Arbeitswelt : Die Wohlfühl-Lüge
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Selbst das Wort Kritik verschwindet

Eine ganze Beraterbranche ist um diese Vorstellung entstanden. Ihre Seminare gleichen sprachlichen Umerziehungslagern. Man lernt zum Beispiel, dass man E-Mails, Präsentationen und Redebeiträge nie mit einer Verneinung beginnen soll. Anstelle dessen, was unmöglich ist, soll man betonen, was möglich ist, und das ist bekanntlich ja alles. Gäbe es einen Kammerton dieser Arbeitsmentalität, er klänge wie ein lautes JA.

Gelehrt wird, dass Kritik immer konstruktiv zu sein habe und dass man sie mit einer verständnisvollen Ich-Botschaft versieht, um sie menschlicher und vermeintlich authentischer zu gestalten. Selbst das Wort Kritik verliert seinen bedrohlichen Klang, weil es fortan Feedback heißt. Und im Wesen von Feedback liegt es, vom Empfänger angenommen zu werden, falls dieser fürderhin nicht als beratungsresistent, teamunfähig und anderes gelten will, was auf fehlende Softskills schließen ließe. Feedback duldet keinen Widerspruch.

Darf man den anderen verletzen?

Man lernt, wie man selbstbewusst in einer Diskussion auftritt, wie man seinen Rücken in sanfter Spannung streckt und wie man ihn auch im Bürostuhl in Form hält, damit das überhaupt noch geht. Kaum auszudenken, was passierte, wenn alle die gleichen Seminare besuchten und alle die gleichen Ratgeber läsen. Womöglich entstünde das, was der Linguist Friedemann Schulz von Thun einmal "friedhöfliches" Miteinander genannt hat.

David Hugendick

David Hugendick ist Redakteur im Ressort Kultur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Zum Prozess der Zivilisation gehört zwar nach Norbert Elias die Zähmung der eigenen Affekte. Ob er allerdings gemeint hat, dass alle Menschen nur noch in wohltemperierter Fröhlichkeit miteinander reden, darf bezweifelt werden. Mag sein, dass durch diese Kniffe weniger Kollegen verletzt werden. Sicher ist auch, dass so eine normierte Konversation die Motivation besser wahrt als ein Chef, der einem mit Nachdruck Aktenordner hinterher schmeißt.

Doch leidet die Kultur des Streits darunter. Denn zum Streit gehört sprachliche Negativität: zum Überrumpeln, zum Überschüssigen, zur verspielten Polemik, zur Spontaneität und Gewitztheit und anderen Überraschungsangriffen. Die nicht in Seminaren und Ratgebern gelehrt werden und nicht formularhaftes verbales Appeasement betreiben.

Streit ist bestenfalls ein Spiel, zudem ein außerordentlich kreatives. Doch unter der doktrinären Wohlfühl-Atmosphäre neigen wir dazu, dieses Spiel zu verlernen. Dabei sollten wir nicht nur fähig sein, es mit Erfolg zu spielen, sondern auch Dissens aushalten können.

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Kommentare

64 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Naja, wenn

Beherrschtheit herrscht, stellt sich sofort die Frage, wer herrscht. Und wer über die FORMEN herrscht, herrschat auch über die Inhalte - bestimmte Aussagen, Wörter, Emotionen, Ausdrucksweisen etc. werden dann einfach per Verhaltensanordnung tabuisiert, so dass "unerzogen", "unbeherrscht" etc. wirkt, wer trotzdem Verbotenes zu äußern wagt. Dass die Herrschenden von ihnen so genannte "Unbeherrschtheit" nicht lieben, ist logisch.

Aber ich bin nicht gern UNTERTAN.

Was ist denn so schlimm daran, die Emotion des Mitmenschen mitzubekommen - zumal wenn man sie selbst mit ausgelölst hat?

Oder wollen Sie, dassa um Sie herum alle an Krebs erkranken, weil sich keiner mehr offen zu äußern wagt?

@Michael Neunmüller #32

Ich habe nicht geschrieben, dass jeder seine Meinung für sich behalten sollte. Nur kann ich Ihnen auch meine Meinung sagen, ohne Sie anzubrüllen oder sie im Gegenteil deswegen nicht anfangen zu heulen, weil ich Sie mit meiner Aussage verletzt oder abgewertet hätte. Ein respektvolles Miteinander bezieht nicht nur die Selbstkontrolle des Senders sondern auch die Empfindungen des Empfängers mit ein. Ich kann meinen Ärger auch mitteilen, ohne zu brüllen. Das geht wirklich!

Gott sei Dank sind cholerische ChefInnen und KollegInnen eine aussterbende Rasse...

Weil's irgendwann knallt

"Was spricht dagegen...

...wenn ein Konflikt respektvoll ausgetragen wird - so ganz ohne "Unbeherrschtheit"?"

Es spricht dagegen, dass damit eine Pseudo-Wohlfühlatmosphäre geschaffen wird, bei der suggeriert wird, dass alles in Ordnung ist. Es gibt mehr als genug Fälle, bei denen sich dann innerlich alles aufstaucht und irgendwann KNALLT'S - Das ist sicher.

