnen wirklich Spaß macht. Ich plädiere hier für Gleichberechtigung. Wie wärs mal mit Virimusmus?

    witzig ist auch dass die Mähr vom Fachkräftemangel letztes Jahr aufkam, sich nun die Leute eingeschrieben haben, und sobald die Unis voll sind, die Meldung revidiert wird um den Preis zu drücken. Ein Schelm wer böses dabei denkt!

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