Betriebsklima"Unzufriedenheit erhöht die Motivation"

Das Gefühl, mehr leisten zu können, macht Mitarbeiter produktiv, sagt Berater Winfried Rauter im Interview. In vielen Betrieben ist aber die Angst vor Fehlern zu groß. von 

ZEIT ONLINE: Herr Rauter, Sie messen und verbessern als Berater das Arbeitsklima in Unternehmen. Warum zahlt sich ein gutes Betriebsklima für Chefs aus?

Winfried Rauter: Weil die Mitarbeiter gerne zur Arbeit gehen , sie motiviert sind und bereit, Leistungen zu bringen. Sie wollen sich ständig verbessern. Sie bleiben ihrem Arbeitgeber treu, wenn im Betrieb ein gutes Klima herrscht.

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ZEIT ONLINE: Aber nur weil es in der Firma nett ist, arbeiten die Mitarbeiter ja nicht mehr.

Rauter: Es geht nicht um Spaß. Ginge es darum, könnten Sie Ihren Mitarbeitern doppelt so viel Geld zahlen und von Ihnen verlangen, nur halb so viel zu arbeiten. Aber das wird Ihr Unternehmen nicht nach vorne bringen. Wenn wir von einem guten Arbeitsklima sprechen, meinen wir ein Bündel von Faktoren, die einen positiven Einfluss auf die Produktivität haben.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret?

Rauter: Die Arbeitsbedingungen müssen so gestaltet werden, dass sich die Mitarbeiter nicht langweilen, aber auch nicht permanent überfordert fühlen. Sie sollten einen Sinn in ihrer Tätigkeit sehen und sich nicht fremdbestimmt fühlen. Kontrolle und Teilhabe sind wichtig. Der Chef sollte versuchen, alle mit ins Boot zu holen, und die Unternehmensziele verständlich kommunizieren. Die Mitarbeiter brauchen aber auch Perspektiven und Aufstiegschancen – und das Gefühl, mit ihren Kollegen und dem Vorgesetzten auch bei Schwierigkeiten sprechen zu können. Deshalb ist Feedback so wichtig. Führungskräfte sollten regelmäßig Feedback geben, nicht nur dann, wenn etwas schief gelaufen ist.

Winfried Rauter
Winfried Rauter

Winfried Rauter ist Unternehmensberater bei Betriebsklima.de. Die Agentur berät Unternehmen bei der Verbesserung des Arbeitsklimas.

ZEIT ONLINE: Was zeichnet ein gutes Betriebsklima noch aus?

Rauter: Die Mitarbeiter fühlen sich an ihrem Arbeitsplatz sicher. Dazu gehört die physische Sicherheit – der Arbeitsschutz wird eingehalten, die Arbeitsräume sind so gestaltet, dass die Mitarbeiter vor Lärm und Hitze geschützt sind. Auch die materielle Sicherheit ist wichtig. Volle Leistungen bringen Arbeitnehmer dauerhaft nur, wenn sie sich keine Sorgen um ihren Job machen müssen.

ZEIT ONLINE: Wie messen Sie das Arbeitsklima?

Rauter: Wir führen eine Mitarbeiterbefragung durch, in der wir verschiedene Kriterien abfragen: Wie hoch ist der Stresslevel? Wie gut ist die Teamarbeit? Vertrauen die Mitarbeiter dem Chef? Fühlen sie sich unter- oder eher überfordert? Wünschen sie sich mehr oder weniger Feedback? Die Befragung erfolgt unter allen Mitarbeitern und Führungskräften – und zwar komplett anonym, ohne dass der Arbeitgeber Rückschlüsse aus den Antworten auf einzelne Mitarbeiter schließen kann. Aus den Antworten ergibt sich für die verschiedenen abgefragten Bereiche ein Wert. Und den wiederum setzen wir in Bezug zu anderen Unternehmen mit vergleichbaren Arbeitsplätzen.

Leserkommentare
    • obl
    • 01. Juni 2012 7:00 Uhr

    ...erreicht man, indem man sich von Beratern mit Tagessätzen über 3000DM Allgemeineplätze braten lässt, anstatt den Mitarbeiter direkt zu fragen oder ihm vielleicht 3000DM Weihnachtsgeld zu geben.

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    Sie glauben wirklich Mitarbeiter sind motivierter wenn Sie Ihnen mehr Weihnachtsgeld geben? Das kommt ganz auf den Kontext an. Mehr Geld kann oft einen sehr kurzen positiven Motivationseffekt haben, und langfristig oft einen negativen, z.B. wenn es im Folgejahr weniger Bonus gibt. Man gewöhnt sich nämlich an alles und nimmt es nach einiger Zeit als selbstverständlich an. Insbesondere Arbeitnehmer in Länder Westeuropas, die meistens hohen Arbeitsschutz geniessen zählen zu dieser Kategorie.

