IdeenNiemand kann täglich kreativ sein

Heute hat jeder kreativ zu sein, am Arbeitsplatz und in der Freizeit. Kein Wunder, dass bei dieser Überschussproduktion von Inspiration alle unter Burn-out leiden. von Christopher Schwarz und Dieter Schnaas

Womöglich ist Joseph Beuys an allem schuld. Jeder Mensch sei ein Künstler, dekretierte der Meister vom Niederrhein Anfang der Siebzigerjahre – und sein Publikum schaute damals ziemlich verdutzt drein. Der Michel war es schließlich noch gewohnt, Kunst als die Ausnahme genialen Schöpfertums zu sehen – oder als privilegierten Ort für höhere Spinnerei. Wer Erfolg im bürgerlichen Leben anstrebte, tat gut daran, zu Kunst und Künstlermilieu auf Distanz zu gehen und bewährte Tugenden zu pflegen: Fleiß, Beharrlichkeit, ruhige Arbeit statt Extravaganz, professionelles Können statt Genialität.

40 Jahre später hat Beuys auf ganzer Linie gesiegt. Heute wollen alle wenn nicht genial, so doch wenigstens kreativ sein, lauter verkappte Künstler, die unentwegt damit beschäftigt sind, sich etwas einfallen zu lassen, ins Unbekannte vorzustoßen, Grenzen zu überschreiten, schöpferisches Neuland zu erschließen. Vor allem das Büro ist ein Tummelplatz für Gipfelstürmer geworden, die permanent Funken schlagen, eine aufregende Sicht der Dinge haben und ständig neue Projekte anstoßen. Forschung, Produktentwicklung, Marketing, Design, Kommunikation – am oberen Ende der Wertschöpfungskette sind am laufenden Band Originalität, Innovationsbereitschaft und Normabweichung gefragt: Es ist die Ankunft des Fordismus im Reich der Ideen. Und das nicht nur im Dienst. Auch in der Freizeit, als Konsument, ist der Kreative gefordert, indem er Designprodukte zu unkonventionellen Lifestyle-Arrangements gruppiert – und seine Modernität in der kunstvollen Nutzung der neuesten Apps unterstreicht: Hauptsache kreativ, originell, witzig.

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Fast könnte man meinen, mit der Kunst sei die Kreativität, also die Fähigkeit, Neues hervorzubringen, zu einer Art Universaltherapeutikum avanciert, das alles Mögliche verspricht, nicht zuletzt Erfolg, Sinn und Selbstvervollkommnung. Die einschlägigen Buchtitel sprechen Bände: Vom Spiel zur Kreativität, Die Befreiung der inneren Kraft", Die Potenziale des Gehirns entfalten – Kreativität, so die Botschaft, schlummert in jedem von uns. Es kommt nur darauf an, sie zu erwecken – und systematisch zu trainieren.

Denn Kreativität ist nicht nur ein Potenzial, sondern auch eine Norm: Der Mensch soll mit ihr nicht nur seine schöneren Möglichkeiten entdecken, sondern sie im Sinne einer Kompetenz fruchtbar machen. Kreativ sein heißt ständige Arbeit am eigenen Kreativitätspotenzial, ästhetische Aktivierung der Sinne, enthusiastische Steigerung der Produktivität. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen auf die schöpferische Mobilmachung mit Erschöpfungszuständen reagieren. Burn-out ist nicht zuletzt die natürliche Reaktion auf die Überforderung eines Ichs, das ständig auf der Höhe seiner kreativen Möglichkeiten steht.

Ästhetischer Kapitalismus

Der Soziologe Andreas Reckwitz sieht in der Befreiung zur Kreativität "neuartige Zwänge" am Werk. Er stellt eine für "spätmoderne Zeiten" typische "Dopplung von Kreativitätswunsch und Kreativitätsimperativ, von subjektivem Begehren und sozialer Erwartung" fest: "Man will kreativ sein und soll es sein." Dabei gehe es nicht nur um eine "rein technische Produktion von Innovationen", sondern vor allem auch um "sinnliche und affektive Erregung". Ein höchst merkwürdiger Vorgang, findet Reckwitz. Was einst in kulturellen Nischen beheimatet war, wird unter den Bedingungen des "ästhetischen Kapitalismus" zum kulturellen Modell: Das romantische Originalgenie und seine modernen Nachfahren, die Bewohner von Bohème und Avantgarde, seien heute Leitbilder einer freien, schöpferischen Existenz.

Die Faszination reicht bis in die Chefetagen der Unternehmen. Im rebellischen Gestus des Künstlers, in seiner Kunst, sich über Regeln hinwegzusetzen, erkennen die Unternehmer ihr Alter Ego, sehen sie, so der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich, "dieselbe Power und kreative Energie am Werk, die sie selbst umtreibt".