#46 @Kritischer_Geist

Ich möchte nur noch mal sicher stellen, dass Sie das "Konflikt austragen" nicht überlesen haben. Es spricht doch nichts gegen den Konflikt. Nur empfinde ich angebrüllt werden als eine Handlung, die ich mir das letzte Mal als Kind von meinen Eltern habe gefallen lassen. Ein Chef trägt zumindest dadurch die Konsequenzen, dass ich ihn als inkompetenten, grenzüberschreitenden und cholerischen Vollidioten abstempeln würde, weil ich nämlich gerade bei einem Machtgefälle nicht die Möglichkeit habe, mich in gleich respektlosem Ton zu wehren. Respekt beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn mir jemand mit seinem Verhalten offenbart, dass er/sie mich nicht respektiert, verliere auch ich mein Respekt gegenüber dieser Person.

Authoritärer Führungsstil spricht nicht für sonderlich viel Intelligenz, weil er regelmäßig die Mitarbeiter erniedrigt. Fraglich, wer sich unter solchen Bedingungen morgens auf seine Arbeit freuen kann...

Zustimmung

"Ich möchte nur noch mal sicher stellen, dass Sie das "Konflikt austragen" nicht überlesen haben. Es spricht doch nichts gegen den Konflikt. Nur empfinde ich angebrüllt werden als eine Handlung, die ich mir das letzte Mal als Kind von meinen Eltern habe gefallen lassen. Ein Chef trägt zumindest dadurch die Konsequenzen, dass ich ihn als inkompetenten, grenzüberschreitenden und cholerischen Vollidioten abstempeln würde, weil ich nämlich gerade bei einem Machtgefälle nicht die Möglichkeit habe, mich in gleich respektlosem Ton zu wehren. Respekt beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn mir jemand mit seinem Verhalten offenbart, dass er/sie mich nicht respektiert, verliere auch ich mein Respekt gegenüber dieser Person.

Authoritärer Führungsstil spricht nicht für sonderlich viel Intelligenz, weil er regelmäßig die Mitarbeiter erniedrigt. Fraglich, wer sich unter solchen Bedingungen morgens auf seine Arbeit freuen kann..."

Sie haben selbstverständlich vollkommen Recht.

Meine Ausführungen beziehen sich auch mehr auf unsere schöne Scheinwelt, bei der immer nur "durch die Blume" versucht wird, Kritik vorzutragen und eine offene Aussprache dadurch gar nicht mehr möglich ist.

Null problemo

Die geschilderte Kuschel-Atmosphäre gibt es natürlich nicht in jedem Unternehmen, der Autor arbeite z.B. einmal einige Wochen auf dem Bau. Richtig ist aber, dass in einigen Teilen der Gesellschaft Probleme systematisch verschwiegen werden. Wer gefragt wird, ob er etwa ein Problem mit irgendetwas habe, hat gleich mehrere: Einmal das Problem, nach dem rhetorisch gefragt wurde, und das Problem, dass er jegliches Problem sofort verneinen muss. Probleme sind uncool. Heute ist alles machbar, und wer ein Problem hat, zeigt, dass er versagt hat: er war unfähig, das Problem zu vermeiden oder zu lösen. Was dadurch entsteht, ist eine oberflächliche Kultur der Problemlosigkeit. Weil man die Probleme gar nicht haben darf, kann man sie auch nicht benennen und erst recht nicht bearbeiten oder lösen. Man schleppt sie mit sich weiter, bis es gar nicht mehr geht. Im Arbeitsleben heisst dass dann: man geht oder wird gegangen. Dagegen hilft nur eine Kultur der Offenheit, die auch zu Problemen steht. Etwas nicht zu können oder falsch gemacht zu haben, ist nicht das Ende, sondern kann der Beginn von etwas Besserem sein. Man muss nur versuchen, daran zu arbeiten.

Da gebe ich ihnen Recht…

Auf dem Bau und im Büro herrschen aber grundlegend andere Situationen. Auf dem Bau kann Menschenleben kosten, wenn etwas bei der Arbeitsweise falsch gemacht wird. Im Büro ist vielleicht einfach eine Datei nicht auffindbar, die leider mit erneuten Aufwand reproduziert werden muss.
Und ich gebe ihnen auch Recht, dass es zu mehr Offenheit kommen müsse. Vor allem müsse man sich in der Arbeitswelt davon distanzieren, wie es der stete Marketing-Unfug in unserer bedenklich kommunikativen Welt vorspielt, dass das Image zählt. Wenn hinter dem Image keine starken Pfeiler stehen, die es tragen, dann ist es nicht mehr wert als das Papier auf dem gedruckt wird.
Zum Thema Probleme finde ich, dass die Aussage alles ist möglich nicht falsch ist, sondern gut so ist, nur bedarf es einer unausweichlichen Sache, die nach Möglichkeiten fordert, nämlich Probleme. Probleme sind der Stoff aus dem die Möglichkeiten in Form von Lösungen erwachsen. Die politische und wirtschaftliche Welt spielt lieber mit den Wort Innovationen, dabei sind diese in der Basis Lösungsmöglichkeiten für ein bestimmtes Problem, für einen Engpass, in den sich ein Unternehmen begeben hat, weil es dachte: "solange alles schön aussieht, wird auch alles gut sein"
Dabei lebt unsere Entwicklung von Problemen, das lernt man schon als Kind. Probleme festigen unsere Motivationen, sie geben uns eine Aufgabe, und sie geben uns das erhabene Gefühl, dass uns keiner nehmen kann, wenn wir eine überzeugende Lösung gefunden haben.

