AltersvorsorgeRiestern lohnt sich für jeden – ein bisschen

Auch Normalverdiener sind ohne private Vorsorge von Altersarmut bedroht. Am sichersten ist die Riester-Rente – wenn man ein gutes Produkt erwischt. von  und Sophie Schimansky

Die jüngsten Berechnungen aus dem Arbeitsministerium zur Rentenentwicklung haben Anne Schmidt aufgeschreckt: Sie will jetzt eine private Altersvorsorge abschließen. Die 32-jährige Einzelhandelskauffrau arbeitet als Verkäuferin in einem Modegeschäft in Berlin . Knapp 2.200 Euro brutto verdient sie im Monat, das sind 1.442 Euro netto.

Die Verkäuferin zahlt jeden Monat 215 Euro in die Rentenkasse und fast 27 Euro in die Pflegeversicherung. Würde sie 35 Jahre lang ähnlich verdienen und in die gesetzliche Rentenkasse einzahlen, bekäme sie im Alter nicht einmal die gesetzliche Grundsicherung von 688 Euro im Monat . Schmidt müsste staatliche Hilfe in Anspruch nehmen – oder jetzt zusätzlich privat vorsorgen.

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Schmidt will außerdem in den kommenden Jahren eine Familie gründen. Ob sie als Mutter noch Vollzeit arbeiten kann, weiß sie jetzt noch nicht. Arbeitet sie künftig nur noch in Teilzeit, reduziert das natürlich auch ihren Rentenanspruch. Die Rentenpunkte, die Eltern für die Erziehungszeiten ihrer Kinder bekommen, kompensieren das nicht ganz. Auf eine Versorgung im Alter durch ihren Ehemann spekuliert die 32-Jährige erst gar nicht. Wenn sie ihren heutigen Partner heiratet und die Ehe nicht hält, gibt es nach dem 2008 reformierten Unterhaltsgesetz keinen grundsätzlichen Versorgungsunterhalt bis zum Lebensende mehr. Es gilt die sogenannte nacheheliche Eigenverantwortung – auch für den finanziell schwächeren Partner.

In den meisten Ehen sind das noch immer die Frauen. Sie stellen auch den Großteil aller Klein- und Normalverdiener. Denn Frauen wählen nicht nur die schlechter bezahlten Berufe, sie steigen auch öfter als Männer aus dem Job aus, um sich um die Kinder zu kümmern. Ein Rückkehrrecht auf die Vollzeitstelle gibt es im Arbeitsrecht nicht – und so finden sich viele Frauen nach wenigen Jahren in der Teilzeitfalle wieder. Hinzu kommt, dass Frauen im Durchschnitt auch bei gleicher Qualifikation und in gleicher Position weniger als Männer verdienen – und später die kleinere Rente bekommen .

Gender Pay Gap

Als Gender Pay Gap wird die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen bezeichnet. Einer OECD-Studie aus dem März 2012 zufolge verdienen Vollzeit beschäftigte Frauen in Deutschland durchschnittlich 21,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Das belegen auch die neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamt. Die Statistiker stellen eine unbereinigte Lohnlücke von 22 Prozentfest.

ImGlobal-Gender-Gap-Report des Weltwirtschaftsforums  2012 kam Deutschland auf Platz 13, 2006 war die Bundesrepublik noch auf Platz fünf gewesen.

Frauen arbeiten häufiger in schlecht bezahlten Berufen und wenig in Führungspositionen. Das erklärt zwei Drittel des Lohnunterschieds. Es bleiben jedoch sieben bis acht Prozent Differenz aufgrund des Geschlechts. Dieser Unterschied wird als bereinigte Lohnlücke bezeichnet.

Gender Pension Gap

Als Gender Pension Gap wird die Rentenlücke zwischen Männern und Frauen bezeichnet. Einer Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Februar 2012 zufolge beträgt sie 59,6 Prozent. Dabei fällt der Gender Pension Gap im Osten mit 36,7 Prozent niedriger aus als im Westen mit 63,4 Prozent.

