FreiwilligenarbeitManager im Sinn-Sabbatical

Die Organisation Manager ohne Grenzen schickt Führungskräfte zu Entwicklungsprojekten ins Ausland. Die Manager suchen dort vor allem eins: Sinn. von 

Acht Jahre war Peter Hauer als Entwicklungsingenieur für einen amerikanischen Konzern tätig. Als das Unternehmen in Deutschland in die Krise geriet, sollte der Manager seinen Standort mitabwickeln. Drei Jahre lang hatte er noch selbst Arbeit – am Ende ging auch er. "Es war eine demotivierende Erfahrung", sagt der 45-Jährige rückblickend. Für ihn stand anschließend fest: Er wollte etwas Sinnvolles tun. Nicht sofort wieder einen neuen Führungsjob übernehmen, sondern sich eine Auszeit gönnen, um zu sich selbst zu kommen.

Über eine Freundin seiner Frau erfuhr Hauer von der Organisation Manager ohne Grenzen (MOG) . Sie schickt erfahrene Führungskräfte für vier bis zwölf Wochen in Entwicklungs- und Schwellenländer, um dort in einem Hilfsprojekt mitzuwirken. "Die Führungskräfte sollen nicht in erster Linie Brunnen bauen, sondern den Leuten vor Ort zeigen, wie sie ihr Brunnenprojekt so managen, dass es nachhaltig wirtschaftlich sinnvoll ist", erklärt Helene Prölß, die Gründerin der Organisation. Die Manager sollen also zu Unternehmensberatern für Entwicklungshilfeprojekte werden. Die Verantwortung bleibt bei den Trägern, der Einsatz der Führungskräfte ist auf drei Monate maximal beschränkt. Das Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe. "Wir wollen keine Abhängigkeiten schaffen", sagt Prölß.

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Seit 2007 gibt es die Non-Profit-Organisation, die fast ausschließlich von Ehrenamtlichen geführt wird. Gegründet wurde MOG von der Betriebswirtin Prölß, die sich als Coach auf Nachhaltigkeit spezialisiert hat. Viele Führungskräfte, die zu ihr kämen, wünschten sich "einen tieferen Sinn ihrer Arbeit", sagt Prölß. Über Bekannte, die in der Entwicklungshilfe tätig sind, erfuhr sie von Hilfsprojekten, die wirtschaftliche Beratung brauchten, um den nächsten Entwicklungsschritt machen zu können. So entwickelte sie die Idee von MOG.

Intensive Vorbereitung und Betreuung

Prölß wendete sich an Projektträger, Behörden und Unternehmen. Sie gründete eine Stiftung, welche die Organisation dauerhaft finanzieren soll. Und sie fand eine Reihe Unterstützer, die ehrenamtlich für MOG arbeiten. Mittlerweile hat die Organisation Führungskräfte an 40 Hilfsprojekte weltweit vermittelt.

Tina Groll
Tina Groll

Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Ganz einfach ist der Einsatz allerdings nicht. Die Bewerber müssen ihren Wunsch gut begründen. Die Projekte wiederum müssen detailliert darlegen, welche Aufgabe die Führungskraft bei ihnen übernehmen soll und warum das sinnvoll ist. Erst wenn alle Angaben schlüssig sind und das Matching passt, vermittelt MOG Manager und Projekt.

Die Führungskräfte werden dann intensiv auf ihren Einsatz vorbereitet, bekommen interkulturelle Trainings und lernen in Workshops die Gegebenheiten des Landes und des Projektes kennen, in dem sie arbeiten werden. Außerdem müssen Versicherungs-, Sicherheits- und Haftungsfragen geklärt werden. Generell gilt: Die Führungskräfte verdienen in der Zeit ihres Einsatzes kein Geld. Dafür stellt das Hilfsprojekt Kost und Logis. Außerdem bekommen die Manager den Flug finanziert. Trotzdem zahlen sie einen Teil der Kosten – zwischen 2.500 und 4.000 Euro pro Einsatz.

Leserkommentare
  1. "So banal es klingt: Vieles, was wir als gegeben hinnehmen, ist nicht selbstverständlich".

    ...das ein halbwegs intelligenter Mensch für solch eine Erkenntnis tatsächlich einen dreimonatigen Auslandsaufenthalt benötigt.

    Gruß
    S_R

  2. Millionen verdienen - und dann brauchen die armen Manager noch ein Sabbatical.
    Welcher normal und hart arbeitende Angestellte, Arbeiter, Leiharbeiter, welche Putz- oder Schleckerfrau konnte und kann sich das leisten ?
    Warum gibt es eine bezahlte Auszeit für diejenigen, die es sich wirklich verdient haben ?

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    Sabbaticals gibt es nicht nur für Topmanager - aber primär für Studierte Leute. Warum wollen sie diesen generell absprechen, dass sie es nicht verdienen?

  3. die Nachhaltigkeit dieser Hilfe zu dokumentieren. Über die Diskrepanzen im Artikel da wird aus einem Entwicklungsingenieur plötzlich ein Manager unbd Vertriebler, will man gar nicht erst denken.

    Man muss es der Betriebswirtin jedoch lassen, sie hat ein nachhaltiges Konzept für sich selbst entwickelt. Chapeau!

    Hat der Manager eigentlich wieder Arbeit gefunden?

  4. und herausforderung, mal abseits vom seelenlosen abarbeiten seitenlanger pflicht- und emaillisten.

    • Bashu
    • 02. August 2012 12:00 Uhr

    Wenn man für 40h/Woche im klimatisierten Büro mit Sekretärin und Dienstwagen zehnmal soviel verdient wie die untergebenen, die sich an Maschinen abschuften... wenn man aufgrund eigener Fehlentscheidungen schonmal Tausende Schicksale besiegelt, um die Aktionäre fröhlich zu stellen...

