ZufriedenheitWer viel verdient, ärgert sich mehr

Das Einkommen hat deutliche Auswirkungen auf das Gefühlsleben, belegt eine neue Studie. Führungskräfte mit hohen Einkommen sind demnach unzufriedener als Hausfrauen.

Ärger wird in den mittleren und hohen Bildungsschichten häufiger empfunden als in den sogenannten bildungsfernen Schichten. Angst ist dagegen vor allem unter ungewollt Arbeitslosen verbreitet, zeigt eine Studie. Die Wissenschaftler des Exzellenzclusters Languages of Emotion der Freien Universität Berlin und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung werteten Daten der repräsentativen Langzeitstudie SOEP mit mehr als 20.000 Befragten aus. Ärger wird demnach vergleichsweise häufiger in hohen beruflichen Positionen empfunden, etwa solchen, die mit Leitungs- und Personalverantwortung verbunden sind. Dagegen ärgern sich Hausfrauen, Auszubildende und Rentner deutlich seltener als Erwerbstätige. Arbeitslose hingegen ärgern sich vergleichsweise mehr als Berufstätige, wobei das verfügbare Einkommen den Ärger mildert.

Darüber hinaus empfinden Arbeitslose häufiger Angst als Berufstätige, vermutlich weil sie unfreiwillig vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind. Das gilt noch mehr für westdeutsche Arbeitslose als für ostdeutsche. "Unsere Daten widerlegen die vermeintliche "Angst der Mittelschicht", von der in den Medien oft die Rede ist", analysieren die Autoren Katja Rackow, Jürgen Schupp und Christian von Scheve. Menschen mit Hochschulabschluss empfänden seltener Angst als weniger gebildete Menschen. Besonders stark wirke sich das Einkommen auf das Angstempfinden aus: "Je höher ihr sozialer Status ist und je höher das Einkommen ist, desto seltener erlebten die Befragten Angst."

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Die soziale Strukturierung des emotionalen Empfindens kann die soziale Ungleichheit sogar noch verstärken, wie die Wissenschaftler herausfanden. Menschen in Führungspositionen können zum Beispiel das Gefühl von Ärger über ihre Mitarbeiter nutzen, um sich selbst aufzuwerten, schreiben die Autoren. Angst wird in der gegenwärtigen Gesellschaft vor allem von Menschen in prekären Beschäftigungsverhältnissen empfunden. "Diese Angst kann auch dazu führen, dass gerade diese Menschen sich nicht als Wutbürger gegen ihre Benachteiligung und ihren Ausschluss aus der Gesellschaft zur Wehr setzen", erklärt Christian von Scheve.

Erschienen auf WirtschaftsWoche.de

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Leserkommentare
  1. Die Ergebnisse der Studie hören sich durchaus nicht so vorhersehbar an. Soziologen wissen, dass die Stellung in der Hackordnung so massiv empfunden wird, dass sie lebensverlängernd (oben) oder lebensverkürzend (unten) wirkt. Es geht hier nicht um statistisches Erbsenzählerein - es geht um LebensJAHRE, es ist ein in ganz drastischer Weise massiver Effekt. Oben viel Ärger - ja, aber es ist ja auch zu lesen, dass der Ärger nach unten abgelassen werden kann. Ähnlich wie bei der Geschichte mit dem "positiven Stress muss man genau hinschauen. Hier zählt vor allem die persönliche Empfindung. Vermutlich werden die negativen, stark gesundheitsschädigenden stress pahtways beim unteren Management am stärksten aktiviert. Leute fragen ist das eine, sinnvolle Antworten zu kriegen etwas anderes. Es gibt noch viel zu untersuchen...

  2. 18. .....

    "Je höher ihr sozialer Status ist und je höher das Einkommen ist, desto seltener erlebten die Befragten Angst."

    Da hier offensichtlich nicht direkt nach Existenzangst geforscht wurde, sondern Angst im allgemeinen, interessieren mich die Fragen dieser Studie besonders.
    Gibt es dazu Details?

    Was Herr Christian von Scheve andeutet, erinnert mich an die Studie Die Arbeitslosen von Marienthal, unter Mitwirkung von Marie Jahoda.

    Die Studie zeigte die sozio-psychologischen Wirkungen von Arbeitslosigkeit auf und machte deutlich, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht – wie vielfach angenommen – zu Revolte, sondern zu passiver Resignation führt.