Maßgeblich für die Rentenlücke sind die weiblichen Erwerbsbiographien: Frauen, die sich für Ehe und Familie entschieden haben, bekommen sogar 69,6 Prozent weniger Rente. Sie haben für die Kindererziehung ihre Erwerbstätigkeit oft lange unterbrochen und in Teilzeit gearbeitet. Dadurch haben die Frauen nur geringe Rentenansprüche erworben.

Die heutige durchschnittliche gesetzliche Rente von Frauen beträgt 645 Euro im Monat, für Männer hingegen 1.595 Euro.

Schmidt gehört somit zu einer Personengruppe, die besonders gefährdet ist, im Alter auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein. Das stellt nicht nur die Untersuchung des Bundesarbeitsministeriums fest. Schon im Januar fanden die Berliner Politikwissenschaftlerin Barbara Riedmüller und die Sozialwissenschaftlerin Ulrike Schmalreck heraus, dass die Generation der Frauen, die in den sechziger Jahren geboren wurde, zum Großteil einem hohen Altersarmutsrisiko ausgesetzt ist. Die Forscherinnen hatten für ihre Studie Daten des sozioökonomischen Panels ausgewertet und festgestellt: Wer keine private Altersvorsorge hat, wird im Alter zum Sozialfall .

Worauf Kleinverdiener beim Riestern achten müssen

Doch welche private Altersvorsorge ist die richtige? Arbeitsministerin Ursula von der Leyen wirbt für die staatlich geförderte Riester-Rente . Auf sie zielt auch die vorgeschlagene Zuschussrente ab: Eine schmale gesetzliche Rente soll für jene auf 850 Euro aufgestockt werden, die privat vorgesorgt haben. Voraussetzung sind 30 Beitragsjahre in der gesetzlichen Rentenversicherung sowie zunächst fünf Jahre private oder betriebliche Altersvorsorge. Bis 2047 soll die Privatvorsorge-Plicht auf 35 Jahre anwachsen. Anne Schmidt müsste also noch in diesem Jahr eine private Vorsorge abschließen, um mit 67 überhaupt Anspruch auf die Zuschussrente zu haben.

Das Rentensystem

Die gesetzliche Rente basiert auf einem Umlagesystem. Doch durch den demografischen Wandel gibt es weniger Personen im erwerbsfähigen Alter, zugleich steigt der Anteil der Alten. Die Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre schwächt diesen Effekt etwas, aber nicht ganz ab. Zugleich wächst der Niedriglohnsektor, auch die Zahl der Minjobber und Teilzeitarbeitenden ist gestiegen. Sie zahlen aber nur geringe Beiträge ein. Zugleich steigt die Anzahl der Selbstständigen, die nicht in die gesetzlichen Rentenkassen einzahlen.

Altersarmut

Heute haben 2,4 Prozent (480.000) der rund 20 Millionen Rentner die Grundsicherung, die heute bei 688 Euro liegt. Das heißt, sie bekommen auf ihre Rente aufstockend Hartz-IV.

Laut neuesten Hochrechnungen des Bundesarbeitsministeriums wird die Anzahl der Rentner, die zusätzlich Grundsicherung benötigen, künftig drastisch steigen. Den Rechnungen zufolge müssen vom Jahr 2030 an selbst Arbeitnehmer, die heute 2.500 Euro brutto im Monat verdienen und 35 Jahre Vollzeit gearbeitet haben, zum Sozialamt. Ihre gesetzliche Rente ist dann nämlich nicht höher als die sogenannte Grundsicherung.

