WerbebrancheWas machen Models, wenn sie über 30 sind?

Eine Model-Karriere geht auch im hohen Alter. In der Agentur von Christa Höhs ist über 30 das Einstiegsalter, am meisten gefragt sind aber Models zwischen 60 und 94. von Karin Flothmann

"Ein älterer Mensch ist auch schön – nur anders." Christa Höhs weiß, wovon sie spricht. Sie verkauft die Schönheit älterer Menschen. Und so langsam ist die gefragt, zumindest in der Werbebranche. Anfang der neunziger Jahre war das noch anders. "Damals herrschte ein Jugendwahn, das war nicht auszuhalten", erinnert sich Höhs.

Trotzdem gründete sie vor 18 Jahren die weltweit erste Agentur für ältere Models in München . Die Idee brachte Höhs aus den USA mit. Denn als sie dort vor zwanzig Jahren Urlaub machte, wurde sie in New York auf der Straße angesprochen, ob sie nicht als Model arbeiten wolle. Höhs war perplex. Immerhin war sie gerade 50 Jahre alt geworden. Sie kam aus der Werbung, hatte seit den siebziger Jahren in Werbeagenturen und Fotostudios gearbeitet, hatte Modedesigner beraten und bei der Vogue in der Promotion gearbeitet. Doch 50-jährige Models waren ihr bis dato noch nicht untergekommen. Höhs wurde selbst ein Senior-Model. Zwei Jahre blieb sie es und arbeitete in den USA. Wieder zu Hause gründete sie dann ihre Agentur Senior-Models .

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Sie telefonierte eine Liste der 100 besten Werbeagenturen ab, um abzufragen, ob sie in älteren Models eine Zukunft für sich sehen könnten. "Das Ergebnis war fifty-fifty", erinnert sich Höhs. "Aber mein Bauchgefühl sagte mir, das geht." Viele Bekannte und ehemalige Kolleginnen und Kollegen belächelten sie damals. Doch Höhs wagte den Versuch – und hatte Erfolg. In der Werbung gab es damals nur junge Models unter 30 Jahren. Auch heute haben es Models über 30 schwer, viele werden von ihren Agenturen aussortiert.

Jobeinstieg ab 30, besser älter

Bei Christa Höhs hingegen ist 30 das jüngste Alter zum Einstieg. Besser sind Ältere, deutlich Ältere. Die rund 700 Frauen und Männer, die Höhs zurzeit in ihrer Kartei führt, sind zwischen 30 und 94 Jahren alt. Rund 80 Prozent von ihnen sind Profis. Und täglich kommen Bewerbungen auch von Laien, die sich als Model ausprobieren wollen. Chancen hat, wessen Gesicht sich verkauft. Da unterscheidet sich Höhs Agentur von allen anderen nicht.

Ein Gesicht, das sich verkauft, hat an diesem Tag eine 70-Jährige, die sich in der Agentur vorstellt. Ihr Porträt auf ihrer Sed-Karte zeigt eine ältere Dame mit silbrig-grauen schulterlangen Haaren, die gewinnend in die Kamera lächelt. An Aufhören denkt sie nicht. "Das ist das Lebenselexier für mich", sagt sie über die Agentur. "Schon in den dreißiger Jahren gab es eine Persil-Reklame an den Litfaßsäulen: Da stand eine junge Frau in schwingendem Rock und präsentierte eine Packung Persil, die blonden Haare gingen ihr bis zu den Ohren, darüber ein weiter Hut, und sie lächelte freundlich den Betrachter an", erzählt sie. Das ist immer noch der Typ, auf den die Werbung steht. "Werbung ist Klischee", bestätigt Höhs. Noch immer sei die Nachfrage nach Blondinen groß.

Ihr erster Kunde war eine Versicherung. "Die fragten nach einem reifen Gesicht, das vertrauenerweckend aussieht", erinnert sich Höhs. Es folgte ein Kreuzfahrtschiff. Und dann läpperten sich die Aufträge, vor allem die für den Zipperleinmarkt. Im Sommer 1995 wurde eines ihrer Models mit einer Reklame für Nivea über Nacht zum "grauen Star". Sie war die erste grauhaarige Frau im deutschen Fernsehen, die für eine Gesichtscreme-Werbung gebucht war. Nivea machte in den folgenden Monaten 3,6 Prozent Umsatzplus mit der Creme. Dem Beispiel folgten andere Unternehmen – die Nachfrage nach älteren Models war groß.

