ManagerNeuanfang als Normalo

Nicht alle Banker sind gierig: Viele entscheiden sich für den Ausstieg aus der Knochenmühle der Finanzbranche und starten ihr Leben neu. Und finden einen neuen Sinn. von  und Manfred Engeser

Es gibt Reden, die zu Symbolen wurden für eine Ära. Darin erzählen schwarze Prediger von ihrem Traum, oder weiße Präsidenten fordern den Abriss einer Mauer. Reden, die in die Geschichte eingingen, weil sie die Welt ein Stück besser machten. Aber es gibt auch Reden, die das Gegenteil erreichten. Eine solche hielt der Investor Ivan Boesky im Jahr 1986 – die Auswirkungen sind noch heute zu spüren.

"Gier ist gut", sagte er zu Absolventen der amerikanischen Haas Business School, "gesund ist sie auch. Ihr könnt gierig sein und euch trotzdem wohl in eurer Haut fühlen."

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Unterhält man sich heute mit Alexander Hartmann, dauert es nur wenige Minuten, bis er Boeskys Zitat erwähnt. Und das nicht nur, weil die Aussage in dem Film Wall Street vorkommt, mit Michael Douglas in der Rolle des skrupellosen Finanzhais Gordon Gekko. Sondern weil Alexander Hartmann auf dem besten Weg war, selbst ein kleiner Gekko zu werden. Hartmann ist 44 Jahre alt und führt bereits sein zweites Leben. Im ersten arbeitete er knapp 15 Jahre lang in der Finanzbranche, zuletzt als Abteilungsleiter bei einer international tätigen Schweizer Privatbank, verantwortlich für knapp 50 Mitarbeiter. Viel mehr will er über seinen früheren Job ungern erzählen. Heute macht Hartmann eine Ausbildung zum Sozialpädagogen in einem Schweizer Waisenhaus.

Von der globalen Hochfinanz in eine Einrichtung für benachteiligte Jugendliche – der Kontrast, für den Alexander Hartmann sich entschieden hat, könnte kaum größer sein, und das freiwillig. Denn Hartmann wurde weder gefeuert, noch hat er finanziell bis ans Lebensende ausgesorgt.

Doch eines Tages meldete sich sein Gewissen. Erst ganz leise, dann, im Laufe der Jahre, immer lauter. Irgendwann konnte er es nicht mehr überhören, gehorchte ihm und verabschiedete sich von der Finanzbranche. Endgültig.

Greg Smith kennt dieses Gefühl sicher, auch wenn er sich für einen lauteren Abschied entschied. Vor knapp zwei Wochen kündigte der 33-jährige Investmentbanker bei Goldman Sachs – und v erkündete diese Entscheidung am selben Tag mit einem öffentlichkeitswirksamen Paukenschlag : In einem Artikel für die New York Times schilderte er nicht nur die Gründe seiner Entscheidung, sondern rechnete mit der seiner Ansicht nach verdorbenen Firmenkultur und dem Management um Bankchef Lloyd Blankfein ab. Die Resonanz war enorm: In sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, mittlerweile verlässliche Seismografen für gesellschaftliche Stimmungen, wurde der Text 100.000-fach geklickt und weitergeleitet. Für die einen ist Smith ein mutiger Held, der wagte, die Wahrheit auszusprechen. Selbst Henry Goldman III, der Urenkel des Bankgründers sagte, Smith habe "einen Treffer ins Schwarze" gelandet. Für die anderen ist Smith ein feiger Verräter, der seinen persönlichen Frust wegen einer geplatzten Beförderung für eine Generalabrechnung nutzte. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg etwa, dessen Unternehmen ein wichtiger Goldman-Sachs-Kunde ist, nannte die Vorwürfe "irrwitzig".

Und dann meldete sich das Gewissen

Doch egal, ob Held oder Heckenschütze – mit seinem offenen Brief hat Smith deutlich gemacht: Spätestens seit Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 gibt es immer mehr Menschen, die der Finanzbranche erst jahrelang gedient haben – um ihr dann umso entschiedener den Rücken zu kehren. Entweder, weil sie gekündigt werden und den ursprünglich unfreiwilligen Bruch zur radikalen Neuorientierung nutzen. Oder weil sie ganz bewusst aus dem sprichwörtlichen Hamsterrad ausbrechen wollen. Sich dazu entscheiden, das Höher-Schneller-Weiter nicht mehr mitzumachen, Beförderungen ablehnen und ihre beruflichen Ziele herunterschrauben. Andere wiederum steigen ganz bewusst aus , weil sie keinen Sinn mehr darin erkennen können, Geld um des Geldes willen zu mehren. Oder weil sie sich gefangen fühlen in den Mühlen eines Konzerns, in dem Hierarchiedenken jede individuelle Kreativität tötet.

