Burn-outSpinning für Führungskräfte

Psychische Erkrankungen verringern die Produktivität. Immer mehr Unternehmen verstärken deshalb Gesundheitsmanagement und Nachsorge – zum Nutzen aller. von Liane Borghardt

Kein Zweifel, der Mann hatte sich verändert. War er früher offen und freundlich, hatte sich der Personalreferent eines großen Versicherungsunternehmens in den zurückliegenden Monaten zum Zyniker und Einzelgänger entwickelt. Dass er oft übermüdet wirkte, dass manchmal seine Hände zitterten, war nicht nur den Kollegen aufgefallen. "Seine Arbeitsergebnisse waren teilweise so schlecht, dass man sich fragte, ob er unter Drogen stand", sagt der Abteilungsleiter, der die Erfahrungen mit seinem Mitarbeiter nur anonym preisgibt. Schließlich spricht er den Kollegen auf sein auffälliges Verhalten an und empfiehlt ihm den Gang zum Psychologen. Diagnose: Burn-out .

Zwar begegnen viele dem "B-Wort", wie der Begriff in Personaler- und Ärztekreisen gern verkürzt wird, mit Skepsis. Gibt es den Begriff Burn-out, um den eine Industrie teils zweifelhafter Ratgeber entstanden ist , als medizinische Diagnose streng genommen gar nicht. Vielmehr handle es sich um ein schwammiges Etikett für schwere seelische Leiden, die oft falsch behandelt werden, kritisieren Experten. Einerseits.

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Andererseits hat sich die Bezeichnung für alle Abstufungen psychischer Beschwerden durchgesetzt, bei denen Betroffene unter emotionaler Erschöpfung und verminderter Leistungsfähigkeit leiden. Ausgebrannt sein, weil man im Job alles gegeben hat – das macht die Diagnose offenbar gesellschaftlich akzeptabler. Ein Burn-out nimmt das Stigma, erleichtert den Dialog in den Büros – und die Einsicht des Managements in die Notwendigkeit, sich des Themas anzunehmen. Das Leben wird schneller, die Welt rückt zusammen, die Technik lässt die Grenzen von Beruf und Privatem zerfließen. 88 Prozent der Deutschen kennen keinen klassischen Feierabend mehr, ergab in 2011 eine Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom. Eine aktuelle Studie der Personalberatung von Rundstedt HR Partners resümierte: 66 Prozent der Arbeitnehmer finden ihr Arbeitspensum hoch oder zu hoch .

Burn-out

Weltweit nimmt bei Erwerbstätigen die Zahl der seelischen Krankheiten zu. Das sogenannte Burn-out ist ein Zustand emotionaler Erschöpfung und reduzierter Leistungsfähigkeit. Ausgebranntsein wird auch als Erschöpfungsdepression bezeichnet. Die Betroffenen sind desillusioniert, oft apathisch, depressiv oder aggressiv und haben eine erhöhte Suchtgefährdung. Burn-out wird meist durch Stress ausgelöst, der nicht mehr bewältigt werden kann.

So arbeitet in Deutschland jeder zehnte Vollzeitbeschäftigte mehr als 60 Stunden in der Woche; viele leiden zudem unter ihren Chefs, intriganten Kollegen oder dem eigenen Perfektionismus. Wer dann noch seine sozialen Bindungen verliert, etwa den Kontakt zu Freunden, ist hochgradig gefährdet, an einem Burn-out zu erkranken.

Glossar

Tinnitus
Rund drei Millionen Deutsche leiden unter dem chronischen Klingeln im Ohr. Tinnitus kann mit psychischen Begleiterscheinungen wie Schlafstörungen, Angstzuständen oder Depression einhergehen. Eine allgemein anerkannte Therapie gibt es nicht. In Versuchen an Ratten konnten Wissenschaftler der University of Texas die Tiere heilen, indem sie bestimmte Nerven des Gehirns per Elektrostimulation reizten.

Phantomschmerz
Zwischen 50 und 80 Prozent der Patienten mit Amputationen haben diese Empfindungen: Ein fehlendes Körperteil fühlt sich so an, als sei es noch da. In zahlreichen Studien konnte nach dem Verlust eines Körperteils eine Veränderung von jenen Gehirnfunktionen festgestellt werden, die für die Verarbeitung von Schmerzempfindungen verantwortlich sind. Es existieren einige vielversprechende Therapieansätze, die die Gehirnfunktionen normalisieren sollen.

Volkskrankheit
So werden nicht epidemische Krankheiten bezeichnet, die aufgrund ihrer Verbreitung und ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen sozial ins Gewicht fallen. Dazu zählen heute etwa die Folgeerkrankungen von Bewegungsmangel und Überernährung. Der Begriff wurde erstmals 1832 von dem Medizinhistoriker Justus Hecker verwandt. Er bezeichnete damit die im Mittelalter grassierende Tanzwut.

