ArbeitsrechtArbeitgeber darf Attest am ersten Krankheitstag fordern

Niederlage einer Klägerin: Sie hatte es als Schikane empfunden, dass ihr Chef am ersten Tag ihrer Krankheit eine Bescheinigung verlangte. Dies allerdings ist rechtens. von dpa

Beschäftigte müssen auf Verlangen ihres Arbeitgebers schon am ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest vorlegen, wenn der Chef dies verlangt. Das hat das Bundesarbeitsgericht in Erfurt entschieden. Begründen müssen Arbeitgeber es nicht, wenn sie bereits so früh auf die Vorlage eines Attests bestehen .

Geklagt hatte eine Redakteurin des Westdeutschen Rundfunks in Köln . Sie war nach einer Krankmeldung im November 2010 von ihrem Arbeitgeber aufgefordert worden, künftig schon am ersten Krankheitstag ein Attest vorzulegen.

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Gesetzlich sind Beschäftigte verpflichtet, ihren Arbeitgeber unverzüglich zu informieren, wenn sie wegen Krankheit ausfallen. Aber erst am vierten Tag ihrer Krankheit müssen sie eine ärztliche Bescheinigung vorlegen. Das Entgeltfortzahlungsgesetz räumt dem Arbeitgeber aber auch das Recht ein, schon früher einen Krankenschein zu verlangen. 

Arbeitgeber muss keine Gründe angeben

Die Klägerin empfand diese Anweisung als Schikane und klagte dagegen. Der Anwalt der Klägerin sieht in der Anweisung eine Disziplinierungsmaßnahme, weil nicht von allen Mitarbeitern verlangt werde, am ersten Tag der Krankheit ein Attest vorzulegen. Auch argumentierte die Klägerin, dass bei ihr kein Missbrauchsverdacht hinsichtlich der Arbeitsunfähigkeit bestanden habe. "Ich bin ein Mensch, der mit Fieber zur Arbeit kommt", sagte die leitende Redakteurin, die seit 32 Jahren beim WDR arbeitet. "Ich liebe meine Arbeit." Der WDR wiederum hielt entgegen, dass er die Anweisung nicht begründen müsse.

Die höchsten Richter bekräftigten nun die bisherige Rechtsprechung.

In Deutschland waren Arbeitnehmer im vergangenen Jahr durchschnittlich 9,5 Arbeitstage krankgemeldet. Den niedrigsten Krankenstand der vergangenen 20 Jahre gab es 2007 mit rund 7,9 Fehltagen.

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Leserkommentare
    • 2eco
    • 14. November 2012 12:14 Uhr

    Wenn mir vom AG solch ein Misstrauen entgegengebracht würde, dann würde ich am ersten Tag ein Attest vorlegen, mir jedoch im Gegenzug ein bis zwei Krankheitstage mehr aufschreiben lassen, oder selbst wegen einer einfachen Erkältung vom Arzt krank schreiben lassen.

    Wer seine Mitarbeiter derart schikaniert vergiftet das Betriebsklima und dementsprechend auch die Leistung der AN. Wozu sollen diese schließlich 110 Prozent geben, wenn sie auf der anderen Seite gegängelt werden?

    14 Leserempfehlungen
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    Wenn mir ein AG so kommt, dann schmalt ich erstmal auf Durchzug und mach 5 Tage blau. Waer ja noch schoener. Und wenn ich dann wieder auf Arbeit bin lass ichs rest mal gemütlich angehen. So geht das!

    • Pitschi
    • 14. November 2012 12:48 Uhr

    Mein Arbeitgeber verlangt schon länger das Attest ab dem ersten Krankheitstag.
    Abgesehen davon, dass es ein Gefühl des Misstrauens hinterlässt, finde ich es eine Zumutung für die Gesellschaft.
    Wenn ich einen Erkältung habe, ist jedem mehr damit gedient, wenn ich mich ins Bett lege, als wenn ich mich zum Arzt schleppe. Hier muss ich auf einen Termin am gleichen Tag bestehen, Praxisgebühr bezahlen, mich drei Stunden ins Wartezimmer setzen und andere Patienten mit meinen Erkältungsausscheidungen belästigen. Dann schaut der Arzt mich 3 Minuten an, sagt "Sie haben einen grippalen Infekt, legen Sie sich mal ins Bett" und ich gehe wieder heim.Und da mir dann mindestens ein halber Tag Erholung im Bett fehlt, ist eine schnellere Genesung zu bezweifeln.

    Was das an Aufwand und Verwaltungskosten für alle bedeutet, nur damit der Arbeitgeber seine Paranoia befriedigen kann - unglaublich.