  1. Das sind ja ganz spannende Erkenntnisse. Mitarbeiter sind motiviert, wenn das Betriebsklima gut ist, der Arbeitsplatz sicher und angemessen bezahlt, die Arbeit herausfordernd, spannend und neues zu lernen ist.
    Und jetzt müssen wir noch diesen Betrieb finden. Vielleicht GLS oder DHL? Günter Wallraff kann das sicher bestätigen.

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    ...nicht DHL und GLS in einen Topf werfen. Bei ersteren ist es eine Masche, Teile der Gebiete an Externe auszulagern, und dort kommen dann die schlimmen Zustände her, die bei GLS das GESAMTKONZEPT des Unternehmens sind. Paketboten, die direkt bei DHL angestellt werden, sind verhältnismäßig anständig bezahlt (wie übrigens auch UPS).

  2. Rauter: Unzufriedenheit ist ein großer Motivationstreiber. Allerdings muss es eine temporäre und nicht sehr starke Unzufriedenheit sein. Das gemeinschaftliche Gefühl, noch etwas mehr leisten zu können, noch etwas besser sein zu wollen, und zwar freiwillig: Wenn sich dieses Streben in einem Team entwickelt, haben Sie ein optimales Betriebsklima erreicht.

    Diese temporäre Unzufriedenheit wird nur dann zum Motivationstreiber, wenn sie durch die freiwillige Mehr- und Besserleistung auch aufgelöst werden kann.
    Passiert das nicht, und die Mitarbeiter laufen hinter der Karotte her wie die Esel, wird die t.Unzufriedenheit zum De-Motivationsfaktor.
    Darüber hinaus können die Ursachen von Unzufriedenheit und De-Motivation auch im im externen, sozialen Umfeld beheimatet sein, werden in den Betrieb mitgeschleppt; damit Leistungsfähigkeit gemindert, selbst wenn das interne betriebliche Umfeld in Ordnung ist.

  3. Das ist natürlich eine famose Angelegenheit. Da wird nämlich jeder der Beteiligten drei mal darüber nachdenken, ob er irgendwelche kritische Dinge vom Stapel lässt bzw. schlechte Antworten auswählt (meistens geht das ja per multiple choice).

    Denn wenn man das tut und das Bild der Befragung ergibt schlechte Werte, dann werden ja "Maßnahmen" aufgesetzt, die zu einer Verbesserung führen sollen, den Irrsinn allerdings im Regelfall nur noch verschlimmern. Um das zu vermeiden, wird natürlich immer so angekreuzt, dass sich ein (nicht allzu) positives Bild ergibt und die Welt ist für alle Beteiligten in Ordnung.

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    Unsere Erfahrung: Wenn die Arbeitnehmervertreter (Betriebsrat, Personalrat) rechtzeitg in den Prozess eingebunden und vorab über Ziel, Ablauf und Auswertung einer solchen Befragung informiert werden, funktioniert das meistens sehr gut.

  4. Liest man sich dieses Interview einmal genau durch, so kann man mehr als nur erahnen,wie verkommen die deutsche Arbeitswelt ist.
    Kein Wunder, hört man sich dazu die Statements führender deutscher Arbeitgebervertreter an, fühlt man sich unwillkürlich an das Bild vom "Raubtier im Menschen" erinnert.

    • obl
    • 01. Juni 2012 8:52 Uhr

    ...wenn Berater nicht genügen Aufträge bekommen, dann erfinden die einfach irgenwelche abstrusen Buzzword-Thesen in der Hoffnung als publik und evolutionär gebucht zu werden.

    ...Berater, die irgendwelche Garantien geben wird man nicht finden - es sind Popstars aus Casting-Shows, die weder Musik komponieren können, gar nicht einmal richtig singen.

  5. Ehrlich gesagt - wenn ich unzufrieden bin am Arbeitsplatz, dann erhöht das nicht meine Leistung. Aber wenn Herr Rauter das besser weiß, dann muss der Fehler wohl bei mir liegen.

  6. Der schaut mal eben auf meine Armbanduhr, die ich stets am Handgelenk trage, sagt mir wie spät es gerade ist, verabschiedet sich und schickt mir im Anschluss eine gesalzene Rechnung, für diese aufschlussreichen Erkenntnisse darüber, wie spät es auf meiner eigenen Uhr gewesen ist, als er da war!

    So lässt sich von anderer Leute Leder gut Riemen schneiden. ;-))

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