ArbeitsräumeGolflandschaft statt Schreibtisch im Büro

Moderne Büros sollen Mitarbeiter kreativ und kommunikativ machen: weniger fixe Schreibtische, dafür Teambereiche mit Tischtennisplatten oder Minigolf. Zahlt es sich aus? von 

Wenn Hamburger Google-Mitarbeiter etwas besprechen wollen, dann können sie sich in einen Waggon der Linie U3 setzen oder in eine Flugzeugkabine. Ungestört arbeiten geht zum Beispiel in Ruderbooten. Und zusammen einen Kaffee trinken auf einem gepflasterten, verregneten Marktplatz.

Jeder Raum in der Hamburger Niederlassung ist ungewöhnlich gestaltet, jeder Flur hat sein eigenes Thema: Verkehr, Sport, Wasser. Ähnlich verspielt wirken alle Google-Niederlassungen. Das Unternehmen hat extravagantes Büro-Design zu seinem Markenzeichen gemacht; seine Büros sollen auf den ersten Blick nach Google aussehen. Und sie sollen dafür sorgen, dass sich die Mitarbeiter wohlfühlen und untereinander austauschen – statt den ganzen Tag allein am gleichen, grauen Schreibtisch zu hocken.

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Zwar passen U-Bahnen und Boote nicht zu jeder Firma, Kreativität und Kommunikation wollen aber auch andere Unternehmen fördern, meist mit sogenannten Open-Space- oder Open-Office-Lösungen . Offene Strukturen statt abgeschotteter Einzelbüros. Plant ein Unternehmen diesen Schritt, haben Mitarbeiter aber oft Angst vor den Folgen klassischer Großraumbüros – Lärm, fehlende Privatsphäre. Moderne offene Büros setzen sich deshalb aus verschiedenen Zonen zusammen: solche zum Telefonieren, für Besprechungen und zum konzentrierten Arbeiten.

Furcht vor dem Großraumbüro

Ein Büro wird heute ausgehend von einer offenen Fläche geplant. Man entwirft eine Landschaft: so und so viele Besprechungsräume, so und so viele Arbeitsplätze", sagt Dieter Boch, Geschäftsführer des oberbayerischen Instituts für Arbeitsforschung und Organisationsberatung (Iafob ). Um die Fläche richtig einzuteilen, müsse man zunächst klären, wie die Mitarbeiter arbeiten. So hat es auch Microsoft in Köln gemacht. Vor seinem Umzug von Neuss in den Rheinauhafen befragte das Unternehmen die betroffenen Angestellten unter anderem nach ihren Arbeitszeiten.

Für die Niederlassung arbeiten 360 Menschen, 80 davon nutzen das Home-Office. Etwa 50 sind Telefonvertriebler und arbeiten immer am gleichen Platz. Für den Rest – 230 Mitarbeiter – gibt es nun nur noch 108 Arbeitsplätze. Das reicht, weil sie zu verschiedenen Zeiten das Büro nutzen, weil die meisten viel unterwegs sind. Die Schreibtische sind nicht fest zugeteilt. Das heißt aber auch: Private Gegenstände am fixen Schreibtisch gibt es nicht mehr. Wer ins Büro kommt, klappt innerhalb seiner Abteilung dort seinen Laptop auf, wo gerade Platz ist.

In den offenen Büros reihen sich an den Wänden kleine Telefonkammern aneinander. Milchglastüren trennen sie vom Rest des Büros, ihre stoffbespannten Wände schlucken Geräusche. Wer in Ruhe telefonieren muss, geht in eine solche Kabine. Kaffeepause machen die Mitarbeiter in abgetrennten Zonen mit gepolsterten Bänken. Dort werden auch Gespräche und kleinere Besprechungen zu zweit geführt. " Starbucks " nennen die Microsoft-Mitarbeiter diese Bereiche.

Seit dem Umzug tauschten sich die Angestellten viel mehr aus, sagt Niederlassungsleiter Paul Meier. "Da sprechen Leute miteinander, die sich vorher vielleicht zweimal im Jahr gesehen haben." Und mehr Kommunikation bedeute: bessere Ergebnisse im Verkauf.

Leserkommentare
  1. Natürlich zahlt es sich aus. Der Sinn dahinter ist, der Mitarbeiter fühlt sich wohl, vergisst die Zeit, bleibt länger. Ist das moralisch verwerflich? Nein. Wäre ich Arbeitgeber, ich würde es genauso machen.

  2. ist der Inhalt des Artickels nicht so ganz für die Mehrheit der Arbeitnehmer/innen, das betrifft wohl gerade nicht 10% der Arbeitsplätze, und diese sind es, die zur Zeit in der Überlegung der Verlegung in das Ausland sind wenn potentielle Arbeitgeber die ihre Belegschaft mit erwirtschaftetem Geld bezahlen das hier lesen.

    Zudem ist bei der Arbeits. und Urlaubszeit in Deutschland genug Zeit für Vergnügen aller Art übrig. In anderen Ländern, wo das nicht so ist, kann das ein guter Weg sein.

    • Formel
    • 18. Juni 2012 18:16 Uhr

    Ich möchte bei Leibe nicht das Klischee vom "Generationen-Wechsel" bemühen, aber als junger Hochschul-Absolvent kann ich dem Herrn Neubert nur zustimmen. ("Das Büro ist ein Management-Tool.")