Welten trennen den modernen Konzernchef vom Unternehmer des Industriekapitalismus, der sich noch als Kaufmann und Kalkulator verstand. Profitmaximierung beruhte damals auf Buchführung und Bürokratie, also auf regelhaften, hierarchisch geordneten Arbeitsabläufen, die den Handlungstyp des fachlich geschulten, nüchternen Berufsmenschen erforderten. Erst mit Joseph Schumpeter, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, kommt der Unternehmer als Neuerer ins Spiel, als "kreativer Zerstörer", der seine Innovationen gegen alle Widerstände in die Welt setzt – nicht zuletzt, weil er sich damit auch im nicht monetären Sinne bereichern will.

Der souveränen Willkür des heroischen Unternehmergenies wird dabei die Routine der Sollerfüllung gegenübergestellt, die das Arbeiter- und Angestelltendasein im 20. Jahrhundert bestimmt. Das "well- adjustment" (David Riesman), die reibungslose Anpassung, wird zum beruflichen Ideal – und die ermüdende Harmlosigkeitsexistenz im Büro findet auch nach Feierabend ihre Fortsetzung: im Bezug eines öden Lebenspostens. "Wem das saure tägliche Brot nur so auf den Monatssalärtisch fällt", so hat es schon Robert Walser festgehalten, fühlt sich halt "verpflichtet, nach und nach zur kontraktlich regelmäßigen Maschine zu werden".

Leserkommentare
    • henry06
    • 01. Oktober 2012 8:05 Uhr

    aber ich fände es gut, wenn man in diesr Reihe:

    <em>Architekten, Designer, Informatiker und Wissenschaftler</em>

    nicht die Ingenieure auslassen würden.

    mfg henry

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    ist der architekt nicht ein vertreter der ingenieure?
    und zwar genau auf der kreativen, der planerischen , im gegensatz zur pur anwendenden, unkreativen, ebene?

    • Sensaia
    • 01. Oktober 2012 11:31 Uhr

    Architekten sind Ingenieure! Zumindest habe ich meinen Dipl.-Ing. (entspricht Master of Science) in Architektur gemacht. An anderen Unis bekommt man einen Master of Arts. Da fällt das Studium entsprechend Design-orientierter aus.

    • tirili
    • 01. Oktober 2012 8:35 Uhr

    Sogar die sog. Bildungsexperten und ihre gedankenlosen follower-Kultusminister verklappen
    "Kreativität" als Sinn und Zweck des Schulsystems.

    • omnibus
    • 01. Oktober 2012 9:04 Uhr

    Der Zwang zur Originalität und öffentlichen Selbstverwirklichung beherrscht nicht nur den Beruf, sondern auch das Privatleben.

    Wer beispielsweise seinen Facebook"freunden" immer wieder beweisen muss, welch interessantes Leben er führt, sortiert seine Erlebnisse nach der Priorität des Erzählbaren. Konnte man vor Jahrzehnten die eigenen Bekannten noch durch Besitz von Konsumgütern beeindrucken, so ist heute ein möglichst "interessantes", an gesellschaftlichen Idealen der Selbstverwirklichung orientiertes Leben das Ideal.

    Das verursacht Dauerstress, denn Vieles von dem, was dem Menschen gut tut, passt nicht in dieses Ideal der permanenten Originalität: Stillsitzen, Mund halten, loslassen.

    Was die kreativen Berufe betrifft: Glücklicherweise beinhalten fast alle von ihnen auch einen handwerklichen Aspekt, dessen Durchführung gewisse Routinen enthält. Nur so ist es möglich, solche Berufe über Jahrzehnte auszuüben, ohne dabei auszubrennen.

  1. und zwar, ein Kommentar:
    die Begeisterung/Fähigkeit/Freude für Kreativität hat mit Persönlichkeit, Umständen und Selbstmangment zu tun. Wenn man dazu an einer guten Quelle "sitzt" kann man sich manchmal kaum retten von schöpferischen Einfällen. Man muss allerdigns Unbedingt ein Tag in der Woche den Akku Aufladen. An diesem Tag sollte man halt Ruhe, Langeweile und Faulheit kreieren. Aber jetzt habe ich eine Idee...:)

  2. wird hier vertreten. Fleiß, Beharrlichkeit, ruhige Arbeit, professionelles Können, Disziplin sind für die meisten Künstler völlig unerläßlich. Auch Buchhaltung und Kalkulation helfen, um nicht <10 Jahre nach Studium aufgeben zu müssen. Darüber hinaus zeichnet die meisten Künstler aus, daß sie GERN arbeiten.

    Die Zuschreibung der Eigenschaften Extravaganz und Genialität scheint mir eher einem bürgerlich-einfältigen Geniekult geschuldet. Beuys ist m.M.n. mißverstanden - vielleicht wird 'Jeder ist ein Künstler' verständlicher, wenn man sich das mal als 'Jeder kann ein Künstler sein' übersetzt. Es will/kann aber nun mal nicht jeder so leben, noch sind allzu viele bereit, sich trotz Fleiß, Hingabe, einem hohen Maß an Selbsterkenntnis und großem Einsatz für die Arbeit mit i.d.R. sehr wenig und unregelmäßigem Geld zu bescheiden oder gar dafür arbeiten gehen zu müssen, um die eigene, die eigentliche Arbeit finanzieren zu können.