Protektoren
Das Wort stammt vom lateinischen »protector«, Angehöriger der Leibgarde. Bestimmte persönliche Umstände wie familiärer Rückhalt oder finanzielle Sicherheit können als Protektoren gegen psychische Erkrankungen wirken.

Jüngst forderte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen in Betrieben ab 2013 schärfere Vorschriften zu "Schutz und Stärkung der Gesundheit bei arbeitsbedingter psychischer Belastung". Bereits heute können Mitarbeiter oder Betriebsräte jederzeit eine Beurteilung des Arbeitsumfangs beantragen oder den Umzug in ein Großraumbüro blockieren. Schon weil diese Auseinandersetzungen sehr kostspielig werden können, rät Arbeitsrechtler Tobias Neufeld, Partner der Kanzlei Allen & Overy, Unternehmen, "in die psychische Gesundheit der Mitarbeiter zu investieren".

Stress als betriebswirtschaftliches Problem

Zwar sind die Belastungen je nach Beruf und Hierarchieebene unterschiedlich. Doch klar ist: In der Ära der Kopfarbeit löst der psychisch Erschöpfte den körperlich Gebrechlichen ab. Das stellt Arbeitgeber vor neue Herausforderungen. Und sie erkennen zunehmend, dass sie dem Trend entgegensteuern müssen. Denn Stress ist keine Befindlichkeit, sondern längst ein betriebswirtschaftliches Problem.

© ZEIT ONLINE

Das zeigt auch ein Blick auf die Zahlen: 54 Millionen Fehltage wegen psychischer Störungen wurden bundesweit zuletzt gezählt, 13,1 Prozent der Fehltage gehen demnach auf zu hohe psychische Belastung zurück – doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Ein Krankheitstag kostet Unternehmen im Schnitt 400 Euro. Bei psychischen Erkrankungen sind die Fehlzeiten überdurchschnittlich lang. Fällt ein Mitarbeiter vier bis sechs Wochen aus, summieren sich die Kosten schnell auf 10.000 Euro aufwärts.

Dabei machen Fehlzeiten noch den kleineren Teil aus. Rund zwei Drittel der Kosten, so errechnete das Beratungsunternehmen Booz & Company jüngst, entstehen durch sogenannten Präsentismus: Kranke Mitarbeiter, die bei der Arbeit erscheinen, sind weniger leistungsfähig und machen mehr Fehler. "Besonders die psychisch Beeinträchtigten", sagt Bernhard Badura, emeritierter Professor für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld .

Fachkräftemangel und demografischer Wandel erhöhen den Handlungsdruck: In acht Jahren wird jeder dritte Arbeitnehmer in Deutschland über 50 Jahre alt sein. Nicht nur die körperliche, auch die psychische Belastbarkeit sinkt mit den Jahren.

Leistungsdruck und psychische Erschöpfung als Problem einzelner Mitarbeiter zu ignorieren kann sich kein Unternehmen mehr leisten. So befasst sich eine deutliche Mehrheit der Unternehmen (64 Prozent) bereits "aktiv mit dem Thema Burn-out". Das zeigt eine repräsentative Studie der Münchner Personalberatung CGC Claus Goworr Consulting unter 450 Unternehmen aller Größen und Branchen. Über 80 Prozent der Befragten befürworten vorbeugende Maßnahmen. Laut einer Studie des Kölner Instituts für Betriebliche Gesundheitsförderung rentiert sich jeder Euro, den Unternehmen in die Vorsorge investieren, mehr als doppelt in Form verringerter Fehlzeiten und gesteigerter Produktivität. Daher machen sich Unternehmen aller Branchen und Größen zunehmend Gedanken über umfassende Programme für das geistige und körperliche Wohl ihrer Belegschaft.

Leserkommentare
    • ombf
    • 07. Juni 2012 7:42 Uhr
    1. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Beleidigungen und rein provokative Beiträge. Danke, die Redaktion/jz

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ombf
    • 07. Juni 2012 8:18 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf beleidigende Beiträge. Danke, die Redaktion/jz

    • ombf
    • 07. Juni 2012 8:15 Uhr
    2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/jz

    • ombf
    • 07. Juni 2012 8:18 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf beleidigende Beiträge. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "[...]"
  1. Obwohl die Diskussionen über Burnout und Arbeitsplatz heiß laufen, darf die Rolle des Einzelnen nicht unterschätzt werden. Ganz sicher müssen Unternehmen und Arbeitgeber Umdenken lernen, aber Burn Out beginnt noch viel früher. Nähmlich dort, wo wir in einen Rollenkonflikt einsteigen oder unsere eigenen (teils Unbewussten) Bedürfnisse permanent missachten. Jeder Mensch - ob Zeitarbeiter oder Führungskraft - steht immer im Spannungsfeld seiner eigenen Rollendefinitionen und der Anderer. Diese Spannung will ausgehalten werden .... Das ist ein Lernprozess.
    Und das sollte bereits im Studium, in der Ausbildung oder den ersten Berufsjahren geschehen ... Oder wenigstens vorbereitet werden.
    Gerade als Lehrer sieht man sich den Rollenkonflikten oft scheinbar hilflos gegenüber: Lehrer, Sozialarbeiter, Elternberater, Individuum, Ehemann, Vater .... Wenn etwas auf der Strecke bleibt, ist ein BO gar nicht mehr verwunderlich.
    Und danke an den Kommentator 2 - für die Aufklärung. Nur werde ich das Gefühl nicht los, dass es hier mehr gibt als die bloße Mathematik der Arbeitsverteilung.