    • scoty
    • 14. November 2012 12:22 Uhr

    dem Arbeitgeber den Attest zuschicken bzw. zufaxen.

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    • snoek
    • 14. November 2012 12:40 Uhr

    Die Arzthelferinnen würden sich darüber bestimmt freuen. Sie dürften dann nach dem Arbeitgeber fragen, ob die Nummern / Anschriften noch aktuell sind und dafür sorgen, dass der Krankenschein dort fristgerecht ankommt. Das Rundum-Sorglos-Paket quasi. Für den Patienten wenigstens. Etwas kosten sollte dieser Service aber nichts.

    Sorry, aber das ist eine dumme Idee.

    Ein Arzt darf einen Arbeitnehmer nur krankschreiben, wenn er sich persönlich von dessen Arbeitsunfähigkeit überzeugt hat. Das bedeutet, dass wer z.B. unter einem grippalen Infekt leidet zukünftig am ersten Fehltag einen Arzt aufsuchen muss, was wenig sinnvoll ist, weil dadurch gerade der Effekt, den Tag zur Erholung mit Tee und Halswickel im Bett zu verbringen, verloren geht. Außerdem ist die Infektionsgefahr durch Ansteckung der anderen Pat. nicht zu vernachlässigen. Die Impfseren herstellende Pharmaindustrie wird sich über dieses Urteil freuen, die niedergelassenen HÄ evtl. auch- leider ist auch zu befürchten, dass auf diesem Weg noch mehr Antibiotika ohne zuvor erfolgten Erregernachweis und Resistogramm und häufig genug auch bei viralem Infekt zur Anwendung kommen werden. Das wird die Zahl der multiresitenten Keime sicher nicht vermindern und die Zahl der an diesen Keimen in deutschen Krankenhäusern stebenden Pat. u.U. erhöhen. Die Arbeitgeber sollten nicht erfreut sein, sie werden wohl zukünftig eher längere Ausfallzeiten Ihrer Beschäftigten in Kauf nehmen müssen.Ein kleines, harmlos scheinendes Urteil, medizinisch fatal, mit u.U. großen volkswirtschaftlichen Auswirkungen....

    Das mache ich schon lange so - nachdem ich beim Arzt war. Es ist doch kein Problem die Faxnummer seines AG zu kennen.

  1. 3. Genau

    Wenn mir ein AG so kommt, dann schmalt ich erstmal auf Durchzug und mach 5 Tage blau. Waer ja noch schoener. Und wenn ich dann wieder auf Arbeit bin lass ichs rest mal gemütlich angehen. So geht das!

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Misstrauen"
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    • ArthurS
    • 14. November 2012 14:06 Uhr

    @Komm3: Ihr Nutzername ist Programm. Blau machen ist BETRUG AM ARBEITGEBER!! Und so etwas ist nun wirklich weit schlimmer als ein zu großes Misstrauen seitens das AG...

    Arbeitnehmer mit einer solchen Einstellung wie der Ihren gehören gefeuert, so geht das!

    Liebe/r Ponadereier,

    beim Lesen Ihrer Zeilen werde ich sehr nachdenklich.... wie selbstverständlich für Sie die Lohnfortzahlung trotz Erkrankung zu sein scheint! In den meisten Ländern auf dieser Welt ist das Fernbleiben von der Arbeitsstelle noch immer ein Grund für eine fristlose Kündigung - egal wodurch bedingt. Krankheit, irgendeine persönlichen Katastrophe (Partner/ Kind gestorben, Haus beim Wirbelsturm zerstört etc.), alles uninteressant, wer nicht zur Arbeit erscheint, fliegt. "Blaumachen" gibt es im Vokabelschatz der meisten Menschen auf dieser Erde nicht. Merken Sie, wie gut es uns in Deutschland geht?
    Ein mittelständischer deutscher Arbeitgeber, der auf die Arbeitskraft jedes einzelnen seiner Mitarbeiter angewiesen ist, muss sich vor solchen Drohungen wie den Ihren fürchten - und Guido Westerwelle hat wieder Futter für seine Phantasien von der spätrömischen Dekadenz. Es scheint, dass wir nicht fähig zu einer echten Solidargemeinschaft sind, in der jeder sein Schärflein beizutragen hat. Schade!

