Schikane : Mobbing gibt es bei uns nicht

Nach 20 Jahren im Unternehmen wurde sie zum Mobbing-Opfer. Wie sich die Arbeitnehmerin wehrte und einen neuen Job beim gleichen Arbeitgeber fand, erzählt Karin Flothmann.

Fast 20 Jahre lang arbeitet Erika Seidler* als Büroangestellte für eine große Krankenversicherung. Intern wechselt sie die Stelle – und damit auch den Chef. Gut erinnert sie sich noch daran, wie der Vorgesetzte das erste Mal scheinbar grundlos ausflippt. "Was Sie sich hier leisten, ist eine Unverschämtheit! Sie stehen beim Kaffeekochen in der Küche neben der Maschine und gucken dem Kaffee dabei zu, wie er durchläuft, Frau Seidler. Das wird Konsequenzen haben!", empört sich der Mann. Zunächst lacht Seidler über den Vorfall. Denn sie hat sich nichts zu Schulden kommen lassen. Immerhin bringt sie sich ihren Kaffee jeden Morgen im Thermobecher von zu Hause mit. Im Büro hat sie noch nie einen Kaffee gekocht.

Doch das Lachen vergeht der 46-Jährigen schnell. Denn rasch folgt der nächste Vorfall. Seidler bekommt die Anweisung, im Büro für mehr Übersicht zu sorgen. Sie soll die Aktenordner von hinten links in die Regale vorne rechts umsortieren. Doch als der Chef am nächsten Morgen das Resultat begutachtet, ist er alles andere als zufrieden. Seidler muss alle Akten wieder zurück in die alten Regale schaffen. Unsinnige Arbeitsaufträge wie dieser bestimmen fortan ihren Arbeitsalltag. Die alleinerziehende Mutter wird zum Mobbingopfer.

"Systematische, lang anhaltende Schikane am Arbeitsplatz ist typisch bei klassischem Mobbing ", sagt der Berliner Arbeitsrechtler Ulf Weigelt . Der Mobbing-Report der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) aus dem Jahr 2002 kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland von den damals rund 37 Millionen Erwerbstätigen mehr als eine Million Beschäftigte gemobbt wurden. Schätzungen gehen davon aus, dass der durch Mobbing verursachte Produktionsausfall für die Firmen rund 12,5 Milliarden Euro kostet. Auch volkswirtschaftlich gesehen ist Mobbing schädlich. Kranken- und Rentenversicherungen entstehen Kosten für Ärzte und Medikamente, für Psychotherapien, Kuren und Rehabilitationsmaßnahmen, Erwerbsunfähigkeit oder Frühverrentung.

Erst Tinitus, dann Burn-out

Erika Seidler wird über ein Jahr lang von ihrem Chef drangsaliert . Seidler hält durch. Als alleinerziehende Mutter ist sie auf den Job angewiesen. Aber spurlos gehen die Schikanen nicht an ihr vorüber. "Ich hatte irgendwann während der Arbeit ständig das Gefühl, jemand stehe hinter mir", erzählt sie, "doch wenn ich mich umdrehte, war da niemand." Dann stellt sich ein Pfeifton in ihren Ohren ein – ein Tinitus, unter dem sie noch bis heute leidet. Seidler will Urlaub machen, ausspannen zusammen mit ihrem Kind. Doch den Antrag auf Urlaub genehmigt der Chef nicht. Zum Ohrenpfeifen gesellen sich Kopfschmerzen. Die Büroangestellte geht zum Arzt. Der stellt ein Burn-out infolge von monatelangem Mobbing fest, schreibt sie erst einmal krank und schickt sie zu einer Psychologin.

Die rät der Arbeitnehmerin, sich an die Mobbingzentrale in ihrer Stadt zu wenden. Dort bekommt die Arbeitnehmerin Hilfe und findet einen Platz in einer psychosomatischen Klinik. Erika Seidler informiert ihren Arbeitgeber darüber, dass sie mehrere Wochen krankgeschrieben ist. Doch statt Genesungswünschen erhält sie eine Vorladung des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK). Der Chef vermutet, Seidler simuliere nur.

Die Büroangestellte wendet sich an den Personalrat. Erst als dieser interveniert, zieht der Vorgesetzte seine Anzeige zurück.

Sieben Wochen lang wird Erika Seidler in der Klinik stationär behandelt. Drei Monate lang besucht sie anschließend täglich ambulant die Tagesklinik. Krankgeschrieben ist sie insgesamt acht Monate. Und dann? Seidler will auf keinen Fall auf ihren alten Arbeitsplatz zurück. Sie kann sich aber vorstellen, weiterhin für das Unternehmen zu arbeiten. Also bittet sie um Versetzung. Doch die Versicherung kann ihr zunächst keinen Job anbieten. Ihr bisheriger Job sei die einzige Stelle, die man für sie habe, heißt es.

