Bachelor-AbsolventenSchluss mit Stromlinienförmigkeit

Erst wollte die Wirtschaft junge Absolventen, nun klagt sie über deren Unreife und Angepasstheit. Statt zu jammern sollte sie handeln, fordert Jan C. Weilbacher. von Jan Christian Weilbacher

Lange hat die Wirtschaft jüngere Absolventen gefordert. Mit den Bachelors verlassen nun Akademiker die Hochschulen, von denen viele erst 22 Jahre alt sind. Diese Forderung wurde mit der Bologna-Reform also erfüllt. Aber mit den jungen Absolventen wissen viele Unternehmen nichts anzufangen. Einstiegsjobs, bei denen ein Bachelor reicht, sind rar. Die jungen Leute konkurrieren bei den meisten Ausschreibungen mit den Master-Absolventen.

Erst gewollt und jetzt verschmäht: Studien zeigen, dass Jobs, die über die Sachbearbeiterebene hinausgehen, in der Regel mit Master-Absolventen besetzt werden. Selbst bei Traineestellen ziehen Bachelors fast immer den Kürzeren. Manager mit einem Bachelorabschluss werden? Unwahrscheinlich. Die Absolventen sind zu jung und zu unerfahren. Ihnen fehlt Praxiserfahrung. Das sagen laut der aktuellen Befragung der Personalberatung access KellyOCG 62 Prozent der Personalverantwortlichen. Fast die Hälfte betrachtet das junge Alter der Generation Bachelor mit Skepsis. Die persönliche Reife des Nachwuchses, sagen viele Personaler, sei mangelhaft. 

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"Da kommen selten eigenständige, freigeistige Typen raus", sagt ein leitender Personalmanager eines großen Entertainment-Konzerns, der lieber anonym bleiben möchte. Aber woher soll die Reife auch kommen? Die Verschulung des Bachelor-Studiums, das Einschränken von Wahlfreiheit und Eigenverantwortung, fordern ihren Tribut. "Wir haben unsere Erwartungen an Jobeinsteiger deshalb zurückgeschraubt", räumt der Personaler ein.

Jan Christian Weilbacher
Jan Christian Weilbacher

Jan Christian Weilbacher ist Chefredakteur des Magazin Human Resources Manager.

Sicher, das ist eine Möglichkeit mit dem Problem umzugehen. Die meisten Firmen hätten aber mehr davon, wenn man die sogenannte Beschäftigungsfähigkeit der Studierenden verbessern würde. Beschäftigungsfähigkeit ist bei Personalmanagern ein beliebter Begriff und war neben der Steigerung der Mobilität ein zentrales Anliegen der Bologna-Reform gewesen. Gemeint ist nicht nur die Fähigkeit, einen qualifizierten Job aufzunehmen und zu behalten, sondern sich eigenständig immer wieder neue Kompetenzen anzueignen.

In einer sich ständig wandelnden Arbeitswelt ist die Fähigkeit zum Lernen die wichtigste Voraussetzung, um dauerhaft erfolgreich zu sein. In dieser Welt sind Menschen mit einer starken Persönlichkeit gefragt. Sie ist ein wesentlicher Teil der Beschäftigungsfähigkeit.

Starke Persönlichkeiten sind gefragt

Die Unternehmen brauchen Einsteiger, die eigenständig denken, verantwortlich entscheiden, flexibel handeln. Sie wollen Personal, das nicht nur über theoretisches Wissen verfügt, sondern in der Lage ist, dieses mit der Praxis zu verknüpfen. Solche Absolventen liefert das Bildungssystem aber kaum. Denn Persönlichkeitsbildung braucht Zeit, aber das eng anliegende Korsett der sechssemestrigen Regelstudienzeit gibt den Studierenden kaum Raum für Praxisphasen. Und noch viel weniger Raum zur Selbstreflexion.

Es fehlt bei vielen eine realistische Einschätzung der eigenen Stärken und Schwächen. "Die Fähigkeit zur Selbstreflexion muss in den Hochschulen zum Thema gemacht werden", fordert etwa der Führungskräfte-Berater und ehemalige Citibank-Personalvorstand Ulrich Jordan. "Das kommt in den Hochschulen zu kurz, ist aber wichtig, um sich weiterzuentwickeln." Jordan betont, dass der Erfolg im Beruf mit der Lernfähigkeit steht und fällt. "Es geht darum, aus Erfolgen und Niederlagen die richtigen Schlüsse zu ziehen."