Die Reformpläne
  • Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen will zum einen eine Zuschussrente für Geringverdiener: Wer sein Leben lang eingezahlt hat und privat vorgesorgt hat, aber nur eine geringe Rente erhält, soll einen Zuschuss erhalten – bis die Rente 850 Euro im Monat beträgt.
  • Auch schlägt die Ministerin Verbesserungen für die Kombirente für Frührentner vor. Wer heute vor dem Renteneintrittsalter in den Ruhestand geht, darf nur 400 Euro im Monat hinzuverdienen. Was darüber hinausgeht, wird schrittweise auf die Rente angerechnet.
  • Außerdem plant von der Leyen Lockerungen bei der Erwerbsminderungsrente. Wer wegen Krankheit früher aus dem Job ausscheidet, soll einen höheren Rentenanspruch erhalten. Bislang wurde das Altersgeld so berechnet, als habe der Betroffene bis zum 60. Lebensjahr gearbeitet. Künftig würden ihm zwei weitere Jahre angerechnet. Wirken sich die letzten vier Jahre der Erwerbstätigkeit mindernd auf die Rentenpunkte aus, weil krankheitsbedingt schon weniger verdient wurde, werden sie nicht mit einberechnet.
  • Außerdem will die Ministerin ein höheres Budget für Rehabilitationsleistungen.
  • Von der Leyen will zudem festlegen, dass der Beitragssatz zur Rentenversicherung 2013 von 19,6 auf 19,0 Prozent sinkt.
  • Und auch Selbstständige sollen zur Vorsorge verpflichtet werden. Sie können wählen, ob sie privat vorsorgen oder in die gesetzlichen Kassen freiwillig einzahlen. 

Als Kleinverdienerin mit einem Nettoeinkommen von 1.442 Euro im Monat bleibt ihr nicht viel zum Zurücklegen. Auch will sie kein Risiko eingehen. Würde sich für sie die Riester-Rente lohnen? "Ja, dieses Modell eignet sich für jeden", sagt der Experte Theo Pischke, Redakteur bei dem Magazin Finanztest der Stiftung Warentest . "Die Riester-Rente ist das sicherste Produkt für eine private Altersvorsorge."

Fast jeder hat einen Anspruch auf die staatlich geförderte Altersvorsorge. Neben Arbeitnehmern, Menschen, die Wehrdienst oder Freiwilligendienst leisten, Kindererziehende (bis zur Vollendung des 3. Lebensjahres des Kindes) sowie Beamte und Angestellte im öffentlichen Dienst können ebenso riestern wie Landwirte, Minijobber, Studenten oder Arbeitslose. Sogar eine ganze Reihe Selbstständiger – Handwerker, Künstler oder Journalisten – haben einen Anspruch. Lediglich selbstständige Unternehmer müssen auf die staatlich geförderte Rürup-Rente ausweichen, wenn sie ein absolut sicheres Vorsorgemodell wählen wollen.

Hausfrauen oder Hausmänner ohne Einkommen haben ebenfalls einen Anspruch. Ehepartner schließen jeweils einen eigenen Vertrag ab. Auch im Scheidungsfall gilt der Riestervertrag für den einkommensschwächeren Partner – auch wenn dieser Hausfrau oder Hausmann ist – als eigene Vorsorge weiter.

Die Altersvorsorgezulage setzt sich aus der Grundzulage und der Kinderzulage zusammen. Die Grundzulage beträgt 154 Euro pro Jahr und Person, der Kinderzuschlag 300 Euro pro Kind.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen und konstruktiven Argumenten an der Diskussion. Danke, die Redaktion/mk

    • Infamia
    • 04. September 2012 17:51 Uhr

    Kleinverdiener haben natürlich das Problem, dass sie nicht streuen können. Wer es kann, sollte streuen. Denn die perfekte Altersvorsorge gibt es nicht. Ich habe noch eine alte Lebensversicherung, um die mich jeder beneidet, weil ich sie noch zu Zeiten abgeschlossen habe, wo sich Lebensversicherungen noch lohnten. Dann habe ich eine Rentenversicherung, eine Berufsunfähigkeitsversicherung als Kombiprodukt (wovon mir jeder abrät, aber fast 30 Jahre Geld in etwas einzahlen, was ich sehr wahrscheinlich nie in Anspruch nehmen muss) und einen Riestervertrag. In Summe wird schon was bei rüberkommen, was zusammen mit der staatlichen Rente ein auskömmliches Dasein ermöglicht.

