Immerhin kann man erleichtert sein. Darüber, dass der Chef, der einen mit überschwappendem Tremolo zusammenstaucht, ebenso ein Auslaufmodell ist wie die herumzeternde Sekretärin. Darüber, dass Choleriker aus modernen Arbeitswelten offenbar verschwunden sind, und stattdessen eine ostentative Munterkeit eingekehrt ist.

Fußballspieler betonen selbst nach erschütternden Niederlagen, wie gut die Stimmung im Team sei. Die Kassiererin im Supermarkt wischt die ausgelaufene Milch "sehr gerne" weg. Eine Kollegin schickt eine Präsentation in die Runde und bittet herzlichst um Anmerkungen. Wenig später schreibt ein jüngst entlassener Kollege eine Abschied-E-Mail an den Betriebsverteiler, in der er sich für die lehrreiche Zeit bedankt und sich auf neue, spannende Herausforderungen freut. Man ist bester Laune und selbst unter stärksten Zumutungen immer topmotiviert.

Schwer zu sagen, wann das angefangen hat. Wann in Büros die ersten Früchtekörbe aufgeschüttet wurden, wann der erste Kickertisch aufgestellt, die erste Spielkonsole im Teamraum neben der neuen Couch angeschlossen wurde. Seit wann Berufsratgeber "Gehen Sie motiviert zur Arbeit!" verkünden und das wie ein Befehl klingt.

Seid positiv!

Nun lässt sich gegen subtile Motivationsmaßnahmen nicht viel einwenden, gegen gute Stimmung schon gar nichts. Wo beides stimmt, so geht die Lehre, da stimmt auch das Ergebnis. Dann gibt es neue Stellen, neue Aufgaben, vielleicht einen Bonus am Jahresende oder zumindest ein größeres Büffet auf der Weihnachtsfeier.

Zum modernen Unternehmenskonzept gehört eine Wohlfühl-Mentalität. Als habe sich in Führungsseminaren herumgesprochen, dass Positivität der Schlüssel zu mehr Produktivität sei. Darum muss sicherheitshalber alles verhindert werden, was diese Heiterkeit bedroht. Konflikte, Konfrontation, Streit im Büro gelten als mittelschwere Arbeitsklimakatastrophe.

Es gibt nicht mehr zu viel Arbeit, sondern Zeitmanagementoptimierungsprobleme. Zuständige Abteilungen für Umstrukturierungen und Kündigungen heißen Change Management, weil Change, das wissen wir seit Obama, etwas Tolles ist. Moderne Krisenkommunikation zeichnet sich dadurch aus, dass es in ihr keine Krisen gibt, keinen Streit, keine Konflikte, oft nicht einmal ein Problem.

Selbst das Wort Kritik verschwindet

Eine ganze Beraterbranche ist um diese Vorstellung entstanden. Ihre Seminare gleichen sprachlichen Umerziehungslagern. Man lernt zum Beispiel, dass man E-Mails, Präsentationen und Redebeiträge nie mit einer Verneinung beginnen soll. Anstelle dessen, was unmöglich ist, soll man betonen, was möglich ist, und das ist bekanntlich ja alles. Gäbe es einen Kammerton dieser Arbeitsmentalität, er klänge wie ein lautes JA.

Gelehrt wird, dass Kritik immer konstruktiv zu sein habe und dass man sie mit einer verständnisvollen Ich-Botschaft versieht, um sie menschlicher und vermeintlich authentischer zu gestalten. Selbst das Wort Kritik verliert seinen bedrohlichen Klang, weil es fortan Feedback heißt. Und im Wesen von Feedback liegt es, vom Empfänger angenommen zu werden, falls dieser fürderhin nicht als beratungsresistent, teamunfähig und anderes gelten will, was auf fehlende Softskills schließen ließe. Feedback duldet keinen Widerspruch.

Darf man den anderen verletzen?

Man lernt, wie man selbstbewusst in einer Diskussion auftritt, wie man seinen Rücken in sanfter Spannung streckt und wie man ihn auch im Bürostuhl in Form hält, damit das überhaupt noch geht. Kaum auszudenken, was passierte, wenn alle die gleichen Seminare besuchten und alle die gleichen Ratgeber läsen. Womöglich entstünde das, was der Linguist Friedemann Schulz von Thun einmal "friedhöfliches" Miteinander genannt hat.