Sich selbst und das eigene Potenzial einschätzen zu können, dafür sind Erfahrungen nötig, die man auch durch das Ausprobieren und Scheitern sammelt. Eine längere Auslandsreise, das Austesten eines Fachs, der Job nebenbei – alles das sind Erfahrungen, die den Horizont erweitern. Aber auch dafür ist im Bachelorstudium kaum Zeit. Die Studierenden hecheln von Klausur zu Klausur, um das auswendig gelernte Wissen runterzuspulen und es dann sofort wieder zu vergessen. "Bulimie-Lernen" nennt das mancher Student. 

Und dann ist da noch die Angst vor dem ungewöhnlichen Lebenslauf. In einem vorauseilenden Gehorsam versucht sich die junge Generation dem Arbeitsmarkt anzupassen. Die Unternehmen, glauben viele, wollten möglichst junge, möglichst perfekte Bewerber. Man ist ehrgeizig, fleißig – und risikoscheu.

Der Arbeitsmarkt braucht kluge Talente, die offen für Neues sind. Mutige mit kreativen Ideen, die empathisch sind, mit Projektarbeit umgehen können und die bereit sind, interdisziplinär zu denken. Schließlich ist die Unternehmens- und Arbeitswelt immer stärker von Kooperationen geprägt. Aber woher soll es kommen im Klausurengehetze?

Auch die Wirtschaft muss liefern

Es fehlt Mut. Bei den Studierenden, sich Zeit zu nehmen und sich ein Scheitern zu erlauben. Deswegen müssen die Jobchancen nicht unbedingt schlechter sein.

Es fehlt aber auch Mut, das Bildungssystem so anzupassen, dass nicht nur Fachwissen, sondern Lebenskompetenz gelehrt wird. Die Halbwertszeit von Wissen wird immer kürzer. Reflexions- und Problemlösungskompetenzen müssen einen größeren Raum im Studium einnehmen.

Und schließlich fehlt der Mut bei den Personalverantwortlichen, die häufig immer noch zu stromlinienförmig rekrutieren. Die sich bei der Personalauswahl zu oft an traditionelle Muster halten und zu stark auf Noten schauen, statt einen Lebensweg zu honorieren, der zeigt: Hier ist ein Kandidat, der neugierig ist und schnell lernt.

Für die Wirtschaft muss außerdem gelten, nicht nur diverse Kompetenzen von den Bewerbern zu fordern – sondern sich an der Ausbildung noch stärker zu beteiligen. Wer echte Talente rekrutieren will, muss selbst etwas dazu liefern. Die Hochschulen können nicht für einen konkreten Arbeitsplatz ausbilden. Unternehmen müssen mehr zielgerichtete Praktika anbieten und diese anständig vergüten. Traineeprogramme können an die wenig praxiserfahrenen Bachelorabsolventen angepasst werden. Nicht umsonst sind Traineeships Einstiegsprogramme. 

Wer Persönlichkeiten wünscht, die eigenständig denken, kreativ sind und Mut haben, der muss selbst mutig sein. Nur zu klagen reicht nicht.

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Leserkommentare
    • JCO
    • 27. April 2012 16:45 Uhr

    "Studien zeigen, dass Jobs, die über die Sachbearbeiterebene hinausgehen, in der Regel mit Master-Absolventen besetzt werden."

    Klar, frueher wurde auch jeder diplomierte Kaufmann oder Ingenieur ja auch sofort bei der Einstellung Fuehrungskraft oder "Manager", was auch immer das sein soll. Jedermann sein eigener Chef!

    • Formel
    • 28. April 2012 14:18 Uhr

    Nun, ich denke die Verwechslungsgefahr von 6 und 8 semestrigen Studiengängen ist doch eher gering, zur Not weist man im Lebenslauf gesondert darauf hin. Wo ist da das Problem? Das ist mit nichten ein Grund, Studiengänge zusammenzukürzen. (Die Mehrzahl der Absolventen bewirbt sich ohnehin im Deutsch-Sprachigen Raum)

    Außerdem kann man auch nach 8 Semestern einen Master anschließen (,der dann 2-4 Semester umschließt). Auch hier gibt es keinen Widerspruch.

