Die Sozialpsychologen Garold Stasser und William Titus entdeckten vor 25 Jahren, dass eine Gruppe Entscheidungen nicht informierter fällt als eine Einzelperson. Bei ihren Experimenten waren entscheidungsrelevante Fakten und Informationen nur einzelnen Personen einer Gruppe bekannt. Um zu einem optimalen Ergebnis zu gelangen , hätten diese Informationen ausgetauscht und kombiniert werden müssen. Doch dazu kam es nicht und die Gruppe fand nur ein mittleres Ergebnis, nicht aber das beste. Die Forscher stellten fest, dass die entscheidenden Informationen zwar kommuniziert worden waren – aber nicht von der Gruppe aufgenommen wurden, weil sie von der Mehrheitsmeinung abwichen. Die Gruppe diskutierte und kommentierte die Einzelmeinungen meist auch gar nicht und wenn, dann oft nur, um die Meinungen abzutun!

Die Schlussfolgerung der beiden Sozialpsychologen war folgende: Individuelle, personenspezifische Informationen beeinflussen Entscheidungen nur selten. Auch dann nicht, wenn sie in der Gruppe ausgetauscht und diskutiert werden.

Die Forscher nannten dieses Phänomen "Common Knowledge Effect" (Wirkung des gemeinsamen Wissens). Aber wie kommt es dazu? Martin J. Eppler, Professor an der Universität St. Gallen und die Forscherin Jeanne Mengis von der Warwick Business School haben sich mit dieser Frage beschäftigt. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass wir Informationen bevorzugen, "die unsere ursprüngliche Haltung stützen oder diese zumindest nicht widerlegen. Informationen, welche den verschiedenen Entscheidungsträgern gemein sind, scheinen stichhaltiger zu sein und bestätigen, was man bereits weiß. Die in der Gruppe verteilten Informationen hingegen fügen zusätzliche und zum Teil widersprüchliche Aspekte hinzu und werden tendenziell eher kritisiert."

Auch neigen viele Gesprächspartner in Diskussionen dazu, ihre Informationen und Haltungen mit anderen zu vergleichen und abzuschätzen, wie sie von ihren Gesprächspartnern aufgenommen und bewertet werden. Wird die Meinung geteilt, fühlt man sich bestätigt. Dann vertritt man diese Meinung auch mit Nachdruck.

Wissen wird also aufgrund von persönlichen und strategischen Zielen geteilt. Und das heißt wiederum, dass Gruppen nur das Wissen berücksichtigen, das auch von der Mehrheit geteilt wird. Ist damit nun jedes Brainstorming zum Scheitern verurteilt? Nein, denn dieser unbewusste Prozess lässt sich steuern.

Gruppendenken steuern

Dafür können folgende Maßnahmen hilfreich sein:

  • Der "Common Knowledge Effect" hat weniger Einfluss, wenn in einer Gruppe unterschiedliche Meinungen herrschen. Daher sollten Führungskräfte ihre Mitarbeiter aktiv auffordern, auch abweichende Ideen zu äußern und andere Meinung zu vertreten. Chefs können beispielsweise ihre Mitarbeiter auffordern, vor einer Sitzung ihren Standpunkt aufzuschreiben. Bei der Auswertung geht dann keiner unter und die Gruppe experimentiert mit verschiedenen Lösungsvarianten. Somit sind auch die Entscheidungsprozesse effektiver.
  • Chefs sollten im Blick haben, dass Gruppendiskussionen schnell Tempo bekommen und wichtige Teilergebnisse dabei untergehen. Daher ist es sinnvoll, die Ergebnisse auch visuell festzuhalten. Zum einen bleiben sie so besser in Erinnerung, zum anderen geht nichts verloren.
  • Will man jede Einzelmeinungn einholen, muss man auch jede einzelne anhören und diskutieren. Das kostet Zeit. Dies gilt es bei der Planung des Meetings zu berücksichtigen.
  • Auf keinen Fall darf die Führungskraft ihren Einfluss auf die Gruppe unterschätzen. Denn die Mehrheit der Mitarbeiter orientiert sich in der Regel an ihr (z.B. aus Bequemlichkeit, Karrierestreben oder Loyalität) oder einem Teammitglied, das als Fachmann für das zu diskutierende Problem gilt. Auch diese Person genießt dann besondere Autorität. Das ist ein Mittel zur Steuerung: Chef und Fachmann müssen für die Berücksichtigung aller Einzelbeiträge plädieren und Informationen von Personen in den Fokus rücken, die über kein Standing in der Gruppe verfügen.

Wissens- und Perspektivenvielfalt zahlt sich aus, vorausgesetzt, Führungskräfte setzen nicht ausschließlich auf Experten, sondern auch auf das Gruppendenken. Daher sollten sie sich immer wieder folgende Fragen stellen: Welche Teammitglieder kommen selten zu Wort? Welche Informationen und welches Wissen unserer Gruppenmitglieder wird nicht berücksichtigt? Was können wir konkret tun, um dieses Wissen zu integrieren?