  2. Attest oder Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sind zwei unterschiedliche Dinge. Was gilt nun?

    Davon abgesehen finde ich dieses Urteil ein wenig weltfremd. Angenommen man geht mit einer akuten Krankheit zum Arzt, darf man in der Regel sich erst einmal in ein recht überfülltes Wertezimmer setzen. So etwas dauert nicht selten den ganzen Vormittag, weil man keinen Termin hatte. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung hält man also im ungünstigen Fall erst mittags in den Händen. Wie kommt nun diese Bescheinigung zum Arbeitgeber? Selbst hinbringen – möglicherweise mit Kreislaufschwäche, hohem Fieber oder Magen- und Darmproblemen? Und das eventuell in eine andere Stadt, weil man 30 Kilometer von seiner Arbeitsstelle entfernt wohnt?

    Nicht jeder hat immer noch jemanden parat, der eine Krankmeldung direkt nach Erhalt zum Arbeitgeber bringen kann. Da bleibt eben nur der Postweg.

    Ein Anruf am selben Tag und eine Krankmeldung, die per Post zugestellt wird, sollte nach normalem Verständnis eigentlich genügen. Bei dem im Artikel geschilderten Fall kann man nur vermuten, dass das Klima zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wohl nicht so ganz in Ordnung war.

    8 Leserempfehlungen
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    • war-hog
    • 14. November 2012 13:18 Uhr

    Es gibt Angestelltenverhältnisse, in denen dürfen sich Arbeitnehmer bis zu drei Tage krank melden ohne zum Arzt zu gehen.
    Für einen regulären Arbeiter wäre dies bereits ein Kündigungsgrund.

    Im genannten Fall verlangt der Arbeitnehmer künftig von seiner Mitarbeiterin die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom ersten! Tag der Krankmeldung an.
    Das bedeutet aber nicht, dass die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auch am ersten Tag der Krankmeldung vorliegen muss. Das ist aus logistischen Gründen gar nicht möglich, das wissen auch die Arbeitgeber und Richter.Da hat sie nun wie auch alle anderen drei Werktage Zeit bis diese auf dem Tisch des Chefs liegen muss.

  3. So muss sich dann wg. jeder absehbaren Kurzerkrankung zum Arzt begeben. Die Krankenkassen werden sich freuen. So treiben paranoide Arbeitgeber die Gesundheitskosten in die Höhe. Hier ist der Gesetzgeber gefordert!

    4 Leserempfehlungen
    • snoek
    • 14. November 2012 12:40 Uhr
    6. .....

    Die Arzthelferinnen würden sich darüber bestimmt freuen. Sie dürften dann nach dem Arbeitgeber fragen, ob die Nummern / Anschriften noch aktuell sind und dafür sorgen, dass der Krankenschein dort fristgerecht ankommt. Das Rundum-Sorglos-Paket quasi. Für den Patienten wenigstens. Etwas kosten sollte dieser Service aber nichts.

    Sorry, aber das ist eine dumme Idee.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "die Praxen sollten "
  4. 7. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    • R.B.
    • 14. November 2012 12:43 Uhr

    Es gab eine bisher erprobte Rechtspraxis, die die Verhältnismäßigkeit berücksichtigte. Nun also alles am ersten Tag: Information und auf Verlangen das Attest dazu.

    Das neue Urteil des Bundesarbeitsgerichts ist

    1. Unverhältnismäßig, weil es weder die Terminverfügbarkeit der Arztpraxis, noch die Zustellmöglichkeit des Attestes angemessen berücksichtigt (Post. Schafft die das überhaupt am selben Tag????, was ist bei dezentralen bundesweit verteilten Firmenstrukturen), ganz davon abgesehen, dass jemand im Einzelfall tatsächlich so schwer erkrankt sein kann, dass er weder den Gang unmittelbar zum Arzt noch Büro schafft. Der muss dann künftig den Notarzt rufen, den RTW. Geschweige bei einer Notrettungsmaßnahme: Unfall, Intensivstation, was nun? Wie kommt nun dieses Attest noch am selben Tag zum Chef?

    2. Einseitig nachteilig für den Beschäftigten und einseitig vorteilig für den Arbeitgeber, wobei die meisten Arbeitgeber es wohl eher nicht nutzen werden. Aber lassen wir uns nicht täuschen: Es wird einige Arbeitgeber geben, die das ausnutzen werden, um Kündigungen durchzusetzten. Dieses Mal sogar mit einem höchstrichterlichen Urteil.

    Wenn das also stimmt, dass die Bundesarbeitsrichter nicht diese o.g. exemplarischen Abwägungen, Differenzierungen vorgenommen haben, dann ist das ein Skandal, dass ein Bundesgericht den Persilschein, den Rechtsanspruch dazu liefert.

    9 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, zz
  • Schlagworte Arbeitgeber | WDR | Arbeitsrecht | Recht | Arbeitnehmer | Chef
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