Cover von "Auf Bewährung" © DTV Verlag

"Bauchwehakten" nennt Robert Pragst den Stapel auf seinem Schreibtisch, der gerne mal auf bis zu 150 offene Verfahren und gut einen Meter Höhe anwächst. Den Job als Staatsanwalt hatte sich der Jurist glamouröser vorgestellt. Er hatte von einem großen Büro geträumt mit schweren Möbel, von spektakulären Fällen und viel Zeit für die Ermittlungen. Die Realität während seiner Ausbildung in Deutschlands größter Staatsanwaltschaft in Berlin sieht anders aus, aber nicht weniger spannend. Das schildert Pragst im Buch Auf Bewährung , das er über sein erstes Berufsjahr geschrieben hat.

Sein Praxisschock beginnt mit Betreten seines Büros. Es ist ein Zimmerchen, das er sich mit einer jungen Kollegin teilt, die ebenso verzweifelt gegen Aktenberge und Kleinkriminelle kämpft. Statt auf ein stilvolles Ambiente schauen die beiden auf Wände, die das letzte Mal vor 30 Jahren einen frischen Anstrich bekommen haben, und arbeiten an zerkratzten Schreibtischen aus Pressholz. Sie jagen Trickbetrüger, Ladendiebe und Heiratsschwindler.

Den Kleinkriminellen beizukommen ist aber gar nicht so einfach, schreibt Pragst. Eine Anklage muss juristisch wasserdicht sein. Ist sie es nicht, nimmt die Verteidigung die Schrift auseinander, wie der junge Staatsanwalt leidvoll erfahren muss. Pragst und seine Kollegin sind auf die Schützenhilfe der erfahrenen Kollegen angewiesen. Die unterstützen gerne – aber nur, wenn sie im Gegenzug Kaffee bekommen. Ein Glück, dass im Zimmer der Nachwuchsstaatsanwälte die einzige Maschine der Abteilung steht. Das Büro wird zum "Café Jura". Pragst beschreibt das so: "Wenn kurz nach neun das Assesorenzimmer aus irgendwelchen Gründen noch abgeschlossen war, gab es ein Problem. Die ersten Kollegen versuchten mit der Kaffeetasse in der Hand die Tür einzurammen. Dafür nervten wir sie mit unseren Fragen."

Zum Beispiel wollen sie wissen, wie einem Fahrschulleiter beizukommen ist, der seinen Schülern einen ganz besonderen Service anbietet: Gegen eine Extra-Zahlung wertet er die Theorieprüfung als bestanden. Wie lässt er sich so überführen, dass die Beweise für ein Berufsverbot reichen? Und was soll mit der alten Baseballmütze und Taschenlampe geschehen, die als Beweisstücke zu einem 13 Akten umfassenden alten Fall gehören?

Liebeserklärung an einen Aktenjob

Pragst beschreibt die ganz realen Probleme und Absurditäten, mit denen Staatsanwälte im deutschen Rechtssystem zu kämpfen haben. Man erfährt, dass die Juristen es nicht nur mit offenen Verfahren zu tun haben, dass Fallakten noch zehn bis zwanzig Jahre lang wegen möglicher Wiederaufnahmen aufgehoben werden. In Berlin lagern die Akten verteilt über 27 Dachböden, die so groß wie Markthallen und Tonnen schwer sind. Die dazugehörigen beschlagnahmten Gegenstände kommen in die Asservatenstelle, die sich im Sockelgeschoss des Kriminalgerichts befindet. Die Stelle ist verteilt über 25 Keller und zwei Innenhöfe. Man ahnt, warum die Ermittlungen mitunter dauern. Pragst muss sich wegen Baseballmütze und Taschenlampe durch 13 Akten mit mehreren hundert Seiten wühlen, um entscheiden zu können, was mit den Gegenständen passiert. Eine Arbeit von mehreren Stunden – wenn man schnell ist.

Auch sonst haben Staatsanwälte einiges zu tun, erklärt der Autor. Wenn Verdächtige bereits in Untersuchungshaft sitzen, dürfen die Juristen keine Zeit verlieren. Spätestens nach sechs Monaten – besser schneller – muss Anklage erhoben werden, so schreibt es die Strafprozessordnung vor. Kommt der Staatsanwalt nicht voran, etwa weil wie so oft 250 andere offene Verfahren ihn davon abhalten, kommen die Verdächtigen frei. Nun ist es aber mit der reinen Ermittlung gar nicht getan. Der Staatsanwalt muss die Briefe aus der Haft nach draußen kontrollieren. Meist braucht er dazu einen Dolmetscher. Und weil viele Häftlinge wissen, dass sie die Juristen auf diese Weise von den Ermittlungen abhalten können, schreiben sie viel und oft.

Liebevoll und mit einer ironischen Leichtigkeit beschreibt Pragst den Berufsalltag. Heute arbeitet er als Richter am Amtsgericht in Berlin-Lichtenberg. Das Buch ist spannender als so mancher Kriminalroman und eine Liebeserklärung an seinen Berufsstand.