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Kommentare

40 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Sehr schwierige Situation

Ein Mobbingfall ist immer eine sehr schwierige Situation. Denn selten stellt es sich so eindeutig dar, wie im vorliegenden Artikel (wobei natürlich hier nur eine Seite zu Wort kommt).

Das ganze ist höchst subjektiv.
Ein Vorgesetzter, der einen Untergebenen zu Recht ermahnt, nicht "dem Kaffee beim Durchlaufen zu zusehen" wird schnell als Täter dargestellt und wird dieses Image so schnell nicht wieder los.

Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die grade an der Grenze zu Handlungszwang der übernächsten Ebene gemobbt werden, die also über längere Zeit grade so schlecht behandelt werden, wie es die "legalen" Mittel des direkten Vorgesetzten erlauben, ohne dass etwas passiert.
Die krassen Fälle, um die sich eigentlich Gerichte kümmern müssten, sind relativ selten.

So schwarz-weiß, wie es der Artikel malt, ist die Situation leider meist nicht. Sondern es stellt sich ein sehr kompliziertes Geflecht von Vorgesetzten, Utergebenem und Mitarbeitern ein, dass von allen höchst subjektiv bewerte wird.

Traurig nur, dass sich dieser Kindergarten, für den eigentlich Schüler schon zu alt sind, auch bei den de jure Erwachsenen fortsetzt.

Sie haben recht

Ich sehe das ähnlich wie Sie. Die bösen Kollegen die aus reiner Gehässigkeit grundlos losmobben gibt es eher selten.

Manches faule Ei (im Wortsinne faul) gibt es auch auf Arbeitnehmerseite. Dinge wie "Gelbschein-Urlaub" oder "Dienst nach Vorschrift" sind gerade in sehr großen Firmen keine Seltenheit. Der Frust der Kollegen/Vorgesetzten wird dann zwar in der Tat zum Mobbing - aber die Frage ob Huhn oder Ei zuerst da war, kann man trotzdem stellen.

Faule Eier gibt es sicherlich

aber ob das Mobbing rechtfertigt?

Bei uns im Betrieb haben wir das Problem das alle gleich, also nach Tarif bezahlt werden. Keine Ahnung wer diese tolle Idee mal hatte. Manche arbeiten in 5 Tagen ab was andere in 2 Tagen machen. Und das fällt nicht auf, die meisten sind total geschickt im Täuschen. Aus "langsam" wird zB "gewissenhaft" gemacht, und der Kollege der sich Mühe gegeben hat und schnell gearbeitet hat, ist plötzlich der "faule" der sich nicht mit den "wichtigen" Details beschäftigt hat. Das ist ärgerlich, aber naja, so ist das Leben.

Wenn Führungskräfte ihnen unterstellten

Menschen unsinnige Arbeitsaufträge geben, um diese zu schikanieren, und dadurch ein belastenden und mittelfristig unaushaltbares Klima am Arbeitsplatz schaffen - und damit meist auch das gesamte Leben der Misshandelten schwer belasten -, dann quälen solche Menschenschinder andere Menschen in hinterhältig unmenschlicher Weise.

Solche machtmissbrauchende Willkür hat nichts mehr mit Führung zu tun. Vielmehr ist diese ein Verbrechen gegen die Gesundheit bis hin zum Leben davon betroffener Menschen, denen arbeits- und verfassungsrechtlich ein Recht auf Fürsorge zustehen würde.

Führungskräfte, die so asozial und menschenverachtend handeln, sind gefährlich sowohl für die diesen ausgelieferten Menschen als auch für die Unternehmen und haben in Führungspositionen deshalb nichts verloren.

Ich bin Mobbing-Opfer

Darf ich Ihren Kommentar für die Webseite: www.mobbing-unterm-kirche... verwenden?
Sie haben vortrefflich geschildert, wie menschenverachtend Mobbing und Schikane sind. Die "ich-sehe-weg"-Mentalität wird eben oft auch noch dadurch gestützt, dass die "anderen" ja auch Angst haben, zum Mobbing-Opfer stilisiert zu werden, sollten sie etwas gegen das Mobbing sagen.
Bitte geben Sie mir doch unter : cbruehl@gmx.de Bescheid. Danke!

Warum...

Liest man in solchen Artikeln eigentlich nie den Namen der Firma?
Erfunden sein kann die Geschichte ja nicht wenn die Ärzte es beglaubigt haben. Kein Wunder das es immernoch Mobbing gibt, wenn die Firmen nichts zu befürchten haben.

