BMW-Personalvorstand"Wir haben Lupen an den Arbeitsplätzen"

BMW will seine alternde Belegschaft gesund halten: mit ergonomisch optimierten Arbeitsplätzen und Betriebssport. Was das bringt, sagt Personalvorstand Harald Krüger. von  und

BMW-Personalvorstand Harald Krüger im Interview

BMW-Personalvorstand Harald Krüger im Interview  |  © Matthias Breitinger

ZEIT ONLINE: Herr Krüger, Sie werden in diesem Jahr 47 Jahre alt. Das wird das Durchschnittsalter aller Beschäftigten bei BMW im Jahre 2020 sein. Ist ihr Arbeitsplatz altersgerecht?

Harald Krüger (lacht): Durchaus. Mein Schreibtisch und mein Bürostuhl sind ergonomisch optimiert.

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ZEIT ONLINE: BMW ist besonders vom demografischen Wandel betroffen. In den achtziger Jahren hat das Unternehmen viele junge Mitarbeiter eingestellt, die nun gemeinsam altern und bald um die 50 Jahre alt sind. Wie gehen Sie damit um?

Krüger:  Wir reagieren bereits seit einigen Jahren aktiv darauf und sehen darin auch eine Chance. In fünf Jahren wird fast die Hälfte unserer Mitarbeiter älter als 50 Jahre sein. Es gibt immer mehr Mitarbeiter, die älter als 60 sind. Wir haben darauf mit einem Demographie- und Gesundheitsmanagement für alle Werke in Deutschland und Österreich reagiert. Wir setzen auf Ergonomie und Prävention. Bis heute haben wir mehr als 4.000 Arbeitsplätze altersgerecht ausgestattet. Rund 20 Millionen Euro haben wir gerade in einem ersten Großprojekt in eine neue Achsmontage investiert, die Jungen wie Älteren gesundes Arbeiten und Älterwerden ermöglichen.

Harald Krüger

Harald Krüger ist seit Dezember 2008 Arbeitsdirektor und Personalvorstand der BMW AG. Ab Juli 2012 soll die bisherige Bahn-Managerin Milagros Caiña-Andree das Personalressort übernehmen. Krüger übernimmt dann ein neues Ressort, in dem die Verantwortung für die Marken Mini und Rolls-Royce sowie das Motorradgeschäft gebündelt werden.

ZEIT ONLINE: Gesundheitsmanagement klingt kryptisch. Was heißt das konkret?

Krüger: Wir haben zum Beispiel Fitnessstudios für die Mitarbeiter eingerichtet. Die Arbeitsplätze sind ergonomisch gestaltet, wir haben Physiotherapeuten angestellt, die sich um die Mitarbeiter kümmern. Selbst das Essen in der Kantine haben wir umgestellt, es ist heute gesünder und cholesterinärmer. Manche Sachen sind ganz simpel.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Krüger:  Wir haben etwa Lupen an den Arbeitsplätzen angebracht, an denen zum Beispiel kleine Teilenummern gelesen werden müssen. In einem Pilotprojekt beginnt die Frühschicht am Montag jetzt zwei Stunden später, weil unsere Mitarbeiter dadurch weniger Probleme mit dem Schichtwechsel übers Wochenende haben. Außerdem haben wir eine Rotation eingeführt, damit die Leute nicht acht Stunden bei einer Tätigkeit in gebückter Haltung arbeiten müssen und Schmerzen bekommen. Jetzt wechseln sie am Band an allen Plätzen durch und haben dadurch mehr Ausgleich.

ZEIT ONLINE: Klingt sinnvoll. Warum haben Sie das nicht früher gemacht?

Krüger: Viele Probleme traten erst mit dem zunehmenden Alter der Beschäftigten auf. Wir haben zum Beispiel bemerkt, dass die Beschaffenheit des Bodens wichtig ist. In der Getriebemontage arbeitete man oft auf Gummimatten. Die Mitarbeiter müssen sich dabei aber oft drehen. Der Boden ist dann sehr stumpf, die Drehbewegung geht auf die Knie. Die Mitarbeiter sind dann mal in den Baumarkt gefahren, haben Parkett-Schwingboden mitgebracht und den an einem Arbeitsplatz ausprobiert. Plötzlich hatten sie weniger Kniebeschwerden. Außerdem haben wir eine Sprossenwand in der Halle angebracht und Ruheräume eingerichtet, in denen sich die Mitarbeiter in Pausen hinlegen können.

ZEIT ONLINE: Die Mitarbeiter turnen freiwillig an der Sprossenwand?

