Führungskräfte in Deutschland fühlen sich überfordert. In einer immer komplexer werdenden, vernetzten Welt müssen sie immer schneller Entscheidungen treffen. Nicht selten haben diese globale Auswirkungen. Doch es fehlt Zeit, gründlich über alle Folgen nachzudenken. Gefangen in einer Entscheidungsspirale leiden viele Spitzenführungskräfte unter dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Gleichzeitig wünschen sie sich mehr Kooperation über Branchengrenzen hinweg. Das stellt die Studie Jeder für sich und keiner fürs Ganze? fest, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, die Stiftung Neue Verantwortung und die Unternehmensberatung Egon Zehnder International gemeinsam erstellt haben.

Die Forscher befragten insgesamt 30 Führungskräfte aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Vertreter aus NGOs, Kirche, Gewerkschaften und dem Militär in anderthalbstündigen Leitfadeninterviews, darunter Minister, Verfassungsrichter, Vorstandsmitglieder führender deutscher Unternehmen und Präsidenten von Forschungseinrichtungen. Die Antworten der Befragten zeichnen ein eher düsteres Bild vom Selbstvertrauen der Führungskräfte – sie scheinen verängstigt zu sein, sehen sich kaum in der Lage, vollumfänglich Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen und fragen nach der Sinnhaftigkeit ihres Handelns.

Die Befragten wünschen sich einen neuen Führungsstil, der sich an nachhaltigen Werten orientiert . Aber sie wissen nicht, wie dieser entstehen kann. Sie sehen dringenden Handlungsbedarf, um globale Herausforderungen wie Klimawandel, Wirtschaftskrise oder Integration zu lösen. Sie sehen diese Probleme auch als ihre Aufgabe an, fühlen sich aber alleingelassen und überfordert. 

Entscheider unter Druck

Da ist zum einen der Zeitdruck, immer schneller Entscheidungen mit kaum zu überblickenden Auswirkungen treffen zu müssen. Prognosen erscheinen den meisten Befragten als nicht mehr verlässlich. Man versucht zwar, sich durch Expertisen abzusichern, aber allzu oft sind auch diese nur für einen kurzen Zeitraum gültig.

Zum anderen sehen die Führungskräfte den fehlenden Raum zur Reflexion und Regeneration als ein großes Problem an. Für langfristiges Denken bliebe wenig Zeit, ebenso fehle Zeit für Erholung. Und schließlich würden strukturelle und kulturelle Barrieren verhindern, dass sich Spitzenentscheider verschiedener Sektoren miteinander austauschten. Das sei aber wichtig, betonen die Befragten. Während die Politik wesentliche Entscheidungen zur Bewältigung der Wirtschaftskrise trifft, handeln die Entscheider in der Finanz- und Wirtschaftsbranche weitgehend abgeschottet.

Die Entscheider leiden außerdem unter dem Gefühl wachsender Unvorhersagbarkeit. Besonders setzt ihnen der Studie zufolge die ständig kritische Medienöffentlichkeit zu. Die allermeisten der Befragten haben akzeptiert, dass sie mit ihrer Funktion auch eine öffentliche Person geworden sind, die ständig erreichbar sein muss. Aber die Befragten geben an, dass sie die Wirkung des eigenen Handelns und Entscheidens nicht mehr verlässlich einschätzen könnten. Auch die Ansprüche von Mitarbeitern und Öffentlichkeit, Transparenz und Beteiligung zu schaffen, fordern den Führungskräften einiges ab. Arbeitnehmer wollten heute nicht mehr hierarchisch-autoritär geführt werden, sie wollen keine Anweisungen mehr erhalten – sondern selbst Verantwortung tragen. Führungskräfte sollen heute vor allem Orientierung geben. Das fällt den Befragten allerdings zunehmend schwer, denn die Halbwertszeit von Wissen hat abgenommen.

Letztlich, so sagen die Befragten, kämen sie durch ihre Führungsjobs an die Grenze ihrer körperlichen und seelischen Belastbarkeit.