Burn-out : Spinning für Führungskräfte

Psychische Erkrankungen verringern die Produktivität. Immer mehr Unternehmen verstärken deshalb Gesundheitsmanagement und Nachsorge – zum Nutzen aller.

Kein Zweifel, der Mann hatte sich verändert. War er früher offen und freundlich, hatte sich der Personalreferent eines großen Versicherungsunternehmens in den zurückliegenden Monaten zum Zyniker und Einzelgänger entwickelt. Dass er oft übermüdet wirkte, dass manchmal seine Hände zitterten, war nicht nur den Kollegen aufgefallen. "Seine Arbeitsergebnisse waren teilweise so schlecht, dass man sich fragte, ob er unter Drogen stand", sagt der Abteilungsleiter, der die Erfahrungen mit seinem Mitarbeiter nur anonym preisgibt. Schließlich spricht er den Kollegen auf sein auffälliges Verhalten an und empfiehlt ihm den Gang zum Psychologen. Diagnose: Burn-out.

Zwar begegnen viele dem "B-Wort", wie der Begriff in Personaler- und Ärztekreisen gern verkürzt wird, mit Skepsis. Gibt es den Begriff Burn-out, um den eine Industrie teils zweifelhafter Ratgeber entstanden ist , als medizinische Diagnose streng genommen gar nicht. Vielmehr handle es sich um ein schwammiges Etikett für schwere seelische Leiden, die oft falsch behandelt werden, kritisieren Experten. Einerseits.

Andererseits hat sich die Bezeichnung für alle Abstufungen psychischer Beschwerden durchgesetzt, bei denen Betroffene unter emotionaler Erschöpfung und verminderter Leistungsfähigkeit leiden. Ausgebrannt sein, weil man im Job alles gegeben hat – das macht die Diagnose offenbar gesellschaftlich akzeptabler. Ein Burn-out nimmt das Stigma, erleichtert den Dialog in den Büros – und die Einsicht des Managements in die Notwendigkeit, sich des Themas anzunehmen. Das Leben wird schneller, die Welt rückt zusammen, die Technik lässt die Grenzen von Beruf und Privatem zerfließen. 88 Prozent der Deutschen kennen keinen klassischen Feierabend mehr, ergab in 2011 eine Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom. Eine aktuelle Studie der Personalberatung von Rundstedt HR Partners resümierte: 66 Prozent der Arbeitnehmer finden ihr Arbeitspensum hoch oder zu hoch .

Jüngst forderte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen in Betrieben ab 2013 schärfere Vorschriften zu "Schutz und Stärkung der Gesundheit bei arbeitsbedingter psychischer Belastung". Bereits heute können Mitarbeiter oder Betriebsräte jederzeit eine Beurteilung des Arbeitsumfangs beantragen oder den Umzug in ein Großraumbüro blockieren. Schon weil diese Auseinandersetzungen sehr kostspielig werden können, rät Arbeitsrechtler Tobias Neufeld, Partner der Kanzlei Allen & Overy, Unternehmen, "in die psychische Gesundheit der Mitarbeiter zu investieren".

Stress als betriebswirtschaftliches Problem

Zwar sind die Belastungen je nach Beruf und Hierarchieebene unterschiedlich. Doch klar ist: In der Ära der Kopfarbeit löst der psychisch Erschöpfte den körperlich Gebrechlichen ab. Das stellt Arbeitgeber vor neue Herausforderungen. Und sie erkennen zunehmend, dass sie dem Trend entgegensteuern müssen. Denn Stress ist keine Befindlichkeit, sondern längst ein betriebswirtschaftliches Problem.

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Das zeigt auch ein Blick auf die Zahlen: 54 Millionen Fehltage wegen psychischer Störungen wurden bundesweit zuletzt gezählt, 13,1 Prozent der Fehltage gehen demnach auf zu hohe psychische Belastung zurück – doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Ein Krankheitstag kostet Unternehmen im Schnitt 400 Euro. Bei psychischen Erkrankungen sind die Fehlzeiten überdurchschnittlich lang. Fällt ein Mitarbeiter vier bis sechs Wochen aus, summieren sich die Kosten schnell auf 10.000 Euro aufwärts.

Dabei machen Fehlzeiten noch den kleineren Teil aus. Rund zwei Drittel der Kosten, so errechnete das Beratungsunternehmen Booz & Company jüngst, entstehen durch sogenannten Präsentismus: Kranke Mitarbeiter, die bei der Arbeit erscheinen, sind weniger leistungsfähig und machen mehr Fehler. "Besonders die psychisch Beeinträchtigten", sagt Bernhard Badura, emeritierter Professor für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld .

Fachkräftemangel und demografischer Wandel erhöhen den Handlungsdruck: In acht Jahren wird jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland über 50 Jahre alt sein. Nicht nur die körperliche, auch die psychische Belastbarkeit sinkt mit den Jahren.

Leistungsdruck und psychische Erschöpfung als Problem einzelner Mitarbeiter zu ignorieren kann sich kein Unternehmen mehr leisten. So befasst sich eine deutliche Mehrheit der Unternehmen (64 Prozent) bereits "aktiv mit dem Thema Burn-out". Das zeigt eine repräsentative Studie der Münchner Personalberatung CGC Claus Goworr Consulting unter 450 Unternehmen aller Größen und Branchen. Über 80 Prozent der Befragten befürworten vorbeugende Maßnahmen. Laut einer Studie des Kölner Instituts für Betriebliche Gesundheitsförderung rentiert sich jeder Euro, den Unternehmen in die Vorsorge investieren, mehr als doppelt in Form verringerter Fehlzeiten und gesteigerter Produktivität. Daher machen sich Unternehmen aller Branchen und Größen zunehmend Gedanken über umfassende Programme für das geistige und körperliche Wohl ihrer Belegschaft.

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24 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Burnout beginnt weit vor der Belastung am Arbeitsplatz

Obwohl die Diskussionen über Burnout und Arbeitsplatz heiß laufen, darf die Rolle des Einzelnen nicht unterschätzt werden. Ganz sicher müssen Unternehmen und Arbeitgeber Umdenken lernen, aber Burn Out beginnt noch viel früher. Nähmlich dort, wo wir in einen Rollenkonflikt einsteigen oder unsere eigenen (teils Unbewussten) Bedürfnisse permanent missachten. Jeder Mensch - ob Zeitarbeiter oder Führungskraft - steht immer im Spannungsfeld seiner eigenen Rollendefinitionen und der Anderer. Diese Spannung will ausgehalten werden .... Das ist ein Lernprozess.
Und das sollte bereits im Studium, in der Ausbildung oder den ersten Berufsjahren geschehen ... Oder wenigstens vorbereitet werden.
Gerade als Lehrer sieht man sich den Rollenkonflikten oft scheinbar hilflos gegenüber: Lehrer, Sozialarbeiter, Elternberater, Individuum, Ehemann, Vater .... Wenn etwas auf der Strecke bleibt, ist ein BO gar nicht mehr verwunderlich.
Und danke an den Kommentator 2 - für die Aufklärung. Nur werde ich das Gefühl nicht los, dass es hier mehr gibt als die bloße Mathematik der Arbeitsverteilung.

Schön wärs

Wenn Unilever seinen Managern ein neues lichtdurchflutetes Gebäude hinstellt, ist den paar Tausend Angestellten die in dunklen Produktionshallen stempeln wenig geholfen.

Den Zahlen kann ich hier nicht so ganz glaube, dass mag ein Thema in Großunternehmen sein aber in den kleinen wird man davon bisher wenig gehört haben.