    Zyniker mögen sagen, rausgeschmissenes Geld. Ich sage, wer keine Altersvorsorge betreibt, wird später sicher nichts haben, bei mir besteht immerhin die Chance, dass was dabei rüberkommt. Garantien gibt es keine, das ist auch mir klar. Aber wer nichts macht, hat auch garantiert nichts. Soviel ist sicher.

    Nimmt man dann noch die selbstgenutze Immobilie dazu, sollte es schon irgendwie ganz gut klappen. Das nützt aber dem Geringverdiener nichts, der sich all das nicht leisten kann. Insofern ist es ein ungerechtes System, wo die, die haben, sich Altersvorsorge leisten können und die, die nichts haben, in die Röhre schauen, weil die staatliche Rente auf ein Minimum gekürzt wurde.

  2. .
    ...und sachlich falsch bezeichnet und den Beweis erbracht:

    http://www.zeit.de/wirtsc...

    Daten, Fakten mehr nicht!

  3. Riestern lohnt sich für jeden – ein bisschen - UND FÜR DIE ASSEKURANZ GANZ DOLL!

  4. Man kann insbesondere Kleinverdienern nur abraten, sich auf diese Form der Vorsorge einzulassen.

    Wer in prekärer Beschäftigung sein Geld verdienen muss, sollte das bisschen, das zur Seite legen kann entweder unters Kissen legen oder auf ein Sparbuch tun, um jeweils die nächsten drei Monate abzusichern. Davon hat sojemand mehr, als das sauer verdiente Geld auf den Finanzmärkten verbrennen zu lassen.

    Für den Rest gilt: Sparen fürs Sozialamt.

  5. Zitat aus dem Einleitungstext
    "Am sichersten ist die Riester-Rente – wenn man ein gutes Produkt erwischt."
    Zitat Ende

    Kenn ich aus Lotterien. Auch diese können einen erfolgreiche Geldanlage sein, wenn man die richtigen Zahlen oder Lose "erwischt", kommt fast jede Woche paarmal vor :-)

    Inwiefern ein so ein Riestervertrag ein "Produkt"?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • DDave
    • 04. September 2012 19:54 Uhr

    ja, aber definitiv sorge ICH vor und nicht irgendein Unternehmen, denn Unternehmen = Verwaltung = Arbeit = kostet Geld. Da die Zinsen für Geld im Keller sind, bleibt noch viel weniger übrig um die Verwalter zu bezahlen und somit bedient man sich beim Kunden.
    Vielleicht keine Möglichkeit für den Kleinverdiener, aber mein Ziel: Eigenheim und eine Wohnung(zur Vermietung).
    Mehr brauche ich nicht, keine Versicherungen(ausser obligatorische fürs Auto, Haftpflicht, wenn man Werte im Haus ansammelt: Hausrats-), keine sonstigen Produkte von irgendwelchen Dienstleistungshaien.
    Das Monatsgehalt wird einfach eingeteilt und gespart, für unvorgesehene Ausgaben....

    Apropos, wäre es nicht möglich bei Zeitonline absofort einen Reiter mit Werbung zu eröffnen, dann käme ich nicht mal mehr in die Versuchung solche Texte zu überfliegen...

  6. ... weil er die imminent wichtige Tatsache unterschlägt, dass eine Riester-Rente später auf die Hartz4-Rente angerechnet wird.

    Die einzigen, die wirklich von der Riester-Rente profitieren sind die Versicherungen. Insofern sollte der Artikel eher als "Werbung" gekennzeichnet werden.

    • angste
    • 04. September 2012 19:19 Uhr

    Es stehen einem Versicherten laut Öko-Test nach 37 Sparjahren 5689 Euro Zulagen vom Staat zu. Demgegenüber stehen allerdings durchschnittlich 7468 Euro Vertragskosten.

    .."...Alle anderen erhalten den Grundzuschlag nur komplett, wenn sie mindestens vier Prozent des Bruttojahreslohns eingezahlt haben...."

    Na, 4% vom Brutto zahlt man doch gern....wobei... bei einer Beitragserhöhung der bei gesetzlichen um 4% käme das dem Ruin der nachfolgenden Generation gleich....

    ...jetzt bin ich doch irritiert....

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