TürmerTraditionsberuf mit herrlicher Aussicht

Im Mittelalter hielten sie in den Städten Wache auf dem Turm und warnten vor Feuer und Banditen. Heute ist der Türmer eine touristische Attraktion. Unser Beruf der Woche von 

"Hört, ihr Leut', und lasst euch sagen…": Der Ruf des Nachtwächters bei seinen Rundgängen ist mindestens ebenso bekannt wie der Beruf selbst. Weit weniger bekannt ist dagegen der dem Nachtwächter nahestehende Beruf des Türmers. Seine Aufgabe ist schnell erklärt: Im Mittelalter hielt ein Türmer in jeder größeren Stadt, die einen hohen Turm hatte, nachts von dort Ausschau nach feindlichen Angreifern und Räubern oder alarmierte die Bevölkerung, wenn es irgendwo brannte.

"Der Türmer arbeitete eng mit dem Nachtwächter zusammen, der in den Straßen der Stadt nach dem Rechten sah. Der Türmer war sozusagen Auge und Ohr des Nachtwächters", sagt Johannes Thier. Er ist Zunftmeister der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft .

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Aufpassen und Laut geben, wenn etwas passiert: Was nach einer lockeren Aufgabe klingt, war gar nicht so einfach. Türmer mussten stets wachsam sein, die ganze Nacht über. Die Müdigkeit war ihr größter Feind – wer während der Arbeit einschlief, wurde in der Regel in den Kerker geworfen. Zu bestimmten Zeiten mussten Türmer Choräle mit der Trompete oder Signale mit der Fanfare spielen und so vom Turm herab kundtun, ob alles in Ordnung war oder etwas Ungewöhnliches vor sich ging. Besonders im Winter war die Arbeitsstätte bitterkalt: Trotz überdachtem Turm waren die Türmer oft Wind und Wetter ausgesetzt.

Beruf der Woche

© Tim Boyle/Getty Images

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Auch am Tage spielte sich das Leben überwiegend auf dem Turm ab. Er war nicht nur Arbeitsplatz, sondern meist wohnte der Türmer auch dort, zusammen mit Frau und Kindern. Und auch wenn die Aufgabe wichtig für die Stadt war: Der Beruf war in der Bevölkerung nicht sonderlich hoch angesehen und wurde schlecht entlohnt.

Heute kaum noch hauptberuflich

Zurück in die Gegenwart. Gibt es den Beruf heute noch? "Aber sicher doch", sagt Johannes Thier. Allerdings, schränkt der Zunftmeister ein, nicht mehr so häufig wie vor 500 Jahren. Gerade einmal 16 Menschen üben diesen Beruf bundesweit aus, und sie tun das kaum, wie im Mittelalter, aus Sicherheitsgründen. Sie sind vielmehr eine touristische Attraktion, zum Beispiel in Weiden in der Oberpfalz , in Celle oder in Schwarzenberg im Erzgebirge .

In vielen Fällen arbeitet der Türmer mit dem Nachtwächter zusammen, der Touristen durch die Stadt führt. Beide üben ihre Tätigkeit heute überwiegend nebenberuflich oder ehrenamtlich aus. Es gibt aber Ausnahmen. "In der polnischen Stadt Krakau steht der Türmer hauptberuflich im Dienste der Feuerwehr und übernimmt Feuerwachdienst", sagt Thier. Auch in Nördlingen ist der Kirchturm, Daniel genannt, rund um die Uhr besetzt. Jeden Abend ruft der Türmer zwischen 22 und 24 Uhr halbstündlich den Spruch "So, G'sell, so!" vom Daniel.

Auch leben und wohnen Türmer heute nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz – mit einer Ausnahme: In Annaberg-Buchholz lebt auch heute noch eine Türmerfamilie das ganze Jahr über im Turm der St.-Annen-Kirche. Früher wie heute ist der Beruf nichts für Fußlahme. Treppensteigen gehört auch im Jahr 2012 zum Beruf dazu. Fahrstühle? Fehlanzeige.

Selbst wenn der Beruf heute eher wegen der Touristen und weniger wegen der Sicherheit ausgeübt wird: Tradition und Geschichte des Berufes stehen für Thier und seine Kollegen bei der Ausübung im Vordergrund. "Es ist doch schön, wenn man einen so alten Beruf auch heute noch pflegen und aufrecht erhalten kann", sagt der Zunftmeister.

  • Ausbildung: keine Ausbildung notwendig;
  • Gehalt: variiert, oft ehrenamtliche Ausübung des Berufes;
  • Arbeitszeit: variiert
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    • Serie Beruf der Woche
    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Bevölkerung | Räuber | Stadt | Wetter | Winter | Celle
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