Diversity ManagementVielfalt in der Belegschaft zahlt sich aus

Diversity Management wird für Arbeitgeber immer wichtiger: Firmen, die viele Ältere, Frauen, Migranten und Behinderte beschäftigten, erwirtschaften mehr Gewinn. von Marion Kraske

Eine Frau mit Kopftuch bringt eine Platte mit Essen herbei, am Grill brutzelt ein Mann ein paar Lagen Kebab, neben ihm sitzt eine Afrikanerin in einer Hollywood-Schaukel. Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen plaudern und lachen, die Stimmung ist ausgelassen. Dann ein Händeklatschen. "Gleich fängt das Spiel an", ruft eine Frau. Die Leute strömen ins Haus. Die bunte Truppe drängelt sich auf das Sofa im Wohnzimmer und wartet gespannt auf den Anpfiff. Was haben all diese Menschen gemeinsam? Sie alle sind Eltern der deutschen Fußball-Kicker. Zu bewundern sind sie in einem Fernsehspot des Deutschen Fußballbundes . Das Image-Filmchen endet mit den Worten: "DFB – Mehr Integration."

Jahrzehntelang haben sich Wirtschaft und Politik schwergetan, zu akzeptieren, dass Deutschland vor allem eines ist: Einwanderungsland. 50 Jahre ist es her, dass die ersten türkischen Arbeiter ins Land kamen. Sie wurden Gastarbeiter genannt, waren billige Arbeitskräfte, die – so die Vorstellung – irgendwann, wenn sie nicht mehr gebraucht würden, das Land wieder verlassen sollten. Lange hat es gebraucht, bis man erkannte, dass diese Menschen Teil der Gesellschaft sind. Und was jahrelang einzig unter negativen Aspekten diskutiert wurde, erscheint jetzt, wenn auch zaghaft, in anderem Licht. Allmählich kommt Bewegung in die Sache: Immer mehr Privatunternehmen, aber auch Länder und Kommunen sehen in der gesellschaftliche Buntheit einen Erfolgsfaktor.

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Zu den Vorreitern dieses Trends gehört der Autobauer Ford . Vielfalt im Unternehmen zu fördern und professionell zu managen, war bereits vor rund 20 Jahren im amerikanischen Mutterkonzern ein Thema. Diversity Management wurde auch in Deutschland wichtig. Bei Ford wird die Vielfalt der Belegschaft bewusst gefördert – nicht zuletzt, weil sie als strategischer Wettbewerbsvorteil gilt. So ist es kein Wunder, dass ein Drittel der Auszubildenden im Kölner Werk einen Migrationshintergrund hat. Russen, Türken, Kasachen, Aserbaidschaner, Italiener, Deutsche – insgesamt arbeiten am Kölner Standort Menschen 55 unterschiedlicher Nationalitäten. "Diversity verkauft Autos", sagt Brigitte Kasztan, zuständige Diversity-Managerin bei Ford Europe. Durch die Vielzahl der Nationalitäten, so Kasztan, würden Energien und Engagement freigesetzt, zudem lasse sich so ein breiteres Kundenspektrum ansprechen. Nicht zu unterschätzen sei auch die Eigenwerbung der Mitarbeiter. Der türkischstämmige Familienvater etwa, der seit Jahren bei dem Unternehmen arbeite, mache im Familien- und Freundeskreis auf eigene Weise Werbung für die Autoflotte. Je bunter die Belegschaft, so das Kalkül, desto vielfältiger der Kundenstamm.

Auch die Metro Group verfolgt das Ziel, möglichst viele unterschiedliche Menschen unter einem Dach zu integrieren. Dabei reagiert das Unternehmen, das in 33 Ländern tätig ist, nicht zuletzt auf den demografischen Wandel: "Wir beschäftigen uns zunehmend mit der Schaffung von altersgerechten Arbeitsplätzen und Prozessen, auch weil die Kundschaft älter und kulturell vielfältiger wird", so Bettina Scharff, Leiterin Corporate Social Development. Die Internationalität des Unternehmens, in dem mehr als 150 Nationen zusammen arbeiten, sehen die Metro-Manager als strategischen Vorteil. "Eine vielfältige Belegschaft ist wichtig für den Geschäftserfolg", so Scharff.