    Und zu guter Letzt: Bildung ist ein Wert an sich und der Gewinn durch 2 weitere Semester Studienzeit dürfte die Kosten wohl bei Weitem überlaufen.

    Wenn man allerdings will, dass Uni-Absolventen Sachbearbeiter werden, kann man die Unis konsequenterweise gleich schließen und schon mal bei den Chinesen anfragen, wie sie ihre Schuhe gerne genäht hätten.

    Antwort auf "BA in 8 Semestern?"
    • cornus
    • 29. April 2012 15:17 Uhr

    will ..... genau das ist das Problem.
    Seit Jahren werden die Bildungsinhalte immer mehr dem angepasst, was die Wirtschaft will. Schule und Universität waren immer die 'Zulieferer' geeigneter Fachkräfte für Industrie und Wirtschaft aber noch nie waren diese Institutionen so verwoben mit ihnen.

    Die Wirtschaft drückt Schule und Universität immer dreister ihre Kriterien auf.
    Beispiel Schule: Am Anfang war ich eine starke Befürworterin von Berufspraktika und das möglichst früh.Auch Studien wie PISA empfand ich als sinnvoll, denn es kam Bewegung in das eingeschlafene Schulsystem.
    Im Vordergrund steht aber mittlerweile nicht die Bildung, sondern die Verkündung schöner neuer Bildungswelten. Moderatoren ziehen immer hektischer durchs Land und verkünden alle paar Jahre immer neue Lehrpläne. Nicht nur, dass bei diesem Aktionismus der notwendige Überblick verloren geht (oder vielleicht soll er verloren gehen?), diese Kommissionen kosten viel Geld, das anderswo dringend benötigt würde. Von den Lehrern, die zeitlich in diese Prozesse eingebunden werden und dann an anderen Orten fehlen, gar nicht zu reden.

    Und die Schüler? Die schauen wie das Kaninchen auf die Schlange auf die Noten und den zu erzielenden Abschluss. Inhalte? Schon längst Nebensache! Nirgendwo wird so viel gelogen, wie bei den Abschlussnoten - je höher der Schulabschluss, desto dreister. Wie kommen wohl sonst die immer besseren Notendurchschnitte im Abitur zustande?

    Persönlichkeitsbildung - wie die Wirtschaft es will?

  1. Oh, mit 22 Jahren sind die ja sooo unerfahren und haben überhaut keine Reife ect pp.

    Muss man denn wirklich ein reifer, fertiger Erwachsener sein zum Berufseinstieg? Wichtig ist doch, dass man von seinem Fach etwas versteht. "Richtige Reife" kommt meiner Meinung erst im Berufsleben. Lebenserfahrung kommt durch Praxis, nicht nur im Studium.

    Der Vorteil: Wer mit 22 Jahren in den Beruf einsteigt, hat mit 32 10 jahre Berufserfahrung. Dann ist es immer noch eine gute Zeit, um mit einem Masterstudiengang aufzusatteln. Das ist dann viel sinnvoller, weil mann dann wirklich weiß was man will und braucht.

    Gerade zum Beispiel bei praktischen Ingenieursausbildung kann ein wenig Praxis nicht schaden, das merkt man den Dipl.-Ing (TH) sehr wohl an. Eine Praxispause von mind. einem Jahr aus Zulassungsvoraussetzung für den Master wäre da eine gute Lösung.

    Antwort auf "Bei uns an der FH..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • cornus
    • 30. April 2012 13:19 Uhr

    meine ich, eine 'reife Persönlichkeit' ist n i c h t mit 'reif für das Berufsleben' gleichzusetzen.
    Zu einer Persönlichkeit gehört ja wohl mehr, als nur in seinem Berufsfeld kompetent zu agieren. Ein braver Schüler und ein noch braverer Student, also konform mit den Wünschen der Wirtschaft, was bringt der denn mit für die Gesellschaft?
    Natürlich ist es immer wünschenswert, wenn man seinen Job gut macht, trotzdem gehört zu einem mündigen Bürger noch mehr: nämlich dass er sich aktiv an der Entwicklung des Gemeinwesens beteiligt - im kleineren oder größeren Kreis. D a s erwarte ich von der zukünftigen Generation, nicht das Durchpreschen durch Schule - Studium - Beruf ohne rechts und links zu schauen.
    Aber, wie schon gesagt, schon an der Schule, eigentlich auch schon im Kindergarten, wird Gehirnwäsche betrieben, Schüler aller Schultypen sind einem nicht zu unterschätzenden Druck ausgesetzt, 'etwas zu werden' und damit ist in der Regel eine Berufsausbildung gemeint.
    Zur Persönlichkeitsentwicklung braucht man Zeit, sich inhaltlich mit vielen Themen auseinanderzusetzen und sich auszuprobieren. Aber Zeit bekommen Schüler und Studenten in der Regel nicht mehr.

