ArbeitsweltDie Wohlfühl-Lüge
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Streitfeindliche Großräume

Eine Sprachkultur der Affirmation und Positivität umgibt uns alle. Auf Facebook existiert nur ein Gefälltmir als Reaktionsideal, Nachrichtensender kündigen "bewegende Bilder" aus Krisengebieten an. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass in so einem Munterkeitsklima jede kleinste öffentliche Unbeherrschtheit eines Politikers einen Eklat bedeutet. Jede streitlustige Antwort eines Schauspielers wird binnen weniger Minuten zum Skandal auf irgendeiner Website, über den man dort mit glücklicher Häme redet.

Auch im Büro kann Streit ähnliche Folgen haben; vielmehr noch als früher, als Arbeit noch nicht zugunsten von Kostenreduktion und permanenter Kommunikationsbereitschaft in Großräumen verdichtet wurde. Man streitet sich ja vor Publikum. Jeder Kollege hört mit. Zwei Streithähne müssen befürchten, sich im Lauf des Tages noch mehrmals zu begegnen: unsicher, wie sie sich verhalten sollen. Moderne Büroarchitektur ist zugleich streitfeindliche Architektur. Mitunter fehlen die Rückzugsräume, in denen man wieder zu sich kommt, seine Wunden versorgt wie nach einem Boxkampf.

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Dabei ist die durchgecoachte Unternehmenssprache überhaupt nicht transparent. Man muss sie decodieren, nach ihren Haken und Ösen suchen, weil sie sich alle Mühe gibt, genau diese zu verbergen. Darin gleicht sie dem Wortnebel eines Arbeitszeugnisses. Hängen bleibt meist ein kurioser Positivitätsüberschuss, der auf Dauer so abstumpfend wirkt, dass selbst aufrichtig gemeintes Lob vom Lobkostüm nicht mehr unterscheidbar ist.

Wo die Intrige wächst

Keineswegs bedeutet ein auf Positivität getrimmtes Arbeitsklima, dass Negativität gänzlich verschwindet. Sie wird bloß unsichtbar, Wut und Verdruss suchen sich andere Wege, stauen sich auf in Unausgesprochenem und Unaussprechlichgewordenem. Das trägt man schlimmstenfalls mit nach Hause oder schickt es verschworen über Bürochats oder BCC-Mails an gleichgesinnte Kollegen. Wo offener Streit verhindert wird, wächst die Intrige. Bald drängeln sich Mediatorenscharen um Arbeitnehmer, ständig werden Konfliktmanagementschulungen angeboten, um zu kompensieren, was im Arbeitsalltag sprachlich offenbar nicht mehr kompensierbar scheint.

Danach hilft nur noch Teambuilding. Ein dreitägiger Ausflug in ein Mittelgebirge, Klettern, gemeinsamer Besuch der Tropfsteinhöhlen und integratives Wildwasserrafting inklusive. Panzerfahren ist neuerdings auch beliebt. Vielleicht hätte in manchen Fällen schon geholfen, sich nach allen Regeln der Kunst offen die Meinung zu sagen. Ohne Sorge, hinterher gleich als unverbesserlicher Sonderling zu gelten, um den sich bald das Change Management kümmert.

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Leserkommentare
  1. ...wenn ein Konflikt respektvoll ausgetragen wird - so ganz ohne "Unbeherrschtheit"?

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    Beherrschtheit herrscht, stellt sich sofort die Frage, wer herrscht. Und wer über die FORMEN herrscht, herrschat auch über die Inhalte - bestimmte Aussagen, Wörter, Emotionen, Ausdrucksweisen etc. werden dann einfach per Verhaltensanordnung tabuisiert, so dass "unerzogen", "unbeherrscht" etc. wirkt, wer trotzdem Verbotenes zu äußern wagt. Dass die Herrschenden von ihnen so genannte "Unbeherrschtheit" nicht lieben, ist logisch.

    Aber ich bin nicht gern UNTERTAN.

    Was ist denn so schlimm daran, die Emotion des Mitmenschen mitzubekommen - zumal wenn man sie selbst mit ausgelölst hat?

    Oder wollen Sie, dassa um Sie herum alle an Krebs erkranken, weil sich keiner mehr offen zu äußern wagt?

    Ich habe nicht geschrieben, dass jeder seine Meinung für sich behalten sollte. Nur kann ich Ihnen auch meine Meinung sagen, ohne Sie anzubrüllen oder sie im Gegenteil deswegen nicht anfangen zu heulen, weil ich Sie mit meiner Aussage verletzt oder abgewertet hätte. Ein respektvolles Miteinander bezieht nicht nur die Selbstkontrolle des Senders sondern auch die Empfindungen des Empfängers mit ein. Ich kann meinen Ärger auch mitteilen, ohne zu brüllen. Das geht wirklich!

    Gott sei Dank sind cholerische ChefInnen und KollegInnen eine aussterbende Rasse...

    "Was spricht dagegen...

    ...wenn ein Konflikt respektvoll ausgetragen wird - so ganz ohne "Unbeherrschtheit"?"

    Es spricht dagegen, dass damit eine Pseudo-Wohlfühlatmosphäre geschaffen wird, bei der suggeriert wird, dass alles in Ordnung ist. Es gibt mehr als genug Fälle, bei denen sich dann innerlich alles aufstaucht und irgendwann KNALLT'S - Das ist sicher.

    nur als Beispiel, muss lange nicht unbeherrscht sein. Das Problem ist auch nicht fehlende Beherrschung, sondern dass der Konflikt *an sich* negiert wird.

