AuswandernAls Rentner ab ins Ausland

Viele Deutsche wollen im Alter auswandern. Wer seinen Traum wahr machen will, sollte sich frühzeitig um Steuerfragen, Visum, Versicherungen und Rente kümmern. von Stefanie Müller und Daniel Schönwitz

Tim Klatte hat es schon als Kind erwischt. Nach Urlauben in Schweden , die "immer paradiesisch" waren, hat das Land den 48-jährigen Piloten aus Bonn nie mehr losgelassen: "Ich bin ein Opfer des Bullerbü-Syndroms." Heute gehört er selbst in Astrid Lindgrens idyllische Welt der grünen Wälder, blauen Seen und roten Holzhäuser, wenn auch nur für einige Monate im Jahr. Vor zwei Jahren hat er gemeinsam mit seiner Frau ein Haus in Schweden gekauft, "auf der Höhe von Stockholm, mittendrin". Noch fliegt er einen guten Teil des Jahres für die Lufthansa durch die Welt. "So oft wie möglich" wohnt er aber schon in Schweden. Sobald er im Ruhestand ist, will er mit seiner Frau die meiste Zeit dort leben. Die schwedischen Nachbarn gingen schon davon aus, dass sie dann dauerhaft bleiben werden, sagt Klatte. Er hat aber noch etwas Respekt vor den langen, dunklen Wintern.

In Schweden genießt er die Freiheit, das dünn besiedelte Land und das besondere Licht, wenn die Sonne den ganzen Tag lang tief steht. Auf dem 4.500 Quadratmeter großen Grundstück des neuen Hauses baut er Gemüse an, er geht Pilze sammeln im Wald oder zieht mit dem Kanu los zum Fischen. Dass das schwedische Holzhaus keine richtige Heizung hat, stört Klatte nicht: "Wir heizen mit selbst gehacktem Holz. Die Nachbarn sehen es ohnehin gern, wenn man auch arbeitet und nicht nur in der Hängematte liegt." Klatte hat zu ihnen gute Kontakte aufgebaut. Hilfreich war, dass er in der Volkshochschule etwas Schwedisch gelernt hat – obwohl die meisten Schweden sehr gut Englisch sprechen.

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Viele Deutsche träumen davon, ihrer Heimat irgendwann den Rücken zu kehren und ins Ausland zu ziehen. Laut einer Studie der Managementberatung Aon Consulting haben 54 Prozent der Deutschen schon mal mit dem Gedanken gespielt, ihren Ruhestand im Ausland zu verbringen. Die Bundesbürger sind damit besonders stark vom Fernweh geplagt: In Europa insgesamt zieht es nur 25 Prozent der Berufstätigen ins Ausland.

Doch träumen allein reicht nicht. "Viele meinen, sie könnten ihr Leben im Ausland als Dauerurlaub leben", sagt Monika Schneid vom katholischen Raphaels-Werk, das in 14 Beratungsstellen deutsche Auswanderer unterstützt. Damit der Ruhestand im Ausland wirklich gelingen kann, ist es aber wichtig, sich frühzeitig über Visum, Krankenversicherung sowie Renten- und Steuerregeln zu informieren. Dabei stellen sich – je nach Lebensumständen und eigenen Plänen – ganz unterschiedliche Fragen. "Nicht alle Auswanderer wollen dauerhaft weg, manche wollen während des Ruhestandes nur in der Sonne überwintern. Andere ziehen noch zu Berufszeiten ins Ausland und bleiben dann dort", sagt Schneid. Immer häufiger beobachtet sie, dass auch weniger vermögende Rentner ins Ausland ziehen: "In Thailand oder der Türkei kommen die mit einer kleinen Rente gut aus." Kein Wunder: 1.000 Euro deutsche Rente haben in Thailand 70 Prozent, in der Türkei sogar 100 Prozent mehr Kaufkraft.

