Knapp ein halbes Jahr war Clas Neumann SAP-Chef in Bangalore, als er seine indischen Kollegen um gründliches Feedback bat. Weil es sich für Inder nicht ziemt, andere Personen öffentlich zu kritisieren, schickte Neumann alle Westler vor die Tür. Die indischen Kollegen diskutierten Neumanns Leistung unter sich und schickten dann den jüngsten lokalen SAP-Manager zur Manöverkritik nach vorn: Der war mit knapp 30 keine fünf Jahre jünger als Neumann, las die Kritikpunkte leise von einem Zettel ab, der in seinen feuchten Händen zitterte. Die Älteren blickten betreten zu Boden, als der Jungsporn dem Big Boss aus Germany im Namen aller indischen Kollegen vorhielt, er lasse das lokale Team nicht zu Wort kommen und vermesse Indien mit seinen deutschen Maßstäben falsch.

Zwölf Jahre ist es nun her, dass Neumann auf diese Weise von seinem hohen Ross geholt wurde, auf dem westliche Manager oft in fremde Länder reiten. Seither hört der heute 45-Jährige in Bangalore den indischen Kollegen genau zu, wenn sie ihm aus dem indischen Alltag erzählen, der ihre Lösungsvorschläge im Job prägt – und lässt die Kollegen machen: Sie wissen, dass bei einem indischen Mercedes die Rückbank statt des Fahrersitzes bequem sein muss, weil hinten der Boss und vorne der Fahrer sitzt, wobei Letzterer notfalls auf einem Holzschemel Platz nehmen würde. Ähnlich pragmatisch entwickeln die Inder auch Software für SAP. Mittlerweile hat sich der Dax-Konzern so sehr geöffnet, dass in der Zentrale in Walldorf fast 150 Inder arbeiten – und indische Führungskräfte auch global immer mehr Verantwortung übernehmen.

So früh wie SAP hat kaum ein deutscher Konzern Manager aus Asien eingebunden. Heute besitzt jeder dritte Top-Manager bei Dax-Unternehmen einen ausländischen Pass, Tendenz steigend. Deutsche Unternehmer spüren den Zwang, sich Asiens Managementkultur zu öffnen, seit Inder und Chinesen forscher denn je auftreten. "Wir im Westen sollten uns in Asien jede Überheblichkeit verbieten", sagt Ökonomie-Professor Horst Löchel von der Frankfurt School of Finance. "Es ist Quatsch, dass wir stets die besseren Produkte haben und die Asiaten alles kopieren."

Öffnung gen Osten

Die Managementwelt wandelt sich: Vorbei die Zeiten, da Inder vor deutschen Managern sprachlos in Ehrfurcht versanken oder wissbegierige Chinesen jedem mittelmäßigen BWL-Professor aus den USA kritiklos an den Lippen hingen. Seit der Westen in der hausgemachten Schuldenkrise versinkt, setzen asiatische Unternehmer und Manager vermehrt auf eigene Stärken: Sie treffen blitzschnell Entscheidungen, verlieren das langfristige Ziel aber nie aus den Augen. Sie verhandeln kompromisslos, haben dabei stets das eigene Unternehmen, die Mitarbeiter und ihr Land im Blick. So ziehen sie aus, um die heimischen Märkte gegen Multis aus Europa und den USA zu verteidigen. Oder um westwärts Marktanteile zu erobern. In Deutschland haben sich mittlerweile 800 chinesische und 375 indische Unternehmen niedergelassen und ihre Zahl wächst rasant.

Längst lernt auch der Westen vom Osten: Als Bosch für den indischen Kleinstwagen Tata Nano wichtige Komponenten entwerfen sollte, ließen die Schwaben diese bewusst in Indien entwickeln und Know-how von Ingenieuren aus anderen Schwellenländern einfließen. So entstanden neuartige Einspritztechniken, die sich die Ingenieure vor Ort von indischen Motorrädern abschauten, kostengünstig produziert werden konnten und die neuesten indischen Abgasnormen – sie sind so streng wie EU-Normen – erfüllten. "Von Deutschland aus", sagte schon zu Lebzeiten der Managementvordenker C. K. Prahalad, "wären diese Innovationen niemals möglich gewesen."

Neben ihrer Improvisationskunst haben Asiens Angreifer im Kampf um neue Märkte einen weiteren Vorteil: ihre Schnelligkeit. Im Westen will jede Entscheidung geplant und dokumentiert sein, wogegen Chinesen und Inder lieber ausprobieren. Chinas Manager lassen bei Entscheidungen gern mal Risiken außer Acht, beeindrucken mit ihrem Engagement bei Ausschreibungen aber Kunden und stechen Wettbewerber aus, die sich in Risikoanalyse und Buchprüfung verzetteln.

Zwar sollten westliche Manager die Methoden aus Asien nicht blind übernehmen. Chinesen etwa seien zwar schnell und intelligent, aber das Bildungssystem basiere auf Auswendiglernen statt prozessorientiertem Denken, das zu Innovationen führe, sagt China-Kenner Löchel. Dennoch sollte der Westen Asien ernst nehmen und verstehen: Die Wirtschaft von morgen werden hart verhandelnde und bestens informierte Asiaten prägen. Die haben lange genug vom Westen gelernt, um dessen Taktiken nicht nur nachzuvollziehen, sondern mit asiatischen Methoden zu ergänzen, die in mancher Hinsicht dem Kung-Fu-Prinzip ähneln: Mit harter Arbeit bereiten sie Übernahmen und Expansionen akribisch vor, spielen taktisch raffiniert, setzen bis zum Erfolg überraschende Schläge. Die Vorgehensweise der Asiaten in der Wirtschaft ähnelt dem Kung-Fu-Prinzip. Westliche Taktiken werden gelernt, nachvollzogen und um asiatische Methoden ergänzt.