Manchmal rufen heute Werbeagenturen oder Fotografen bei Christa Höhs an und suchen eine Knuddel-Oma, also eine 60-jährige Frau mit schlohweißem Haar, Dutt und gütigem Gesicht, die ihren Enkelkindern etwas vorliest. "Diese Oma gibt es in der Realität gar nicht", sagt Höhs. Die heute 60-Jährigen sehen aus wie 50, die 70-Jährigen wie 60. "Und die Knuddel-Oma, wie sich Fotografen sie vorstellen, ist heute mindestens 80 Jahre alt."

Leserkommentare
    • ruggero
    • 28. November 2012 9:07 Uhr

    Schließlich wird das deutsche Volk immer älter und somit ist auch viel Kaufkraft in den höheren Altersklassen verhanden. Die Alten lockt man aber nicht mit dem ewigen Jugendwahn in der Werbung. Auch die Dicken haben Kaufkraft, lassen sich aber bestimmt nicht mit jungen sehr schlanken Modells verführen.

    Gut wenn sich das mal herumspricht.

    7 Leserempfehlungen
    • porph
    • 28. November 2012 10:59 Uhr

    Schöner Artikel, aber dennoch stimmt mich eine Sache nachdenklich. Der Jugendwahn macht auch bei den älteren Models nicht halt. Sicher, für manche Zwecke (eben z.B. die im Artikel erwähnte Werbung für Produkte, die sich an Ältere richten) ist ein altes Model nützlich, weil glaubwürdiger.

    Aber selbst diese älteren Models sind zum guten Teil auf Jung getrimmt, da muss man sich nur mal diverse Zeitschriften anschauen. Wirkliches Alter bedeutet nunmal - auch wenn das niemand gerne hört, und vielleicht auch etwas drastisch klingt - biologischer Verfall. Die Haut ist nicht mehr straff, es werden Unregelmäßigkeiten sichtbar, und so weiter. Natürlich ist das eine jung-normative Denkweise, da wir gerade bei Frauen alles was Jugend ausstrahlt besonders attraktiv finden (ganz natürlich, evolutiv bedingt durch die höhere Fruchtbarkeit jüngerer Menschen).

    Nun möchte man also ein altes Model, bei dem man schon erkennt, dass es alt ist (Ansprechen der Zielgruppe), dass aber dennoch relativ gesehen "junge" Züge trägt. Quasi als Statement "schaut her - ich bin alt und sehe dennoch nicht alt aus".

    Wirkliche Emanzipation vom Jugendwahn ist das nicht. Es ist nur eine Verschiebung. Wenn man sich WIRKLICH vom Jugendwahn unabhängig machen will, muss man zu allen Unzulänglichkeiten stehen, die zum Alter gehören. Falten, Flecken im Gesicht und weiteres müssen als das begriffen werden, was sie sind: Völlig natürlich und deshalb nicht unbedingt weniger schön als "blitzblanke" Jugend.

    6 Leserempfehlungen
  1. Also mir gefallen Frauen jeden alters und jeder Koerbchengroesse und ich finde es sollte da auch gar keine Beschraenkung geben hinsichtlich Verwendbarkeit in der Modebranche. Auch dicke Frauen finde ich anziehend. Ich mein, solange sie Humor haben, trinkfreudig und abenteuerlustig sind, ist mirs echt egal wie sie ausschauen und wie alt sie sind (aber ueber 25 muessen sie schon sein weil sonst wirds kindisch)

    9 Leserempfehlungen
    • Entity
    • 28. November 2012 14:55 Uhr

    Wie kann Sie die weltweit erste Agentur für ältere Models gegründet haben, wenn Sie bereits selbst zuvor für 2 Jahre als 'älteres Model' bei einer anderen Agentur in den USA gearbeitet hat?

    Die einzige sinnvolle Erklärung ist, dass ihre Agentur AUSSCHLIESSLICH für ältere Models ist, wohingegen die Agentur, für die sie zuvor gearbeitet hat, sowohl ältere als auch jüngere Models hat. Wenn dem so ist, dann sollte dies aber auch durch ein Wort wie "ausschließlich" deutlich gemacht werden, denn so, wie es jetzt im Text steht, ist es ein Widerspruch.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Vogue | Bewerbung | Promotion | USA | Versicherung | Werbung
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