ZEIT ONLINE: Herr Reuter, Sie bieten Führungskräften spirituelles Coaching an. Ist der Wirtschaft der Glauben abhanden gekommen?

Ralf Reuter: Zumindest ist die Suche nach Spiritualität größer geworden, nicht zuletzt seit der Finanz- und Wirtschaftskrise. Viele fragen sich, ob Wachstum und Erfolg alles ist. Es geht um eine Dimension, die über das normale Arbeiten und Erfolghaben hinausgeht.

ZEIT ONLINE: Ist Erfolg denn etwas Schlechtes?

Reuter: Nein, gar nicht. Selbst ich bekenne mich zum Erfolg als evangelischer Pastor. Wir sind auch auf der Welt, um Erfolg zu haben. Aber ich definiere ihn nachhaltiger. In Unternehmen etwa sollte Erfolg mit Qualitätsstandards gegenüber den Mitarbeitern verbunden sein. Dieser ganze Bereich, den man Wirtschaftsethik nennt: Werteorientierung, Haltung, Charakter. Das ist wichtig.

ZEIT ONLINE: Haben deutsche Führungskräfte da Defizite?

Reuter: Es gibt schon Leute, die eine rein materielle Orientierung haben. Die sich eine goldene Nase verdienen, damit sie mit 45 Jahren ausgesorgt haben. Da sage ich dann: Vorsicht! Ist das wirklich deine Lebensplanung? Da gibt es schöne Stellen in der Bibel, etwa die vom reichen Kornbauern, der vor Gott bloß als Narr dasteht. Heute frage ich den reichen Aktienbesitzer, ob es nicht sinnvoller wäre, wenn er seine Arbeit in einen größeren Sinnzusammenhang stellt.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Sorgen kommen Manager noch zu Ihnen?

Reuter: Viele wollen wissen, wie sie es bei der Arbeit schaffen können, als Mensch nicht unterzugehen. Wie sie eine feste Persönlichkeit und Haltung entwickeln können . Aber es kann auch darum gehen, dass jemand zur Führungskraft geworden ist und seine neue Rolle sucht. Oder um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

ZEIT ONLINE: Kann da nicht auch ein normaler Karrieretrainer helfen?

Reuter: Ja, aber spirituelles Coaching hat noch eine andere Dimension – eine transzendente. Außerdem haben die Kunden mit einem Pastor einen vertraulichen Gesprächspartner. Manche kommen, weil sie Mist gebaut haben. Dann nehme ich die Rolle des Beichtvaters ein.

ZEIT ONLINE: Was beichten deutsche Führungskräfte denn so?

Reuter: Manche haben eine missliche Figur abgegeben, sind in Prozesse hineingeraten, bei denen man schon frühzeitig hätte sagen müssen: Stopp!

ZEIT ONLINE: Was sind das für Prozesse?

Reuter: Fälle von Korruption und Bestechung zum Beispiel sind mir schon begegnet. Oder diese Incentive-Reisen im Versicherungsbereich.