Aggressionen haben ihre guten Seiten und helfen beim Überleben. Doch der Grad zwischen hilfreicher Aggression und zerstörerischer Gewalt ist schmal. Wie schnell Wut in Gewalt auch in der Arbeitswelt umschlagen kann, zeigt ein dramatischer Vorfall beim indischen PKW-Hersteller Maruti Suzuki.

Die dort herrschenden schlechten Arbeitsbedingungen führten 2011 zunächst zu langanhaltenden Streiks. Ein Kompromiss beruhigte die Lage. Allerdings nicht dauerhaft, denn im Sommer 2012 eskalierte die Stimmung im Werk. Mitarbeiter verprügelten rund 100 Manager, einer starb. Auch bei den Streiks in den Minen in Südafrika gab es zuletzt Todesopfer.

Zu Gewalt kam es auch bei Arcelor Mittal in Belgien , wo die Geschäftsführung nach gescheiterten Verhandlungen daran gehindert wurde, den Betrieb zu verlassen. Manager von Caterpillar und Sony in Frankreich wurden sogar von ihren Mitarbeitern als Geiseln gehalten.

Wo fängt Gewalt an?

Auch wenn derartige Nachrichten nicht die Regel sind, ereignen sich solche Vorfälle mittlerweile immer öfter. Dass die Gewalt in Unternehmen deutlich zugenommen hat, zeigen Zahlen der Unfallversicherer: Demnach haben aggressive Handlungen als Unfallursache bei Mitarbeitern in den letzten zehn Jahren stark zugenommen. Laut des Berichts Workplace Violence and Harassment: A European Picture ergab eine Umfrage, dass 40 Prozent der europäischen Führungskräfte mit Gewalt und Belästigungen am Arbeitsplatz konfrontiert sind. Aber nur etwa ein Viertel der Manager kümmert sich um dieses Problem.

Doch wo fängt Gewalt an? Nach der International Labour Organization ( ILO ) handelt es sich um Vorkommnisse, bei denen Beschäftigte unter Umständen beleidigt, bedroht oder tätlich angegriffen werden, die im Kontext mit ihrer Arbeit stehen (also entweder bei der Arbeit oder auf dem Weg zur Arbeitsstelle oder von ihr weg).

Dabei geht es nicht nur um körperliche, sondern auch um verbale Angriffe, die nicht ausschließlich rational begründet sein müssen. Oft sind ein wirklicher oder ein scheinbarer Macht- oder Kontrollverlust der Auslöser.

Dabei käme die Aggression nicht immer zum Einsatz, um direkt oder indirekt eine Person zu schädigen oder einen subjektiven Nutzen zu erzielen, ist der Soziologe Ferdinand Sutterlüty überzeugt. Oft ist es eher so, dass die Situation für den Handelnden nicht mehr kontrollierbar ist.

Deshalb wirken auch Deeskalationstrainings kaum. Auch Ansätze, die sind Programme, die nur auf individuelle Maßnahmen abzielen und so die Verantwortung dem Mitarbeiter übertragen, erweisen sich als wenig hilfreich. Denn unkontrollierbare Situationen entstehen in einem komplexen Zusammenspiel von Verhalten der einzelnen Mitarbeiter und gegebenen Machtverhältnissen und Arbeitsbedingungen und -belastungen.  Darum ist es auch nötig, die Verhältnisse, in denen Aggressionen hochkochen, zu analysieren.

Einen interessanten Ansatz liefert das Programm Gewaltfreier Arbeitsplatz von der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) .