Im Ausland mehr von der Rente

Gerd Schallenberg hat im Ausland noch mal neu angefangen. Mit 60 Jahren machte der Arzt 2007 seine Praxis im Sauerland dicht und wanderte samt Frau und den zwei jüngsten von sechs Kindern in die Schweiz aus. "Die Arbeit in Deutschland hat keinen Spaß mehr gemacht", sagt der Mediziner. Schuld daran waren immer neue Auflagen und Abrechnungsvorschriften der Krankenkassen und der Eindruck, dass seine Arbeit nicht mehr angemessen honoriert wurde. In der Schweiz sei das anders, sagt Schallenberg, der nun als Angestellter einer Ärzte-Kette eine Praxis in Bronschhofen im Kanton St. Gallen leitet. "Ich habe das Gefühl, dass die Wertschätzung für meine allgemeinärztliche Arbeit hier wesentlich höher ist." Seine Frau und er fühlen sich inzwischen heimisch und wollen dauerhaft in der Schweiz bleiben. Die Rente, die Schallenberg später von der deutschen berufsständischen Versorgungskasse zusteht, wird er sich dann einfach überweisen lassen. "Ein paar Jahre will ich aber noch arbeiten, es macht ja wieder richtig Spaß", sagt der 64-Jährige.

Attraktiv ist die Schweiz nicht nur wegen höherer Einkommen, sondern auch wegen niedriger Abgaben und dank eines einfachen Steuersystems. Ein Teil dieser finanziellen Vorteile werde aber durch höhere Lebenshaltungskosten wieder aufgezehrt. "Insbesondere die Mieten sind in der Schweiz sehr hoch. Wer hierher kommt, sollte deshalb genau kalkulieren, was von seinem höheren Nettoeinkommen übrig bleibt", warnt Schallenberg. Trotzdem ist die Schweiz für Deutsche jeden Alters das beliebteste Ziel. "Gerade Unternehmer und Freiberufler verlegen ihre Tätigkeit oder den Firmensitz in die Schweiz", weiß Jörn Lacour, der für sein Buch Deutsche in der Schweiz mehrere hundert Auswanderer interviewt hat. Hinzu kommen natürlich Superreiche, denen in der Schweiz erhebliche Steuervorteile winken. Denn wenn sie dort nicht berufstätig sind, können sie die "Pauschalbesteuerung" beantragen. Für die Höhe ihrer Abgaben sind dann nicht ihre Einkünfte ausschlaggebend, sondern nur ihre Lebenshaltungskosten – in der Regel bemessen am Wert ihrer Immobilie.

Die Pauschalsteuer hat viele Deutsche angelockt, etwa Formel-1-Pilot Michael Schumacher. Allerdings wächst der Widerstand. Seit 2009 haben drei Kantone – Zürich, Schaffhausen und Appenzell Ausserrhoden – das Privileg für Ausländer nach Volksabstimmungen abgeschafft.

Keine Einbußen für Auslandsrentner

Wer mit etwas weniger Vermögen ins Ausland zieht, der baut für sein späteres Leben meist auch auf die gesetzliche Rente. Auslandsrentner müssen in der Regel keine Einbußen fürchten. Solange sie ihre deutsche Staatsangehörigkeit behalten, bekommen sie die Rente in voller Höhe auf ihr Konto im In- oder Ausland überwiesen. Nur für einen "jährlichen Lebensnachweis" muss die Rentenversicherung sie erreichen können.