Krüger: Viele waren anfangs skeptisch. Aber als Ärzte und Physiotherapeuten den Mitarbeitern die Übungen gezeigt haben, merkten viele, dass es ihnen gut tut. Einige Angebote sind wirklich sehr angenehm. Für die Mitarbeiter mit einem Bürojob haben wir zum Beispiel Angebot wie den Rückenlunch . Da gibt es eine Rückenschulung in in der Mittagspause, ohne dass sie im Anzug ins Schwitzen kommen. Oft entwickelt sich auch sportlicher Ehrgeiz. Den bekomme ich auch selbst zu spüren: In den Gebäuden haben wir grüne Pfeile angebracht, die unsere Mitarbeiter zu motivieren, häufiger die Treppen statt des Aufzugs zu nehmen. Daneben steht, wie viele Kalorien man dabei verbraucht und welche Muskeln man trainiert. Seither muss man sich schon mal dafür rechtfertigen, wenn man schon wieder lieber mit dem Lift fährt.

Leserkommentare
  1. Natürlich ist es eine Selbstverständlichkeit Arbeitsplätze ergonomisch vernünftig zu gestalten. Es ist aus betriebswirtschaftlicher und auch aus menschlicher Sicht selbstverständlich. Aber die Gesundheit des Arbeitnehmers ist eine Bringepflicht aus dem Arbeitsvertrag. Wer das nicht einsieht und da nach handelt, dem helfen auch nicht noch so gut gemeinte Gesundheitsprogramme. Sie belasten dann nur das Unternehmen zusätzlich. Wer das nicht einsehen kann, gehört nicht mehr in die moderne Arbeitswelt. Es scheidet so wie so früher oder später aus Gesundheitlichen Gründen aus.

  2. Eine Bekannte von mir arbeitet beim o.g. Autobauer. In ihrer Abteilung werden schon seit einiger Zeit Stellen nicht mehr neu besetzt, wenn jemand geht. Die Arbeit machen dann halt die Übriggebliebenen mit. Konkret heisst das für sie ein zwangsweiser 12-Std.-Tag. Da nützen auch die tollsten ergonomischen Spielereien nichts.

    Das gibt es vermutlich auch bei anderen Autobauern und in anderen Branchen. Für mich liest sich der obige Artikel unter diesem Blinkwinkel dennoch wie reinste PR.

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    Natürlich ist Ergonomie wichtig, diese Ergonomie-Initiativen sind aber allzu häufig nur PR-Blendgranaten, um vom größeren Problem abzulenken:

    Heutzutage sind körperlichen Belastungen am Arbeitsplatz das *kleinere* (weitgehend gelöste) Problem.
    Das größere(ungelöste) Problem sind die psychischen Belastungen (Stress, Mobbing, miserable Chefs, dauernde Überlastung etc...).

    Lieber Herr Krüger: Thema verfehlt, setzten, 6 !

    Dem Arbeitnehmer bleibt glücklicherweise die Möglichkeit, öffentlich auf die Zustände HINTER der Kulisse aufmerksam zu machen, z.B. auf *kununu.de*

    Ablenkungsmanöver werden so schnell entlarvt.

  3. ...tonnenschwerer, hunderte PS-starker Fossilmobilboliden, um Nachhaltigkeit zu erkennen, da ist nichts Nachhaltiges, wenn man seine PS-Protze aus Ölkohle herstellt.

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    Auch Ihre lustigen E-Autos oder noch so kleinen Fossilmobile werden genauso aus Ölkohle und noch ganz anderem hergestellt. Was meinen Sie wie die Ressourcen gefördert werden? Lithium? Kommt aus dem Boden oder aus Salzseen. Und die Maschinen hierfür laufen womit? Oh mit Produkten aus Öl! Netter nebeneffekt --> die Umwelt wird genauso zerstört wie wenn ich mir einen 500PS BMW etc kaufe. Hauptsache wieder dumm rumposaunen aber keinen Plan etc haben.

  4. Auch Ihre lustigen E-Autos oder noch so kleinen Fossilmobile werden genauso aus Ölkohle und noch ganz anderem hergestellt. Was meinen Sie wie die Ressourcen gefördert werden? Lithium? Kommt aus dem Boden oder aus Salzseen. Und die Maschinen hierfür laufen womit? Oh mit Produkten aus Öl! Netter nebeneffekt --> die Umwelt wird genauso zerstört wie wenn ich mir einen 500PS BMW etc kaufe. Hauptsache wieder dumm rumposaunen aber keinen Plan etc haben.

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    ...aber selbst damit wäre Sinn nicht erkennbar: Weg mit ölschmalotzenden Bayern-(Schwaben-)boliden, die Karren sind längst aus der Zeit gefallen, mit tonnenschweren Fossilmobilen, mit dem 20-fachen des Fahrergewichtes, meist allein besetzt, durch die Gegend zu rauschen ist einfach nur noch Schwachsinn.