    In anderen Laendern funktioniert es vermutlich deswegen nicht, weil seltener deutsche Texte gelesen werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • genius1
    • 02. Dezember 2012 13:36 Uhr

    "Die Studie zeigte die sozio-psychologischen Wirkungen von Arbeitslosigkeit auf und machte deutlich, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht – wie vielfach angenommen – zu Revolte, sondern zu passiver Resignation führt.

    In anderen Laendern funktioniert es vermutlich deswegen nicht, weil seltener deutsche Texte gelesen werden."

    Hier gibt es immerhin noch Hartz IV. In vielen Ländern nach kurzer Zeit gar nichts mehr. Ausserdem sind die Möglichkeiten für Schwarzarbeit in Deutschland auch besser, als in vielen anderen Ländern. Wären die Voraussetzungen anders, würden sich auch mehr Menschen gewaltsam Wehren.

    Gekniffen sind in Deutschland all jene, die zu Alt, Körperlich eingeschränkt usw. sind, um sich überhaupt Wehren zum können, da bleibt nur Resignation.

  3. "Arm aber sexy"

    Antwort auf "Wie gut, ..."
    • DrNI
    • 02. Dezember 2012 10:17 Uhr

    Die Überschrift suggeriert einen kausalen Zusammenhang zwischen Einkommen und Ärger, der im Artikel dann nicht wieder aufgegriffen wird. Dort taucht statt dessen die Verantwortung auf. Es dürfte schwer sein, die möglichen Ursachen getrennt zu beobachten. Für den Ärger könnte es auch noch andere Ursachen geben. Hochbezahlte Jobs gehen meistens mit "150%-Einsatz für die Firma" einher. Auch das kann zur Unzufriedenheit führen. Wie soll man denn das Geld noch sinnvoll ausgeben, wenn man keine Zeit mehr dafür hat?

  4. haben keine Angst vor den von Ihnen genannten Dingen, sie würden sich aber sehr stark darüber ärgern!

    • genius1
    • 02. Dezember 2012 13:36 Uhr

    "Die Studie zeigte die sozio-psychologischen Wirkungen von Arbeitslosigkeit auf und machte deutlich, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht – wie vielfach angenommen – zu Revolte, sondern zu passiver Resignation führt.

    In anderen Laendern funktioniert es vermutlich deswegen nicht, weil seltener deutsche Texte gelesen werden."

    Hier gibt es immerhin noch Hartz IV. In vielen Ländern nach kurzer Zeit gar nichts mehr. Ausserdem sind die Möglichkeiten für Schwarzarbeit in Deutschland auch besser, als in vielen anderen Ländern. Wären die Voraussetzungen anders, würden sich auch mehr Menschen gewaltsam Wehren.

    Gekniffen sind in Deutschland all jene, die zu Alt, Körperlich eingeschränkt usw. sind, um sich überhaupt Wehren zum können, da bleibt nur Resignation.

    Antwort auf "....."
    • Mortain
    • 03. Dezember 2012 21:25 Uhr

    Seit ich viel verdiene, schlafe ich nachts besser, bin viel ausgeglichener und zufriedener, weil ich mehr Sicherheit habe (auch wenn es sein kann das mir hier etwas vorgegauckelt wird und ich mich einer Illusion hingebe).Ich brauche mir keine Sorgen zu machen wenn die Stromrechnung mal teurer wird. Falls ich eine Krone bräuchte (klopf auf Holz, noch sind alle Zähne heil), müßte ich mir keine Gedanken über einen Kredit machen und ich kann mich ausreichend für das Alter absichern. Ob ich nun 25, 30, 40 oder 50 Prozent Steuern zahle, ist mir egal. Momentan liege ich bei 45 Prozent und das einzige was mich stört ist wenn der Staat mit Steuergeldern unverantworlich umgeht. Das hat mich aber schon als Student maßlos irritiert.

    Wenn hier Menschen mit hohem Einkommen als unzufriedener dargestellt werden, meine ich, liegt es an deren Persönlichkeiten und ich vermute die meisten von ihnen wären auch als arme Leute per se unzufriedener. Und vielleicht ist deren Unzufriedenheit ein Grund warum dieser Schlag Mensch viel stärker an Geld, Macht und Aufstieg interessiert ist. Natürlich werden diese Menschen dann nicht zufriedener, weil mehr Geld, Macht und Status das Problem der Unzufriedenheit nicht löst.

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  • Schlagworte Medien | Arbeitslose | Arbeitsmarkt | Auszubildende | Autor | Einkommen
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