Hin und wieder wünscht man sich als Journalist, schneller lesen zu können. Wenn man zum Beispiel nur wenige Stunden Zeit hat, eine mehrere Hundert Seiten lange Studie zu lesen und darüber einen Artikel zu schreiben. Schneller lesen können ist aber auch in vielen anderen Berufen hilfreich. Kein Wunder, dass die Nachfrage nach Schnell-Lese-Seminaren in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Zahlreiche Anbieter tummeln sich auf dem Weiterbildungsmarkt. Sie werben mit Namen wie "Turbolesen", "Power Reading", "Scan Reading" oder "Alpha Reading" um Kunden. Sogar eine Deutsche Gesellschaft für Schnell-Lesen (DGfSL) gibt es, und natürlich Schnell-Lese-Wettbewerbe. Den Weltrekord hält der Amerikaner Sean Adam mit 3.850 Wörtern pro Minute – bei vollem Verständnis.

Die Normalgeschwindigkeit liegt zwischen 100 und gut 400 Wörtern pro Minute, abhängig von der Lesekompetenz und der Komplexität des Textes. Die Anbieter versprechen, mit etwas Training könne man sich auf 600 bis 1.000 Wörter pro Minute steigern. Allerdings – darauf weisen wenigstens die seriösen Trainer hin – eigne sich das hohe Tempo überwiegend für leichte bis mittelschwere Sach- und Fachtexte. Fürs Genusslesen, zum Erkennen von Sprachwitz und Schreibstil eines Autors oder zum Verstehen von hoch komplexen philosophischen Texten wenden selbst die Weltrekordhalter ein langsameres Tempo an. Es ist also wie beim Sport: Nur weil jemand schnell sprinten kann oder ein zügiges Tempo beim Marathon hinlegt, verlernt er nicht das Spazierengehen. Er kann aber, wenn es drauf an kommt, schneller laufen.

In der Regel dauern die Seminare ein bis drei Tage und kosten ab 250 Euro, die Preisspanne geht aber auch weit über 500 Euro hinaus. Für die Anbieter lohnt sich das Schnelllesen also. Aber auch für die Teilnehmer?

Ich will es herausfinden und nehme an einem Seminar des Münchener Anbieters Ritter Speed Reading teil. Hier bekommt, wer sein Tempo nach zwei Tagen nicht mindestens verdoppelt hat, sein Geld zurück. Das klingt fair.

Neuronenfeuerwerk im Kopf

Der Kurs findet an einem Wochenende in Hamburg statt. 20 Teilnehmer sind dabei: Juristen, Steuerprüfer, Psychologen, Studenten, zwei Schülerinnen und ein Bauingenieur, der gleich seine Angestellten mitgebracht hat. Die allermeisten bekommen den Kurs vom Arbeitgeber finanziert oder sind selbst Führungskraft. "Ich konnte mir aussuchen, welche Weiterbildung ich machen wollte, und finde Schnell-Lesen sinnvoll, denn ich muss oft Verträge mit vielen hundert Seiten lesen", erzählt ein Anwalt.

Zu Beginn erklärt uns der Trainer Grundlegendes zur Leseentwicklung. Kinder lernen das Lesen über das Vokalisieren. Sie bilden aus den einzelnen Buchstaben Wörter, später sind sie in der Lage, ganze Wörter zu erkennen. Dann erreichen sie die dritte Lesestufe: Sie erfassen ganze Wortgruppen. Danach gilt: Je größer die Lesekompetenz, desto schneller das Tempo. Allerdings, stellt der Trainer klar, sagt dieser Wert nichts über Intelligenz aus, sondern höchstens etwas darüber, ob jemand viel oder eben sehr genau und deshalb langsam liest. Entscheidend sei auch nicht die reine Geschwindigkeit, sondern das Tempo bei vollem Textverständnis. Schnell lesen und nix kapieren, das wäre ja auch sinnlos.

Wie schnell wir bereits lesen und wie viel wir dabei verstehen, wird nun getestet. Alle bekommen ein mittelschweres Sachbuch. Es besteht aus vielen kurzen Textabschnitten, in denen der Autor wissenschaftliche Studien darstellt. Viele Fakten und Zahlen, einige Fachbegriffe, aber verständlich geschrieben. Wir sollen einen Abschnitt mit wenigen Seiten lesen und dabei unsere Zeit stoppen. Anschließend müssen wir Fragen zum Textverständnis beantworten. Der erste Prüfungstext hat 832 Wörter. Ich brauche dafür 3 Minuten und 22 Sekunden. Mein Sitznachbar, Jurist in einer internationalen Großkanzlei, ist schon nach der Hälfte der Zeit fertig. Ich werde nervös.

Beim Textverständnis schneide ich ganz gut ab. Bis auf ein Detail erinnere ich mich an alle wesentlichen Fakten. Dafür gibt es Punktabzug, der auf die Brutto-Lesegeschwindigkeit angerechnet wird. Ich hatte den Text mit einem Tempo von 247 Wörtern pro Minute gelesen. Da ich danach nicht alle Verständnisfragen richtig beantworten konnte, reduziert sich das Nettotempo auf 235. Mein schneller Nachbar liegt bei über 400 mit vollem Textverständnis. Die meisten sind allerdings langsamer und erreichen Werte zwischen 120 und 250 Wörtern pro Minute.