Noch als weiteres

Doch mit einem gelösten Problem ist nicht Schluss. Probleme erzeugen neue Probleme, oder besser formuliert, ein gelöstes Problem öffnet den Blick zu weiteren Problemen, die gelöst werden müssen/können.
Dabei kommt dann eine offen-kommunikative Unternehmenskultur zum Tragen. Denn es kann vorkommen, dass die neu gesichteten Probleme auf die anderen Abteilungen wirken, um Überforderung zu verhindern, müsse eine offene Unternehmenssprache entstehen, die dazu führt, dass dann die unterschiedlichen Abteilungen sich diesen Erkenntnissen annehmen und nicht abwehren, weil doch angeblich alles gut liefe.
Wer denkt, dass mit einem gelösten Problem alles erledigt ist, der hat wohl vergessen, wie wir Menschen uns stets entwickeln und motivieren Neues zu lernen.

Es ist nicht nur das...

...sondern dazu kommen noch ganz andere Dinge.

Wer einmal erlebt hat, wie aufgrund eines richtig guten konfliktgeladenen Streits, bei dem es ggf. auch mal laut wird und bei dem zudem sogar noch um eine grundsätzliche Firmen oder Behördenangelegenheit geht, sofortige Maßnahmen wie Konfliktbewältigungsseminare mit Anwesenheitspflicht, Mitarbeitergespräche in Kette und Gespräche mit geschulten Meditatoren "erleiden muss" - und diese Maßnahmen einem die Zeit stehlen seinen täglichen Arbeitsanfall zu erledigen (der heutzutage m.E. ca. das eineinhalbfache bis doppelte pro Arbeitskraft ist wie ggf. vor einem Jahrzehnt) - der merkt sich diese zermürbende Verfahrensweise und verhält sich bei der nächsten Gelegenheit zum Streit "gleichgeschaltet".

Machen Sie sich selbstständig. . .

. . .,aber stellen sie ja keinen ein. Fast alle lassen sich etwas sagen und lernen dazu, wenn man es richtig rüber bringt. Keiner hat Bock auf anschnauzen, egal wie sachlich richtig der Inhalt ist. Da ist das Betriebsklima hin und jeder geht mit geballter Faust in der Tasche nach Hause, klar, demChef darf ich ja nicht anmachen, also. . .Wer wirklich am Arbeitsplatz eine STREITkultur fordert, dem geht es zu gut und denkt, das er eh alle platt machen kann. Wer sich da mal nicht täuscht, denn diese Situation wird nie entschieden und beendet, sondern geht immer weiter wie eine schlechte Soup. Denn diese Sache mit dem Dolch im Gewande und ähnliches machen wir heute nicht mehr.

Sehr gut, Herr Hugendick...

...Daumen hoch von meiner Seite!

>>Darin gleicht sie dem Wortnebel eines Arbeitszeugnisses.<<

Wenn es denn nur Arbeitszeugnisse oder die Arbeitswelt wären!
Überall breitet sich, unter dem Rauchvorhang einer propagandistischen Nebelkerze namens 'political correctness' getarnt, seit Jahren eine Art vorauseilende Selbstzensur aus.
Fast möchte ich es mediale Gleichschaltung nennen, aber das wäre dann ja nicht politisch korrekt. Selbstmord aus Angst vor dem Tod würde es auch treffen.

Egal ob Print oder Online, im Fernsehen oder selbst in ganz normalen Gesprächen - es wimmelt von 'prekären Bevölkerungsteilen', 'bildungsfernen Mitbürgern', Menschen mit 'Migrationshintergrund' - eine der dümmsten Unworterfindungen in der Menschheitsgeschichte.
Oder auch 'Negativwachstum', 'Konjunkturdellen' und 'unzureichenden Erholungen' am Arbeitsmarkt.

Überall sind die sprachlichen Weichspülereuphemismen auf dem Vormarsch und wenn mal einer wagt, die Dinge einfach beim Namen zu nennen, ist man sofort ein Polemiker, ein Populist oder womöglich gar ein Gutmensch - seit wann sind das eigentlich Schimpfwörter geworden?

In '1984' sagt Syme, der Sprachentwickler, zu Smith, Winston A.:
'Oh, wir erfinden keine neuen Worte, wir zerstören sie. Tausende von ihnen, jeden Tag.'

Der Kapitalismus 2012 hat den umgekehrten Weg gewählt: wir ertränken unsere Sprache freiwillig(!) in Begriffslosigkeit, bis alle reden, aber keiner mehr etwas sagen kann.
Und irgendwann hört dann auch keiner mehr zu, wozu auch?