    Vielleicht sind das überzogene Klischees.

    Aber in so einer Situation würde ich auch mal gerne für ein paar Wochen Alibi-Hilfsarbeit leisten wollen, um wieder in den Spiegel sehen zu können.

    • DrNI
    • 02. August 2012 12:57 Uhr

    "Acht Jahre hatte Max Mustermann bei einem Automobilzulieferer am Fließband gestanden, als der Autohersteller den Anbieter wechselte. Die fehlenden Aufträge konnten nicht kompensiert werden, und so fand Mustermann alsbald eine betriebsbedingte Kündigung in seinem Briefkasten."

    Ab hier könnte die Geschichte dann in zwei Richtungen weitergehen. a) Herr Mustermann findet neuen Sinn im Leben, weil er in einem Entwicklungshilfeprojekt in Afrika aktiv wird, b) Herr Mustermann fällt in die Hartz4-Falle, wird von Behörden gegängelt wie ein Mensch zweiter Klasse und wird am Ende Alkoholiker.

    Was ist wahrscheinlicher?

    Dieser Artikel hat natürlich einen schöneren Nachrichtenwert: Die als böse geltenden Manager machen sich in Afrika bei den Armen nützlich, Überraschung! Für uns als Gesellschaft wäre es aber vielleicht besser, wenn sie sich in Deutschland nützlich machen würden. Für die, die nicht mal eben mit viel Geld sich ihr Problem behandeln lassen können. Für die, die wir als soziale Gesellschaft immer mehr im Stich lassen.

  5. An sich eine hübsche Sache, dennoch frage ich mich, ob da nicht eine gewisse Feigenblattfunktion zugrunde liegt.

    Was mir wirklich fehlt ist eine entsprechende ehrenamtliche Tätigkeit vor der eigenen Haustüre.

    Der Entwicklungsingenieur/Manager (oder Abteilungsleiter, Niederlassungsleiter, was war er denn nu?) hätte den Sinn mit Leichtigkeit bereits während seiner Tätigkeit als wasauchimmer in seiner unmittelbaren Umgebung finden können. Verzweifelte und hilfsbedürftige Menschen könnte er vor jedem größeren Bahnhof kennenlernen.
    Und in den Bahnhofsmissionen wird jede Hand und jedes Hirn gebraucht.

    Mir klingt das eigentlich viel mehr nach 4-8 Wochen Abenteuer mit reduzierten Kosten.

    Ansonsten ein gut lesbarer und informativer Artikel. @Frau Groll: Like ;-D

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    Ich frage mich auch, wieso es überhaupt erst soweit kommen muss. Aber es ist verdammt schwer, industrielle Firmen zu finden, wo man als Manager wirklich sagen kann, etwas sinnvolles zu tun.
    Sollte es nicht Standard jeder Firma sein, nur sinnvolle Produkte zu entwickeln? Stattdessen wird eher darauf geachtet, möglichst die Produkte so zu gestalten, dass sie schnell kaputt gehen.

  6. Ein schöner Artikel, der zur Provokation aufruft.

    Wie kann es sein, dass ein Manager in diesem Alter das erste Mal in seinem Leben seine Mitwelt hinterfragt ?

    Kein Sinn im Leben außer Geld verdienen und der sogenannten Karriere hinterherhecheln, klingt zwar etwas unglaubwürdig, scheint aber jedoch nackte Realität zu sein.

    Wenn ich solche Artikel lese, stellt sich mir doch immer wieder die Frage, was wir von unseren Eltern und in der Schule lernen?

    - Gut sein, besser der Beste, also Elite.
    - Eliteschule und Elite-Uni, Villa, Yacht und ...
    - Karriere machen, damit Du viel Geld hast und konsumieren
    kannst (auf wessen Kosten ?).
    - Hauptsache ich !
    - Na die anderen sind doch selbst an ihrem Elend Schuld,
    wenn sie nicht so fleißig wie ich sind.
    - Und zur Abwechslung mal ein Sabbatical Jahr

    Aber hallo !!!
    Sind das unsere Bildungsinhalte und Ideale einer gleichberechtigten und humanen Gesellschaft ?

    Erst wollte ich polemisch werden, aber dass bringt auch nix.
    Besser jetzt sich ändern als niemals.

    Fazit:
    Liebe Politik, liebe Wirtschaft, liebe Schule und Eltern !
    Denkt mal darüber nach, was ihr eueren Kindern antut. Ihr wollt doch nicht, dass die erst nach 45 Jahren erwachsen werden, oder doch ?

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    • Formel
    • 02. August 2012 18:31 Uhr

    Sie verkennen ganz eindeutig, dass es auch möglich ist Dinge zu hinterfragen ohne entsprechende Konsequenzen zu ziehen und fühlen sich sichtlich wohl dabei alles für schwarz oder weiß zu halten.

    Haben Sie schonmal daran gedacht, dass Sie Unternehmen in ihrem Handeln bestätigen, indem Sie ihre Produkte nachfragen? Warum kaufen Sie sie dann?
    Haben Sie schonmal daran gedacht, dass wir nicht in einer lupenreinen Demokratie leben? Warum zetteln Sie dann keine Revolution an?
    Haben Sie schonmal daran gedacht, dass auch manager nur Menschen sind? Warum sind Sie dann so gehässig?
    Und da es sich bei Ihnen anscheinend um einen Zeit-typischen "Bildungsbürger" handelt: Haben Sie schon einmal 1984 gelesen?

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