Was bei der Steuer zu beachten ist
  • Sobald Auswanderer ihre deutsche Staatsangehörigkeit aufgeben, drohen ihnen Rentenkürzungen. EU-Bürger und Einwanderer in der Schweiz, Norwegen und allen anderen Staaten, mit denen Deutschland ein spezielles Sozialversicherungsabkommen geschlossen hat, sind nicht betroffen. Wer aber etwa die südafrikanische oder thailändische Staatsangehörigkeit annimmt, bekommt fortan 30 Prozent weniger Rente.
  • Wer eine gesetzliche Rente kassiert, muss diese meist auch dann in Deutschland versteuern, wenn er woanders lebt. Bei der Reform der Rentenbesteuerung 2005 stieg der steuerpflichtige Anteil der gesetzlichen Rente schlagartig von 27 auf 50 Prozent. Seitdem kommen jedes Jahr weitere zwei Prozentpunkte dazu, aktuell sind 64 Prozent der Rente zu versteuern. Millionen Ruheständler müssen jetzt Abgaben zahlen, weil der steuerpflichtige Teil ihrer Rente die Freibeträge übersteigt. Der lange Arm des Fiskus erreicht viele Auslandsrentner jetzt überraschend.
  • Nicht in allen Ländern droht der Zugriff. "Es gibt mit einigen Ländern Abkommen, denen zufolge der neue Wohnsitzstaat die Rente besteuern darf", sagt Oliver Braun, Steuerberater bei Ecovis in Grafing bei München. Nichts vom deutschen Finanzamt zu befürchten haben etwa Rentner in Spanien, der Schweiz, den USA und Griechenland. In Frankreich, Italien, Kroatien oder Österreich dagegen greift der deutsche Fiskus zu. Und er weitet seinen Einflussbereich stetig aus: "Beim Abschluss neuer Abkommen achtet das Finanzministerium darauf, dass das Besteuerungsrecht für Renten in Deutschland liegt", sagt Braun. So darf der Fiskus seit 2011 bis zu zehn Prozent von Renten abknapsen, die in die Türkei überwiesen werden.
Unbeschränkte Steuerpflicht
  • Wenn mindestens 90 Prozent der gesamten Einkünfte der deutschen Steuer unterliegen – wie etwa eine gesetzliche Rente –, können Auslandsrentner in Deutschland die "unbeschränkte Steuerpflicht" beantragen und sich auf diese Weise sämtliche Vergünstigungen sichern. Wer hauptsächlich von der gesetzlichen Rente, einer Betriebsrente oder einem berufsständischen Versorgungswerk lebt – deren Zahlungen sind in Deutschland ebenfalls steuerpflichtig –, kann somit in der Regel problemlos "unbeschränkte Steuerpflicht" beantragen.
  • Kassiert der Steuerpflichtige zusätzlich zur Rente hohe Kapitalerträge, wird es hingegen eng. Zinsen und Dividenden sind am Wohnsitz im Ausland steuerpflichtig, unabhängig davon, wo das Konto oder Depot ist. Wenn dann weniger als 90 Prozent der Einkünfte der deutschen Steuer unterliegen, können Rentner die "unbeschränkte Steuerpflicht" nur beantragen, wenn die Auslandseinkünfte unter 8.004 Euro liegen.
  • Ein Wechsel in die unbeschränkte Steuerpflicht ist rückwirkend möglich. "In vielen Fällen reichen die dadurch gesicherten Steuervergünstigungen, um wieder aus der Steuerpflicht herauszurutschen", sagt Braun. Wenn nicht, bleibt Betroffenen nichts anderes übrig, als zu zahlen – sonst droht die Pfändung. An Renten kommt der Staat leicht heran.

Viele Auslandsrentner, die plötzlich Steuern zahlen sollen, wollen dagegen klagen. "Wir rechnen mit einer Vielzahl von Prozessen", sagt Matthias Lipsky, Vorsitzender Richter am Finanzgericht Mecklenburg-Vorpommern. Schon jetzt würden 51 Verfahren laufen: "Aber das ist erst der Anfang." Für Klagen von Auslandsrentnern ist sein Gericht exklusiv zuständig: Das Finanzamt Neubrandenburg, das die alleinige Verantwortung für die Besteuerung sämtlicher Rentner im Ausland hat, liegt in seinem Bezirk. 2011 haben dessen Beamte 500.000 Ruheständler im Ausland angeschrieben und zur Abgabe einer Steuererklärung aufgefordert.

Leserkommentare
  1. tja:) das kleingedruckte....
    Ich lass mir doch nicht vorschreiben, wo ich im Alter den Wohnsitz haben soll..bzw. mich auch noch an dieses System zu binden und schön die Finanzwirtschaft zu mästen, nein danke...

    • chisse
    • 12. Mai 2012 17:17 Uhr

    Staat bezahlt!

