Moderne BürosWohlfühlen ist wichtiger als die Wandfarbe

Offene Großraumbüros oder Einzelbüro? Oft wird die Gestaltung der Arbeitsräume zur Glaubensfrage. Dabei ist das Betriebsklima weit wichtiger als das Design. von 

In vielen Unternehmen werden feste Arbeitsplätze und Einzelbüros abgeschafft. Stattdessen erlebt das Großraumbüro eine Renaissance. Offene Strukturen statt abgeschottete Einzelbüros sollen Büroarbeiter zahlreichen Studien zufolge produktiver und kreativer machen. Gemeint sind allerdings nicht Arbeitsräume, die Legehennenbatterien ähneln, sondern offene Officelandschaften , die Arbeitsplätze zur Zusammenarbeit bieten, aber auch Rückzugsräume, Platz für Besprechungen und Konferenzen.

Die Konzepte sind unterschiedlich, dominierend sind allerdings zwei Schulen: Die eine setzt auf Reduktion, Sauberkeit und Transparenz. Der Mensch an seinem Arbeitsplatz soll von nichts abgelenkt werden. Clean-Desk-Policy wird es genannt, wenn Firmen private Dinge vom Schreibtisch verbannen .

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Die Idee kommt aus dem Lean Management , das aus der Automobilindustrie stammt. Beim Lean Management geht es darum, alle Aktivitäten optimal aufeinander abzustimmen und alles Überflüssige zu eliminieren. Darauf setzt beispielsweise die Boston Consulting Group an ihrem Standort in München , deren Berater ohnehin einen Großteil ihrer Zeit unterwegs sind. Wer einen Bürotag hat, bucht sich den Arbeitsplatz im Voraus – und nutzt dann den Schreibtisch, der gerade frei ist. Auch der Chef räumt abends seinen Schreibtisch leer . Auf diese Weise sparen Unternehmen natürlich Platz und Geld.

Fotostrecke: Schöne neue Bürowelten

Fotostrecke: Der Fotograf Laurent Burst hat für ZEIT ONLINE deutsche Großraumbüros in Bildern festgehalten.  |  © Laurent Burst für ZEIT ONLINE

Die zweite Schule setzt zwar ebenfalls auf die offene Bürolandschaft, doch kann es dort gar nicht bunt und individuell genug sein. Bei Google beispielsweise haben die Mitarbeiter einen festen Arbeitsplatz und können ihn gestalten, wie sie möchten. Gerne dürfen sie ihn mit privaten Fotos, komischen Kaffeetassen oder sonstigem Nippes zurümpeln. Kein Arbeitsraum in den Niederlassungen des Internetunternehmens gleicht dem anderen; Büros, Konferenzräume und Telefonzimmer sehen aus wie Themenparks. Ein Raum mit mehreren Arbeitsplätzen ist wie ein Ruderboot gestaltet, ein anderer wie ein Golfplatz. Natürlich dürfen auch Minigolfanlage, Tischtennisplatte oder Playstation nicht fehlen.

Chaos hilft beim Denken

Die schlanke Clean-Desk-Policy hat nämlich so ihre Tücken, zeigt eine Studie der Universität Groningen . Die Forscher stellten fest, dass Menschen in chaotischen Umgebungen klarer dachten. Sie ließen Probanden unter anderem an einem überhäuften Schreibtisch arbeiten. Trotz des zugestellten Arbeitsplatzes kamen die Testpersonen zu kreativen und effizienteren Problemlösungen. Die Forscher schlossen daraus, dass Durcheinander den Menschen dazu zwingt, besser zu fokussieren und genauer zu denken.

Tina Groll
Tina Groll

Tina Groll ist Redakteurin im Ressort Karriere bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Manche Unternehmen setzen deshalb auf völlige Individualität am Arbeitsplatz, so zum Beispiel die Zeitung taz in Berlin , in deren Redaktionsräumen kein Büro dem anderen gleicht. Wichtig ist nur: Jeder darf sein, wie er ist. Auch der Arbeitsraum darf so eingerichtet und zugestellt werden, wie es der Nutzer braucht. Hauptsache, die Mitarbeiter können nachdenken und ihre Arbeit tun.