Sie verzichten auf dicke Dienstwagen, hohe Boni, öffentliches Blitzlichtgewitter; engagieren sich stattdessen unentgeltlich in Wohltätigkeitsorganisationen; werden Modehändler, Ökobauer oder eröffnen ein Restaurant. Wofür auch immer sich diese Menschen entscheiden: Welche Motive bewegen sie zu diesem radikalen Schritt? Warum ist er ausgerechnet in der Finanzbranche so häufig zu beobachten? Und was lässt sich daraus lernen?

Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, kann man etwa nach Herzebrock-Clarholz zu Stefan Roggenkamp fahren. Als der an diesem Montagmittag die schlichten Produktionshallen inspiziert, ist kaum etwas los auf dem 7.000 Quadratmeter großen Firmengelände im Gewerbegebiet der Kleinstadt in der westfälischen Provinz. Trotzdem huscht ein Lächeln über das Gesicht des 42-Jährigen. "Morgens einkochen und abfüllen, dann aufladen und ausliefern – so soll es sein", sagt Roggenkamp. Und greift sich einen kleinen Becher "Feinste Bio-Eiscreme Erdbeere", abgepackt in kleine 100-ml-Portionen, bestellt von einem Stuttgarter Feinkostladen. "Man muss heute in der Lage sein sich selbst neu zu erfinden", sagt der Unternehmer, der Fertiggerichte in Bioqualität herstellt und sich "eine steile Lernkurve" bescheinigt. "Diese Realwirtschaft, das ist noch mal eine ganz andere Herausforderung als früher."

Früher, das war Roggenkamps altes Leben. Da arbeitete er als Investmentbanker in London , gut zehn Jahre lang. Er konstruierte Finanzderivate, erst für die Commerzbank, später für die japanische Investmentbank Mizuho, wo er Derivate entwickelte. Er leitete ein Team mit 90 Mitarbeitern, hatte viel Arbeit, ein sattes Gehalt und hohe Boni. Er führte ein angenehmes, ein schnelles Leben, mit dicken Autos und vielen Partys. Und dann tauchten plötzlich Katrina, Wilma und Rita auf.

Die Wirbelstürme richteten zwischen Ende August und Ende Oktober 2005 verheerende Schäden an – auch an Roggenkamps Karriereleiter. Über Nacht pulverisierten die Stürme ein Gros der Gewinne seines Derivatefonds. Kurz darauf verlor er seinen Job. Er nahm sich eine Auszeit, kehrte auf den Bauernhof seiner Eltern zurück und bezog sein altes Kinderzimmer, in dem immer noch die Fußballposter von früher an der Wand hingen. Er half seinem Vater bei der Pflege der demenzkranken Mutter und dachte über seine Zukunft nach. 

Leserkommentare
    • deDude
    • 05. April 2012 18:17 Uhr

    ... dass irgendwann im Leben der Vorhang zugehend wird und es keine Zugabe gibt sollte den Menschen Grund genug sein, sich nicht mit etwas zu quälen das vermeidbar ist.

    Das Menschen beruflich nicht tun was sie tun wollen und vor allem können macht das Berufsleben doch für alle Beteiligten täglich zum Höllentrip. Frust, Lustlosigkeit und obendrein eine Prise aufgesetzte Freundlichkeit an allen Ecken... das ist nicht der Grundstoff für ein erfülltes Leben, sondern für ein Magengeschwür...

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    Ich folge ihren Worten gerne. Aber was wäre Ihrer Meinung nach eine Alternative? Wie ein sinnvolles, möglichst selbstbestimmtes Leben führen unter den Bedingungen des real existierenden Kapitalismus? Haben Sie einen Weg gefunden, wie man da raus kommt?

    - Fragt ernsthaft interessiert

    frank62 ;-)

  1. Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

    • Bus-x
    • 05. April 2012 22:43 Uhr

    Die globalen Hochfinanz ist verantwortlich für Milliarden von ausgegrenzten Menschen, Raubbau an der Welt, unendliche viele Tote und Kriege. Es ist eine traurige Elite die kein Pardon und Mitleid kennt und den kleinen Mann total ausnutzt.