  2. Nicht wenige Deutsche verbringen in tuerkischen Hotels die schweren deutsche Wintersmonate. Dabei zahlen sie fuer eine Vollpension lediglich 900 Euro im Monat. Die Tuerken, die ihrerseits auch sehr davon profitieren, schliesslich stehen die Hotels in diesen Monaten so gut wie leer, haben sich laengst umgestellt und lassen es den Deutschen an nichts fehlen. Fuer einen deutschen Rentner sei es viel billiger sehr verwoehnt in einem tuerkischen Hotel am Mittelmeer als im kalten und teuren Hamburg, Muenchen, Frankfurt und Co. zu leben.

  3. Na ja, das ist aber auch ein bißchen viel rosarote Welt. Das kann man vielleicht behaupten, wenn man nie draußen war und Ängste hat, was Neues zu probieren. Respekt vor den Rentnern, deren Horizont außerhalb der eigenen vier Wände liegt!

    Antwort auf
    • wd
    • 12. Mai 2012 18:38 Uhr

    Man kann auch die Möglichkeit „voll steuerpflichtig“ wählen und ist dann nicht "beschränkt steuerpflichtig". Dann gelten Freibeträge und das Ehegattensplitting. In Skandinavien wird mit der Steuer automatisch der Krankenkassenbeitrag erhoben. Man ist dort eventuell für 0€/Monat versichert. (Gilt eventuell nur für eigene Staatsbürger!?)
    Diese Masche mit der „beschränkten Steuerpflicht“ zielt auf Rentner ab, die Rentenbezüge aus mehreren Ländern haben. Es gab kürzlich darüber einen Artikel über Rentner in Kanada.

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    Es trifft zu, dass sobald man eine Personennummer erhalten hat ist man für €0:- krankenversichert.
    Die Personennummer zu erhalten, ist aber nicht ohne für Bürger die von außerhalb Scandinaviens kommen.
    Ich bin in Stockholm geboren, habe somit von Geburt an eine Nummer. Als ich, nach 30 Jahren, nach Schweden zurück kam, war meine Nummer nicht mehr gültig. = Kein Telefonanschluss, kein Bankkonto u.s.w..
    Der Traum von Pomperipossa, Emil/Michel, Mio und Pippi ist halt nur ein Traum.
    Nunmehr mache ich, gerne, wieder Urlaub in Schweden, aber da leben und/oder arbeiten, kann man nicht als "Eingedeutscher".

    • H.v.T.
    • 12. Mai 2012 18:48 Uhr

    Es steht zu erwarten, dass aufgrund des geringen Einkommens eines Teils der heutigen Arbeitnehmer ihre zukünftige Rente ´aufstocken´ müssen, also vom Amt einen Zuschuss zur Lebenssicherung erhalten werden.

    Kann diese Art der ´Aufstockung´ auch bei Verlegung des Wohnsitz ins Ausland bezogen werden ?

  4. Es trifft zu, dass sobald man eine Personennummer erhalten hat ist man für €0:- krankenversichert.
    Die Personennummer zu erhalten, ist aber nicht ohne für Bürger die von außerhalb Scandinaviens kommen.
    Ich bin in Stockholm geboren, habe somit von Geburt an eine Nummer. Als ich, nach 30 Jahren, nach Schweden zurück kam, war meine Nummer nicht mehr gültig. = Kein Telefonanschluss, kein Bankkonto u.s.w..
    Der Traum von Pomperipossa, Emil/Michel, Mio und Pippi ist halt nur ein Traum.
    Nunmehr mache ich, gerne, wieder Urlaub in Schweden, aber da leben und/oder arbeiten, kann man nicht als "Eingedeutscher".

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Alles was sie brauchen ist einen Job. Dann bekommen Sie eine Personnummer etc. Ich habe das als stinknormaler Einwanderer gemacht.

    • wd
    • 12. Mai 2012 21:43 Uhr

    Wenn der Ehegatte die Staatsangehörigkeit des Staates beibehalten hat. Was gilt für den deutschen Ehepartner nach einer Umsiedlung?

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