"Mobbing gibt es bei uns nicht" Wenn man wüsste welche Firma das ist, dann Kunden bald auch nicht mehr.

Weil es immer zwei seiten gibt

Man liest den namen der Firma nicht, weil es erstens immer zwei Seiten gibt und zum anderen wie schon jemand gesagt hat, es erst offiziell Mobbing ist, wenn ein Gericht zum Fall geurteilt hat.
Ansonsten machch sich Autor und Publizist angreifbar.

Und das ich auch richtig so, sonst würde es plötzlich gaaanz viele "Mobbingopfer" geben,die das ganze taktisch einsetzen.

So einen Chef hatte ich auch mal

diesen Herrn S. hab ich aber schön auflaufen lassen u. ständig kontra gegeben. Fiel mir leicht weil ich schon damals finanziell unabhängig war. Jedenfalls hat es mich das sehr aufgebaut, besonders weil ich über mehrere Ecken erfahren habe wie sehr er sich aufgeregt hat u. sogar mehrmals zum Personalchef ging um sich zu beschweren. Aber einfach rauswerfen ging nicht weil die Abfindung der Firma zu teuer geworden wäre.
Das war wohl die beste Zeit in meiner Firma, auch weil ich einen sehr guten Kollegen hatte mit dem man sich drüber lustig machen konnte.
Dieser Chef ist einige Monate später zu einer anderen Firma gewechselt, schade eigentlich.

Ein besonderer Mobbingtyp ist das Konkurrentenmobbing

2 aufstebende Angestellte, die befördert werden wollen, verbünden sich gegen einen Dritten. Der bekommt keine Aufträge und wird sitzen gelassen,wenn man mit der Abteilung losgeht...

Das ist auch eine nette Konstellation ...

Die Hilflosigkeit der Mobbing-Opfer ist im Artikel gut geschildert. Sie werden auch - ohne sich wehren zu können - zu Opfern gemacht und das ist in dieser Gesellschaft immer nur der Loser-Status. Der Erfolgreiche ist kein Opfer. Das Opfer ist - irgendwie - immer Schuld an seinem Schicksal. Beim Opfer muss man immer, wie einige Kommentare schön beweisen, 2 Seiten anhören. Beim erfolgreichen Macher nie, der ist erfolgreich und attraktiv. Das Opfer weckt Zweifel.

Die eigentliche Untat ist der Frau daher geschehen, als sie zum Opfer wurde; von da ab war sie verloren. Ihr Fehler war wahrscheinlich nur, zuzulassen, dass man sie zum Opfer gemacht hat ... Wahrscheinlich wusste sie nicht, was dies bedeutete.

Der Fehler

"Ihr Fehler war wahrscheinlich nur, zuzulassen, dass man sie zum Opfer gemacht hat ... "

Man glaubt ja an das Unternehmen, man denkt, entsprechend, dass der Chef eben Chef ist weil er so ist, und die Firma ihn ja deswegen zB zum Abteilungsleiter gemacht hat. Es ist ganz normal dass man sich da erstmal selbst die Schuld gibt, denke ich.

Ich hatte mal einen Chef, der hat unser Projekt sabotiert. Ich weiß nicht warum man in einer Firma das eigene Projekt sabotiert, aber er hat immer verhindert dass die WPs abgearbeitet werden. Das hat unmengen Zeit und Fördergelder vom Land gekostet. Der hat mich, so wie hier Mobbing definiert wird, tatsöchlich gemobbt. Aber damals hab ich gedacht ich verstehe die "übergreifenden" Dinge nicht und bin wohl etwas doof. Das Nachfolgeprojekt ist nicht mehr genehmigt worden, aber der war da schon befördert und weg. Mein jetztiger Chef ist ehrlich, er sagt genau wie lange was dauert und ob es geht, aber der wird immer bei Beförderungen übergangen.

Sehr menschlich alles, da muss man auch mal selber dazulernen und etwas selbstbewusster sein. Dann wird man auch nicht dauerhaft zum Opfer.

... Das ist in der Tat der unbewusste

... Eingangsmechanismus, dass man sich selbst Schuld an etwas gibt, woran man keine Schuld hat. Dass man die eigenen Fehler sucht. An sich sehr lobenswert, hat jedoch die Gefahr an sich, zum Opfer zu werden. Das sind häufig Leute, die sich gerade für mehr Veranwortlich fühlen und denen es eigentlich wichtig ist, von anderen als kollegial wahrgenommen zu werden. Das behindert. Der Erfolgreiche ist primär erfolgreich und hat allein schon durch die Konzentration darauf einen Wettbewerbsvorteil ...