SharkspotterDie Hai-Kontrolleure von Kapstadt

Sie starren stundenlang aufs Meer: Sharkspotter passen in Kapstadt darauf auf, dass Weiße Haie und Surfer nicht zusammentreffen. Hin und wieder klappt das nicht. von Christian Selz

"Es war pure Hilflosigkeit", sagt Monwabisi Sikweyiya leise und schaut mit ernstem Blick hinaus auf die False Bay, jene Atlantikbucht an der Südseite Kapstadts, die für ein besonders großes Vorkommen an Weißen Haien bekannt ist. Trotzdem ist draußen gut ein Dutzend Surfer unterwegs, viele von ihnen Kinder.

Richtig gefährlich wird es, wenn es zu einem Stromausfall kommt – denn dann funktionieren die Sirenen am Surferstrand nicht. So wie vor gut sieben Jahren. Der heutige Einsatzleiter der Sharkspotter stand mit Fernrohr und Funkgerät an seinem Beobachtungsposten hoch oben an einem Ausläufer des Tafelbergs über dem Strand-Vorort Muizenberg, als ein riesiger weißer Hai aufkreuzte. Die Warn-Sirenen am Surferstrand waren wegen des Stromausfalls nicht in Gang zu setzen.

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"Ich war da oben und sah den Hai auf einen Typen zu schwimmen", erzählt Sikweyiya während seine Augen zwischen Berg und Meer hin und her wandern. "Ein paar Meter bevor der Hai ihn erreichte, ging er runter – und weil ich wusste, dass Haie von unten angreifen, war das einzige, das durch meinen Kopf ging: Es ist nur eine Frage der Zeit. Jeden Moment wird es passieren." Es passierte aber nicht. Der Hai tauchte auf der anderen Seite des arglosen Wellenreiters wieder auf und schwamm seelenruhig weiter.

Zwei Hai-Attacken hat der 32-jährige Rettungsschwimmer allerdings miterlebt. Einem Mann, der wiederholt alle Warnungen ignoriert hatte, musste er mit seinem Gürtel den klaffenden, abgerissenen Unterschenkel abbinden; beim zweiten Zwischenfall musste er hilflos zusehen, wie ein Mensch vollständig zerfleischt wurde. "Tot, gegessen", sagt er nur. Das Meer, so klingt es aus den Worten des inzwischen zum Einsatzleiter aufgestiegenen Hai-Wächters, ist ein schöner Ort, aber ohne Gnade. Surfer gelten für Attacken der bis zu sieben Meter langen Weißen Haie als besonders anfällig, weil die Silhouette ihres Bretts dem Profil einer schwimmenden Robbe ähnelt – und die sind die Leibspeise der vom Aussterben bedrohten Meeresjäger.

Ein Schatten verrät den Hai

Seit 2004 gibt es deshalb an den sechs beliebtesten Stränden Kapstadts ein System der Hai-Überwachung. Entwickelt haben es Sikweyiya und andere Surfer und Rettungsschwimmer. Heute beobachten insgesamt 16 Sharkspotter in zwei Schichten die Strände – von 8 bis 18 Uhr, 365 Tage im Jahr. Sie arbeiten in Zweier-Teams, einer am Strand, der andere hoch oben über dem Meer an einem der Hänge der Kap-Halbinsel. Die Beobachtungsmethode haben sich die Rettungsschwimmer von den Fischern am Kap abgeschaut, die Berg und Meer seit jeher zum Spähen nach Fischschwärmen nutzen. Aus der Höhe sind die Haie frühzeitig zu sehen, wenn auch die Rückenflosse anders als im Hollywood-Klischee praktisch nie aus dem Wasser ragt. Ein langsam und beständig schwimmender Schatten verrate den Hai, erklärt Ashley Sullivan, einer der Späher.