  2. 61. Ufffff

    Nach der ersten halben Seite habe ich mir das Weiterlesen erspart. Noch eine Wunschliste von High-Class-Arbeitgebern? Nein danke.

    • cornus
    • 30. April 2012 13:19 Uhr

    meine ich, eine 'reife Persönlichkeit' ist n i c h t mit 'reif für das Berufsleben' gleichzusetzen.
    Zu einer Persönlichkeit gehört ja wohl mehr, als nur in seinem Berufsfeld kompetent zu agieren. Ein braver Schüler und ein noch braverer Student, also konform mit den Wünschen der Wirtschaft, was bringt der denn mit für die Gesellschaft?
    Natürlich ist es immer wünschenswert, wenn man seinen Job gut macht, trotzdem gehört zu einem mündigen Bürger noch mehr: nämlich dass er sich aktiv an der Entwicklung des Gemeinwesens beteiligt - im kleineren oder größeren Kreis. D a s erwarte ich von der zukünftigen Generation, nicht das Durchpreschen durch Schule - Studium - Beruf ohne rechts und links zu schauen.
    Aber, wie schon gesagt, schon an der Schule, eigentlich auch schon im Kindergarten, wird Gehirnwäsche betrieben, Schüler aller Schultypen sind einem nicht zu unterschätzenden Druck ausgesetzt, 'etwas zu werden' und damit ist in der Regel eine Berufsausbildung gemeint.
    Zur Persönlichkeitsentwicklung braucht man Zeit, sich inhaltlich mit vielen Themen auseinanderzusetzen und sich auszuprobieren. Aber Zeit bekommen Schüler und Studenten in der Regel nicht mehr.

    Antwort auf "Milchbart ?? "
    • Saciel
    • 30. April 2012 14:21 Uhr

    mit der Wirtschaft.

    In ihrer allumfassenden Gier, weiß sie gar nicht was sie will.

    Das zeigen doch die unmengen von Stellenangeboten für z.B. simple Kellnerinnen, die doch bitte 30 Jahre Berufserfahrung haben sollen, aber besser nicht über 25 sind.

    Ich befinde mich gerade auf Jobsuche und habe diverse utopische Anforderungen in Stellenangeboten gelesen, die teilweise selbst so mit Rechtschreib- und Grammatikfehlern gespickt sind, dass sich dem Leser die Haare sträuben.

    Man kann nurs eins von beidem haben: Super-junge oder Super-erfahrene Absolventen, beides gleichzeitig existiert nicht häufig genug um einen Bedarf zu decken. Schade, dass diese Erkenntnis vielen Personalern verschlossen bleibt.

  3. warum erwartet wird, dass die Leute direkt aus der Uni oder Hochschule mit den gewünschten Kompetenzen herauskommen. In der Praxis kann man doch viel schneller Berufserfahrungen, Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, sich selbst einzuschätzen, erwerben. Warum sollen diese Fähigkeiten im oder neben dem Studium im Nebenjob oder Auslandsstudium erworben werden und nicht direkt im Job? Nicht dass ich Bologna verteidigen will, aber wenn man jetzt kürzer studiert und dann eher mit seiner Berufserfahrung anfängt, kommt es doch am Ende auf das Gleiche heraus. - Vorausgesetzt man findet den Einstieg! Kein theoretisches Studium kann so gut sein und einem so schnell so viel beibringen, wie die Praxis selbst. Da frag ich mich, warum sich die Wirtschaft aus der Verantwortung ziehen will und erwartet, dass von irgendwoher immer junge Leute, mit Erfahrung nachströmen.

    Ich schließe mich auch Kommentar 8 an.

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  • Schlagworte Hochschule | Arbeitsmarkt | Bachelor | Bologna-Reform | Personalberatung
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