Chef sein ist nicht immer leicht – denn die Beziehung zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern steht in einem Widerspruch zwischen menschlicher Nähe und professioneller Distanz. Da ist nicht nur die persönliche Ebene, wenn man sich einfach mag. Die Position als Führungskraft erfordert es, die Mitarbeiter auch emotional zu binden . Dafür müssen sie ihrem Chef nahe kommen – und der Chef muss seinen Mitarbeitern nahe kommen. Er muss sie einschätzen können. Wer seine Mitarbeiter nicht kennt, kann sie auch nicht fördern.

Gleichzeitig müssen aber beide Seiten auch die Sicherheit haben, sich wieder entfernen zu können. Ohne befürchten zu müssen, keinen Rückweg mehr zu haben. Und ohne dass die Mitarbeiter befürchten müssen, der Chef wolle alles über ihr Privatleben wissen.

Daniel F. Pinnow, Berater und Coach für Führungskräfte, schreibt in seinem Buch Führen. Worauf es wirklich ankommt zum Zwiespalt Distanz und Nähe: "Unnahbare, coole, beherrschte und neutrale Vorgesetzte, die sich selbst und ihre gesamte Umwelt rein rational und sachlich betrachten, sind nicht dazu geeignet, Menschen zu führen. Extrem weiche, emotionale, übertrieben mitfühlende Chefs haben dagegen nicht das nötige Durchsetzungsvermögen und die notwendige Autorität. Sie setzen sich schnell dem Verdacht der Irrationalität und Entscheidungsschwäche aus."

Die Schwierigkeit besteht darin, die richtige Balance zu finden. Patentrezepte dafür gibt es nicht, schließlich hat jede Branche, jede Firma und auch jedes Team seine eigenen Spielregeln. Aber es gibt gewisse Umgangsregeln, mit denen sich die richtige Mischung aus Nähe und Distanz ausbalancieren lässt.

So kann das freundschaftliche Du ein Instrument zur Führung sein . In einigen Branchen ist es üblich, dass sich Vorgesetzte und Mitarbeiter duzen. Viele Vorgesetzte befürchten allerdings, dass die vertraute Anrede einen Autoritätsverlust bedeutet, und ihre Mitarbeiter sich so schnell ebenbürtig fühlen. Dabei schafft ein Du nicht nur eine gewisse Nähe , sondern kann auch zu einer produktiveren Zusammenarbeit führen. Besonders in kleinen Teams, in denen sich die Mitarbeiter und Führungskräfte aufeinander verlassen müssen.

Manche Führungskräfte befürchten allerdings, dass Mitarbeiter das vertrauliche Du in Konflikten strategisch ausnutzen könnten.

Doch ist ein distanzierter Umgangston eine Hilfe? Nein. Es kommt auf souveräne Führung an. Ein respektvolles Sie kann angemessen sein, wenn der Chef dennoch nahbar ist. Aber zu viel Distanz wirkt auf Mitarbeiter negativ. Sie fühlen sich schnell zu einer Sache degradiert. Sie wollen aber als Menschen wahrgenommen werden.