    Burn-out kommt von zuviel Erwartung, fremden und/oder eigenen.
    Ja: von Zeit zu Zeit ist tiefe Langeweile eine Notwendigkeit. Um wieder GERN arbeiten zu können. Andernfalls läuft man Gefahr, sich (als Selbstständiger) selbst zu fälschen oder den nicht durchgearbeiteten Ideen eines delegierenden Überfliegers als reiner Erfüllungsgehilfe zu dienen (als Angestellter).

    Im eigenen Rhythmus, also mit größter Effizienz zu arbeiten, ist als Angestellter nur selten möglich. Das geht eher selbst und ständig, hat aber Risiken, die nicht jeder eingehen will und kann.

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    Ob man in der ersten oder zweiten Reihe steht. Oft steht hinter dem genialen Planer und eloquenten Verkäufer ein kreatives Team, das sich im Büro bis in die Nacht ins Zeug legt, damit ein Abschluß oder Werk zustande kommt/fertig wird. Ein guter Betrieb sorgt für Freizeitausgleich und entsprechende Honorierung. Leider ist das eher die Ausnahme.

    • omnibus
    • 01. Oktober 2012 9:46 Uhr

    Aussage "Jeder Mensch ist ein Künstler" bezog sich im Übrigen nicht auf die übliche Definition des Künstlers als eines Produzenten von Artefakten, sondern ist nur im Zusammenhang mit dem erweiterten Kunstbegriff und der "Sozialen Plastik" verständlich.

    Zitat aus Wikipedia:
    "Im ausdrücklichen Gegensatz zu einem formalästhetisch begründeten Verständnis schließt das von Beuys propagierte Kunstkonzept dasjenige menschliche Handeln mit ein, das auf einer Strukturierung und Formung der Gesellschaft ausgerichtet ist. Damit wird der Kunstbegriff nicht mehr nur auf das materiell fassbare Artefakt beschränkt.

    Die Theorie der „Sozialen Plastik“ besagt, jeder Mensch könne durch kreatives Handeln zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und dadurch plastizierend auf die Gesellschaft einwirken.

    Aus dieser Vorstellung entstand die viel zitierte These der „Sozialen Plastik“: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, die Joseph Beuys erstmals 1967 im Rahmen seiner politischen Aktivitäten äußerte.
    Im Gegensatz dazu werden im üblichen Sprachgebrauch Menschen als Künstler angesehen, die auf dem Gebiet der bildenden oder der darstellenden Kunst und der Musik kreativ tätig sind. Sie erschaffen Kunstwerke oder stellen Ideen zu deren Schaffung bereit.
    Dem stellte Beuys seine Vorstellung gegenüber, dass jeder daran teilnehmen kann, das Leben insbesondere in Politik und Wirtschaft sozial und kreativ zu gestalten.

    • zacc
    • 01. Oktober 2012 10:15 Uhr

    Auch im Beruf gibt es keine Kreativität ohne solides Handwerk. Ich schätze dass die tatsächlichen Innvationen innerhalb eines Lösungsweges vielleicht nur rund 5% einer solchen Lösung ausmachen.

    Der Großteil von innovativen Lösungen besteht im Wesentlichen aus einer Rekombination von bereits bekannten Schemata, weswegen ein gutes Verständnis und gewissenhaftes Arbeiten mit diesen wichtig sind.

    Das Handwerkliche ist auch deswegen schon unerlässlich, weil es ein sicherer Rückzugsort ist, falls man mal nicht vor neuen Ideen sprüht.
    Und überhaupt kommen die besten Ideen eigentlich dann, wenn man sich erstens lange genug mit einem Problem auseinander gesetzt hat und zweitens am wenigsten damit rechnet.
    Will man Kreativität erzwingen, führt das viel eher zu Denkblockaden statt zu guten Ideen.

  3. ... weil das was dem leser hier unhinterfragt als "alltag" präsentiert wird komplett unter dem diktat der selbst- und fremdvermarktung steht.

    dass die dauerteilnehmer an den "team -meetings" dieser welt die wechselseitige selbst- und fremdausbeutung einander lieber als ach so kreative selbstverwirklichung verkaufen liegt dabei recht nahe. "verkaufen" heisst das zauberwort und zwar in so ziemlich jeder hinsicht. die
    von uns allen hochgehaltene ökonomische werteverwertungslogik ist eben ausgesprochen schlecht darin die welt als etwas anderes wahrzunehmen als den gegenstand potentieller geschäftsbeziehungen. alles wird mittel zum zweck. die sogenannte "kreativität" ist da keine ausnahme.

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