Die Frage, wie sich die Umgebung auf die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter auswirkt, bewegt eine ganze Beraterindustrie. Designer, Unternehmensberater und Architekten tummeln sich auf dem Markt für Bürogestaltung. Die einen planen, entwerfen und bauen die Fabriken und Großraumbüros des 21. Jahrhunderts, die anderen haben sich eigens auf die Beratung von Licht-, Farb- oder Schreibtischkonzepten spezialisiert. Wieder andere entwerfen lärmschluckende Büromöbel für das moderne Großraumbüro oder messen, wie sich der Umzug in neue Büroräume finanziell auswirkt. Denn durch eine Neugestaltung ihrer Büros kann eine Firma ordentlich sparen. Oft wird auch gleich der Arbeitsprozess verändert – sei es durch die Einführung von Vertrauensarbeitszeit oder von verstärkter Home-Office-Nutzung. Wie sich Kosten für Büroräume, Geräte und Strom reduzieren lassen, lässt sich einfach messen. Wie sich aber die Leistungen der Mitarbeiter durch die Umorganisation verändern, ist nach wie vor umstritten.

Leserkommentare
    • HSCHEID
    • 30. August 2012 16:58 Uhr

    haben mich dazu gebracht, meinen Arbeitsvertrag vorzeitig aufzulösen. Auch meine Frau ist mir gefolgt, als sie sich in einem Großraumbüro nicht mehr auf ihre Arbeit (Übersetzungen) konzentrieren konnte. Diese Art von Konzepten ist nur was für Leute, die nicht arbeiten wollen, sondern nur anderen auf den Wecker gehen wollen.

    2 Leserempfehlungen
  1. Offene Konzepte sind gut, aber man sollte es nicht übertreiben! Ich denke bis zu ca.10 Leuten ist es noch gut, bei mehr hat man das Problem, dass ständig zwei oder drei Leute/Gruppen telefonieren oder reden. Werden drei Gespräche um einen herum geführt (sitze fast in der Mitte), lässt die Konzentration um 80% nach...
    Ein Einzelbüro will ich gar nicht, aber auch kein Büro in dem 30 Leute sitzen!

    • HSCHEID
    • 30. August 2012 19:01 Uhr

    Ich war Projektleiter und hatte mit meinem Kollegen (2-er Büro) rein garnichts zu tun. Wenn er da war, war meine Leistung/Effektivität um die Hälfte reduziert. Mit einem Einzelbüro und einem angemessenen Projektraum für meine Leute hätte ich gut und gerne zwei solcher Projekte gestemmt. Hat keinen interessiert. Möchte mal wissen, wieviel Milliarden diese Ignoranz der deutschen Wirtschaft durch die Lappen geht.

    2 Leserempfehlungen
  2. Offen Konzepte fördern die Kommunikation. Sie können aber, wie die Leserbriefe zeigen, auch störend sein. Wichtig ist, wie das Leistungsklima empfunden und wie daran gearbeitet wird, es zu verbessern. Leistungsklima ist eine Erweiterung des Begriffs Betriebs- oder Arbeitsklima. In einer Leistungsklimabilanz können Unternehmen erkennen wie Mitarbeiter und Vorgesetzte das Leistungsklima bewerten, was sie erwarten. Interventionen und Projekte können gezielt initiiert und durchgeführt werden. Ein gesundes Leistungsklima, das Bestleistungen ermöglicht wird bezahlbar. PE und OE werden durch ein aus der Leistungsklimabilanz abgeleitetes Kennzahlensystem messbar.

  3. Der Original-Artikel "Effects of Messiness on Preferences for Simplicity" von Jia (Elke) Liu, Dirk Smeesters und Debra Trampe http://www.jstor.org/stab... ist allerdings schon längst zurückgezogen worden. Dirk Smeeters ist wegen Betrugsvorwürfen bei seinen Studien zurückgetreten.

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