Fünf lange Stunden verbringen er und seine Kollegen so pro Diensttag in der Einsamkeit des Berges, die volle Konzentration auf dem ewig gleichen Wellenspiel des Ozeans. "Man sieht aber auch eine Menge anderer Dinge", sagt Sullivan. Einmal habe er eine Robbe beobachtet, die sich an der Wasseroberfläche sonnte. Sullivan sah den Hai kommen, der sie erst umkreiste und schließlich beim Angriff aus dem Wasser schleuderte – seltenes Sharkspotter-Glück. Denn es gibt auch viele graue Tage am Kap der Stürme, Tage wie heute, an denen Sullivan wie jetzt gelangweilt in dem alten Holzstuhl vor der Strandstation hängt und freimütig zugibt, dass man eigentlich gar nichts sehen kann. Sonnenschein und klares Wasser erleichtern die Arbeit der Sharkspotter. Ist es stürmisch und trübe, warnt eine schwarze Flagge am Strand vor möglichen Fehlern der Observatoren.

Wie nützlich deren Arbeit trotz der witterungsbedingten Einschränkungen ist, zeigt die Statistik: 1.200 Haie wurden seit 2004 rechtzeitig entdeckt und für jeden bis auf den eingangs erwähnten ein rascher Alarm mit einer Sirene ausgelöst, die an die Bombenalarme aus Kriegsfilmen erinnert und unüberhörbar ist. Gasgetriebene Ersatzsirenen sorgen zudem inzwischen auch bei Stromausfällen für Sicherheit.

Verzeichnete Kapstadt zuvor durchschnittlich drei Hai-Attacken im Jahr, blieb es seit Einführung der Sharkspotter bei den beiden Tragödien, die Sikweyiya selbst erlebt hat. Der Erfolg überzeugte die Kapstädter Stadtverwaltung, die das Projekt 2007 übernahm und neben Spendern inzwischen für den Großteil des 100.000-Euro-Budgets aufkommt. Denn auch wenn das Wasser vor Kapstadt wegen des aus der Antarktis kommenden Benguela-Stroms oft empfindlich kalt ist, hat die Stadt an ihren Traumständen und Surf-Hotspots einen Ruf zu verlieren.

Traumatische Erlebnisse

Sullivan und Sikweyiya wissen das und sie sind stolz auf ihren Job, auch wenn er traumatische Erlebnisse mit sich bringt. "An der False Bay Küste kannst du nicht einfach an den Strand kommen, dein Brett greifen und ins Wasser gehen", sagt Sullivan, der eine der beiden Hai-Attacken vom Berg aus miterlebt hat. "Ich habe damals ins Funkgerät geschrien. Aber wir konnten nichts mehr tun. Wir mussten hilflos zusehen."

Der 23-jährige Sullivan war damals noch Aushilfe, sollte am nächsten Tag seinen Vollzeit-Job als Sharkspotter antreten. Er hatte den Hai lange vorher gesehen und gemeldet, doch der Schwimmer ignorierte die Warnungen und ging ins Wasser. "Danach haben die Leute angefangen, auf uns zu hören", sagt er. Er selbst ist seitdem nicht mehr surfen gegangen.  

Auch Sikweyiya fühlt sich heute unwohl, wenn er weiter als hüfttief ins Wasser geht. Und so sehr er auch von der Arbeit seines Teams überzeugt ist: Seine eigenen Kinder würde er aber niemals durch die Wellen der False Bay gleiten lassen.

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Leserkommentare
  1. >>> hat die Stadt an ihren Traumständen und Surf-Hotspots einen Ruf zu verlieren.
    >>> Seine eigenen Kinder würde er aber niemals durch die Wellen der False Bay gleiten lassen.

    1200 Haie seit 2004 bedeuten 1 Hai alle drei Tage in der Bucht. Demgegenüber sind 2 Attacken seit 2004 wenig, wenn auch 2 zuviel. Dennoch:
    Hinfahren, anschauen, mitmachen, möglichst nicht alleine Schwimmen oder Surfen, wie überall. Surfen in Kapstadt bleibt unvergesslich.

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  • Schlagworte Kapstadt | Berg | Kriegsfilm | Robbe | Wasser | Antarktis
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