Mehr als ein sozialer Anstrich

Den Unternehmen, die sich um Vielfalt bemühen, geht es also keineswegs um einen sozialen Anstrich. Sie verfolgen ökonomische Ziele. Diese Strategie, sagt der Kölner Diversity-Experte Michael Stuber, rechne sich ganz klar auch betriebswirtschaftlich. Stubers Beratungsfirma Ungleich Besser hat mehr als 100 internationale Studien ausgewertet. Der Trend ist eindeutig: Firmen, die auf Diversity setzen, konnten neue Kundengruppen erobern, die Arbeitsatmosphäre verbessern und sogar Krankheits- und Fehlzeiten reduzieren. Eine US-amerikanische Studie aus dem Jahr 2006 belegt gar eine Korrelation von Image und kaufmännischem Erfolg. Danach wiesen jene Unternehmen, die in der Öffentlichkeit für ihre Diversity-Aktivitäten bekannt waren, einen vergleichsweise höheren Firmenwert auf. "Voraussetzung ist, dass die Vielfalt zunächst einmal erkannt, wertgeschätzt und richtig gemanagt wird. Dann bringt sie einen Mehrwert für alle Beteiligten inklusive der Stakeholder", sagt Stuber. Dabei geht das Vielfaltsprinzip weit über ethnische Kategorien hinaus. Zu den klassischen Dimensionen des Diversity Managements gehören Alter und Geschlecht, religiöse Prägungen, Behinderungen sowie sexuelle Orientierungen.

Während sich beispielsweise BMW mit einem Werk in Dingolfing erfolgreich das Thema der Alters-Diversity verfolgt – mit gesundheitsfördernden Arbeitsplätzen und Auszeiten für ausreichend Stretchübungen, um ältere Mitarbeiter in der Produktion länger einsetzen zu können – verfolgen andere Unternehmen breitere Ansätze. Bei der Metro Group machen ältere Mitarbeiter schon jetzt mehr als ein Drittel der Belegschaft aus, und auch Schwerbehinderte sind hier willkommen. Insgesamt arbeiten bei der Handelsgruppe bereits rund 5.500 Menschen mit Handicap.

Auch bei der Verteilung der Geschlechter tut sich etwas: Während in Deutschland noch immer Sinn und Unsinn der Frauenquote diskutiert wird, hat die Commerzbank bereits 1989 interne Ziele zur stärkeren Positionierung von Frauen auch in den Führungsetagen formuliert. Anfang der achtziger Jahre waren lediglich drei Prozent der Führungspositionen mit weiblichen Mitarbeitern besetzt, seither hat sich dieser Anteil auf knapp 23 Prozent erhöht – er soll in Zukunft weiter gesteigert werden.

Leserkommentare
  1. Das ist genau wie mit den Aussagen, dass Unternehmen mit besonders vielen Frauen mehr Gewinn erwirtschaften. Die Hypothesen unterstellen immer einen Kausalzusammenhang: WEIL mehr Migranten, Behinderte, sexuell Andersorientierte... beschäftigt sind, macht das Unternehmen mehr Gewinn.

    Ketzerische Gegenhypothese: WEIL das Unternehmen mehr Gewinn erwirtschaften kann, stellt es mehr Mitarbeiter dieser Gruppen ein. Sprich: Firmen, die aufgrund ihres Geschäftsmodells ohnehin viel Gewinn erwirtschaften, stellen mehr Migranten, Behinderte etc. ein, einfach weil sie es sich leisten können und weil es gut ist für das Image / CSR. Oder noch ketzerischer: WEIL einige dieser Minderheiten statistisch deutlich weniger verdienen, machen diese Unternehmen mehr Gewinn.

    In den Daten sähen beide Hypothesen gleich aus.

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    • Spez
    • 03. Mai 2012 19:53 Uhr

    Am Schluss kommt bei Ihnen der böse Zyniker durch. Zum Glück, denn davon kann unsere Gesellschaft nicht genug haben. Für die heiße Luft fühlen sich ja schon genug zuständig. Allein das schon wieder eine Management-Begriff geprägt wird, führt bei mir zu Magenbeschwerden. Denn wo es ein Management gibt, ist ein Manager nicht weit und somit gibt es weitere neue Plätze in der schönen neuen Führungswelt.

    • DrNI
    • 03. Mai 2012 9:11 Uhr

    Hört sich doch gut an: Alle zusammen und vereint, "it don't matter if you're black or white". Nur eins stört mich: Das Warum. Ich finde, Menschen sollten aufeinander zugehen. Das tut allen gut. Aber in der Wirtschaft kriegen wir es wohl nicht mehr hin, etwas zu machen, einfach weil es uns moralisch gut erscheint. Jegliche Moral haben wir abgegeben, es geht nur noch ums Geld. Und so wird nun auch Diversity Management betrachtet: Weil es Kohle bringt, ist es zu machen. Dann wird auch noch als einer der Vorteile genannt, dass Arbeiter kürzere Babypausen machten. Ja liebe Leute, was halten denn da die Babys eigentlich davon?

    Dass nur noch richtig ist, was sich rechnet, daran krankt unsere Arbeitswelt. Vielleicht sogar nicht nur die Arbeitswelt.

    Wie hätte dieser Artikel ausgesehen, wenn Diversity Management nichts bringen würde? Wäre dann die Message gewesen "Integration lohnt sich nicht - Ausländer raus"?

