Arbeitswelt: Die Wohlfühl-Lüge
In modernen Unternehmen wird ein Arbeitsklima bevorzugt, in dem jede Negativität abtrainiert wird. Wie soll man da noch streiten?
© Scott Olson/Getty Images

Das Büro, ein Ort erzwungener Harmonie
Immerhin kann man erleichtert sein. Darüber, dass der Chef, der einen mit überschwappendem Tremolo zusammenstaucht, ebenso ein Auslaufmodell ist wie die herumzeternde Sekretärin. Darüber, dass Choleriker aus modernen Arbeitswelten offenbar verschwunden sind, und stattdessen eine ostentative Munterkeit eingekehrt ist.
- Endlich richtig streiten - die Themenwoche
Wir müssen dringend wieder streiten – auch laut und heftig. Denn ohne solche Konflikte gehen gehen unsere Beziehungen kaputt, unsere Identität – und am Ende unsere Demokratie. ZEIT ONLINE will in einer Themenwoche zeigen, wie man sich konstruktiv und erfolgreich auseinandersetzen kann: in der Partnerschaft und der Familie, am Arbeitsplatz und in der Schule, unter Bürgern und im Bundestag, sogar im Internet und in der Religion.
- Die Folgen der Serie
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Streitkultur: Streitet euch! Ein Essay
Sexualität: Streiten öffnet das Herz und andere Teile der Anatomie
Familie: Wenn Eltern "Ich will" sagen
Schule: Ohne Streit kein Unterricht
Internet: Ist das Netz ein Streitbeschleuniger? Eine Leserdebatte
Arbeit: Lass uns streiten, Chef
Unternehmen: Die Wohlfühl-Lüge
Politik: Geistige Terroristen sind ausgestorben
Fußballspieler betonen selbst nach erschütternden Niederlagen, wie gut die Stimmung im Team sei. Die Kassiererin im Supermarkt wischt die ausgelaufene Milch "sehr gerne" weg. Eine Kollegin schickt eine Präsentation in die Runde und bittet herzlichst um Anmerkungen. Wenig später schreibt ein jüngst entlassener Kollege eine Abschied-E-Mail an den Betriebsverteiler, in der er sich für die lehrreiche Zeit bedankt und sich auf neue, spannende Herausforderungen freut. Man ist bester Laune und selbst unter stärksten Zumutungen immer topmotiviert.
Schwer zu sagen, wann das angefangen hat. Wann in Büros die ersten Früchtekörbe aufgeschüttet wurden, wann der erste Kickertisch aufgestellt, die erste Spielkonsole im Teamraum neben der neuen Couch angeschlossen wurde. Seit wann Berufsratgeber "Gehen Sie motiviert zur Arbeit!" verkünden und das wie ein Befehl klingt.
Seid positiv!
Nun lässt sich gegen subtile Motivationsmaßnahmen nicht viel einwenden, gegen gute Stimmung schon gar nichts. Wo beides stimmt, so geht die Lehre, da stimmt auch das Ergebnis. Dann gibt es neue Stellen, neue Aufgaben, vielleicht einen Bonus am Jahresende oder zumindest ein größeres Büffet auf der Weihnachtsfeier.
Zum modernen Unternehmenskonzept gehört eine Wohlfühl-Mentalität. Als habe sich in Führungsseminaren herumgesprochen, dass Positivität der Schlüssel zu mehr Produktivität sei. Darum muss sicherheitshalber alles verhindert werden, was diese Heiterkeit bedroht. Konflikte, Konfrontation, Streit im Büro gelten als mittelschwere Arbeitsklimakatastrophe.
Es gibt nicht mehr zu viel Arbeit, sondern Zeitmanagementoptimierungsprobleme. Zuständige Abteilungen für Umstrukturierungen und Kündigungen heißen Change Management, weil Change, das wissen wir seit Obama, etwas Tolles ist. Moderne Krisenkommunikation zeichnet sich dadurch aus, dass es in ihr keine Krisen gibt, keinen Streit, keine Konflikte, oft nicht einmal ein Problem.





Die geschilderte Kuschel-Atmosphäre gibt es natürlich nicht in jedem Unternehmen, der Autor arbeite z.B. einmal einige Wochen auf dem Bau. Richtig ist aber, dass in einigen Teilen der Gesellschaft Probleme systematisch verschwiegen werden. Wer gefragt wird, ob er etwa ein Problem mit irgendetwas habe, hat gleich mehrere: Einmal das Problem, nach dem rhetorisch gefragt wurde, und das Problem, dass er jegliches Problem sofort verneinen muss. Probleme sind uncool. Heute ist alles machbar, und wer ein Problem hat, zeigt, dass er versagt hat: er war unfähig, das Problem zu vermeiden oder zu lösen. Was dadurch entsteht, ist eine oberflächliche Kultur der Problemlosigkeit. Weil man die Probleme gar nicht haben darf, kann man sie auch nicht benennen und erst recht nicht bearbeiten oder lösen. Man schleppt sie mit sich weiter, bis es gar nicht mehr geht. Im Arbeitsleben heisst dass dann: man geht oder wird gegangen. Dagegen hilft nur eine Kultur der Offenheit, die auch zu Problemen steht. Etwas nicht zu können oder falsch gemacht zu haben, ist nicht das Ende, sondern kann der Beginn von etwas Besserem sein. Man muss nur versuchen, daran zu arbeiten.