Zum Prozess der Zivilisation gehört zwar nach Norbert Elias die Zähmung der eigenen Affekte. Ob er allerdings gemeint hat, dass alle Menschen nur noch in wohltemperierter Fröhlichkeit miteinander reden, darf bezweifelt werden. Mag sein, dass durch diese Kniffe weniger Kollegen verletzt werden. Sicher ist auch, dass so eine normierte Konversation die Motivation besser wahrt als ein Chef, der einem mit Nachdruck Aktenordner hinterher schmeißt.

Doch leidet die Kultur des Streits darunter. Denn zum Streit gehört sprachliche Negativität: zum Überrumpeln, zum Überschüssigen, zur verspielten Polemik, zur Spontaneität und Gewitztheit und anderen Überraschungsangriffen. Die nicht in Seminaren und Ratgebern gelehrt werden und nicht formularhaftes verbales Appeasement betreiben.

Streit ist bestenfalls ein Spiel, zudem ein außerordentlich kreatives. Doch unter der doktrinären Wohlfühl-Atmosphäre neigen wir dazu, dieses Spiel zu verlernen. Dabei sollten wir nicht nur fähig sein, es mit Erfolg zu spielen, sondern auch Dissens aushalten können.

Streitfeindliche Großräume

Eine Sprachkultur der Affirmation und Positivität umgibt uns alle. Auf Facebook existiert nur ein Gefälltmir als Reaktionsideal, Nachrichtensender kündigen "bewegende Bilder" aus Krisengebieten an. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass in so einem Munterkeitsklima jede kleinste öffentliche Unbeherrschtheit eines Politikers einen Eklat bedeutet. Jede streitlustige Antwort eines Schauspielers wird binnen weniger Minuten zum Skandal auf irgendeiner Website, über den man dort mit glücklicher Häme redet.

Auch im Büro kann Streit ähnliche Folgen haben; vielmehr noch als früher, als Arbeit noch nicht zugunsten von Kostenreduktion und permanenter Kommunikationsbereitschaft in Großräumen verdichtet wurde. Man streitet sich ja vor Publikum. Jeder Kollege hört mit. Zwei Streithähne müssen befürchten, sich im Lauf des Tages noch mehrmals zu begegnen: unsicher, wie sie sich verhalten sollen. Moderne Büroarchitektur ist zugleich streitfeindliche Architektur. Mitunter fehlen die Rückzugsräume, in denen man wieder zu sich kommt, seine Wunden versorgt wie nach einem Boxkampf.

Dabei ist die durchgecoachte Unternehmenssprache überhaupt nicht transparent. Man muss sie decodieren, nach ihren Haken und Ösen suchen, weil sie sich alle Mühe gibt, genau diese zu verbergen. Darin gleicht sie dem Wortnebel eines Arbeitszeugnisses. Hängen bleibt meist ein kurioser Positivitätsüberschuss, der auf Dauer so abstumpfend wirkt, dass selbst aufrichtig gemeintes Lob vom Lobkostüm nicht mehr unterscheidbar ist.

Wo die Intrige wächst

Keineswegs bedeutet ein auf Positivität getrimmtes Arbeitsklima, dass Negativität gänzlich verschwindet. Sie wird bloß unsichtbar, Wut und Verdruss suchen sich andere Wege, stauen sich auf in Unausgesprochenem und Unaussprechlichgewordenem. Das trägt man schlimmstenfalls mit nach Hause oder schickt es verschworen über Bürochats oder BCC-Mails an gleichgesinnte Kollegen. Wo offener Streit verhindert wird, wächst die Intrige. Bald drängeln sich Mediatorenscharen um Arbeitnehmer, ständig werden Konfliktmanagementschulungen angeboten, um zu kompensieren, was im Arbeitsalltag sprachlich offenbar nicht mehr kompensierbar scheint.

Danach hilft nur noch Teambuilding. Ein dreitägiger Ausflug in ein Mittelgebirge, Klettern, gemeinsamer Besuch der Tropfsteinhöhlen und integratives Wildwasserrafting inklusive. Panzerfahren ist neuerdings auch beliebt. Vielleicht hätte in manchen Fällen schon geholfen, sich nach allen Regeln der Kunst offen die Meinung zu sagen. Ohne Sorge, hinterher gleich als unverbesserlicher Sonderling zu gelten, um den sich bald das Change Management kümmert.