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    Hier soll ein von einer relativ kleinen Elite erwünschter Standpunkt verkauft werden mit der in unserer Zeit fast einzig gültigen Maxime "weil es den monetären Nutzen steigert". Das ist mittlerweile so fest in den Köpfen verankert, dass es wie ein Naturgesetz ist. "Was mehr Geld bringt ist gut."

    Wenn Diversity monetär nichts bringen würde, dann hätte hier ein beliebiges anderes Argument gestanden, warum es toll ist. Nur dann hätte man sich mit der Begründung mehr Mühe machen müssen und 2/3 der Bevölkerung könnten mit dieser nichts anfangen und würden es daher nicht "kaufen".

  2. Hier soll ein von einer relativ kleinen Elite erwünschter Standpunkt verkauft werden mit der in unserer Zeit fast einzig gültigen Maxime "weil es den monetären Nutzen steigert". Das ist mittlerweile so fest in den Köpfen verankert, dass es wie ein Naturgesetz ist. "Was mehr Geld bringt ist gut."

    Wenn Diversity monetär nichts bringen würde, dann hätte hier ein beliebiges anderes Argument gestanden, warum es toll ist. Nur dann hätte man sich mit der Begründung mehr Mühe machen müssen und 2/3 der Bevölkerung könnten mit dieser nichts anfangen und würden es daher nicht "kaufen".

  3. Hauptsache es zahlt sich aus, Hauptsache der Gewinn, der Profit wird maximiert.

    Es ist einfach nur noch widerlich zu sehen, bzw. zu lesen, wie die neoliberale Religion jeden Bereich unserer Gesellschaft zerfrisst.

    Soziale Verantwortung? Höchstens durch Zufall, weil's halt Geld bringt...

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    >Soziale Verantwortung? Höchstens durch Zufall, weil's halt Geld bringt...

    Hauptsache ist doch, dass soziale Verantwortung übernommen wird; das Motiv ist dabei doch recht egal.
    Auch der (Sozial)-Staat ist nur deshalb sozial, weil er damit politische und wirtschaftliche Stabilität erreichen möchte.

    Wirtschaftliches Handeln und das bestreben zur Gewinnmaximierung sind dem Menschen nicht erst seit dem Neoliberalismus (welcher Neoliberalismus ist denn hier überhaupt gemeint?) in die Wiege gelegt worden, sondern tief im Menschen, seit Anbeginn seiner Zeit, verwurzelt.

    Vielleicht haben auch lange Jahre der Wohlfahrt diesen Teil des Menschen ausblenden lassen.

  4. Ich kann meinen Vorkommentatoren nur recht geben: das Denken, das hier zum Ausdruck kommt, ist schlicht abstoßend. Der Mensch ist egal, aber der Mensch heißt ja auch nicht mehr Mensch, sondern "Human resources".
    Ich halte es auch für keinen Zufall, das weitgehend das englische Wort "Diversity" verwendet wird. Es bringt genau diese Pseudovielfalt und diese neoliberale Einstellung zum Ausdruck. Das deutsche Wort "Vielfalt" hingegen ist sehr viel lebendiger und kraftvoller und eignet sich nicht für so viel Vordergründigkeit.
    Das hier erinnert an die seit Jahren übliche Microsoft-Werbung: immer beglückt strahlende, geklont aussehende Menschen, einmal weiße Hautfarbe, einmal schwarze, einmal gelbe, einmal rote, etc.. Und es sieht so aseptisch aus, wie George Orwells "Schöne neue Welt".

  5. >Soziale Verantwortung? Höchstens durch Zufall, weil's halt Geld bringt...

    Hauptsache ist doch, dass soziale Verantwortung übernommen wird; das Motiv ist dabei doch recht egal.
    Auch der (Sozial)-Staat ist nur deshalb sozial, weil er damit politische und wirtschaftliche Stabilität erreichen möchte.

    Wirtschaftliches Handeln und das bestreben zur Gewinnmaximierung sind dem Menschen nicht erst seit dem Neoliberalismus (welcher Neoliberalismus ist denn hier überhaupt gemeint?) in die Wiege gelegt worden, sondern tief im Menschen, seit Anbeginn seiner Zeit, verwurzelt.

    Vielleicht haben auch lange Jahre der Wohlfahrt diesen Teil des Menschen ausblenden lassen.

    Antwort auf "Hauptsache mehr Geld"
  6. Solange sich hier noch genug Personen finden, die es stört, dass alles dem Primat der Wirtschaftlichkeit untergeordnet wird, besteht noch Hoffnung. Klar, Unternehmen sollen Gewinn erzielen, aber das heißt nicht, dass Unternehmer oder Fürhungskräfte mit Gestaltungsmacht, nicht intrinsisch moralisch sein dürfen. Der Umkehrschluss wäre nämlich, dass man nur moralisch oder gut sein darf, wenns nichts kostet und das ist schon eine Art Bankrotterklärung. Ich finde, Werte sollten auch etwas wert sein dürfen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Commerzbank | Ford | BMW | Work-Life-Balance | Indien | Stuttgart
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