  2. Wenn Unilever seinen Managern ein neues lichtdurchflutetes Gebäude hinstellt, ist den paar Tausend Angestellten die in dunklen Produktionshallen stempeln wenig geholfen.

    Den Zahlen kann ich hier nicht so ganz glaube, dass mag ein Thema in Großunternehmen sein aber in den kleinen wird man davon bisher wenig gehört haben.

  3. doch eine handfeste Depression gemeint und dies wird mit
    dieser Formulierung verklausuliert. Warum? Offensichtlich
    darf man einen Burn Out zugeben, eine Depression wird eher
    als Schwäche ausgelegt und verheimlicht.
    Überdies gibt es auch viele Auf-den-Zug- Aufspringer, die
    haben unter der Woche Burn Out und am Wochenende können sie
    verreisen. Ist die Superzeit der Privatklinik nach 10 Wochen
    vorbei, kann man sofort eine stressige Reise unternehmen- z.Bsp. nach USA- was daran Burn Out ist, erschliesst sich mir
    nicht.
    Je ärmer umso weniger Möglichkeiten- gilt auch beim Burn Out.

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    Es ist enorm schwierig ein psychisches Leiden zu diagnostizieren und es ist noch schwieriger, den Betroffenen davon zu befreien.
    Es gibt zwei Sorten psychischer Erkrankungen, zum einen, die uns allen inzwischen bekannten klassischen, und zum anderen, die neuen, zivilisationsbedingten.
    Jedes Unternehmen soll darauf achten, dass seine Belegschaft menschlich zueinander sind, also kein mopping oder aehnlichem, keine Intrigen und Augrenzungen praktizieren. Also, einfach fuer eine moeglichst angenehme Atmosphaere, uebrigens auch im physischen Bereich, sorgen.

    Burnout ist NICHT nur ein Modewort sondern ein Symptom für einen sehr komlexen Prozess, in dem das System aus Körper Geist und Seele, in dem Depressionen nur ein Teil ist, aus dem Gleichgewicht geraten ist.
    Die Ursacher, Wirkungen und Zusammenhänge sind weit komplexer, als es sich mit dem Wort Depression allein beschreiben lässt. Fragen sie doch einfach mal jemanden, der Burnout hat (hatte), dann werden sie es besser verstehen, dass es kein Modewort ist.

  4. geregelte Arbeitszeiten (9-5), 40h Woche, innerhalb von 8 Wochen sind alle Überstunden in Freizeit auszugleichen, 15 Tage Urlaub und eine der Ausbildung entsprechende Entlohnung (Ing. D 2.6k Euro brutto, CAN 90k CAD brutto). Wirkt hier Wunder. Da macht Arbeit in einem KMU Spass.

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    wenn man mir diese "Lösung" aufdrücken würde, könnte ich meine Freiräume nicht mehr leben und meine Kombination aus Familie und Arbeit, die mir viel Freude macht, würde nicht mehr funktionieren. Das würde mich sehr frustrieren und kaum zu "Spass" beitragen.

    gute bezahlung-geregelte arbeitszeiten; das gabs einmal und war gut.

    und: vorsorge ist besser als alle maßnahmen zur nachsorge!

  5. wenn man mir diese "Lösung" aufdrücken würde, könnte ich meine Freiräume nicht mehr leben und meine Kombination aus Familie und Arbeit, die mir viel Freude macht, würde nicht mehr funktionieren. Das würde mich sehr frustrieren und kaum zu "Spass" beitragen.

    Antwort auf "Einfache Lösung"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    wäre natürlich spannend zu hören in welcher Branche sie arbeiten, tippe ÖD.
    Ich habe hier in Canada mehr Zeit für meine Familie als in D, und ich kann auch meinen Kinder eine unbeschwerte Kindheit geben und viel Zeit mit verbringen. Denn in D hatte ich als Ing eine 50-60 Stunden Woche mit regelmäßiger Wochenendarbeit und im letzten Arbeitsjahr über 200 Überstunden, bei einem Gehalt wo nicht viel übrig bliebt und ich mich auch noch um die Akquise mitkümmern musste. Und im Urlaub macht einem keiner die Büroarbeit, die bleibt so liegen und da brauche ich auch keine 30+ Tage Urlaub.

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  • Schlagworte Unilever | Axa | Führungskraft | Krankenstand | Personalberatung | Targobank
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