  2. Sorry, wenn ich das so harsch kommentieren muss, aber: diese Karrieren sind nicht nur erfolgreich weitergegangen, wenn auch in anderen Branchen. Auch die Ausgangsbasis war keine so schlechte. Die Rücklagen der Genannten, erzielt durch die moralisch ach so verwerflichen Jobs, dürften kein allzu schlechtes Startkapital für den Neuanfang abgegeben haben, die Fallhöhe war also deutlich geringer, als dies im Normalfall bei einem solche Neustart der Fall ist.
    Reue und Umkehr hin oder her, aber so lässt es sich leicht ein "neues Leben" beginnen. Schöne Entscheidung, aber ist mir insgesamt etwas dünn für eine heroisierende Betrachtung.

  3. Das funktioniert nicht nur in der Finanzbranche so.
    Ein großer Teil der West-Deutschen Wirtschaft arbeitet für die Auto-Industrie.

    Da macht auch jeder seinen Job und interessiert sich nicht für Autos.
    Dafür interssieren sich nur die Anfänger und die Unfähigen.

  4. Aha.

    Sollte es nicht eher heißen "Nicht alle Bänker sind IMMER gierig"?

    Und wenn diese Bänker nicht mehr gierig sind, und quasi ausgestiegen, sind es dann noch Bänker?

    Schade dass die deutsche Sprache dort anscheinend keine Möglichkeit gibt sich klar auszudrücken. :-)

    • IQ130
    • 06. April 2012 14:28 Uhr

    Leider haben die oben stehenden Foristen den wahren Kern eher getroffen als der Verfasser.

    Bänker müssen nicht andere abzocken. Sie haben einen freien Willen. Der Ausstieg kann also durchaus vor dem brutalst möglichen Renditestreben erfolgen.

    Krokodilstränen der Mit-Verantwortlichen der Staatskrisen und steigenden Selbstmordzahlen verzweifelter Enteigneter sind abscheulich.

    Trotzdem sind wir dankbar für Aussteiger, die die Wahrheit der Krawattenträger und Boni-Sadisten verkünden.

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    der Bankenmitarbeiter sind tariflich entlohnt und erhalten keine Bonus. Und der größere Teil nicht tariflich entlohnten haben gar keine Ertragsverantwortung, weil sie in irgendwelchen Stabsabteilung (Personal, Controlling, Risikomanagement, Buchhaltung usw.) arbeiten. Ball flach halten.

    • Puka
    • 06. April 2012 15:32 Uhr

    Eine Beobachtung, die man in der Berichterstattung zu beinahe allen biographischen Themen machen kann, und die das Kernproblem der Giergesellschaft deutlich umreißt ist, der Versuch Lebensglück durch karrierelle Eckpunkte zu quantifizieren. Auch in diesem Artikel legt der Author sich dessen womöglich nicht einmal mehr bewusst vor allem Wert auf das berufliche Weiterkommen der angeblichen Aussteiger. Er zeigt sich besonders beeindruckt von den Unternehmensgründern und Vielleistern, die nun im Vielleisten doch noch ihre Erfüllung gefunden haben, und damit so erfolgreich sind, dass sich tausende Supermärkte beliefern, unendlich viel Lebenszeit in ihre Arbeit investieren, und weiterhin mehr als genug, wenn auch viel weniger als vorher verdienen. Der angehende Sozialpädagoge bekommt in diesem Artikel kaum Raum eingeräumt, ebenso bleiben die Entwicklungen des Privatlebens (fast) unberührt, im Gegenzug wird in dem dreiseitigem Artikel beinahe eine ganze Seite dem erneut sehr erfolgreichen Bio-Lebensmittelproduzenten, seinen schwierigen unternehmerischen Entscheidungen und dem gewaltigen Erfolg den er damit gegen alle Kassandrabotschaften hatte, eingeräumt. Der Author folgt damit, wohl ohne sich darüber im Klaren zu sein, jener Lebensverwirklichungsrhetorik, die in unserer, der westlichen, Kultur vorherrschaft, die Selbsterfüllung als beruflichen Erfolg versteht, und die letztlich gerade zu jenem Schrecksystem führt, in der Geld das Maß und Gier das Mittel ist.

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