Eine ganze Beraterbranche ist um diese Vorstellung entstanden. Ihre Seminare gleichen sprachlichen Umerziehungslagern. Man lernt zum Beispiel, dass man E-Mails, Präsentationen und Redebeiträge nie mit einer Verneinung beginnen soll. Anstelle dessen, was unmöglich ist, soll man betonen, was möglich ist, und das ist bekanntlich ja alles. Gäbe es einen Kammerton dieser Arbeitsmentalität, er klänge wie ein lautes JA.

Gelehrt wird, dass Kritik immer konstruktiv zu sein habe und dass man sie mit einer verständnisvollen Ich-Botschaft versieht, um sie menschlicher und vermeintlich authentischer zu gestalten. Selbst das Wort Kritik verliert seinen bedrohlichen Klang, weil es fortan Feedback heißt. Und im Wesen von Feedback liegt es, vom Empfänger angenommen zu werden, falls dieser fürderhin nicht als beratungsresistent, teamunfähig und anderes gelten will, was auf fehlende Softskills schließen ließe. Feedback duldet keinen Widerspruch.

Darf man den anderen verletzen?

Man lernt, wie man selbstbewusst in einer Diskussion auftritt, wie man seinen Rücken in sanfter Spannung streckt und wie man ihn auch im Bürostuhl in Form hält, damit das überhaupt noch geht. Kaum auszudenken, was passierte, wenn alle die gleichen Seminare besuchten und alle die gleichen Ratgeber läsen. Womöglich entstünde das, was der Linguist Friedemann Schulz von Thun einmal "friedhöfliches" Miteinander genannt hat.

Zum Prozess der Zivilisation gehört zwar nach Norbert Elias die Zähmung der eigenen Affekte. Ob er allerdings gemeint hat, dass alle Menschen nur noch in wohltemperierter Fröhlichkeit miteinander reden, darf bezweifelt werden. Mag sein, dass durch diese Kniffe weniger Kollegen verletzt werden. Sicher ist auch, dass so eine normierte Konversation die Motivation besser wahrt als ein Chef, der einem mit Nachdruck Aktenordner hinterher schmeißt.

Doch leidet die Kultur des Streits darunter. Denn zum Streit gehört sprachliche Negativität: zum Überrumpeln, zum Überschüssigen, zur verspielten Polemik, zur Spontaneität und Gewitztheit und anderen Überraschungsangriffen. Die nicht in Seminaren und Ratgebern gelehrt werden und nicht formularhaftes verbales Appeasement betreiben.

Streit ist bestenfalls ein Spiel, zudem ein außerordentlich kreatives. Doch unter der doktrinären Wohlfühl-Atmosphäre neigen wir dazu, dieses Spiel zu verlernen. Dabei sollten wir nicht nur fähig sein, es mit Erfolg zu spielen, sondern auch Dissens aushalten können.