    • Anna L.
    • 22. November 2012 14:33 Uhr

    Wo soll die sein?
    Und ist DAS der Grund, der AN in die Schweiz oder nach Skandinavien treibt, weil dort abgesehen von der Bezahlung auch bessere Arbeitsbedingungen herrschen?

    Die Realität für die meisten von uns dürfte eher sein, das Arbeitsverdichtung, Stress und ein rauheres Miteinander zum Alltag gehören. Effizienz- und Optimierungswahn bestimmen den Arbeitsalltag und Angst bei der nächsten Entlassungswelle einer der *Auserwählten* zu sein. Misstrauen und Mißgunst - das prägt die normale Arbeitswelt, auch wenn es hier und da Nuanchen und löbliche Ausnahmen gibt.

    Die extreme Abhängigkeit aufgrund der Arbeitsmarktlage nimmt nicht ab sondern zu. Aus dieser Position heraus *streitet* man nicht, man duckt sich und verdrängt Ängste, Aggression und Depression. Oder wie sonst erklärt man, dass gerade psych. Erkrankungen eklatant zunehmen?

    Wohlfühl-Lüge! Eben.

  2. muss ich das nicht mehr erleben. Mir reicht schon das "Wohlfühlklima" im Forum der ZEIT, in dem keine Meinung oft besser zu sein scheinbtals eine zu deutlich formulierte.

    Faktisch erinnert mich das an das stete Lächeln, das in Südostasien (Thailand, Kambodscha, Vietnam) anzutreffen ist. Von dort höre ich: "Man streitet halt nicht gerne und liebt den Konsens." - der natürlich, bei Nahcfrage, von oben vorgegeben wird.

    Meine Frage "Warum gibt es gerade hier soviel Grausamkeit?" (Rote Khmer, zeitweise Bürgerkriegssituation in Tailand, Vietnamkriege) wird so beantwortet: "Das passiert halt, wenn der Konsens nicht mehr funktioniert. Manchmal bricht ES halt heraus."

    Frage: "Was ist ES?"

    Keine Antwort.

    Deshalb: Meide alle Orte, an denen Lächelzwang besteht. Du weisst nie, wann ES hervorbricht...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...eine unerhoerte Verallgemeinerung (jetzt muss ich einen schoenfaerberischen Eupheismus nutzen, will ich doch nicht von der Zeit-Redaktion zensiert werden... wie ironisch!! Was ist denn mit dem dritten Reich hier in Deutschland? Was mit den Buergerkriegen in Afrika, dem Nah-Ost-konflikt? alles nicht aus regionen wo 'laechelzwang' herscht, Suedostasien ragt in Sachen Unmenschlichkeit kein Stueck aus dem Rest der Welt heraus (vor allem weil der Vietnam-krieg von den USA initiiert wurde?)

    Ich gebe ihnen zwar Rech wenn sie sagen, dass diese ewige Schoenfaerberei und unrealistische Konsenshaltung in Job und Privatleben letztendlich dazu fuehrt, dass sich negative Energie aufstaut und zu weitaus schlimmeren Ergebnissen fuerht, als es eine simple Aussprache am Anfang getan haette, aber ich bitte sie; sehen sie von unnoetigen Verallgemeinerungen ab, man kann Suedostasien genauso wenig in eine Schublade stecken wie alle Europaer...

    • milo3
    • 22. November 2012 21:28 Uhr

    >> muss ich das nicht mehr erleben. Mir reicht schon das "Wohlfühlklima" im Forum der ZEIT, in dem keine Meinung oft besser zu sein scheint als eine zu deutlich formulierte...<<

    ... ja mit dem "feedback" haben die Jungs hier noch echte Probleme! Folglich möchte ich mich heute mal dem allgemeinen Trend anpassen und den folgenden, für mich ungewöhnlichen Kommentar loslassen:

    Herr Hugendick, mein Kompliment! Das ist präzise beobachtet und treffend beschrieben. Für mich war dies der mit Abstand beste Artikel seit sehr langer Zeit! Weiter so!

    M.

    . . .1933 gab es keinen Lächelzwang und ES brach trotzdem aus. Also nur die Ruhe, wenn Sie von lächelnden Menschen umgeben sind. Ist nicht gefährlicher als bei pöbelnden Menschen.

  3. führt übrigens zwangsläufig und denknotwendig zu gescheiterten Grossprojekten wie dem des Berliner Flughafens. Weil u.a. nicht mehr der der Störer ist, der z.B. seinen Terminplan nicht einhält. Sondern der, der das und die Auswirkungen auf das Projektziel ins höhere Management vermittelt. Also tut´s keiner mehr. Und weil ein zugewiesener Verantwortungsbereich nicht mehr ernst genommen wird, weder in seinem Umfang noch in seinen definierten Grenzen. Im "modernen" management sind alle irgendwie für alles verantwortlich, also effektiv niemand mehr. Organisierte Verantwortungslosigkeit ist die Folge von als positiv wahrgenommener Konfliktvermeidung.
    Das renkt sich zwar schon wieder ein, weil man so auf Dauer nicht erfolgreich arbeiten kann. Aber der bis dahin angerichtete Schaden kann gesellschaftlich wie finanziell erheblich sein.

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