Auf dem Bau und im Büro herrschen aber grundlegend andere Situationen. Auf dem Bau kann Menschenleben kosten, wenn etwas bei der Arbeitsweise falsch gemacht wird. Im Büro ist vielleicht einfach eine Datei nicht auffindbar, die leider mit erneuten Aufwand reproduziert werden muss.
Und ich gebe ihnen auch Recht, dass es zu mehr Offenheit kommen müsse. Vor allem müsse man sich in der Arbeitswelt davon distanzieren, wie es der stete Marketing-Unfug in unserer bedenklich kommunikativen Welt vorspielt, dass das Image zählt. Wenn hinter dem Image keine starken Pfeiler stehen, die es tragen, dann ist es nicht mehr wert als das Papier auf dem gedruckt wird.
Zum Thema Probleme finde ich, dass die Aussage alles ist möglich nicht falsch ist, sondern gut so ist, nur bedarf es einer unausweichlichen Sache, die nach Möglichkeiten fordert, nämlich Probleme. Probleme sind der Stoff aus dem die Möglichkeiten in Form von Lösungen erwachsen. Die politische und wirtschaftliche Welt spielt lieber mit den Wort Innovationen, dabei sind diese in der Basis Lösungsmöglichkeiten für ein bestimmtes Problem, für einen Engpass, in den sich ein Unternehmen begeben hat, weil es dachte: "solange alles schön aussieht, wird auch alles gut sein"
Dabei lebt unsere Entwicklung von Problemen, das lernt man schon als Kind. Probleme festigen unsere Motivationen, sie geben uns eine Aufgabe, und sie geben uns das erhabene Gefühl, dass uns keiner nehmen kann, wenn wir eine überzeugende Lösung gefunden haben.
Auf dem Bau und im Büro herrschen aber grundlegend andere Situationen. Auf dem Bau kann Menschenleben kosten, wenn etwas bei der Arbeitsweise falsch gemacht wird. Im Büro ist vielleicht einfach eine Datei nicht auffindbar, die leider mit erneuten Aufwand reproduziert werden muss.
Und ich gebe ihnen auch Recht, dass es zu mehr Offenheit kommen müsse. Vor allem müsse man sich in der Arbeitswelt davon distanzieren, wie es der stete Marketing-Unfug in unserer bedenklich kommunikativen Welt vorspielt, dass das Image zählt. Wenn hinter dem Image keine starken Pfeiler stehen, die es tragen, dann ist es nicht mehr wert als das Papier auf dem gedruckt wird.
Zum Thema Probleme finde ich, dass die Aussage alles ist möglich nicht falsch ist, sondern gut so ist, nur bedarf es einer unausweichlichen Sache, die nach Möglichkeiten fordert, nämlich Probleme. Probleme sind der Stoff aus dem die Möglichkeiten in Form von Lösungen erwachsen. Die politische und wirtschaftliche Welt spielt lieber mit den Wort Innovationen, dabei sind diese in der Basis Lösungsmöglichkeiten für ein bestimmtes Problem, für einen Engpass, in den sich ein Unternehmen begeben hat, weil es dachte: "solange alles schön aussieht, wird auch alles gut sein"
Dabei lebt unsere Entwicklung von Problemen, das lernt man schon als Kind. Probleme festigen unsere Motivationen, sie geben uns eine Aufgabe, und sie geben uns das erhabene Gefühl, dass uns keiner nehmen kann, wenn wir eine überzeugende Lösung gefunden haben.
Ich habe noch fast drei Jahrzehnte Berufsleben vor mir. Nun trage ich seit einiger Zeit mit dem Gedanken, mich selbstständig zu machen.
Ich bin nämlich nicht teamfähig.
Also im heutigen Sinn.
Bis vor ein paar Jahren war ich es aber noch.
Doch seither muss sich erdgeschichtlich einiges getan haben, ich bin ein Dinosaurier im Bewußtsein des Aussterbens.
Meine Kollegen erfahren von mir, wenn ich etwas scheiße finde, wen ich für verantwortlich halte.
Und ich sage dies auch so.
Mir sagt aber niemand etwas, zumindest empfinde ich das so. Mein letztes Seminar mit Feedbackrunde war ein Traum, nur seichtes rumgemache. Oftmals verstehe ich nicht, welches Verhalten nun gut ankam, und wo ich in den Augen der Kollegen Fehler gemacht habe.
Sagt einem ja keiner.
...Daumen hoch von meiner Seite!
