Sport mit Kollegen – und zwar während der Arbeit. Betriebssport erlebt ein wieder große Nachfrage – allerdings als betriebliches Gesundheitsprogramm vor allem für Ältere, sagt Uwe Tronnier. Er ist seit neun Jahren Präsident des Deutschen Betriebssportverbandes. Der Verband vertritt bundesweit 290.000 Sportler und freut sich über kräftigen Zuwachs. Ein paar Tausend neue Mitglieder kamen im vergangenen Jahr dazu. Denn Betriebssport ist wieder angesagt. Immer mehr Unternehmen setzen aufgrund des Fachkräftemangels und demografischen Wandels auf ein betriebliches Gesundheitsmanagement. Immer älter werdende Belegschaften sollen schließlich gesund bleiben – und da ist Sport ein wichtiger Baustein.

Bei den Beschäftigten ist Betriebssport aber nur bedingt beliebt. Traditionellerweise hat die sportliche Betätigung mit Kollegen in Westdeutschland ein besseres Images als in den ostdeutschen Bundesländern, sagt Tronnier. Der Zwang zur körperlichen Ertüchtigung in volkseigenen Betrieben wirke noch nach, auch wenn die Teilnahme am Betriebssport heute freiwillig sei.

Aktuell beobachtet der Betriebssportverband ein besonders starkes Interesse bei den älteren Beschäftigten. Am liebsten machen sie Rückengymnastik und Walking machen. Mannschaftssportarten wie Handball und Fußball haben dagegen weniger Zulauf. Die Zahl der Fußballer hat sich in den vergangenen Jahren halbiert. "Die immer flexibleren Arbeitszeiten sind ein Nachteil für die betrieblichen Fußballmannschaften, weil es immer schwieriger wird, 16 Leute zu einem Zeitpunkt zusammenzubekommen", erklärt Tronnier dieses Phänomen. Wegen der hohen Verletzungsgefahr sehen es auch die Arbeitgeber lieber, wenn die Mitarbeiter zum Thai-Chi gehen als zum Bolzplatz.

Körperliche Ertüchtigung hat in der deutschen Industrie eine lange Tradition. Schon vor 100 Jahren gab es Fußballvereine, in denen sich die Arbeiter nach Feierabend zum Kicken trafen. Auch bei den Vorgängerunternehmen der heutigen ThyssenKrupp Steel Europe AG, also den Stahlbereichen von Thyssen, Krupp und Hoesch , legte die Firmenleitung Wert auf Sport und Bewegung. Im Hoesch Park in Dortmund stand Anfang des 20. Jahrhunderts ein eigenes Schwimmbad und Sportanlagen exklusiv für die Mitarbeiter bereit. Die Gründung von Betriebssportvereinen und der Bau werkseigener Sportanlagen geschahen im gleichen Zeitgeist wie der Bau von Wohnanlagen, Erholungsheimen und Bibliotheken. Die Mitarbeiter fühlten sich als Teil einer Firmenfamilie, gemeinsamer Sport war selbstverständlich.

Gemeinsamer Sport schweißt zusammen

Der Betriebssportverein der ThyssenKrupp Steel Europe AG wurde erst 2004 ins Leben gerufen, ausgehend von einer Gruppe von Drachenbootfahrern in Duisburg . Der Arbeitgeber unterstützt den Verein, zahlt zum Beispiel die Nutzung von Schwimmbädern, Tennisplätzen, Fitnessanlagen und Bowlingbahnen. Mit 60 Euro im Jahr ist der Mitgliedsbeitrag bescheiden. Der Geschäftsführer des Vereins Wolfgang Bergendahl ist von Anfang an dabei. Als Betriebsrat bei Thyssen-Krupp Steel Europe hält der 58-jährige Betriebssport für eine wichtige Sache, auch um die Gemeinschaft der Kollegen zu stärken. Doch der Verein hat nur etwa 290 Mitglieder – bei 18.000 Beschäftigten. "Wir treten auf der Stelle und haben vor allem Probleme, die jungen Leute für den Verein zu begeistern", sagt Bergendahl. Er kann es sich nicht erklären, denkt aber, dass die Firmenleitung sich noch aktiver für den Verein einsetzen müsste. Der Arbeitsdirektor bei der ThyssenKrupp Steel Europe AG Dieter Kroll sieht es gerne, wenn die Laufgruppe das Unternehmenslogo auf der Kleidung trägt und dass die Drachenbootler sich Steeldragons nennen. "Das zeigt, dass die Mitarbeiter sich stark mit dem Unternehmen identifizieren. Das freut uns natürlich und ist Ansporn, den Betriebssport positiv zu begleiten", sagt Kroll. Der Betriebssport ist nur ein Teil der betrieblichen Gesundheitsförderung , zu der beispielsweise Ernährungsberatung oder auch Stressbewältigungskurse gehören.

"Sportförderung in den Betrieben ist richtig, darf aber kein Feigenblatt sein. Sie muss mit einer kollektiven Auseinandersetzung über systematische Überlastung verbunden sein", sagt der Soziologe Nick Kratzer vom Münchner Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung. Er hat seit 2007 mehr als 450 Führungskräfte und Beschäftigte aus unterschiedlichen Branchen nach ihren Leistungsanforderungen und deren Auswirkungen befragt. Dabei hat er festgestellt, dass die meisten Unternehmen keine personellen Puffer mehr haben. Jeder Ausfall ist problematisch. Ein betriebliches Angebot von Fitnesskursen hält er für eine gute Sache. Aber es dürfe nicht dazu führen, dass betriebliche Probleme und steigender Leistungsdruck individualisiert werden. Kratzer warnt davor, dass der einzelne Beschäftigte so in eine doppelte Schuldenfalle gerät: "Erst gilt er als schlecht organisiert und dann auch noch als zu faul fürs Fitnessstudio." Bestenfalls hält der Betriebssport die Beschäftigten fit und stärkt gleichzeitig das Miteinander.