  5. Was soll dieser Ablenkungsversuch zum Thema ältere Mitarbeiter ?
    Diese "älteren Mitarbeiter" werden nach wie vor gnadenlos aussortiert und per Abfindung vor die Tuer gesetzt.
    Und damit gibt es das angesprochene Segment "ältere Mitarbeiter" nicht: weder heute noch in Zukunft.
    Da hilft auch kein Gerede von einem zukuenfigen Arbeitskräftemangel, den wird es nicht geben.

  6. ...aber selbst damit wäre Sinn nicht erkennbar: Weg mit ölschmalotzenden Bayern-(Schwaben-)boliden, die Karren sind längst aus der Zeit gefallen, mit tonnenschweren Fossilmobilen, mit dem 20-fachen des Fahrergewichtes, meist allein besetzt, durch die Gegend zu rauschen ist einfach nur noch Schwachsinn.

  7. wenn ich 40 50 Jährige noch studieren lasse währned kaum genug Studienplätze für jüngere da sind. Ebenfalls top ist die Praxis der Stammbelegschaft gleichzeitigen Urlaub zu ermöglichen indem ich Leiharbeiter dafür drangsaliere. Überhaupt die dieses ganze Nachhältigkeitsgerede doch das Papier nicht wert auf dem es steht, wenn der grosse Teil der Leiharbeiter dafür nicht in Frage kommt. Hier verpackt doch einer knallharte Besitzstandswahrungsinteressen in blumigem Nachhaltigkeitsgerede. Die Interviewfragen offenbaren ja schon die ganzen Widersprüche. Ich finde es immer wieder erstaunlich, dass Manager bei so offensichtlichen Defiziten nie auch nur einen Anflug von Selbstzweifeln bekommen. Eigentlich müsste er sich für diesen Hohn mal in die Ecke stellen und sich schämen.

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    • RGFG
    • 06. April 2012 14:00 Uhr

    Dass alle Firmen ihre Standards durchgehend so weit absenken, dass alle Beschäftigten gleich unzufrieden sein können?

  8. "wenn ich 40 50 Jährige noch studieren lasse währned kaum genug Studienplätze für jüngere da sind."
    Ganz einfach:
    1.) Weil die 40-50 jährigen, die seit Jahren/Jahrzehnten im realen Arbeitsleben stehen, zielgerichtet das studieren, was der deutsche Arbeitsmarkt wirklich benötigt und nicht irgendwelchen modischen, hippen Larifari.
    2.) Es gibt garnicht genügend Jüngere, die die Studienplätze in denjenigen Fächern füllen, die der deutsche Arbeitsmarkt wirklich braucht.
    Ich (weiblich, 48 Jahre, Deutsche) arbeite selbst seit fast 20 Jahren bei (ausländischen) Autozulieferern und weiß, wovon ich rede. Habe selber noch ein (Fern-)Studium absolviert, nachdem mir klar war, was wirklich benötigt wird. Heute bin ich Führungskraft in Frankreich, mit Karriereambitionen im außereuropäischen Raum. 50 is not the end, you know? Ich bin sehr auf Ihre Antwort gespannt...

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    Wenn in bestimmten Bereichen so händeringend nach Absolventen gesucht wird warum werden dann keine Maßnahmen ergriffen jemanden in diese Bereiche zu locken - auch von Arbeitgebern nicht? Sie haben leicht reden mit Ihren Betriebsräten, Gewerkschaften und wohlwollenden Arbeitgebern, denen Sie zu verdanken haben, dass Sie Ihren Job noch haben. Die bringen es nämlich fertig, dass Manager sich dann hier solches Nachhaltigkeitsgerede ausdenken müssen. Mein Arbeitgeber ist sich ja selbst zu fein uns die Reservierung eines Parkplatzes zu gönnen, um zur Arbeit zu kommen. Wir können uns ja gern mal über die wirtschaftliche Situation hier in Berlin unterhalten. Da gibt es hier auch nette Artikel dazu wovon Sie in Frankreich wohl nicht so viel mitbekommen (http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-03/firmenzentrale-ostdeutschland). Ich kann ja nur hoffen, dass Sie sich Ihren Kommentar zur Provokation einfach ausgedacht haben. So eingebildetes Führungspersonal, das nur an sich selbst denkt wünsche ich mir jedenfalls nicht für Europa. Was haben Sie denn studiert was angeblich wirklich benötigt wird? 'Wo finde ich Artikel zum Lesen auf die ich mir was einbilden kann'? xD

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