>>Darin gleicht sie dem Wortnebel eines Arbeitszeugnisses.<<
Wenn es denn nur Arbeitszeugnisse oder die Arbeitswelt wären!
Überall breitet sich, unter dem Rauchvorhang einer propagandistischen Nebelkerze namens 'political correctness' getarnt, seit Jahren eine Art vorauseilende Selbstzensur aus.
Fast möchte ich es mediale Gleichschaltung nennen, aber das wäre dann ja nicht politisch korrekt. Selbstmord aus Angst vor dem Tod würde es auch treffen.
Egal ob Print oder Online, im Fernsehen oder selbst in ganz normalen Gesprächen - es wimmelt von 'prekären Bevölkerungsteilen', 'bildungsfernen Mitbürgern', Menschen mit 'Migrationshintergrund' - eine der dümmsten Unworterfindungen in der Menschheitsgeschichte.
Oder auch 'Negativwachstum', 'Konjunkturdellen' und 'unzureichenden Erholungen' am Arbeitsmarkt.
Überall sind die sprachlichen Weichspülereuphemismen auf dem Vormarsch und wenn mal einer wagt, die Dinge einfach beim Namen zu nennen, ist man sofort ein Polemiker, ein Populist oder womöglich gar ein Gutmensch - seit wann sind das eigentlich Schimpfwörter geworden?
In '1984' sagt Syme, der Sprachentwickler, zu Smith, Winston A.:
'Oh, wir erfinden keine neuen Worte, wir zerstören sie. Tausende von ihnen, jeden Tag.'
Der Kapitalismus 2012 hat den umgekehrten Weg gewählt: wir ertränken unsere Sprache freiwillig(!) in Begriffslosigkeit, bis alle reden, aber keiner mehr etwas sagen kann.
Und irgendwann hört dann auch keiner mehr zu, wozu auch?
...war noch nie gefragt, und Aggressionen kann sich nur der leisten der was drauf hat.
Dieser weichgespülte Umgang gepaart mit einem Hang zum Lügen und einen hohen Mass an Selbstdarstellung resultiert aus Unsicherheit. Nicht Ursache und Wirkung verwechseln.
Auf dem Bau und im Büro herrschen aber grundlegend andere Situationen. Auf dem Bau kann Menschenleben kosten, wenn etwas bei der Arbeitsweise falsch gemacht wird. Im Büro ist vielleicht einfach eine Datei nicht auffindbar, die leider mit erneuten Aufwand reproduziert werden muss.
Und ich gebe ihnen auch Recht, dass es zu mehr Offenheit kommen müsse. Vor allem müsse man sich in der Arbeitswelt davon distanzieren, wie es der stete Marketing-Unfug in unserer bedenklich kommunikativen Welt vorspielt, dass das Image zählt. Wenn hinter dem Image keine starken Pfeiler stehen, die es tragen, dann ist es nicht mehr wert als das Papier auf dem gedruckt wird.
Zum Thema Probleme finde ich, dass die Aussage alles ist möglich nicht falsch ist, sondern gut so ist, nur bedarf es einer unausweichlichen Sache, die nach Möglichkeiten fordert, nämlich Probleme. Probleme sind der Stoff aus dem die Möglichkeiten in Form von Lösungen erwachsen. Die politische und wirtschaftliche Welt spielt lieber mit den Wort Innovationen, dabei sind diese in der Basis Lösungsmöglichkeiten für ein bestimmtes Problem, für einen Engpass, in den sich ein Unternehmen begeben hat, weil es dachte: "solange alles schön aussieht, wird auch alles gut sein"
Dabei lebt unsere Entwicklung von Problemen, das lernt man schon als Kind. Probleme festigen unsere Motivationen, sie geben uns eine Aufgabe, und sie geben uns das erhabene Gefühl, dass uns keiner nehmen kann, wenn wir eine überzeugende Lösung gefunden haben.
Im Frühjahr ist der ausgezeichnete Roman von Thomas von Steinaecker erschienen. Er trägt den sehr langen Titel "Das Jahr, in dem ich aufhörte mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen". Er beschreibt sehr eindrucksvoll eine höhere Angestellte, die vor lauter künstlicher Positivität den Bezug zum wirklich schönen verloren hat. Sie muss deswegen all diese Dinge immer rhetorisch verdoppeln, damit sie für sie noch einen Rest Emotionalität behalten: "Kuss-Kuss" oder "Zuhause-Gefühl-Zuhause-Gefühl". Natürlich Fiktion, aber sehr lesenswert.
Wir leben in einer globalen, vernetzten Arbeitswelt und haben damit gelegentlich mit ausländischen Kollegen zu tun. Sollten diese aus Ländern kommen, in welchen Konflikte nicht offen ausgetragen werden, könnte eine offen vorgetragene, negative Meinung erhebliche dauerhafte Schäden in der Geschäftsbeziehung hinterlassen.
Nur als Warnung für diejenigen, welche mit Menschen aus Nordamerika, Nordeuropa, Asien oder Ozeanien zu tun haben.
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