Kein Zweifel, der Mann war aufgewühlt. Am Telefon suchte er Trost, schon wegen der eigenen Zukunft. Vermutlich war es für ihn eine neue Erfahrung, dass ausgerechnet eine Frau ihn in diese vertrackte Lage gebracht hatte. Genauer gesagt: die Bundesfamilienministerin. "Ich muss 500 Frauen in Führungspositionen bringen ", seufzte der Manager. "Wenn ich das nicht schaffe, bin ich weg vom Fenster."

Der Mann am Telefon war der Personalvorstand eines Dax-Konzerns. Von seiner Gesprächspartnerin konnte er allerdings wenig Mitgefühl erwarten. Vertraulichkeit übrigens auch nicht. Die Geschichte dieses Anrufs hat Kristina Schröder neulich selbst erzählt. Dabei kann der Kreis der Anwesenden unmöglich intim genannt werden: Vor der Politikerin reckten sich vier Mikrofone und drei Fernsehkameras in die Höhe. Es war der Tag, an dem die Ministerin sich mit den Managern der Dax-Konzerne getroffen hatte, um den Druck in Sachen Quote zu erhöhen. Wieder mal.

In Berlin und Brüssel gehört ein wenig Zwang derzeit zum guten Ton: Die Unternehmen sollen mehr Frauen in die Chefetagen hieven, dabei ist die Bundesfamilienministerin noch beinahe bescheiden. Ginge es nach ihr, sollen sich die Konzerne selbst Ziele für einen angemessenen Frauenanteil stecken.

Ursula von der Leyen , ihre Kollegin aus dem Arbeitsressort, fordert "eine glasklare Vorgabe von 30 Prozent für die Aufsichtsräte", EU-Kommissarin Viviane Reding will gar eine 40-Prozent-Quote durchsetzen . Kaum vorstellbar, dass jemand sie noch davon abbringen könnte. Im Herbst will sie ein Gesetz vorlegen .

Gleichberechtigung - Ursula von der Leyen im Gespräch Die Bundesministerin für Soziales und Arbeit, Ursula von der Leyen, im Interview über die Frauenquote, Kinderbetreuung und Lohngleichheit bei Männern und Frauen.

Die Unternehmen reagieren auf die Welle von politischen Forderungen. Die Quote ist noch nicht Gesetz, aber sie verändert die Realität bereits . Noch immer sind die Frauen nicht ganz oben angekommen . Doch schon jetzt sorgen sich die Männer, dass sie selbst dort nie wieder sein könnten. Dafür genügt schon ein Blick in die Personalabteilungen, die Frauenförderprogramme auflegen. Selbst die Boni von Dax-Managern bemessen sich neuerdings danach, ob sie genügend Frauen auf die Chefsessel holen. Und Headhunter berichten, dass sie für Führungspositionen seit Monaten Kandidatinnen präsentieren sollen – und bloß keinen Kerl. "Männer", spottete neulich der Managementberater Reinhard Sprenger, "sind schon heute bei vielen Bewerberrunden nur noch Sättigungsbeilage."

Werden jetzt die Männer diskriminiert?

Tiemo Kracht ist ein Mann, der schwer aus der Fassung zu bringen ist. Dafür hat er zu viel Erfahrung. In den vergangenen 17 Jahren hat er über 1.500 Manager in Spitzen- und Führungspositionen gebracht, heute ist er Geschäftsführer bei Kienbaum Executive Consultants. Was er jetzt entdeckt, ist selbst für ihn neu: eine stetig wachsende Gruppe nachhaltig enttäuschter Manager. "Wir treten in eine Ära der Diskriminierung von Männern ein", fürchtet Kracht. "Die Unternehmen müssen darauf achten, dass sie männliche Führungskräfte und High Potentials jetzt nicht verprellen. Damit würden sie sich selbst schaden."

Für viele Männer wird die Luft dünner. Ihre Karrierechancen schrumpfen – auf Jahre hinaus. Dafür reicht ein Blick in die Statistik. Die Beamten von Kristina Schröder haben das neulich ausgerechnet: Wenn alle Dax-30-Unternehmen ihre Quotenziele umsetzen, müssen sie in den nächsten Jahren 5.500 Frauen ins obere Management bugsieren. Das Problem ist nur: Was sagt man den Männern, die auch gern aufgestiegen wären und nun fürchten, dass sie schlicht zum falschen Geschlecht gehören?

Es ist die Krux jeder Quote: Will sie die eine Gruppe fördern, die über Jahre benachteiligt wurde, wird sie eine andere verprellen. "Die Frauenquote ist ohne Zweifel eine umgekehrte Benachteiligung", sagt der Arbeitsrechtler Stefan Lingemann, Partner bei der Kanzlei Gleiss Lutz. Nur dass es dieses Mal die Männer trifft, vor allem jene, die sich schon in der Hierarchie vorgearbeitet haben und nun auf den Aufstieg nach ganz oben hoffen. Besonders schwer, da sind sich Personalberater einig, dürften es in den nächsten Jahren zwei Gruppen haben: Manager in Konzernen, da vor allem die Kapitalgesellschaften unter Beobachtung stehen. Und alle Männer, die je hofften, Karriere in Abteilungen mit einem hohen Frauenanteil zu machen – etwa im Personalwesen. Seinen Arbeitgeber sollte man sich also ganz genau aussuchen.