    Alleine Googles Büro-Gestaltung wäre für mich ein echtes Argument, mich gerade für dieses Unternehmen zu entscheiden.
    Vor allem, die strikte Trennung von Orten vollkommener Konzentration und sozialen Stress-Polen wurde dort von außen betrachtet klug gelöst.

    Man mag es nicht verstehen wollen, aber solch eine Atmosphäre wäre mir als Arbeitnehmer auch einen gewissen Teil meines Jahreslohnes wert und würde mich in der Tat dazu verleiten länger als nötig am Arbeitsplatz zu bleiben (Fitness-Center, Café, Bibliothek, sicherlich auch WLAN etc., mehr gibt´s für mich als Single zu Hause auch nicht).

    P.S.: Ironischerweise scheint sich die moderne Arbeitswelt nach völliger Entfremdung und Fremdbestimmung wieder natürlichen Dorf-Strukturen anzugleichen und selbstständiges Denken zu erlauben. Zumindest ich kann das nur begrüßen.

  3. Für Gruppen die sich das Label "Kreative" verpasst haben, gewohnt sind für Incentives anstatt Geld zu arbeiten und den Fokus auf Wohlfühlatmosphäre legen; die optimale Lösung.
    Vielleicht lassen sich noch hippe Schlafkabinen, Kleiderschränke und Duschen integrieren ? Verringert Miet- und Mobilitätskosten gegen Null..

    Überzeugender wäre allerdings ein messbarer und nachgewiesener Nutzen für das Unternehmen, der eine solche Investition rechtfertigt. Das mehr Kommunikation automatisch bessere Ergebnisse im Verkauf bringt, halte ich für ein Gerücht.
    Google kanns sichs allerdings leisten, damit zu experimentieren.

  4. Auch wenn man es open Space nennt, es bleibt für micht ein ungeliebtes Großraumbüro. Ich finde es vielmehr erstaunlich, dass solche Konzepte, die eigenlich erst einmal nur Kosten für den Arbeitgeber reduzieren, den Mitarbeitern erklärt werden müssen. Denn eigentlich sollten die doch am besten wissen, was sie möchten. Vielleicht müsste man dem Management mal erklären, was die Mitarbeiter so wollen?

    Außer in den kreativen Berufen, bei denen scheinbar ein großer Teil der Arbeit (dort vermutlich vor allem auch noch im Bereich Marketing) aus "Meetings" mit Kollegen in heimeliger bis stylo- Athmosphäre besteht, gibt es glaub ich wenige Bereiche, für die das Konzept taugt. Was ist mit dem ständigen Wechsel von Konzentriert arbeiten, Telefonieren, Meeting? Da soll ich immer wechseln? Wann verliert das stylische Design der Räume seinen Reiz und wird so langweilig wie das alte Einzelbüro? Was ist mit dem Planungsaufwand für den Wechsel der Tätigkeiten - wann ich telefoniere, wann ist der Meeting-Raum frei, usw.?

    Mein Einzelbüro bietet das einzigartige All-in-one Konzept. Ich kann dort jederzeit telefonieren, am PC arbeiten und dank eines Besprechungstisches sogar kleine Meetings abhalten. Und wenn ich andere Kollegen treffen möchte, dann kann ich die sogar in ihrem Büro besuchen, toll nicht? Dann weiß ich sogar wo ich sie finde...in Ihrem Büro nämlich. Ich jedenfalls bin froh mein eigenes Büro zu haben und wenn es auch noch so klein ist. I love you my Einzelbüro:)

  5. ...sogar ein neuers Berufsbild für einen Innen-Sozialarchtikten-Psychoingenieur-Kommunikationsfachmann-Gruppenpsychologen.

    Ich meine das ernst! Das im Artikel genannte Gedöns ist ineffektiv.

    40 Jahre her - ehemalige Fertigungshalle von Fritz Kien (Efka)in Trossingen - Teppichboden rein. Hurrah - Großraum. Wir waren das Team vom Gleitzeitapostel Willi Haller ("ai laik gleitzeit"),
    Tochter des Marktführers HENGSTLER. Und wir durften aus Sicht der Altvorderen fast alles - solange es Millionen einbrachte.

    Schalldämpfung ja - aber nicht zu Lasten des Sichtkontaktes.
    Stimmtrainig - ja das gibt es - für zu laute Telefonstimmen.
    Individuelle Gestaltung rundum des Schreibtisches - das eigene Revier war wichtig. Auch kleine Besprechungsräume außerhalb, also am Rande des Großraums. Die Unternehmensleitung tagte mit uns nur im Nebenzimmer des "Bären" in Trossingen. Da waren die Getränke ordentlich auf dem Tisch und die Sitzordnung schon lange eingeübt.

    Es war geil - kommunikativ und ausgerichtet an den Beschlüssen des Teams o h n e Einbindung externer Berater. Und es funktionierte.

    Hengstler-Gleitzeit war Marktführer und Meinungsführer.

    Die Unternehmensleitung verprellte die Führungsmannschaft mit der Rücknahme der Ergebnisbeteiligung. Die Führung ging unter Mitnahme allen Wissens. HENGSTLER verkaufte paar Jahre später an US-Investoren.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Google | Microsoft | Arbeitszeit | Fitnessstudio | Flugzeugkabine | Großraumbüro
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